Hochzeit in Dilmun (Teil 7)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 3: Hochzeit in Dilmun

Kain hörte nicht, was romantisch verlanlagte Naturen als die Melodie der Wildnis bezeichneten. Er hörte noch nicht einmal die mit physikalischen Methoden messbaren Geräusche, weder die subtilen, die Bände zu Izimu, Prometos oder Abel sprachen, noch die alltägliche Geräuschkulisse des Waldes, die auch einem Ackerbauern nicht verborgen blieb. Der junge Mann hörte nichts als seinen eigenen Atem.
Am Ende seiner wilden Flucht durch über die Stopelfelder hatte der Flüchtende den Weg in den finsteren Wald eingeschlagen, jenes Gehölz, in dessen Tiefen sich der geheime See befand, den niemand außer seiner Familie und den Sternengöttern kannte. Die Dilmuner wagten sich nicht weit in diesen Wald hinein. Sie hauten ihr Bauholz ausschließlich an seinen noch sonnendurchfluteten Rändern, dort, wo auch die Wildblumen üppig gediehen. Der Dämmerwald war gefährlich für einen wildnisunerfahrenen Bauern. Der andere Wald aber, der lichte, der sich gleich vom Dorfrand an in Richtung Urukwacht erstreckte, gehörte Abel allein. Dorthin hatte er als Knabe die Schnecken ausgewildert und seine ersten Schritte als Jäger getan. Diesen Wald mochte Kain nicht betreten.
Tiefer und tiefer lief Kain in den Dämmerwald hinein, dichtauf gefolgt von seinem Bruder und Kethri Izimu. Schon bald jedoch bereitete es dem größeren Nefilim, den Menschen dorthin zu folgen, wo es ihnen ihre kleinere Gestalt ermöglichte durchzuschlüpfen. Mehr als einmal musste Kethri zu Abels Messer greifen, um sich einen Weg zu bahnen. Geeigneter hätte sich eine Machete erwiesen, doch trug man als Hochzeitsgast natürlich kein Haumesser bei sich.
Während Kethri immer weiter zurückfiel und Kain stets die Richtung wählte, in der sich ihm der geringste Widerstand entgegenstellte, musste Abel lediglich sehen, wohin genau sich Bruder wandte, um voraussagen zu können, wo genau er herauskommen würde. Denn er kannte ja die Tücken des Dämmerwaldes und wusste, an welchen Stellen erwieweit begehbar war. So kam es, dass Kain durch das Unterholz brach, feststellte, eine winzige Lichtung erreicht zu haben und seinem Bruder gegenüberzustehen.

Abel blickte dem Bruder fest in die Augen. Kain wollte laufen, bis er tot umfiel, aber weil ihn der Jüngere dabei gestört hatte, fiel ihm wieder ein, dass er doch gleichzeitig leben wollte. Nur eben nicht in der Weise, die ihm die anderen vorzuschreiben wagten. Vielleicht wäre es leichter, die anderen alle tot umfallen zu lassen und dabei mit dem seltsamen Bruder zu beginnen!
Abel wusste, er musste sich ruhig verhalten. Die kleinste falsche Bewegung mochte Kains Verstand endgültig ausrasten lassen und was dann geschehen würde, konnte niemand vorhersagen.
„Ausgerechnet du!“ fauchte Kain. <Genügt es nicht, dass du mir alles wegnimmst? Musst du jetzt auch noch den Ruhm einstreichen, mich gefangengenommen zu haben?!>
„Wieso <sagst/denkst du sowas>?“ hauchte der jüngere Bruder. Mit Vorhaltungen hatte er gerechnet, doch was sollte er Kain weggenommen haben?
„Etwas gestohlen hast du mir sehr wohl, nämlich Enlils Gunst. Dass du jetzt sein Liebling bist, ist ja wohl kaum zu übersehen!“
Abel lachte ungläubig. „Was wollte ich wohl von Enlil, einem Landräuber und Sklavenhalter? Er lässt jedes Jahr hunderte Menschen in seinem Land töten und seine eigenen Landsleute verhungern auf Anur und Enun, obwohl sie doch die Untertanen des reichsten Haus Erbet-Kibratims sind!“
„Er ist nun einmal der mächtigste Mann auf dem Planeten.“
„Ja, aber du hasst doch die Sternengötter, Kain! Wie kannst du da gleichzeitig um ihre Gunst buhlen?“
„Wie kannst du es nicht? Wie kannst du zufrieden damit sein, in blutigen Innereien zu wühlen, obwohl die Fähigkeiten besäßest, dich darüber zu erheben?“
Abel schüttelte den Kopf. „Ich verachte jedenfalls nicht unseren Vater dafür, uns Affenblut vermacht zu haben.“
<Was hat das mit meiner Frage zu tun?>
<Du würdest noch viel blutiger „wühlen“, wenn jemand in Nippur der Meinung wäre, das sei der letzte Schrei der Saison.> „Izimu hat mir erzählt, der außerirdische Stammvater unserer Art sei ein Verbrecher gewesen. Dieser Mann war bei weitem nicht der einzige, sie haben noch genug davon nach Ki mitgebracht. Die Dummen unter ihnen lassen sich bei ihren Untaten erwischen und schuften als Sträflinge in Holzfällerlagern, die Schlauen sitzen im Kolonialrat. Willst du denen nacheifern, nur weil das Sternengötter sind? Sind die in deinen Augen wirklich mehr wert als unsere Mutter, weil sie auf der richtigen Seite des Genpools zur Welt gekommen sind? Denk doch mal nach!“
Abels Worte schmerzten, weitaus heftiger als der Jüngere begreifen konnte. Denn Kain gründete seine Überlegenheit ja gerade auf die Tatsache, dass er öfter und intensiver über die Welt nachdachte als seine Mitmenschen. Der einzige Weg, mit dem gerade erlittenen Schmerz umzugehen, bestand darin, ihn zuruückzugeben und so das emotionale Schlachtfeld wiedder auszugleichen:
„Du bist noch immer nichts weiter als ein Kind, Abel. Deine Welt ist simpel.“
Kains Beleidigung jedoch erzielte nicht den gewünschten Effekt.
„Nein“, widersprach Abel. „Du bist einfach gestrickt, Bruder. Ich mag das, was du Naivität nennst, offen zur Schau stellen, aber du wirst von niedersten Begierden getrieben, die du hinter hochtrabenden Worten versteckst.“
Abel besaß eigene Worte für Kains Dilemma, die er dem Bruder entgegenwarf: Rangordnung. Paarungsrecht. Die Bürger und Adligen der fünfzig Häuser unterschieden sich in dieser Beziehung nicht von den Tieren im Wald. Aber Dilmun lag dazwischen, in der Mitte, wie der angetrunkene Marduk seinen Neffen an diesem Morgen ins Gedächtnis gerufen hatte. Hier regierte der Verstand, wie Adapa beschlossen hatte.
„Du brennst vor Eifersucht, wo keine nötig ist“, eröffnete Abel dem Bruder. „Du fürchtest um deinen Platz in der Hackordnung, als wärst du wirklich kein Mensch, sondern ein wildes Tier. Und du bist krank im Kopf. Der Jäger in mir möchte dich dafür töten, aber ich bringe es nicht übers Herz.“
„Weißt du, ich auch nicht“, antwortete Kain höhnisch grinsend. „Das könnte euch vielleicht so passen, wenn ich mir das Leben nähme! Problem gelöst.“
Abel schüttelte den Kopf. „Wir finden eine Lösung.“ Zaghaft streckte er seine Hand nach Kain aus, gleichzeitig tastete er mit seinem Äthersinn nach dem Bruder: <Komm mit nach Hause. Vergiss den Hochzeitsmist und Enlil und lass uns zusammen überlegen, wie wir dir helfen können. Das ist wichtiger als den Dörflern eine Heile-Welt-Schau zu bieten.>
Doch Kain wollte keine Hilfe, jedenfalls nicht in der Weise, wie es sich die Dilmuner Menschen vorstellten. Er konnte nicht zulassen, dass ihn die anderen als einen Kranken betrachteten, einen Fehler der Natur, einen Schandfleck in ihrem sauberen Dörfchen. Selbst Enlil hatten die Menschen mit dieser Sichtweise angesteckt, denn der Sternengott bevorzugte auf einmal Abel. Und sein Vater ja sowieso. Der musste Abel ganz einfach lieber haben, weil der Jüngere nun mit dem Jagdmeister herumzog, wie Adapa es selbst in seiner Kindheit getan hatte.
Mit einem Wutschrei stürzte sich Kain auf seinen Bruder: „Wenn du weg bist, bin ich wieder sein Liebling!“

Abel hob die Arme vor den Körper. Er blockte Kains Ansturm und stieß den Bruder von sich. Der Aufprall schmerzte, weitaus wahrnehmbarer als Abel erwartet hätte. Der andere war größer und vielleicht nicht unbedingt stärker, aber deutlich schwerer als er selbst. Und was überhaupt in Kain gefahren? Mit einer Prügelei hatte Adapas Sohn gerechnet, nicht aber mit den Worten, die ihm sein Bruder entgegenschleuderte: „Erst mache ich dich alle, dann Kethri und dann Vater! Die anderen sind nur Vieh, Beiwerk. Dann stelle ICH die Regeln in Dilmun auf!“
Abel blieb ruhig stehen, als Kain erneut vorstieß. Im letzten Moment trat er zur Seite und streckte sein Bein aus, so dass der Ältere darüber stolpern musste.
„Falsch! Dann herrscht Enlil über Dilmun, während du hechelnd und sabbernd daneben hockst wie ein Hofhund“, korrigierte er Kains Zukunftsvision trocken.
Kain ruderte mit den Armen, doch er fiel nicht. Als Bauer hatte er sich Standfestigkeit angeeignet, so leicht war er nicht zu Fall zu bringen. Abel hingegen hatte sein Beruf nicht nur Gewandheit gelehrt, sondern auch eine ganze Reihe von Tricks. Er tänzelte um den anderen herum, narrte ihn und ließ sich nur dann auf ein erneutes Blockmanöver ein, wenn es unumgänglich war. Der jüngere Bruder war, wie Kain nun aufging, der weitaus bessere Kämpfer. Finte folgte auf Finte und wenn tatsächlich einmal ein Schlag oder Tritt sein Ziel fand, dann lag in diesem Treffer die zehnfache Wucht eines Hiebes, den man in einer Prügelei einstecken musste.
Kain kämpfte verbissen, musste er doch davon ausgehen, dass sein Leben auf dem Spiel stand. Er hatte mit einer Todesdrohung auf den Lippen angegriffen, wieso sollte der Bruder diese als etwas anderes verstehen? Dass sein sanftes Wesen und seine Zufriedenheit mit seinem Leben nur Fassade waren, bewies Abel ja gerade. Er kämpfte und er wollte sich Enlils Gunst offenbar nicht wegnehmen lassen.

Eine Zeitlang tat Abel im Wesentlichen nichts weiter, als die ungestümen Angriffe des Bruders ins Leere zu lenken, ihn sich austoben zu lassen um später den Dialog wieder aufzunehmen. Doch als ihm aufging, dass Kain so schnell nicht nachlassen würde, beendete Abel den recht einseitigen Kampf, bevor er ihn noch ermüden konnte.
<So, Bruder, genug gespielt!>
Ehe er sich versah, lag Kain am Boden, Hände und Füße in seinen neuen Umhang verstrickt.
Abel hielt eine Hand um Kains Kehle, die andere hatte er drohend erhoben. Seine Züge vor Hass und Frustration verzerrt sendete der Gefangene: <Na los! Beende es schon!>
Abel blinzelte. Er schien zu spüren, dass da etwas auf seinen Geist zielte, aber nicht genau, was es darstellen sollte.
Er hat einen Schild oben, schoss es Kain durch den Kopf. Er hat einen Ätherschild errichtet, während wir kämpften, er wird noch nicht mal meinen Zorn spüren, wenn er mich tötet, er wird denken, ich leide oder fürchte ihn oder sowas…
Abels Ätherschild schützte ihn zwar vor den auf ihn einstürmenden Gefühlen, doch dass sich der der Geist seines Bruders in Aufruhr befand, entging ihm nicht.
„Hör auf damit, was immer du dir da gerade antust! Du verletzt dich nur selbst! Und hör jetzt gut zu! Du hast nicht nur mich angegriffen, sondern uns alle bedroht, wenngleich ich dir zugestehen möchte, dass du nur aus Verwirrung so gesprochen hast, wie du´s tatest“, erklärte Abel. „Wenn du dich in diesem Zustand dem Dorf näherst, wirst du als Feind betrachtet. Bleib im Wald!“
Kains Erwiderung kam lediglich verstümmelt in Abels Kopf an. Er löste seinen Griff um den Hals des anderen, um ihm die Möglichkeit zum Sprechen zu geben.
Kaum frei, wiederholte Kain seine Anklage: „Du würdest mich knallhart abschießen, versuchte ich zurückzukehren?“
„Nein! Kain, verdammnis, wieso willst du mich falsch verstehen? Weißt du überhaupt… weißt du überhaupt, was du uns bedeutest?“
Abels Frage war stockend gekommen, weil sich Adapas Sohn fragte, ob Kain es möglicherweise wirklich nicht wusste. Zaghaft öffnete der Jugendliche seinen Geist ein klein wenig. Er wollte den Bruder spüren lassen, was er für jeden seiner Familie empfand, ob man nun gerade miteinander lachte oder sich gestritten hatte. Kain merkte, wie sich eine Lücke in Abels Gedankenschild bildete. Er ignorierte die Einladung ins Foyer, sondern huschte in den Raum dahinter wie ein Kundschafter in eine feindliche Festung, deren Seitenpforte schlecht gesichert war…

Gesicherte Festung… Seitenpforte… Fenstersims!

Abel spürte, dass Kain sich auf einen anderen als den von ihm geplanten Weg durch seinen Geist begeben hatte, doch als er merkte, wohin dieser führen würde, verwehrte er dem Besucher die Passage nicht. Abels Erinnerung an sein Spionieren beim Familienrat würde denselben Zweck erfüllen, meinte er, würde Kain vor Augen halten, wie sehr er geliebt wurde und was die anderen um seinetwillen alles auf sich nahmen.
Soweit die Theorie, die von der Realität zunichte gemacht wurde. Hatte Abel soeben noch beinahe entspannt auf dem Bruder gehockt, fühlte er sich nun unvermittelt fortgestoßen. Noch bevor der Jägerlehrling sich von seiner Überraschung erholen konnte, lag er nun selbst auf dem Rücken. Über ihm schrie Kain außer sich vor Empörung: „Prometos und Pyrrha haben es soeben auch auf meine Liste geschafft! Gratulation, damit seid ihr als Familie wieder vereint!“
„Gefiederpest! Jahreszeiten! Schattenlosenpein!“ fluchte Abel nicht nur in den Worten der Sternengötter, sondern auch in ihrer gehetzten Sprechweise, die stets vermuten ließ, dass sie vergeblich versuchten, den Äthersinn zu überholen, der ihre Gefühle zum Gesprächspartner trug.
„Lass mich los und krieg! Dich! Wieder! Ein!“
Der Hass, den Kain ausstrahlte, erfasste nun auch den Jüngeren. „Kennt ihr Bauern denn nur Unterwerfung und keine Selbstdisziplin?!“ fauchte Abel. Nein! Nein, ich bin das nicht! So bin ich nicht! Muss… Äthersinn… zumachen… mich beruhigen…
In seinem Bemühen, seine Gefühle unter Kontrolle bekommen, vermochte sich Abel nicht so auf das Handgemenge zu konzentrieren, wie er es hätte müssen. Er war nicht mehr der überlegene der beiden Kontrahenten, sondern Kain im Kampf nur noch ebenbürtig. So rollten die beiden über den Waldboden, ohne dass einer den anderen festhalten konnte. Kain sprang auf, Abel bekam ihn zufassen, wurde jedoch im Aufrichten selbst gepackt und in eine Richtung gestoßen. Im letzten Moment vermochte er sich zu entwinden, bevor er Bruder ihn gegen einen Baum rammen konnte.

In dieser Situation fand Kethri Izimu die Kämpfenden vor. Der Nefilim hatte einen gehörigen Umweg laufen müssen und näherte sich dem Kampfplatz aus einer Senke. Dir Prügelei fand hoch über seinem Kopf statt. Kethri sah Füße, Knie und die nicht mehr so weiße Festtagskleidung der Brüder. Was Izimu durch das Buschwerk hindurch nicht sehen konnte, ergänzte sein Äthersinn. Wie ein Tollwütiger erschien der Ältere dem Jagdmeister. Abel benötigte irgendeinen Vorteil in diesem Duell und das schnell. Der Nefilim holte daher aus und schleuderte das Messer seines Lehrlings nach oben.
„Abel! Fang!“
Der Menschenjunge wandte den Kopf. Er stand mit angewinkelten Beinen, bereit, einen weiteren Vorstoß des Bruders zu parieren, ohne hinschauen zu müssen. Kain hielt in seinem Angriff inne. Er hörte Kethris Zuruf, sah, wie Abel sein Messer gekonnt aus dem Flug heraus fing und merkte erst jetzt, wie schwer ihm das Atmen fiel.
„Dann eben blutig“, keuchte er. „Schade, ich dachte, du würdest es dir leicht machen wollen. Wie immer.“
Abel schüttelte unmerklich den Kopf. „Leicht?“
Er betrachtete das Messer – und schleuderte es von sich in den Boden. Es bohrte sich bis zum Heft in die Erde.
<Das ist keine Waffe zum Töten, sondern ein Werkzeug. Zum Überleben.>
In einer Mischung aus Unglauben und Amüsement verzog Kain das Gesicht.
Auch Kethri stand für einen Moment wie erstarrt. Was genau hatte er da soeben beobachtet? „Gefiederpest!“ schimpfte er vor sich an, als es ihm endlich wieder einfiel, sich ans Klettern zu machen. „Muss man denn auf diesem Scheißplaneten alles selber machen?!“

Kain und Abel hörten das Gezeter des Sternengottes nicht. Sie hörten ja nicht einmal, was sie sich selbst entgegenschrien. Kethri stellte fest, dass Klettern offenbar nicht zu den Gaben gehörte, die er während seines Exils auf dem alten Ki erworben hatte, denn er rutschte mehrfach an dem flachen Hang ab. Als er sich endlich über die Kante zog, hatte Kain irgendwie Abels Messer in die Hand bekommen. Er hielt es über dem Kopf, als wolle er zustechen, doch der weitaus brutalere Teil des Kampfes spielte sich im Äther ab. Kethri konnte nicht an die in ihr Duell verstrickten Brüder ankoppeln. Allein der erste zaghafte Versuch führte ihm vor Augen, wie sinnlos das mühsame Training eines Sternengottes, die Selbstsphären von Adamu zu berühren, war, wenn es hart auf hart kam. Es hätte nicht viel gefehlt und der Jagdmeister hätte wie ein Rindvieh unter dem Brandeisen gebrüllt. So schwankte Kethri mehr auf die Kämpfenden zu, als dass er gelaufen wäre, bemüht, sich ihrer Präsenz zu entziehen.
Abel lag auf dem Boden, soviel konnte Kethri erkennen, wenn die Welt um ihn herum gerade nicht in Flammen stand. Kain war über ihm, beide Hände um den Messergriff geschlossen. Abel hielt Kains Handgelenke, die sich viel zu nah an seiner Herzgegend befanden. Er versuchte, sie wegzudrücken, doch der andere lies sich nicht so leicht loswerden.
Man sollte nicht denken, dass er überhaupt weiß, wo sich ein Herz befindet, schoss es Kethri durch den Kopf. Noch fünf Nefilimschritte, vier, drei…
Abel schob mit aller Macht, bis er glaubte, nicht noch mehr Kraft aufbieten zu können. Als Kain dies merkte, lies er von seinem Unterfangen ab. Abel fand keinen Widerstand mehr. Seine Finger krampften sich allerdings noch immer um Kains Handgelenke, unfähig, loszulassen. In diesem Moment änderte Kain seine Bewegungsrichtung. In Sekundenschnelle fand er das rechte Auge des Bruders, nun, da sich ihm kein Widerstand mehr entgegenstellte, und rammte die Klinge tief hinein!
Es war vorbei, noch bevor selbst Izimu begriff, was sich anbahnte. Abels jüngerer Sohn war tot und der ältere hatte es noch nicht einmal realisiert, denn er brüllte weiter auf den Toten ein.
Die Endgültigkeit des Ereignisses, die Erkenntnis, dass es von diesem Punkt aus kein Zurück mehr geben würde, löste ein Schwindelgefühl in Kethri aus. Er ließ das mühsam begonnene Fundament seines Ätherschildes fahren, ließ sich auf das noch immer im Raum stehende Feld aus Verachtung und Zorn ein. Noch während er die letzten Meter überbrückte, griff der Nefilim nach der um seinen Hals hängenden Lederschnur. Er brachte seine Kristallklinge aus ihrem Futteral hervor und richtete sie auf Abels Mörder.
Kain riss Abels Messer aus dem Schädel seines Opfers. Blut und Gewebereste kamen zusammen mit der steinernen Klinge zum Vorschein und tropften zu Boden. Noch in derselben Bewegung zog Kain die Messerklinge es über das Handgelenk seines Angreifers. Das Leder des mit Nyamala-Motiven verzierten Armschützers gab nach, Nefilimblut floß. Izimu realisierte, dass keine lebenswichtige Ader verletzt war, daher biss er den Schmerz fort. Es würde ihm ein leichtes sein, den Menschenjungen zu vernichten, soviel war klar. Doch die Hintergrundfärbung des Äthers gab ihm ein, dass er es genießen müsse.
*
Aus dem Wald ertönender Hufschlag irritierte die Kämpfenden, doch keiner von beiden ließ sich davon ablenken. Sie wandten nicht die Köpfe oder ließen in ihrer Rage nach. Kain kämpfte um sein nacktes Leben, Kethri an gleich mehreren Fronten gegen seine ureigensten Rachegefühle, den auf ihn einstürmenden Blutdurst und nicht zuletzt auch gegen den Menschenjüngling. Er stand kurz davor, die ersten beiden Duelle zu verlieren, um den Sieg um dritten einzustreichen.
Am dorfwärtigen Rand der Lichtung tauchte nun Adapa, auf einem Pferd sitzend, aus dem Wald auf. Von seinem erhöhten Standpunkt aus hatte er freies Sichtfeld auf den Toten hinter Izimu und Kain.
Kez?!
Und sein Sohn – aus dem Kopf blutend, doch nicht etwa tot? Der andere mit dem Messer des Ermordeten in einen Kampf mit dem Nefilim verstrickt? Was musste ein Vater daraus schließen?
Eine Welle potentiell tödlicher geistiger Energie breitete sich von Adapas Geist aus. Sie sammelte sich, verdichtete sich zu einem Geschoss, das der Titan auf den Jagdmeister der Sternengötter ausrichtete.
Die Kämpfenden hatten Adapas Ankunft noch nicht bemerkt. Adapa hörte ihre gegenseitigen Verwünschungen, derer sich die Männer möglicherweise kaum bewusst waren. Sie verrieten ihm genug, um von seiner Attacke auf den Nefilim Abstand zu nehmen. Nicht Kethri war der Mörder Abels…
„Raaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhh!“
Adapa stieß einen gequälten Schrei aus, als er den vorbereiteten Angriff abbrechen musste. Die mühsam gebändigte Energie strahlte in alle Richtungen in den Äther, doch ein nicht unerheblicher Bruchteil kam als Rückstoß zu dem Titanen zurück.
Kethri und Kain wurden durchgeschüttelt, als Schockwellen durch ihre Körper fuhren. So musste es sich anfühlen, von einem Blitz getroffen zu werden.
Der Nefilim fing sich zuerst wieder, da es für ihn nicht der erste Angriff aus dem Äther war, dem er in seinem Leben ausgesetzt war. Kethri packte Kain und hielt ihn fest, bereit, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Aber seine Hand begann zu zittern, dann musste er die Kristallklinge loslassen und er sackte zu Boden.
<Was… wer hat das…? Adapa!>
Adapa sprang vom Pferd.
„Kain hat mir einen Sohn genommen, jetzt tötest du mir den anderen?!“
Ein weiterer Angriff, diesmalgezielt, roh und rein auf Schmerz ausgerichtet, traf Izimus Synapsen.
<Du wolltest auf ihn aufpassen! Hältst du so deine Versprechen? Ich habe dir vertraut, als ich dich immer wieder mit Abel in den Wald reiten lies!>

Adapa stürzte sich im Äther sowie mit seinem physischen Körper auf Kethri. Der Jäger sah sich bereits ebenso tot wie Abel. Wie sollte er Adapas Vergeltung entkommen, wenn er nicht einmal auf den eigenen Beinen stehen konnte? Zwar, die geistige Verbindung funktionierte in beide Richtungen, doch im Äther war Adapa nicht beizukommen. Ebensogut hätte Kethri versuchen können, Enki Ea einen geistigen Befehl zu erteilen, Anzu Alalu am Spionieren zu hindern oder Anu Alulim persönlich zu bekämpfen. Doch wo es dem Großen An nur auf seine Macht angekommen wäre, trieb Adapa der Schmerz über den Verlust. Kethri kannte dieses Gefühl. Er konzentrierte sich ganz darauf und lies den Titanen in seinen Geist wie einen Spiegel blicken.
<Sîn… Möwe… Abel…> Auch Kethri hatte geliebte Personen verloren. Und er hatte etwas fortgeben wollen, das ihm beinahe so viel bedeutete: <E-Schara…>
Wie Kethri Qat einst das E-schara zu manipulieren versucht hatte, um seinen Artgenossen den Rückweg nach Ki zu verwehren, wusste Adapa bereits. Dass der Jagdmeister durch seine Tat eine Widerholung des Raubbaus hatte verhindern wollen, den sein Volk auf Enun betrieben hatte, war nicht allzu schwer herzuleiten. Ja, Adapa kannte die Geschichte längst, doch nun erfuhr er sie direkt aus dem Geist des Nefilim.
Adapa hatte Mühe, den ihm offengelegten Gedanken und Gefühlen zu folgen. Ja, es waren Personen zu Tode gekommen, und verständlicherweise hatte Kethri unter dem Bewusstsein dieser Folge seiner Tat gelitten. Doch derartige Kollateralschäden nicht an sich heranzulassen, sich zumindest nicht davon zerstören zu lassen, hatte General Schamasch den jungen Adapa gelehrt, als dieser im Dienst des Vier Sonnen Schwadrons gestanden hatte. Ein anderes Element von Kethris Erinnerungen setzte dem Titanen viel stärker zu: Den Nefilim, dabei aber auch den Eridu Fünfzig und nicht zuletzt sich selbst den Rückweg nach Ki verbauen zu wollen? Wie sollte das möglich sein? Etwas aufzugeben, das man liebte, war Adapa nicht möglich. Allein der Gedanke daran erschien Enki Eas Pflegesohn unerträglich. So wie es Kain unmöglich gewesen war, Lebuda loszulassen. Adapas ganzes Wesen kreiste um seine Erkenntnis und die Schlüsse, die er daraus zog. Endlich ließ er von seinem Opfer ab.
<Kain!> meinte Adapa zu erkennen. <Er ist wie ich!>
„Auch Abel ist von dir“, wagte Kethri zu antworten.
Adapa beugte sich über den Toten auf dem Waldboden. „Aber Abel ist tot und Kain lebt“, meinte er, als würde das alles erklären. Die Welt, die Menschen, die Nefilim und sich selbst.
„Wo steckt die Ratte überhaupt?“ fragte sich Kethri.
Er schaute sich um, doch von dem Menschenjüngling war nicht mehr zu sehen. Dasselbe galt für Adapas Pferd.
Kethri musste sich von Adapa aufhelfen lassen. Dann hob er Abels Leichnam auf. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dies alles schon einmal erlebt zu haben. Auf dem alten Ki, beinahe vergessen, doch plötzlich frisch in Kethris Erinnerung stehend – hatte er dort nicht eine Raubechse provoziert, um im Zweikampf zu entscheiden, ob die zivilisierte oder die tierische Lebensweise die richtige darstellte? Aber die Nefilim hatten sich eingemischt, Nuska das Raubtier erschossen und… und überhaupt! Wie war er selbst eigentlich auf diese Schnapsidee verfallen?!
„Es spielt keine Rolle, wer gewinnt“, schlussfolgerte Kethri. „Weil das gar nichts klärt.“
„Kann sein. … Gehen wir zurück nach Hause?“
„Gern, wenn du mir sagst, wo das sein soll.“
*
Izimu meinte kurz, das Schnauben und den Hufschlag eines sich rasch entfernenden Pferdes zu hören, doch er schrieb das seiner Einbildung zu. Kain würde bereits zu Beginn zu geistigen Duells das Weite gesucht haben, nicht erst gewartet, bis sein Vater und der Sternengott bereit wären, sich wieder ihm zuzuwenden.
Der Nefilim irrte sich nicht in seiner Einschätzung – allerdings auch nicht in seiner Wahrnehmung. Nur war es nicht Adapas Pferd, das am Rande der Lichtung geschnaubt hatte, sondern Marduks. Dessen Erziehung als Prinz des Hauses Ea hatte ihn ohne großes Nachdenken ebenfalls ein Pferd besteigen lassen, nachdem zuerst die Menschenkinder, dann Kethri und zum Schluss Adapa vom Festplatz gestürmt waren. Denn offenbar zeigte man ja gerade Widerstand gegen Enlil und das war irgendwie eine gute Sache. So hatte Marduk also das Ende des ersten Kampfes sowie den zweiten beobachtet. Die im Äther tobenden Energien hatten auch Enkis Sohn berührt, doch anstatt ihn ebenfalls zu erfassen, hatten sie den Rausch aus dem Nefilimgeist vertrieben, der wie ein natürlicher Schutzschild um seinen Geist gelegen hatte. Wieder klar im Kopf, war es Marduk ein Leichtes gewesen, einen vollständigen Schild zu errichten. Denn so betroffen den Offizier die Szene auch gemacht hatte, seine Bindung zu Adapas neuer Familie war weitaus geringer ausgeprägt als die Kethris oder des Familienvaters selbst. Allenfalls riss Marduk etwas brutaler an den Zügeln, als er er normalerweise getan hätte. Er wusste, was zu tun war und hatte keine Zeit zu verlieren!
Marduk lenkte sein Reittier vom Ort des Mordes fort, zurück in Richtung des Dorfes. Als er meinte, einen genügend großen Abstand zwischen sich und die beiden Trauernden gebracht zu haben, hielt er das Pferd an und hob den Unterarm mit dem Armschienentelefon an seine Lippen. „Shuruppak?“ sprach der Nefilimprinz einen anonym bleibenden Gesprächspartner in der Hospitalstadt an. „Marduk hier. Warum ich mich melde? Weil ein Fall eingetreten ist, den Vater so schnell noch nicht erwartet hatte. Wir müssen rasch handeln!“

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