Rückkehr nach Shuruppak (Teil 1 von 4)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 4: Rückkehr nach Shuruppak

Die „Schlangenschwinge“ hielt Kurs auf Shuruppak, die Hospitalstadt im Regierungsbezirk. Mit der „Windwandler“ im Schlepp strebte die Mu jenem Schicksalsort der Menschheit zu.
„Wer bezahlt diesen Einsatz eigentlich?“ wunderte sich Marduk während des Fluges. „Ich hatte nämlich schon einen Hubschrauber befürchtet.“
„Das Billigste, was der Fuhrpark hergibt?“ erwiderte Liku-ercalli. „Selbst das liegt nicht mehr innerhalb des Budgets unserer Abteilung. Euer Vater trägt das aus seinem Privatvermögen.“
„Soso“, murmelte Kethri Izimu.
Es gab nur eine Abteilung in Shuruppak, die unter chronischem Geldmangel litt und kurz vor der Auflösung stand. Die Ea waren demnach zum Forschungskomplex im Stadtzentrum unterwegs, wo die erste Menschheit, die Titanen, entstanden waren. Seit die Vermehrung dieser langlebigeren, aber nicht fruchtbaren Sklavenrasse angesichts des Einsatzes von Adamu zweiter Serie unwirtschaftlich geworden war, hielten nur noch wenige Mitarbeiter dem ursprünglichen Programm die Treue. Enki hielt es am Leben, wie man ein Lieblingsspielzeug aufbewahrte: zum einen war es Teil der eigenen Vergangenheit und zum anderen würden ja vielleicht einmal die Kinder damit spielen wollen. In Marduks Fall schien das sogar zutreffen, wie sich gerade herausstellte. Marduk Ea war bisher kein Name, der mit der Erschaffung des Menschen assoziiert wurde. Das sollte sich nun ändern.
Was Liku Ea anging, so handelte es sich bei seinem Namen ebenfalls um keinen, der in der Schöpfungsgeschichte eine Rolle spielte. Nichtsdestotrotz war dieser Mann an jeder Etappe davon, bis zurück in die vorsternengöttliche Nacht Hawilas, beteiligt gewesen. Wie so viele Angestellte des urspünglichen Menschenmacherprogramms hatte auch Liku-ercalli bis vor kurzem für das Nachfolgeprojekt gearbeitet – zuerst als „Tierpfleger“, eine Tätigkeitsbeschreibung, die darauf hinauslief, dass man Neugeborene bis vorpubertäre Adamu auf ihre Sklavenrolle prägte, bevor ihnen andere Ausbilder die notwendigen Fertigkeiten vermittelten durften. Später hatten sich sowohl Liku als auch einer der von ihm erzogenen Sklaven, der Titan Prometos, Plätze in der Führungsspitze erkämpft. Obgleich Ercallis adlige Herren ihn also von einem einträglichen Posten abgezogen hatten, strahlte der Annunaki eine unverhohlene Vorfreude in den Äther. Marduk musste ihm weitaus mehr als die Chance, wieder für sein eigenes Haus zu arbeiten, zu bieten haben. Was immer Enkis Sohn plante, Liku glaubte an die Durchführbarkeit sowie die Wirtschaftlichkeit seines Vorhabens. Und das wiederum genügte um, unabhängig davon, wie er selbst in diese Lage hineingeraten war, in Izimus Kopf sämtliche Warnsirenen aufheulen zu lassen. Dass er sich ohnehin zum Heulen fühlte, unterstützte die Angelegenheit nur.

Auf halbem Wege zwischen Dilmun und Shuruppak meldete sich Janka Ea über Funk aus der Hospitalstadt. Soweit Kethri dessen Worte verstand, schien der General Bedenken bezüglich der Einbruchssicherheit der Abteilung gehegt zu haben, die aber nun ausgeräumt waren.
„Das Institut steht euch zur Verfügung, ihr müsst nicht in den Orbit ausweichen“, erklärte Janka.
<Was könnte jemand schon von dort stehlen wollen?> dachte Marduk laut.
<Eben>, erwiderte Kethri. <Gerade deswegen würde ich mich an Jankas Stelle ebenfalls sorgen, wenn ich vermuten müsste, dass jemand in dem Forschungskomplex herum schleicht.>
„Ihr Sprechenden Schwerter seht ja schon Schatten, wo keine Sonne scheint!“ lachte Marduk. „Aber es ist vermutlich besser, einmal eine Gefahr zu viel zu befürchten, als eine zu wenig.“
Die Heiterkeit des Artgenossen, Chevas Anspannung unter einem stachelbesetzten Panzer und Likus freudige Erwartung einer vielversprechenden neuen Karriere ergaben einen schwer verdaulichen Gefühlscoktail für Kethri. Nicht, dass es in seinem eigenen Geist sonderlich besser ausgesehen hätte…
Aber es ist mehr, als in dir noch vorgeht, Abel, mein Freund, also sollte ich wohl dankbar sein.

Endlich senkte sich die „Schlangenschwinge“ in den unterirdischen Hangar, der in Shuruppak arbeitenden Wissenschaftlern und Ärzten vorbehalten war. Über ein verwirrendes Netz aus Gängen und Aufzügen erreichten die Ankömmlinge aus Dilmun die den Stadtkern bildenden ineinander verschachtelten Gebäude des medizinischen Forschungszentrums. Einmal hier angekommen hätte Kethri den Weg zu den Räumlichkeiten des lulu Adamu – Programms im Schlaf wiederfinden können. In dem entsprechenden Bereich zierten die Symbole der Clans Ea, Fara, Garuda, Kylin und Varascha jeden Gang. Wie oft war Kethri diese Korridore entlang geschritten, oft mit dem kleinen Adapa an der Hand! Damals waren sie stets hell erleuchtet gewesen, heute blieben die meisten Lampen dunkel. Auf den Defekt/Benutzung auf eigene Gefahr– und Außer Betrieb – Schildern an den Aufzugtüren setzte sich bereits Staub ab.
Die prozessionsähnliche Gruppe aus Nefilim, Annunaki, Menschenfrau und ihrer Fracht hielt sich nicht lange in den oberirdischen Anlagen auf. Sie brachten hier lediglich die Anmeldung bei Janka hinter sich, wurden aufgefordert, Laborkittel überzuwerfen und ihre Hände zu desinfizieren. Janka prüfte sowohl Kethris Kristallklinge als auch Marduks mit einem holographischen Bildwerfer verbundenen Ohrring auf ätherische Kontamination. Die Messgeräte stellten lediglich die angesichts der emotionalen Belastung zu erwartende, die Grenzwerte nicht einmal annähernd erreichende, Verseuchung fest, so dass Janka nun jedem der Ankömmlinge seinen Besucherpass überreichen konnte. Soweit, so bekannt für den Jagdmeister.
Marduk und Liku verabschiedeten sich an dieser Stelle, um sich Verwaltungsaufgaben zu widmen, Kethri hingegen wurde unmissverständlich nahegelegt, sich Jankas Gruppe anzuschließen. Zwar verstärkte die Eindringlichkeit der Aufforderung nur Kethris Wahrnehmung, in eine Falle getappt zu sein, doch die Ea dachten und fühlten in eine völlig andere Richtung: Als – obwohl selbst kein Ea – einer von Enkis engsten Vertrauten musste Kethri so schnell wie möglich in die vollständigen Hintergründe eingeweiht werden. Was immer Marduk plante, er tat es zumindest nicht hinter dem Rücken seines Vaters oder gegen diesen gerichtet. Es schien sich viel eher um eine Beschäftigung für die ganze Familie zu handeln, die nun auch Enkis ermordeten Enkelsohn mit einbezog.

Eine Etage tiefer kam die Gesellschaft endlich vor einer schweren Metalltür zum Stehen.
Kethri hatte noch nie eine Leichenhalle betreten. Er hätte sich auch nie im Leben vorgestellt, dass es sich dabei um einen derart belebten Ort handeln könnte! All die Personen im fahlen Schein einer gedämpften Glühbirne um sich herum stehen zu sehen, weckte Erinnerungen an jeden Viruskatastrophenfilm, den er jemals gesehen hatte, in Kethri. Zusätzlich zu Schara-kuku und seinen Wachsoldaten, Janka, Cheva und ihm selbst waren noch Ninmah und Namtar Fara sowie Aruru Ea anwesend.
„Ninmah!“ entfuhr es Kethri, als müsse er es aussprechen, um sich davon zu überzeugen.
Er kannte die Nefilim als einstmals zu Enkis und nun Enlils Adamu – Projekt gehörig. Ninmah war Enki Ea zudem in einer Mischung aus kollegialer Bewunderung und Konkurrenz, die in Erbet-Kibratim als Freundschaft durchging, verbunden.
Janka Gadreel fungierte als Enkis Sprachrohr, verlängerter Arm und Sicherheitsbeauftragter, der von seinem Lehnsherrn ähnliche Missionen übertragen bekam wie Kethri selbst. Er genoss Enkis persönliches Vertrauen in nur unwesentlich geringerem Maße als der Jagdmeister, blickte allerdings auf eine umfangreichere Lebenserfahrung zurück.
Über Aruru wusste Kethri fast nichts. Sie hatte sie ein Standardwerk über das Klonen verfasst, befand sich erst aber seit kurzen auf Ki und hatte es somit verpasst, an einigen für ihre Sparte wichtigen Meilensteinen persönlich mitzuwirken.
Namtar schließlich galt als Spezialist für innere Krankheiten, der auf die selbstregenerativen Kräfte des Körpers schwor. Er leitete eine völlig andere Arbeitsgruppe, die sich unter den Bedingungen der Kolonisierung eines fremden Planeten mit einem vertraut wirkendenden, doch gerade deswegen oft mit bösen Überraschungen aufwartenden Ökosystem, verkürzter Tageslänge (geschweige denn Jahreswechseln) sowie einem eigenwilligen Magnetfeld nie über Beschäftigungsmangel beklagen musste. Wenn Namtar diese Abteilung nun verließ, musste schon ein triftiger Grund vorliegen.
Aruru begrüßte Kethri respektvoll, während sie gleichzeitig Schara-kukus Männern ein befreites <Schön, euch heil und vor allem zeitnah wiederzusehen> zukommen ließ. Kukus Widerspruch, Kethri hätte den Aufbruch in Dilmun verzögert, wischte die Nefilim noch im Entstehen aus dem Äther. Der Jäger erhielt den Eindruck, dass Aruru ihn als Repräsentanten Enkis wahrnahm. Wieso er sich selbst stattdessen als Gefangener empfand, ließ sich aus Arurus Sicht nicht erklären. Irritiert tastete die Nefilim die Gefühle der Anwesenden Annunakisoldaten darauf ab, ob es sich bei einem von ihnen womöglich um Wachpersonal aus dem Bergwerksgefängnis handelte, mit dem Kethri in seiner Sträflingszeit zu tun gehabt hatte. Als sie nichts dergleichen fand, lenkte Aruru ihre Verwirrung auf die vor ihr stehenden Personen.
<Frage…>
<Der Jagdmeister steht unter dem Eindruck eines schweren persönlichen Verlustes>, erläuterte Janka so diskret wie möglich.
<Oh… unser Versuchsobjekt war ein Freund von ihm? Das wusste ich nicht.>
Janka schob nun Cheva ein wenig nach vorn, in die Aufmerksamkeit der versammelten Sternengötter. „Und diese Frau“, erklärte er, „war mehr als nur eine Freundin Abels. Cheva Uruk, Adapas Partnerin – Cheva, das sind Aruru, Namtar und Ninmah, jeder einzelne führend in unseren medizinischen Wissenschaften.“
Aller Anwesenden Blicke richteten sich auf Cheva. Die Äthersinne der Nefilim strahlten eine einzige Botschaft aus: <Wir wollen dir helfen.>
Kethri glaubte das unbesehen. Er fragte sich lediglich, was die Sternengötter sich davon versprachen.

Nachdem der Leichnam sicher an sein Ziel überführt war, übernahm es Schara-kuku, seine Männer im Gebäude zu verteilen. Zurück blieben die Wissenschaftler und Abels Familie. Jemand schaltete das Licht vollständig ein. Die einzige noch intakte Glühbirne eines zwölfarmigen Kronleuchters blitzte auf, um anschließend unentschlossen über den Köpfen der Männer und Frauen zu flackern. Diese erneute Erinnerung an die finanziellen Defizite der Abteilung entlockte den Anwesenden jedoch allenfalls ein müdes Lächeln.
„Sieht Adapa erst, was wir hier möglich machen, wird elektrisches Licht unser geringstes Problem sein“, meinte Janka.
Unterdessen beugte sich Namtar über den Sarkophag. „Fruchtbare Nachkommen erzeugender lulu Adamu“, kommentierte er Abels Leiche. „Und wer ihn findet, darf ihn behalten.“
Auch Ninmah rieb sich die Hände. „Ich würde sagen, wir sind wieder im Geschäft!“
„Ihr habt vor, Abel zu klonen“, sprach Kethri das Naheliegende aus. „Was soll das die Menschen von Haus Uruk lehren? Dass ihre Taten keine Konsequenzen haben? Wenn sie eines ihrer Kinder töten, können sie einfach ein Neues haben?“
Janka strahlte das ätherische Äquivalent eines Achselzuckens aus. „Für das Philosophieren und die Ethik ist Adapa zuständig. Uns interessiert nur dies: Ein ausgewachsenes Individuum mit allen seinen im Leben erworbenen Fertigkeiten und Erfahrungen. Nur eben ein wenig jünger. Eigentlich ist es eine ziemlich naheliegende Idee, und es brauchte nicht erst Chevas Not, um uns darauf zu bringen.“ Eas Sprechendes Schwert trat näher an Kethri heran. „Oder die Eure“, ergänzte er. <Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass Euch zuerst erzieherische Bedenken durch den Kopf gehen, wenn Ihr erfahrt, Euren Menschenlehrling zurückbekommen zu können.>
<Janka…? Ich auch nicht!>
<Trauer ist etwas überaus Individuelles>, erwiderte der Annunaki. Kethri hätte die stummen Worte tröstlich gefunden, wären sie nicht von demselben nachsichtigen Mitgefühl begleitet gewesen, das man jemand zukommen ließ, dessen Haustier gestorben war.
<Kommt, wir stören hier nur!> Eine Hand um Chevas Schulter geschlungen, mit der anderen Kethris Waffenarm bindend, schob Janka die beiden wieder aus dem Raum hinaus.
Ein Stück weit den Gang hinunter befand sich ein Konferenzraum, in dem sich Kethri dereinst mindestens ein Streitgespräch mit Ninmah Fara geliefert hatte. Die Adamukörper, die damals in der Leichenhalle aufgebahrt gelegen hatten, waren kleiner gewesen, in ihrer Mehrheit jünger als Abel und zu Beginn der Experimente noch behaart wie die Großen Affen.
Janka verlieh seiner Aufforderung, ihn zu begleiten, Nachdruck im Äther: <Das habt Ihr damals nicht mit ansehen sehen müssen, da wollt Ihr es doch heute noch weniger!>
<Genaugenommen hatte ich gehofft, nein, mir eingebildet, es sei für immer vorbei…>

Im an die Leichenhalle angeschlossenen Obduktionsraum arbeiteten Aruru, Ninmah und Namtar schweigend und voller Konzentration. Abels Körper lag auf dem Bauch. Zuerst legte Aruru Rückenmark und Hirn frei, um die von ihr benötigten Proben zu nehmen.
Am Ende der Prozedur griff die Nefilim nach dem abgetrennten Schädeldach und setzte es dem Toten wieder auf. Ihre Kollegen kommentierten dieses Verhalten mit einer lediglich über ihre Äthersinne ausgestrahlten Verwunderung.
„Ich gehe gern pfleglich mit meinen Originalen um“, kommentierte Aruru. „Man weiß nie, wann man einmal auf ihr Wohlwollen angewiesen ist.“
Namtar schnaubte amüsiert! Dass eine gebildete Frau wie Aruru Ea noch an Ahnengeister glaubte! Aruru lächelte nur geheimnisvoll, als sei sie diejenige, die mehr wusste.
Es kam den Wissenschaftlern nicht nur auf die Gewinnung klonfähiger Zellen, sondern eine gründliche Bestandaufnahme des Spenderkörpers und seiner Eigenarten an, so dass Abel nun eine umfangreichere Wanderung durch die medizinischen Untersuchungssgeräte der Sternengötter durchlief, als ihm als lebenden Menschen zugestanden worden war.
Ninmah stieß einen Stoßseufzer aus: „Hoffentlich ist etwas Verwertbares dabei!“
Aruru zuckte die Achseln. „Wir sind doch nicht auf diesen einen Adamu angewiesen. Es funktioniert mit jedem beliebigen Exemplar aus dem Sonderangebot.“
„Nein, tut es nicht“, widersprach Ninmah. „Oder schon, wenn es dir nur auf den wissenschaftlichen Ruhm und die paar Nê aus den Gewinnen ankommt. Aber die politischen Hebel, die Enki für uns umstellen kann, die wird er nur dann betätigen, wenn sich Onkel Prometos vor Freude nicht mehr einkriegt und uns aus Dankbarkeit sämtliche Eigentums- und Urheberrechte für die neuen Adamu überschreibt, auf denen er noch sitzt. Das betrifft ein paar untergeordnete biotechnologische Patente, ohne die leider alle anderen wertlos sind. Dazu kommen die Stimmaktien, die auf Adapa Uruk entfallen… Du weißt ja, dass Enlil eben nicht die Mehrheit daran besitzt. Ihre adligen Freunde haben die freien Titanen stets gut beraten, wohin sie ihre drei Kreuze setzen müssen!“
„Punkt für dich, Ninmah.“
„Wie immer.“

Unterdessen nahmen Janka und seine Gäste in dem alten Konferenzraum ein spätes Abendessen zu sich. Es handelte sich um den üblichen Restekuchen, der alles, was in der Küche angefallen war, auf einen mit Pilzpaste bestrichenen Fladen presste und unter einer dicken Käseschicht versteckte. Das Gebäck verriet sich als bereits verfeinertes Fertigprodukt aus dem Handel, das ausschließlich geschmacklich zusammenpassende Zutaten verwendete. Denn längst betrieb diese Abteilung keine eigene Küche mehr, jedenfalls nicht, wenn man darunter etwas anderes als eine Mikrowelle verstand, in der die wenigen verbliebenen Mitarbeiter ihr mitgebrachtes Essen aufwärmten.
In einem ähnlich desolaten Zustand befand sich der Konferenzraum: Er enthielt einen ovalen Tisch, mehrere metallene Skelette, die sich durch Hinzufügen von herumliegenden Brettern in Stühle verwandeln ließen, sowie eine Vielzahl von Regalen, in denen teilweise noch Schreibfolien lagen. Einige dieser Folien hatten sich im Laufe der Jahrzehnte bereits selbständig gelöscht, so dass die darauf verbliebenen Textreste sich nun ähnlich lasen, wie das von Nanna Alulim in den Ruinen ausgegrabene Theaterstück seiner Ahnen. Die der Tür gegenüberliegende kahle Wand hatte dereinst als Projektionsfläche für Präsentationen gedient. Eine Nische gleich linker Hand des Eingangs war mit eine Sammlung Photographien bedeckt, welche die frühen Meilensteine der Menschenmacher dokumentierten: Sich zuprostende Wissenschaftler, ein Pressefoto mit Fenris T’ien und dergleichen. Die jüngste Aufnahme, die dereinst zentrale Stelle in diesem Museum eingenommen hatte, lag mit der Bildfläche nach unten auf dem Boden. Kethri wusste, dass sie Ninki zeigte, wie diese während der Pressekonferenz im Zikkurat zu Nippur den neugeborenen Adapa stillte.
Unter anderem Umständen hätte Kethri es durchaus begrüßt, den Ort in diesem Zustand vorzufinden und sich minutenlang darin ergangen, ihn abzuschreiten. Doch er sollte ja wieder zum Leben erweckt werden, was auch für Abel galt. Die Art von Unsterblichkeit, welche die Sternengötter zu verleihen in der Lage waren, kam allerdings in kleinen Dosen. Wie oft ihr Sohn sich immer wieder für ein paar Tage zu wachsen anschicken würde, um anschließend abgetötet zu werden, bis den Wissenschaftlern das Ergebnis gefiel, nun, Cheva würde es bald erfahren.

Cheva zollte ihrer Umgebung bestenfalls beiläufige Aufmerksamkeit. Nachdem sie sich erfolgreich zu der Mahlzeit gezwungen hatte, streckte die Frau ihren Körper auf ihrem Stuhl, dann erhob sie sich.
„Ich vertrete mir ein wenig die Füße“, erklärte sie. „Falls ich heute zum Schlafen komme, dann noch nicht jetzt.“
Janka nickte. „Sieh dich ruhig um, wenn du magst, aber halte dich bitte von allem elektronischen fern, das noch funktioniert. Wir möchten, dass es so bleibt. Nichts für ungut, aber…“
„Ist schon gut. Ich weiß selbst, dass ich gerade nicht unbedingt die stabilste Äura in den Äther strahle. Aber mit einer simplen Sicherheitstür komme ich schon klar.“
Janka nickte. Er schaute Cheva nach, schüttelte den Kopf, als ihm aufging, auf welches Körperteil des Fremdwesens er da genau gestarrt hatte und wandte sich schließlich an Kethri: <Nun, Jagdmeister?>
Kethri riss seinen Blick von der Museumswand los, auf die er gestarrt hatte. „Ich verstehe, dass dies offensichtlich von langer Hand geplant wurde“, antwortete er. „Enki und seine Beziehung zum menschlichen Zweig der Familie, das ist ein Wespenest, in das ich nicht zu stechen wage. Er will ihnen etwas Gutes tun und sich selbst dabei einen Vorteil vor den restlichen Häusern verschaffen. Welche Motivation da die Ausrede für die jeweils andere darstellt, weiß er nicht einmal selbst.“
„So sehe ich das auch.“ <Also, was ich meine ist, ich stimme Eurer Einschätzung von Enkis Beweggründen zu. Mir selbst ist dieser „Familien“zweig herzlich egal.>
<Ja, mir ist schon aufgefallen, dass du bestimmte Mitglieder am liebsten von hinten betrachtest…>
Janka zuckte zusammen. Dabei war es doch der Jagdmeister gewesen, und nicht der General, den man sturzbetrunken aus dem Hinterzimmer einer Shuruppaker Kneipe hatte abholen müssen, was beinhaltete, ihn mehr oder weniger als den Armen der damals jugendlichen Pyrrha heraus zu fädeln!
„Aruru geht es um fachlichen Ruhm“ überlegte Kethri ungeachtet des kurzen Austauschs weiter, „Ninmah erhofft sich sicher einen ordentlichen Gewinn von den Eliteklonen, die zu züchten sie sich anschickt. Aber welche Rolle spielt Namtar bei dem Ganzen? Außer, dass er Haus Alulim die Verehelichung von Ereschkigal mit Nergal heimzahlen will und sich zu diesem Zweck in Richtung Ea orientiert? Als ich ihm letzte Mal über den Weg lief, war das bei den Narren, die von regenerativen Techniken sprechen, aber das Unsterblichkeitsgen meinen.“
Janka kniff lediglich die Augen zusammen. <Narren?>
Kethri winkte ab.
„Spielt ja auch keine Rolle.“

Kethri erhob sich, doch Janka war schneller. Als habe er bereits damit gerechnet, richtete er den verlängerten Lauf seiner Armeepistole auf den Nefilim.
„Wohin meinst du, zu gehen?“
Der Jäger deutete ein Heben der Arme an. <Wohin ich gehe? Was geht dich das an?>
„Eine Menge – falls du nämlich zu Enlil wolltest. Und nur für den Fall, dass es das ist, was du vorhast, kann ich dir nicht erlauben, zu gehen.“
„Janka, Janka, das du plötzlich eine Sprechrolle hast, erstaunt mich bereits genug. Aber bilde dir doch nicht ein, den Wind halten zu können!“
„Wind ist nur die Ausgleichsströmung zwischen einem Hoch- und einem Tiefdruckgebiet.“
Eine passive Macht, dennoch von weitreichender Zerstörungsgewalt.
„Also bin ich doch ein Gefangener“, schlussfolgerte Kethri. <Was genau geht hier vor?>
„Nur das übliche, das immer in den Vordergrund tritt, wenn Ihr irgendwo erscheint!“ bellte Janka. „Ersterkunder der neuen Welt… moralischer Held des Sezessionskrieges… Justizopfer… niederadlige wahre Liebe einer Prinzessin des Herrscherhauses… das Wunderkind, das mit Tieren sprechen kann… der bedauernswerte jugendliche Grubensträfling, den Enki persönlich unter seine Fittiche nahm… aber eben das letzte seid Ihr nicht mehr! In Edin habt Ihr unser Haus verraten und das war NICHT Teil eines abgesprochenen politischen Winkelzuges!“ <Und das macht alles andere in meiner Aufzählung, wofür ich Euch respektierte, zunichte.>
Trotz der Anklage atmete Kethri erleichtert aus. So ging die unterschwellige Feindseligkeit, die er die ganze Zeit über gespürt hatte, also von Janka aus. Und so unerwartet die Worte auch gefallen waren, so wenig hätten sie den Nefilim überraschen dürfen, weder aus Jankas Mund noch aus dem eines beliebigen anderen Ea-Angehörigen. Zu kurz lagen die Ereignisse zurück, die zur Gründung Dilmuns geführt hatten.
„Ich bin Enki dabei zuvorgekommen, nach Adapa persönlich auch noch die Adamu als Volk zu verraten“, erwiderte Kethri ruhig. „Die Ausgleichsströmung, du erinnerst dich deiner eigenen Worte?“
„Mag sein, dass Ihr eine Rechtfertigung parat habt, aber gerade eben habt Ihr wieder an Edin gedacht. Bevor Ihr aufstandet. Ihr wollt auf die Insel fliegen!“
„Ja, Janka. Ja, natürlich! Weil Enlil etwas in seinem Gepäck hat, mit dem ich… mich beschäftigen muss.“
<Diesen anderen Jungen aus Dilmun? Den Mörder Eures Schülers?>
<Ja.>
„Und unser Projekt hier?“ hakte Janka nach.
„Was soll damit sein? Ea tut nichts illegales, das ich der Kolonialregierung zu petzen hätte.“
Haus Ea lag etwas daran, sein Vorhaben solange wie möglich geheim zu halten, damit nicht Konkurrenten, allein voran die Alulim, auf dieselbe Idee verfielen. Kethri seinerseits hegte erst recht kein Interesse daran, dass es jemand nachmachte.
<Du siehst, euer „Geheimnis“ ist bei mir sicher.> „Lass mich einfach meinen Kopf auslüften, mich betrinken und anschließend die Innenstadt demolieren, Janka! Was auch immer. Es war zuviel auf einmal.“
Minutenlang hielt Janka seine Waffe weiterhin auf den Nefilim gerichtet. Oder möglicherweise erschien die Zeitspanne Kethri auch nur so lang. Endlich senkte Janka die Pistole.
„In Ordnung, Jagdmeister“, lenkte er ein. „Ich habe überreagiert.“
<Danke.>
„Ihr werdet verstehen, dass dieser Zwischenfall meine Haltung gegenüber Adapa nicht unbedingt verbessert“, erklärte Janka. „Wann immer seine Sonderwünsche Keile zwischen uns alle treiben, wir uns untereinander aufreiben, dann fragt man sich, ob Nergals Paranoia nicht doch berechtigt ist. Die Dilmuner benötigen nicht einmal modernen Waffen, um uns fertig zu machen.“
Kethri lagen mehrere Erwiderungen darauf auf der Zunge. Er entschied sich für: „Genau aus diesem Grund hat mir Enki meine Einmischung damals verziehen. Weil sie die Unruhestifter um Adapa aus unserem unmittelbaren Umkreis entfernte. Aus den Augen, aus dem Äther, meinten wir. Nur scheint die Rechnung nicht aufzugehen.“

Kethri verließ den Forschungskomplex weder fluchtartig noch im Sturm. Anstatt zu rennen, schleppte er sich mehr durch die Korridore, als die Ereignisse des Tages ihren Tribut forderten.
Noch ein paar weitere Jahrzehnte der Verwahrlosung und hier unten entwickelt sich intelligentes Leben, dachte Kethri noch angesichts der Vielfalt tierischer Präsenzen, die er in den verlassenen Räumlichkeiten gespürt hatte.

Der Jagdmeister irrte. Das intelligente Leben war bereits unterwegs in den Gängen. Weder Janka noch Kethri war es aufgefallen, denn es handelte sich um die einzigen Kreaturen auf dem Planeten, die Izimus geschärften Sinnen und Jankas Überwachungsnetz entgehen konnten: Scheue Zweibeiner, denen diese Eigenart ihr Überleben ermöglichte, die aber auch kräftig zubeißen konnten, wenn man sie aus ihren Löchern stocherte.
„Gefiederpest!“ zischte die eine. „Erst Janka, dann Kez! Wer kommt als nächstes, der Große An?“
„Nein, nur ich“, erwiderte die andere, während sie in Besenkammer schlüpfte, in welcher der erste Sprecher sich verbarg. Auch ihre Stimme verriet sie als einen Mann, doch er war kleiner, zierlicher und der Gewalt abgeneigter als sein Kumpan, wenngleich er weitaus mehr Methoden, eine Person vom Leben zum Tode zu befördern, als dieser beherrschte. „Der Große An wäre mir allerdings willkommen, denn er würde die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen und unseren Rückzug von hier immens erleichtern.“
„Haha!“ Der andere gestattete sich ein leises Lachen. „Ich weiß schon, weshalb ich den Mann auf den Thron zurückgebracht habe.“
„Angeber!“
Eine kurze Pause folgte, dann sprach wieder der erste, leiser und nachdenklicher diesmal:
„Ja, Sternchen. Das wärest du auch, wenn du an den Ort zurück müsstest, an dem du einen Enunzyklus lang als Versuchsobjekt gehalten wurdest, während der Rest der Welt dich für tot hielt. Ich muss irgendwie versuchen, das nicht an mich rankommen zu lassen.“
„Bete! Ich weiß, das hilft dir.“
„Normalerweise schon. Nur müsste ich dazu an etwas denken als daran, wie Tiamat hier alles niederbrennt und uns auf ihren Schwingen aus den rauchenden Ruinen heraus direkt nach Edin trägt.“
„Nein, tut mir leid, Chamäleon, das ist keine Option. Eine Gottdrachin ist definitiv zu auffällig!“
Die beiden fassten sich kurz an den Händen, schlossen sekundenlang die Augen und ließen einander wieder los. Kaum voneinander getrennt, verwandelten sie sich erneut von zwei Personen mit persönlicher Geschichte in die Kreaturen des Schattens, die sich allein durch ihre Funktion definierten. In diesem Zustand kannten sie keinen Stolz mehr, aber auch keine Furcht, und so würden sie bleiben, bis sie entweder in Sicherheit gelangt oder von Schara-kukus Wachsoldaten festgenommen worden wären.

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