In eigener Sache (Menschenmacher)

Ich kann schlecht überblicken, wieviele Leser ich genau habe, da ich nur Aufrufe nachvollziehen kann, nicht aber, ob es sich dabei um wiederkehrende oder neue Leser handelt. Zumindest aber weiß ich von einem, der sich durch „Menschenmacher“ kämpft und dieser Leser wünscht sich eine Personenübersicht. Die ist in Arbeit, eine Arbeit, die sich schwerer als erwartet gestaltet. Denn die Grenzziehung zwischen jeglicher auftretenden Figur und denen, die man kennen sollte, ist nicht gerade intuitiv.

Nehmen wir beispielsweise Leutnant Schara-kuku Ea.

Seinen ersten Auftritt hat er im ersten Band und zwar in seiner Funktion als Aufseher in einem Kriegsgefangenenlager während des Sezessionskrieges. Als Offizier ordnet er sich der Schicht der Gleichgestellten (des nicht erblichen Adelsstandes) zu, seine erste Handlung im Roman besteht allerdings darin, vor den gefangenen Edelleuten des Hauses Damkina zu dienern. Mehr noch, es wird impliziert, dass Schara-kuku von deren Machenschaften (welche darin bestehen, die Zuteilungen der Gemeinen für sich zu beanspruchen) weiß und diese deckt.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Schara-kuku seinen Namen nach Art des Volkes mit Bindestrich schreibt, obwohl ihm ein zweigliedriger (Schara Kuku) zustünde. „Schara“ ist ein häufiger Jungenname und wird Knaben verliehen, denen man kriegerische Tugenden wünscht. In Band fünf schließlich wird „Kuku“ als der Name eines historischen Reiternomaden erwähnt, der im Konflikt mit den sesshaften Nefilim lag, sich durch diese um sein „Revier“ betrogen fühlte, aber letzten Endes für das Gesetz entschied – ebenso, wie sich Schara-kuku im Sezessionskrieg Enkis Fraktion anschließt, da er dessen Sache für die gerechte hält. Es ist daher davon auszugehen, dass Schara-kuku vor dem Krieg anders hieß und diesen Namen wählte, um seine Loyalität zu unterstreichen. (Diese letzte „Erkenntnis“ is allerdings ein retcon, da der Nomade Kuku noch keine Rolle spielte, als ich den ersten Band verfasste).

In derselben Szene zeigt Schara-kuku Betroffenheit, als er erfährt, dass die Gefangenen nach ihrer Entlassung in Haus Ea eingegliedert werden. Ja, er freut sich, dass seine Fraktion gewonnen (Definitionsssache) hat, aber die Zugehörigkeit einer Person zum einem Haus wiegt für ihn schwerer und der Schock der Betroffenen schwerer als Scharas Befriedigung angesichts des Sieges seiner Seite.
Schara-kukus Name taucht noch ein einziges Mal auf, nämlich auf einer Liste der von Haus Ea für den Flug zur Erde vorgeschlagenen Kandidaten. Ein einfacher Wachsoldat? Selbst herausragende Loyalität zu seinem Herrn dürfte nicht genügren, um jemand auf diese Liste zu bringen. Schara-kuku muss demnach über andere Qualitäten verfügen.

Im zweiten Band steht Schara-kuku dabei, als sein Patriarch Enki aus dem Kälteschlaf geweckt wird. Seine innerweltliche Funktion ist die eines Dieners Enkis. Die Funktion im Rahmen der Handlung besteht darin, zu etablieren, dass jedes Expeditionsmitglied Kompetenzen auf vielerlei Gebieten verfügt – Schara-kuku ist Diener, Offizier und in einigen (nicht genannten) Wissenschaften beschlagen. Während viele seiner Artgenossen in ihrem langen Leben vergessen und neu lernen, hat er es geschafft, sich all diese teilweise widersprüchlichen Kompetenzen zu bewahren. Welche genau das sind, muss an dieser Stelle nicht definiert werden, da ich bereits weiß, dass er sich schon sehr bald auf eine einzige spezialisieren wird.

Ebenfalls im zweiten Band ist es Schara-kuku, der auf Eridus Flugfeld den Sträfling Kethri (eine Hauptfigur) in Empfang nimmt, als dieser mit einer Botschaft seiner rebellischen Kameraden nach Eridu gesandt wurde. Schara-kuku erträgt stoisch einen Gefühlsausbruch Enkis im Äther und antwortet ebenso unbeteiligt auf die Frage, ob er und seine Männer Kethri seine Wunden zugefügt haben. Nein, haben sie nicht, die Verletzungen sind älter. Enkis unerwartete Antwort darauf entlockt dem Mann wiederum keine Reaktion.
Obwohl chronologisch an vierter Stelle stehend, ist dies die erste Szene, die ich ich mit Schara-kuku verfasst habe. Einfach nur ein professionell agierender Offizier, der seine Gefühle für sich zu behalten weiß und den Gefangenen ruhig weiter vor sich hin auf den Fußbofen bluten läßt, solange dieser sich außer Lebsensgefahr befindet. Ein angenehmer Kontrast zum Kolonialrat, der in einer der folgenden Szenes ein wenig an einen verschreckten Hühnerhaufen erinnert…

Eine weitere Erwähnung findet Schara-kuku in Band 3 als „Hauptmann der Flughafensicherheit“ Eridus. Offensichtlich hat er sein Leben weitergeführt und wurde um einen Rang befördert, während die Hauptfiguren Geschichte geschrieben haben. Er könnte eine Heldentat begangen oder einfach nur lange genug überlebt haben ohne in ein Fettnäpfchen zu treten.

Ein (vorerst) letztes Mal tritt Schara-kuku im aktuellen Band auf. Wiederum spielt er den Part eines Sicherheitsmannes, diesmal im engeren Umfeld seines Lehsnherren. In dieser Rolle fährt er sogar Kethri über den Mund – für Kukus Verhältnisse ist die kurze Äußerung, noch dazu ohne ein „Herr“ am Ende, bereits als ein Über-den-Mund-fahren zu werten. Aber sieht er Kethri hier als einen Ex-Sträfling, der schon wieder Ärger macht oder hat sich Kukus Verhältnis zum Adel gewandelt? Ich habe derzeit eine weitere Szene mit dem Mann geplant, die diese Frage beantworten wird.

Nachdem ich also all dies über Schara-kuku Ea aufsagen kann, wüde ich zögern, ihn auf die Liste der handelnden Personen zu setzen. Alles, was es über den Mann zu wissen gibt, steht bereits in dem entsprechenden Kapitel, in dem er auftaucht: „Schara-kuku und Liku-ercalli gehörten zu den Veteranen des Kolonisierungsprojektes und genossen das Vertrauen Enkis in hohem Maße.“ Das reicht, um ihm für die wenigen Minuten, die er auftaucht, zu charakterisieren. Genaugenommen ist das auch schon alles, was wir wirlich über ihn wissen.

Schara-kuku, Liku-ercalli, Chajen Chapa und wie die wiederkehrenden Statisten alle heißen, repräsentieren jeden einzelnen von uns: Personen mit ihren ganz eigenen Problemen und Lebenszielen, jeder der Mittelpunkt seiner eigenen Welt, aber vernachlässigbar im Weltgeschehen.  Indem ich immer wieder einen kurzen Blick darauf werfe, was inzwischen aus ihnen geworden ist, versuche ich dem unsichtbaren Einzelnen eine Art Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
So ist das Leben, Personen tauchen als Statisten in unser Geschichte auf und wieder unter und manchmal treffen wir den ehemaligen Zimmergenossen des Bruders des Arbeitskollegen unser Mutter.Verglichen mit dem komplexen Beziehungsnetz einer echten Person, das man in einer alltäglichen Kaffeesitzung mit den Verwandten um die Ohren gehauen bekommt, ist mein Roman noch harmlos.

In einem Kinofilm würde Anubis die Gefangenenlagerszene zugeschustert bekommen, Janka den Part des Sicherheitsbeauftragten in Eridu und Marduk müsste die „Schlangenschwinge“ selbst steuern. Auf diese Weise würden viele Figuren zu einer einzigen verschmelzen, wie sie es für die Menschen ja auch bald tun werden. Wenn da jemand mit der exakt gleichen Hausmaske wie sein Kollege im Vorjahr das Wort Eas in Dilmun verkündet, dann IST das Ea. Völlig egal, ob der Vorjahressprecher ein fünzehnjähriger war, der es genoss, sich vor den Menschen in Positur zu werfen und der diesjährige ein Dienst-nach-Vorschrift-Typ, der nur schnell seinen Job erledigen und wieder nach Hause möchte. Oh, wie launisch er doch ist, dieser Ea…
Aber er hat ja die Menschheit erschaffen, wovon man noch in vielen Jahrtausenden lesen wird. Zahrim Vayu hingegen mag die Kinderserie „Major Sagaga“ nicht. Davon wird sich nichts in den Mythen erhalten, daher muss ich es stattdessen in meiner Story erwähnen (genaugenommen in der Kurzgeschichte „Der Schildoffizier“).

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