Hochzeit in Dilmun (Teil 6)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 3: Hochzeit in Dilmun

„Das Ende der Welt!“ verkündete ein vom Trankopfer der Dilmuner noch sichtlich trunkener Marduk Ea am nächsten Tag, kurz bevor die Sonne in den Mittag stieg. „Seltsam, dass es so in der Mitte liegt!“
<Wovon spricht er?> fragten sich Adapas vier Kinder, die wie auf ein verborgenes Kommando zur selben Zeit die Wohnstube betraten. Kain kam nach seiner Arbeit im Stall frisch gewaschen von der Pumpe ins Haus, Abel ebenfalls gründlich gereinigt aus dem Wald und die beiden Frauen aus ihren Schlafkammern die Treppe herunter.
„Vom Ende der Welt!“ antwortete der angeheiterte Sternengott. „Ist Dilmun doch, oder? Aber es liegt genau zwischen Hawila und dem Buranumtal, also völlig zentral!“
„Es heißt am Arsch der Welt“, korrigierte Abel hilfreich, während er sich umkleidete. „Und irgendwie liegt der ja auch in der Mitte des Körpers.“
„Ah“, machte der Nefilimfürst. „Dann stimmt ja doch wieder alles.“
„Ich heirate heute, Onkel Marduk“, erinnerte der junge Mann den Gast. Er besann sich eines Besseren und rief dem Nefilim ins Gedächtnis: „Marduk, das seid Ihr.“
„Das kann ja heiter werden“, seufzte Lebuda. Sie trat auf ihren Zwillingsbruder zu, um dessen Umhangspange ordentlich auszurichten. Abel bemühte sich nach Kräften, die während dieser Berührung aufkommende Intimität zwischen den Zwillingen zu ignorieren.
„Nun, Onkel Schazu ist schon mal heiter“, scherzte der ältere Bruder, um peinliche Situation zu überspielen.
Er und Abel tauschten einen letzten tiefen Seufzer und eine aufmunternde Berührung ihrer Äthersinne aus, dann traten sie ins Freie.
„Hand in Hand, als nähme ich heute dich zum Mann und nicht Awan“, knurrte Kain.
„Lass doch los, wenn du magst.“
„Kann nicht…“
Da zog stattdessen Abel seine Finger sanft zurück. Die Geste wirkte wie Rücksichtnahme auf die Gefühle seines älteren Bruders, doch in diesem Fall handelte der Jüngere zu seinem eigenen Schutz. Kains Aufregung angesichts der bevorstehenden Vermählung schmerzte beinahe körperlich.
Als plane er… nein, das ist völlig unmöglich! Als plane er einen… einen Streich… Oh, bitte, Bruder, versuch nichts Dummes mit Enlil!

Die ganze Gemeinde hatte sich auf dem Dorfplatz versammelt, von Adapa dem Stammvater der Menschheit bis zum kleinsten Säugling in der Rückentrage der Mutter. Wesentlich vergrößert hatte sich die Menschenpopulation nicht. Lediglich zwei weitere Kinder hatten sich den sechs Halberwachsenen hinzugesellt, ein Knabe und ein Mädchen, die vermutlich einmal ganz selbstverständlich in eine Partnerschaft hineinwachsen würden.
Gemessenen Schrittes bewegten sich Kain und Abel auf die Mitte des Dorfplatzes zu, dorthin, wo ihre Mitmenschen eine Tribüne errichtet hatten.
Sauber gefegt und mit einem hölzernen Rechen bearbeitet wies der Boden, über den die beiden schritten, an diesem Tag verschlungene Muster auf. Die Menschen – sowie einige von schelmischen Naturen geschmückte, völlig verwunderte Rinder – trugen Blumengebinde im Haar. Blumen säumten auch den Weg zur Tribüne, auf der Marduk und Izimu die oberste Gottheit der Dilmuner flankierten. Enlil setzte einen Bruchteil seiner geistigen Kräfte ein, um einen würdevollen Auftritt des angetrunkenen Marduk zu gewährleisten, während der Jagdmeister seinen Blick über die Menschen schweifen ließ, wobei er das unangenehme Gefühl, etwas Wichtiges zu übersehen, nicht abschütteln konnte.
Um die Tribüne herum hatte sich Enlils und Marduks Gefolge verteilt, das aus Annunakimatrosen sowie den Nefilimoffizieren der „Varuna 2“ bestand. Auch Prometos stand in dieser Gruppe und neben ihm blickten Adapa und Cheva auf die Menschen, die es exakt so und nicht anders sehen wollten.
Lediglich zwei Dilmuner kamen den Göttern noch näher: Awan und Asura, vor Enlil stehend, dessen Hände auf dem Kopf jeweils einer der beiden lagen. Marduk führte es auf seinen noch immer nicht überstandenen Rausch zurück, dass er sich bei dem Anblick an die bevorstehende Übergabe von Geiseln an den Überbringer des Lösegeldes erinnert fühlte.
In ihren besten Kleidern warteten Awan und Asura auf die beiden Brüder, die vertrauten Spielgefährten ihrer Kindertage und Liebespartner ihrer Jugend, die sich nun in etwas anderes verwandeln sollten. Gemäß dem Vorbild der Natur mussten die beiden jungen Frauen nichts zur Zeremonie beitragen, außer begehrenswert in den Augen ihres jeweiligen Partners zu erscheinen. Es war nun einmal das Männchen, das durch auffällige Zeichnung und geschicktes Balzverhalten um ein Weibchen zu werben hatte, nicht andersherum. Dass die Nefilimfrauen eines Tages zu der Überzeugung gelangt waren, auch ihnen stünden bunte Gewänder und Körperbemalung zu, wer konnte es ihnen verübeln? Kethri Qat jedenfalls nicht. Nur in einer Stunde wie dieser, wenn sich eine Gemeinschaft Sprechender Tiere daran erinnerte, wer sie war, woher sie kam und wohin sie von hier aus streben wollte, da vermochte sich auch der weltoffenste junge Mann nicht der Anziehungskraft zu entziehen, die eine solche Zeremonie ausübte. Im Geiste malte sich Kethri seine eigene Hochzeit aus. Er würde natürlich weiß tragen, wie es dem Mann zukam, und Ninurta das weibliche schwarz. Die Uniformen der Vier Sonnen waren schwarz, so dass Kethris Braut in dieser erscheinen konnte und ihr Bräutigam trotzdem seinen Wunsch erfüllt bekäme.
Auch Kain und Abel trugen weiße Umhänge über neuen Röcken und Sandalen. Nicht, weil Adapa es aus seiner alten Heimat so kannte, sondern aus demselben Grund, aus dem die Ur-Annunaki die Unfarbe zur edelsten erklärt hatten: Sie war ganz einfach am schwersten herzustellen, da die schwarze, braune und beigefarbene Wolle der jeweiligen Lieferanten erst mühsam gereinigt und aufbereitet werden musste, bevor weiß entstand.
So weihevoll es ihnen möglich war, überquerten die beiden Jugendlichen über den Dorfplatz, ihre jeweiligen Gaben an die Sternengötter in den Händen: Ackergetreide beziehungsweise Jagdbeute.
Wildblumen schmückten die von Abel erlegte Antilope, auf väterlichen Ratschlag hinzugefügt. Kain hatte zu den Früchten seiner Hände Arbeit zusätzlich geschnittene Blumen gelegt und bunte Schmetterlinge als Dekoration aufgespießt. Abels Opfer zeigte sich um einiges blutiger, dennoch kam ihm seine tote Antilope in der ein farbenprächtig bemalter Pfeil steckte, weniger anstößig als Kains gemischter Gemüse-Schmetterlingssalat vor.

Als der Ältere trat Kain als erster vor Enlil. Nicht nur die Mutter des Bräutigams atmete angesichts dieser Szene befreit auf. Nun würde endlich Ruhe einkehren!
<Jetzt bloß nicht verlegen kichern!> schoss es Awan durch den Kopf und sogleich darüber hinaus. Sie schaffte es aber, sich zu beherrschen, ohne sich oder ihren Versprochenen vor den Älteren zu blamieren. Ihr Mann war bereits von sich aus nervös genug. Bevor er seinen Umhang um die Braut legen und sie beide umschließen durfte, galt es noch, eine kurze Rede zu halten.
„Prinz Enlil… Herr der Lüfte…“ begann Kain. Er arbeitete sich durch sämtliche Titel des Nefilim, die in Dilmun gebräuchlich waren, wobei er wirkte wie ein Kleinkind, das eine ihm verhasste Speise restlos aufessen musste. Sein im Anschluss an die Huldigung vorgetragenes Anliegen fiel weitaus kürzer als die Vorrede aus. Kürzer und schärfe. Seine Stimme donnerte förmlich über den Platz, damit es niemand entging: „Nimm mein Opfer an und segne die Verbindung, die ich heute mit meiner erwählten Braut Lebuda eingehen werde!“
Ein kollektives erschrockenes Einatmen ging durch Menge. Der Bräutigam legte seine Gaben vor der Gottheit nieder – oder versuchte es zumindest. Denn gleichzeitig mit Kain Uruk bückte sich auch Enlil. Er griff nach den Handgelenken seines jungen Freundes und hielt sie fest.
„Hast du etwa darauf spekuliert, ich könne die Namen der jungen Mädchen Dilmuns nicht auseinanderhalten?“ fragte Enlil enttäuscht.
„Nein. Eigentlich hatte ich mehr auf deine Freundschaft gebaut.“
„Kain!“ rief Cheva herauf. „Wir haben doch bereits darüber gesprochen! Wie oft sollen Adapa und ich es noch wiederholen? Du kannst nicht als ihr Gatte zu deiner Schwester gehen!“
Lebuda umklammerte die Hand ihrer Schwester. Kelimat ließ es sich gefallen, verriet ihr doch ihr Äthersinn, dass die Ältere in diesem Moment jedes Quäntchen Trost nötig hatte, das sie erhalten konnte. Hatte nicht Cheva ihre Kinder stets gelehrt, dass im Hause Uruk auch der schlimmste Verbrecher nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde? Um wie viel mehr musste das dann für eine verwirrte Schwester gelten!
„Hast du es gewusst?“ zischte die Bardin Dilmuns dennoch.
Lebuda schüttelte den Kopf. „Warum muss Kain die Wunde wieder aufreißen, die gerade am Verheilen war? Ich will ihn doch auch so sehr!“
<Und wer weiß, ob ich jemals einen anderen finde!>
Lebuda hatte bereits im Alter von zwölf Jahren als eine der schönsten Frauen im Tal gelten müssen. Auch war sie klug, weitaus klüger als Kelimat selbst, wie die Bardin vermutete. Doch da Lebuda sich stets im Hintergrund hielt, weder stark noch ausdauernd oder auch nur von großem Fleiß geprägt war und ihre Intelligenz nicht zum Vorteil für das Dorfleben einzusetzen wusste, erwuchs der Menschenfrau nichts Bleibendes aus ihren Vorzügen. Lebuda galt als scheu, gleichzeitig aber auch als zu langweilig, als dass es sich gelohnt hätte, auf sie zuzugehen.
Von einem Moment zum anderen schlug Lebudas Trauer in Wut um: <Kain ist besser… WIR beide sind besser! Aber DIE lassen uns einfach nicht!> „Wieso?“ schluchzte Lebuda in Kelimats Locken, in denen sie ihr auf der Schulter Schwester ruhendes Gesicht vergrub. „Wieso liebst du sie so? Die Götter?“
„Ich liebe… ich weiß nicht“, antwortete Kelimat schwach.
Unterdessen straffte Kain auf der letzten zur Trbüne der Sternengötter führenden Stufe stehend seinen Körper. „Ich bin hier und bringe das vorgeschrieben Opfer!“ schrie er Enlil an. „Ich habe den Gott Marduk im Wettkampf besiegt! Jetzt musst du mir auch Lebuda geben!“
„In diesem Fall kann ich dein Opfer nicht annehmen“, erklärte der Sternengott.

Kain stand wie betäubt. Die Welt um ihn herum hörte auf zu existieren, bestand nur noch aus seinem Kummer und seinem Unverständniss dessen, was gerade geschehen war. Plötzlich erschien aus diesem Nebel heraus sein Bruder, erklomm die Stufen bis hinauf zur Tribüne, wo er nun das eigene Opfer darbot. Abel hatte zuerst gezögert, nicht gewusst, wie er sich verhalten solle, bis ihn die Dorfbewohner nach vorn geschoben hatten, um die Zeremonie wie geplant fortzusetzen und das soeben Geschehene zu überspielen.
„Da hast du deine Menschen“, raunte Prometos Adapa zu. „Wie Umul es dir damals vorausgesagt hat!“ Offensichtlich ergab die Kreuzung aus Nefilim und Riesenaffe tatsächlich nichts anderes, was nicht bereits in den Annunaki verkörpert über diesen Planeten wandelte.
Kain zitterte. Sein Herz schlug schneller, das Blut schoss in sein Gesicht und rauschte in den Ohren. Er hatte alles riskiert und alles verloren, vor den Augen der Götter und der versammelten Dorfgemeinschaft. Abel aber stand Enlil gegenüber, mit beiden Füßen auf der Tribüne stehend, den Göttern gleich und seinen Bruder überragend.
„Herr, ich finde meine ältere Schwester auch schön“, erklärte Abel. Während er sprach, drehte er sich mehrmals zu seinem Bruder, den Eltern, Prometos und Pyrrhas Familie um. Erst als er Asura im Äther berührte, kam Abel soweit zur Ruhe, seine Worte sicher aneinander reihen zu können: „Aber ich begehre Lebuda nicht zur Frau. Ich habe meine Zwillingsschwester gern um mich herum. Aber ich begehre auch Kelimat nicht in dieser Weise. Mit allem was ich habe und mit allem was ich bin, zieht es mich zu Asura, der Tochter unseres Schmiedes. Er ist aus Euren Bergwerken emporgestiegen, um das Licht Dilmuns zu sehen und hier hat er ein Licht angezündet, das nun mein Leben erhellt: meine Braut Asura. Ich bitte dich, mein Opfer anzunehmen und meine Verbindung mit Asura zu segnen.“
„Es sei…“ begann Enli, doch das „gewährt“ kam ihm nicht mehr über die Lippen. Denn Kain sprang im selben Augenblick von der Tribüne, sprintete über den Dorfplatz und durch die Hütten hindurch ins freie Land, fort, nur fort von den Menschen und Göttern.
<Abel…?> fragte Enlil. Er spürte, das etwas in dem jungen Mann arbeitete, wie es ja auch nur natürlich war. Nichts anderes hätte er erwartet.
Der Jugendliche schürzte die Lippen. „Die Hochzeit kann warten. Ich muss ihm hinterher! Er ist doch mein Bruder!“
Und schon war auch Abel auf den Beinen.
Zurück blieben die beiden jungen Frauen auf der Tribüne, die sich gegenseitig festhielten, die aufgeregte Gemeinde und ein verstörter Enlil, dem die Kontrolle über seinen Ea-Neffen mehr und mehr entglitt.

„Wars das schon?“ fragte Marduk, wobei sein Geist vages Interesse ausstrahlte, denn das das Ende der Zeremonie leitete unweigerlich den Beginn einer neuen Trinkrunde ein.
Cheva hatte die Hände vor den Mund geschlagen. Nun biss sie auf ihre Finger. Tränen liefen über die Wangen und den Handrücken. Adapa vermochte seiner Partnerin nicht beizustehen, fand er sich doch gerade von, wie es schien, ganz Dilmun umringt.
Rücken an Rücken stehend diskutierten die Klonbrüder mit den Umstehenden, Adapa mit den Menschen und Prometos mit den Sternengöttern. Was sie sagten, hörten die Männer und Frauen auf der Tribüne nicht, doch es war offensichtlich, dass beide Gruppen ihren jeweiligen Titanen mit der Bitte um eine Erklärung und vielleicht noch besser eine Handlungsanweisung bestürmten.
„Kethri…“, wandte sich der Vizekönig an sein Sprechendes Schwert. Der Nefilim stemmte in Erwartung von Enlils Befehl die Fäuste in die Seiten. Dabei berührte er das am Vortag von Abel entliehene Messer und zuckte zusammen. Was tat er hier oben, wo er die Aussicht auf die versammelte Gemeinde genoss, aber diejenigen, an denen ihm lag, allmählich außer Sicht verschwanden? Hier gehörte er nicht hin!
Kethri ergriff Enlil bei der Schulter, blickte ihn ernst an, sprach: „Entschuldige, mein Prinz, aber ich muss den beiden nach!“ <Ich komme wieder.>
„Adapa und du, ihr pflegt beide einen schwer nachvollziehbaren Regierungsstil“, teilte Marduk dem Vizekönig mit und das war das letzte, was Kethri von einem Sprechenden Tier hörte, bevor er Adapas Kindern auf die Felder folgte…

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