Rückkehr nach Shuruppak (Teil 2 von 4)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 4: Rückkehr nach Shuruppak

Insel Edin.
Am darauffolgenden Nachmittag.

„Sternchen“ und „Chamäleon“ erreichten die Insel Edin in einem unauffälligen Sportflugzeug, wie es die begüterten Siedler üblicherweise für ihre Reisen nutzten. Shushoran Sedit und Apollon [x], Bürger auf Probe des Hauses Alulim, zählten zu diesem Kreis, wann immer es eine Mission erforderte. Je nach Bedarf der Kolonialregierung konnten sie auch als Bettler oder Höflinge auftreten – wenn sie denn einmal offen in Erscheinung traten, anstatt aus dem Schatten heraus zu operieren.
Shushoran setzte das kleine Flugzeug etwas härter als dem Fahrwerk gut tat, auf die Landebahn eines Flugfeldes nahe Enlils Privatresidenz. Den Gravitationsverhältnissen auf Ki entwöhnt, wunderte es ihn, die Landung überhaupt ohne größere Schäden absolviert zu haben.
Sjuren „Apollon“ hob den Kopf, kaum dass er die Maschine verlassen hatte. „Ich vermisse die Sterne“, klagte er unter Kis blauem Himmel.
„Tagsüber kann man sie schlecht erkennen…“
„Und nachts sehe ich sie aus der völlig falschen Perspektive!“
Doch Jammern half nicht, machte es bestenfalls leichter, mit der Situation umzugehen – jedenfalls für den Jammernden selbst, nicht notwendigerweise auch für dessen Umwelt.
Sjuren und Shushoran hatten Nibiru verlassen müssen, wie das gesamte Personal der Weltraumstation nach spätestens zwei Enunzyklen für einen dritten nach Ki transferiert wurde. Aus Sjurens Sicht kam die Versetzung auf die Erde einer Vertreibung aus dem Paradies gleich, obwohl sie zu seinem eigenen Besten geschah. Dass längerer Aufenthalt in Schwerelosigkeit oder Niedriggravitation dem Muskelabbau Vorschub leistete, zählte noch zu den bekannteren Nebenwirkungen der Arbeit im Weltraum. Jeglichen körperlichen wie psychologischen Beeinträchtigungen vermochte die Medizin entgegenzuwirken, sie aber nicht völlig ausschalten. Kurz und gut, die Nibiru-Raumstation war kein Ort zum Altwerden.

Shushoran wollte bereits den Weg direkt zur Residenz einschlagen, doch Sjuren deutete auf die Werbetafel des Edinparks, der direkt an Enlils Ländereien angrenzte.
„Komm, lass uns einen kleinen Umweg nehmen! Der Besuch kostet nichts! Oder besser gesagt kostet er das Wertvollste überhaupt: Lebenszeit.“
Shushoran nahm den angebotenen Arm seines Partners entgegen. Sein Triumph vor Enlil würde nicht schaler, wenn er ihn um eine Stunde aufschob. Sjuren hingegen hatte das Leben eines „Sprechenden Schwertes“ nicht selbst gewählt, er zog keine Befriedigung aus seinen Erfolgen. Für den Lebensgefährten war die Welt erst dann perfekt, wenn er seine Enlohnung in etwas umsetzen konnte, das sich unmittelbar durch die eigenen Sinne erleben ließ. In seiner Definition, was hinreichenden Luxus darstellte, war der Mann flexibel: Der kleine Sjuren hatte für ein Paar Markenturnschuhe getötet, der Jugendliche einzigartige Sammlermünzen als Trinkgeld verschenkt und der Erwachsene die tägliche Mahlzeit in Hawila als Gipfel der Dekadenz gepriesen, da dieselbe in Netz 14, wo er vorher inhaftiert war, eben nicht garantiert gewesen war.
Durch den Edinpark zu spazieren mochte sich als unterhaltsam herausstellen, vor allem aber tat Sjuren es, um mit der Währung um sich zu werfen, die er nun wieder nach Belieben ausgeben konnte: besagte Lebenszeit.

Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft, nicht beißend, aber auch nicht anderweitig unangenehm, lediglich als anders als die Herbstluft auffallend. Genaugenommen handelte es sich um keinen Geruch, sondern eine Luftqualität. Er nach einer ganzen Weile gelang es Sjuren, das Erlebnis als „Frost“ einzuordnen.
„Na, wenigstens begreift der Planet nun auch, in einer Eiszeit zu stecken“, kommentierte der Spaziergänger seine Erkenntnis.
Shushoran lachte! Auch er hatte sich vor der Reise nach Ki unter diesem Begriff etwas völlig anderes vorgestellt, nämlich wolkenkratzerhohe Gletscher und Schneemonster, die jede Nasenspitze, die sich aus ihrem Bau wagte, gnadenlos packten. Ein einziges, wandelloses Klima für einen gesamten Planeten, bis es dem Sonnenvater langweilig wurde und er Tauwetter sandte. Oasen wie das Buranumtal mit seinem milden Klima oder Jahrtausende anhaltende Wärmeperioden innerhalb der Eiszeit hatten keine Rolle in diesem Szenario gespielt. Umso dankbarer war der Annunaki für die tatsächlichen Verhältnisse, die der Urgott hier vor Ort geschaffen hatte. Sonnenvaters Name gab seine Funktion korrekt wieder: Er zeugte Sonnen mit der Welt, jeden Tag zwei neue, die sich am Abend zum Sterben niederlegten. Mittlerweile hatten die Annunaki erfahren, dass die Wahrheit ein wenig größer war, ihre Sonnen den Untergang überlebten, der Vater dafür aber an anderen Orten im Weltraum noch immer viel Spaß mit der Welt hatte, Spaß, der in weiteren Sternen resultierte. Dabei ging es ihm wie jedem Elternteil, das nicht wissen konnte, welche Qualitäten welches seiner Kinder manifestieren würde. Es konnten höheres Leben ermöglichende Welten wie Anur entstehen, oder gar bereits solches Leben tragende wie Enun und Ki.

Während Shushorans zaghaftes Herantasten an die Frömmigkeit also Astronomie und Physik mit einschloss, blieb sein Partner weiterhin den personalisierten Himmelsgöttern, Sonnenvaters Höflingen, zugetan. Als Hausloser auf Nibiru, das wie eine Freistadt funktioniert hatte, hatte Sjuren den perfekten Priester abgegeben. Auf Ki fiel es ihm weitaus schwerer, von einer Gemeinde akzeptiert zu werden. Obgleich nicht mehr aktiv, zeugte Sjurens Sprechweise noch von dem Amt, das er bis vor kurzem bekleidet hatte: Ein Priester dachte nicht nur über seine Götter nach, er führte sie auch so oft wie möglich publikumswirksam im Mund. So wurde aus einem Lob an den Gärtner ein „Kischar freut sich an deiner Arbeit“ und aus der Nacht „Eschtarats schützender Mantel“. Oder, wie gerade in diesem Moment: „Bei Tiamats wollüstigen Tit…“
„Tiamats was?“ kicherte Shushoran.
„Titanen“, behauptete Sjuren. „Ich meinte Titanen. So wie die dort! Gefiederpest! Dabei dachte ich, es gäbe keine Adamu auf Edin.“
„Zum Wohle der Kolonie“ sollten die lulu Adamu auf Anweisung des Großen An eingesetzt werden, was den Edin-Park, in dem sich Siedler aller Stände zu erholen pflegten, zu einem legitimen Einsatzort machte. Dennoch hatte sich Enlil Alulim stets geweigert, Titanensklaven in Edin einzusetzen. Erst seit er seine eigenes Adamuprojekt besaß, wimmelte die Parkanlage nur so von Uschebti und zwar jeglicher Art.
Vielleicht hatte gerade jene Titanin, die vor den Augen der Besucher den Weg harkte, zu der Kindergruppe gehört, die Shushoran damals in Shuruppak vor ihrer Strafe bewahrt hatte. Oder sie gehörte bereits dem zweiten Menschenschlag an. Beneidete sie die Touristenführer in deren Uniformen? Sah sie auf andere Sklaven herab, weil sie selbst dem Vizekönig gehörte? Shushoran würde es nie erfahren. Wieso interessierte es ihn überhaupt, wo ihn diese Frage doch auf jeden Annunaki bezogen kalt ließ?
Als Shushoran nach längerer Pause noch immer nichts sagte, legte Sjuren seinen Arm um den Partner.
„Du musst dich nicht für die Adamu verantwortlich fühlen, nur weil sie aus meinem Samen entstanden sind. Erinnere dich an Adapas Worte auf Nibiru!“ schärfte er ihm ein.
Der andere zog Sjuren auf seine Augenhöhe herunter. „Ich muss dich auch nicht küssen“, meinte er, um es im nächsten Moment dennoch zu tun. „Aber es macht die Welt ein klein wenig schöner!“
„Wenn wir es uns leisten können!“ erwiderte Sjuren und es klang wie eine Warnung.
„Ja“, lenkte Shushoran ein. „Natürlich! Was denkst du denn?!“

*
Enlil führte seit geraumer Zeit ein „Schwert“ in jeder Hand. Eines hatte er sich in seiner Eigenschaft als Vizekönig bei Haus Sedit ausgeliehen, das andere bei den Qat. Dabei empfand er sich nicht nur als Kämpfer, sondern gleichzeitig als Waffenschmied, der die ihm anvertrauten Klingen schärfte, mit einem Überzug versah und auch noch flammte, wenn er schon einmal dabei war.
Shushoran und Sjuren platzten mitten in eine solche Trainingssitzung in Enlils Arbeitszimmer hinein. Auf den ersten Blick wirkte es, als ruhe Kethri in einem Polstersessel, während sein Lehnsherr einen Ausdruck von Shushorans Vorabbericht studierte. Ein Diener schenkte Fruchtsaft aus einer bereitstehenden Karaffe nach. Ein zweiter, weiblichen Geschlechts, sortierte im Hintergrund Aktenordner, mit denen ihr Herr am Vortag gearbeitet hatte, zurück in eine Regalwand. Auf den zweiten Blick allerdings wirkte Kethris Haltung zu angespannt für einen faulenzenden Mann. Zudem warf der männliche Diener seiner Kollegin immer wieder besorgte Blicke zu.

Der Vizekönig schwenkte sein Glas in Shushorans Richtung.
„Der Äther eilt dir voraus, Klinge. Ich spüre, dass eure Mission erfolgreich war, aber bevor wir Genaueres besprechen können, lasst mich erst noch einige abschließende Worte mit Izimu hier wechseln!“
Shushoran hörte noch kurz Enlils <und zwar über deinen Kopf>, bevor der Nefilimgeist sich auch schon seiner bemächtigte. Obwohl es nicht das erste Mal geschah, zuckte Shushoran zusammen.
Sein Geist blieb unbehelligt, doch ein Kribbeln in jeder einzelnen Körperzelle zeugte von der Anwesenheit von etwas Fremden in Shushorans Nervensystem.
Im selben Moment schob die Dienerin den letzten Ordner an seinen Platz. Sie verneigte sich tief vor Enlil, bevor sie sich in der Feierabend begab. Das befreite Lächeln ihres Kollegen erwiderte sie mit einem <Es ist wirklich nichts dabei.>. Offenbar hatte diese Frau bis gerade eben als Verteiler für den Effekt gedient, den Enlil nun über Shushorans Körper umleitete. Über einen Annunakiäthersinn kanalisierte Macht würde nie die Effizienz erreichen, die Enlil in Person an den Tag legte, doch ermöglichte das Auslagern dem Nefilim, sich auf wichtigeres zu konzentrieren. Besonders bei über längere Zeit aufrechtzuerhaltenden Effekten kam ihm ein williges Trägermedium – und kaum jemand hätte sich gewagt, gegenüber dem Vizekönig Unwillen zu demonstrieren – Recht.
Die durch Shushorans Körper fließende Energie fand ihr Ziel in Kethri Izimu. Dieser blinzelte kurz, als müsse er sich nach einem Sekundenschlaf neu orientieren, dann versuchte er aufzustehen, hielt aber sofort inne, als sich die Welt um ihn herum zu drehen begann und die Umrisse von Objekten verschwammen.
Shushoran konnte lediglich vermuten, dass es der Nefilim gerade jener Verwirrtechnik zum Opfer fiel, mittels derer Kethri selbst während des Aufstandes in Hawila die Soldaten des Gouverneurs abgelenkt hatte. Was genau Enlil da tat oder was er dabei fühlte, blieb dem Annunaki verschlossen. Niemand, dessen Körper als Basis für eine Ätherkette diente, vermochte einen Lerneffekt daraus zu ziehen. Aus diesem Grund konnte es sich der Vizekönig leisten, beliebige Äthertechniken über die Körper seiner Dienerschaft zu wirken, ohne befüchten zu müssen, dass diese schon bald jedes seiner diesbezüglichen Geheimnisse kennen würden.

Von einer leichten Herbsetzung seiner Sendefähigkeit abgesehen, spürte Shushoran keine Beeinträchtigung. Er meinte lediglich, im Äther „schreien“ zu müssen, wollte er in diesem Medium mit jemand kommunizieren. Shushoran hätte unter dem Einfluss der Ätherkette herumlaufen, Sport treiben, sogar ein Reiterduell mit jemand austragen können. Enlils Präsenz in seinem Nervensystem war es also nicht, die ihn unverwandt auf Kethri starren ließ. Dieser versuchte erneut, den Sessel zu verlassen, nur, um mitten in der Bewegung zu vergessen, weshalb er das eigentlich tun wollte. Kethri starrte nun ins Leere. Zudem klappte ihm der Unterkiefer herunter und es hätte nicht viel gefehlt, dass er zu sabbern begonnen hätte.
„Interessante Synergie“, kommentierte der Vizekönig.
„Das ist Adads Ätherkette, richtig? Rekonstruierte Hexerei unserer Ahnen und so weiter? So ganz ausgereift scheint mir das Ganze noch nicht“, kommentierte Sjuren.
„Doch, doch, ist es“, widersprach Enlil. „Ich habe lediglich unterschätzt, wie Klinges Ausbildung als Sprechendes Schwert diese spezielle Technik amplifiziert.“
In der Tat waren Shushorans restliche fünf Sinne wie auch sein gesamtes Auftreten auf Heimlichkeit und Täuschung eingestellt. Das unterstützte die Äthertechnik, die Enlil über seinen Körper wirkte, in unerwarteter Weise.
„Ich halte es für erfolgversprechend, dich die Ätherablenkung zu lehren“, meinte Enlil zu Shushoran. „Natürlich würde das Haus Sedit etwas kosten. Besprich es mit deinen Vorgesetzten, Schildfähnrich!“
Shushoran nickte stumm. Gleichzeitig tauschte er bedeutungsschwangere Blicke mit seinem Partner aus. Wenn Enlil den Sedit anbot, deren besten Agenten zu unterweisen, so konnte man daraus schlussfolgern, dass er erwartete, der kleine Sonnenblumenclan würde Shushoran nicht noch einmal mit einer dreisten Spionagemission ausgerechnet auf Alulimterritorium beauftragen. Viel wahrscheinlicher war allerdings, dass der Vizekönig davon ausging, Shushoran werde in Zukunft nur noch für die Kolonialregierung arbeiten, er sich Sedits Schwert also ganz offen und ohne Ausreden an den eigenen Gürtel hängte.

Während sich die drei anderen auf die Sitzgruppe in Enlils Arbeitszimmer verteilten, kehrte Kethris Wahrnehmung seiner Umgebung zurück. Er erhob sich, um sich sofort auf den benachbarten Sessel niederzulassen, doch von diesem kurzen Aussetzer abgesehen, schien er wieder vollständig zu Bewusstsein gelangt zu sein.
„Du kommst schneller aus dem Gedankennebel zurück, als jeder andere, den ich jemals ausgebildet habe“, bemerkte auch Enlil anerkennend. „Aber du verfällst ihm viel zu leicht, selbst wenn man deine derzeitige Trauer in Betracht zieht.“
„Trauer?“ konnte sich Sjuren nicht verkneifen, nachzuhaken.
Kethri fasste den Stammvater der Adamu ins Auge.
„Oh… oje.“ Sjuren verstummte. Einer seiner Nachkommen war gestorben oder von den Sternengöttern hingerichtet worden, jemand, der Kethri am Herzen gelegen hatte, soviel begriff Sjuren. Das änderte nichts daran, dass er sich unwohl fühlte, wann immer die Existenz der Mischrasse nicht nur zur Millieustudie des kolonialen Lebens beitrug, sondern aktiv thematisiert wurde. Als habe ihm sein Nefilimgroßvater die dieses Volk bisweilen befallene Adamu-phobie vererbt, stotterte der Mann: „Th… themenwechsel?“

Shushoran „Klinge“ ließ sich nicht lange bitten. „Wir haben den physischen Standort des Hackers zurückverfolgen können, der in Edins Zentralrechner eingedrungen ist, Herr“, eröffnete er seinem Auftraggeber. Er tippte den Rahmen seiner Brille an und übertrug auf diese Weise seine gesammelten Daten in Enlils Computersystem.
„Nidhog Ea?“ mutmaßte der Vizekönig.
„Nein, mein Prinz, aber nahe dran. Der Einbrecher war Janka.“
Keiner der Anwesenden musste laut aussprechen, was das bedeutete, dass nämlich keine Privatperson, sondern Haus Ea hinter dem Angriff steckte.
„Es existiert eine zweite Datenspur“, eröffnete Shushoran dem Vizekönig, „die ich ebenfalls zurückverfolgen konnte. Von Nibiru aus könnte ich vermutlich mehr tun…“
Enlil schenkte dem Bildschirm nur einen beiläufigen Blick. Dann schaute er ein zweites Mal hin. Sehr langsam setzte der Nefilimadlige dann sein Glas ab.
<Kez! Komm her und sieh dir das an!>
Edin, so erkannte Kethri, war nicht der einzige kompromittierte Rechner. Jankas andere Datenspur führte zurück ins Dreisternsystem und dort über eine vergebliche Suche in den Archiven der Hofakademie direkt nach Alulim.
„Haus Alulim, Planet Anur, dort Ekur und dort wiederum Vaters Privatarchiv“, zischte Enlil. „Mein Bruder bestiehlt seine eigene Familie!“
„Welche Informationen könnten auf Anur lagern, die Janka nicht einfacher hier bei uns erlangen könnte?“ wunderte sich Kethri. „Sämtliche Urkundendateien gelten als zu wertvoll, um den Planeten auch nur Richtung Nibiru zu verlassen. Wenn eine Kopie davon nach Anur geht, liegt sie dort sicherer geschützt als die zugrundeliegende Urdatei auf Ki. Wieso macht sich Janka also die Mühe, einen auf Anur befindlichen Rechner anzugreifen?“
„Wenn es sich um eine Urkunde handelt, die noch auf Anur angelegt wurde, bliebe ihm gar nichts anderes übrig“, meinte Shushoran.
<Und? Handelt es sich um eine solche?>
Der Agent nickte. Er übergab Enlil einen Datenstift. „Hier habt Ihr sie zurück, Herr. Eine Urkundendatei und circa achtzig Gigabyte an zusätzlichen Datensätzen.“
Kethri schnappte hörbar nach Luft!
„Janka hat tatsächlich den Hausserver Alulims geknackt?!“
„Das nun gerade nicht“, wehrte Shushoran ab. „Er hat sich in ein untergeordnetes System hineingemogelt und konnte von dort mit seiner Beute wieder verschwinden, indem er sich über ein legitimes Benutzerkonto angemeldete.“
<Das sollte nach dem Bürgerkrieg keinem Ea mehr möglich sein>, dachte Enlil.
„Das entsprechende Profil gehört zu einer Gruppe, die während des Krieges stillgelegt war und erst vor kurzem wieder aktiviert wurde“, erkläuterte Shushoran. „Die toten Accounts wurden während der Neuordnung Alulims entweder übersehen oder als unwichtig liegen gelassen.“

Enlil führte Shushorans Stift in ein Lese- und Bearbeitungsgerät ein, das weder mit dem Mê, noch mit irgendeinem anderen Computer verbunden war. Dort öffnete er Shushorans die Dateien.
„Vielleicht hilft uns das hier, herauszufinden, was der Hacker eigentlich in Edin gesucht und nicht gefunden hat. Ich war mir so sicher, er hatte es auf meine Urkundendateien die Uschebti betreffend abgesehen, aber…“ Enlil stockte. Vor seinen Augen erschienen Protokolle und Schemata, deren Natur er gut kannte. Bei seinen Inspektionsbesuchen in Shuruppak hatte er ähnliches Material vorgeführt bekommen. Aber diese Datensätze waren älter als das Menschenmacherprogramm, älter als der älteste Titan und überdies noch vor der Ersterkundung Kis angefertigt.
„Ist das ‚Himmelswolf’?“ fragte Kethri. „Das Vorgängerprojekt zu unseren Hybriden?“
Enlil schüttelte den Kopf. „Sieh dir das Datum an – die ältesten Dateien sind älter als der Datendieb selbst! Sie reichen in die Zeit um meine und Enkis Geburt herum zurück.“
Enlil rief eine Tabelle auf, die ihm die Versionsnummern der ihm vorliegenden Dateien aufschlüsselte. Offensichtlich hatten die Alulim seit der Ankündigung des Adamu-Programms erneut an dem Material gearbeitet. Wann immer man auf Ki Fortschritte verzeichnete, waren auch hier Ergänzungen entstanden.
Aus Kethris Sicht ergab der Diebstahl Sinn. Aruru Ea arbeitete ja in Shuruppak an der vollständigen Klonung eines erwachsenen Individuums. Wenn sie bereits in einem vergleichbaren Projekt geforscht hatte, würde die Wissenschaftlerin spätestens jetzt größtes Interesse daran hegen, die ihr seit der Sezession verschlossen bleibenden Protokolle wieder in ihre Hände zu bekommen. Und Janka war so nervös gewesen, weil er schon ahnte, oder zumindest befürchten musste, nach seinem Datenraub zurückverfolgt worden zu sein, nicht wegen möglichen Einbrüchen in eine stillgelegte Versuchsanlage. Kein Wunder, dass er so nervös auf Kethris Gedanken an Edin reagiert hatte!
Aber worum handelte es sich bei dem ursprünglichen Forschungsprojekt? Hatten sich nicht die K’met irgendwann geklont, als sie am Aussterben waren? Nein, das waren nur Leihmutterdienste ihrer Untertanen gewesen. Worum immer er sich handelte, die fragliche Angelegenheit war nie in die Geschichtsbücher eingegangen.

Enlil studierte Jankas Beutestück eingehender. Er stellte abwechselnd Shushoran und Sjuren weitere Fragen nach ihrem Einsatz und befragte zwischendurch Kethri nach Einzelheiten seiner Erinnerungen an das ursprüngliche Adamuprojekt.
Eine Stunde später schickte Enlil die beiden Annunaki fort. Nach zwei weiteren Minuten erhob sich auch Kethri, einer stummen Aufforderung im Äther Folge leistend.
Über den Bildschirm des Lesegeräts flimmerten nun Photographien: Ein Säugling, ein Kleinkind, ein Schulanfänger… ein dicklicher Junge, der sorgfältig getrocknete Pflanzenteile in ein Album einklebte… ein sportlicher Jugendlicher, der verbissen an einem Regentag über eine glitschige Aschenbahn spurtete… ein blutjunger Absolvent der Medizin, der seine erste Praxis eröffnete… ein Fähnrich der Luftstreitkräfte von seinem ersten militärischen Einsatz zurückkehrend… Dann ein junger Erwachsener, der im Raumanzug vor einer altmodischen Weltraumrakete posierte… derselbe junge Erwachsene voller Konzentration in der Bodenstation auf einen Bildschirm starrend… Jedermann hatte es damals lustig gefunden, dass der junge Bücherwurm in den Weltraum flog, während der Ritterspielchampion seinen Flug aus dem Sessel heraus überwachte. Die Angelegenheit wurde noch abstruser, bedachte man, dass es sich um ein- und denselben Nefilimjüngling handelte. Weiter setzte sich die Bilderserie fort, mit immer wieder demselben dunkelblonden Nefilim, wenngleich er der Natur seiner Existenz gemäß an zwei Orten gleichzeitig erscheinen und sich selbst umarmen konnte. Bis dann nur noch einer in den medizinischen Dateien auftauchte, weil der andere… nicht mehr greifbar war. Die letzte gemeinsame Aufnahme zeigte den mittlerweile erwachsenen Bücherjungen in der Ausstaffierung eines Waldläufers und den Athleten in der Robe des Rektors der Hofakademie. Aber die Umkehrung der ursprünglichen Verhältnisse spielte keine Rolle, denn es gab keinen Unterschied. Die Bildunterschrift ordnete den beiden Männern die Namen ihrer Raumschiffe als Eigennamen zu, wie es Kapitänen seit alters her gebührte: Schusar und Varuna. Auch das spielte keine Rolle, denn sie waren nie zwei separate Individuen gewesen. Das Buchkind und das Sportplatzkind, zwei Seiten derselben Münze, austauschbar. Wie es dann ja auch geschehen war.
Enlil senkte den Kopf in seine Hände.
Wozu hatte sich Ninhursag überhaupt der Mühe unterzogen, sich von dem einen „Zwilling“ scheiden zu lassen, um den anderen zu ehelichen? Aber nur einer der zeitversetzten Zwillinge hatte sie jemals geliebt – bewies das nicht, dass doch gewisse Unterschiede zwischen ihnen bestanden? Vielleicht, ja. Insofern, dass sich das Original als fehlerhaft herausgestellt und man die Sicherheitskopie aktiviert hatte.

Die Nacht war längst hereingebrochen, als Kethri ins Arbeitszimmer zurückkehrte. <Nuska dieser Schuft nutzt mich als Botenjunge aus!> „Er lässt anfragen, ob…“
Der Eintretende stockte. Enlils zusammengesunkene Haltung sowie die Tatsache, dass er ein Photo betrachtete, welches ihn zusammen mit seinem erstgeborenen, wenngleich mittlerweile jüngeren, Bruder zeigte, ließen auf nichts Gutes schließen. Einmal an diesem Punkt angelangt, konnte es nur noch bergab gehen.
Kethri streckte die seinen über den Rücken des Vizekönigs hinweg aus, schloss sämtliche geöffneten Dateien und versetzte den kleinen Computer in Ruhemodus.
„Das solltest du ebenfalls tun“, sagte er leise. „Ruhen.“
Enlil hob den Kopf. „Nur, wenn du hier Wache hältst“, entgegnete er wie ein kleiner Junge, den mitten in der Nacht die Angst packte. Doch es waren eher Unglaube und Schock, die sich in seinen Augen spiegelten. „Ich kann keinem anderen in dieser Angelegenheit vertrauen.“
<Ist gut.>

In dieser Nacht ging eine einzige Textnachricht aus Edin an Shuruppak. Sie lautete: „Muss Enlil babysitten, komme, sobald ich kann.“
Kethris flappsiger Tonfall war nicht aufgesetzt. So schlimm es für den Betroffenen auch sein musste, die Tatsache, dass jemand emotional noch aufgewühlter war als er selbst nach Abels Tod, verschaffte Kethri einen gewissen Frieden. Sich überlegen zu fühlen, war keine Lösung des Konflikts, doch es stellte den Seelenfrieden eines Nefilim soweit wieder her, dass er an dieser Lösung zu arbeiten beginnen konnte. Sowie natürlich daran, zu verdrängen, dass Enlil am nächsten Morgen ebenfalls wieder klar im Kopf sein würde und durchaus zu dem Schluss kommen mochte, dass Kethri, Shushoran und Apollon auf dem Flug nach Edin einen tragischen Unfall erlitten hatten. Was immer die zurückgestohlenen Dateien enthielten, allein von ihrer Existenz zu wissen, schien jeden Betreffenden zu einer Risikoquelle zu definieren, soviel hatte Kethri Enlils Geist entnehmen können.
Kethri sah das Mokele wieder vor sich, sein Mokele. Nicht das nach ihm benannte oder eines seiner Reittiere, sondern die Herzogenechse, die ihm Nuska unter dem Messer weggeschossen hatte. Als der Jagdmeister meinte, das Tür würde ihn an der Schulter stubsen, sich die Berührung dann aber als die Tischkannte herausstellte, wankte er zum Sofa, wo er sich zum Schlafen zusammenrollte.
Seinem Auftrag, über das Lesegerät zu wachen, widersprach das nicht. Der Jagdmeister würde beim leistesten ungewöhnlichen Geräusch aufwachen. Jene aber, die er dazu fähig hielt, ihn zu beschleichen, hatten die Dateien ohnehin bereits gesehen.

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