Rückkehr nach Shuruppak (Teil 3 von 4)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 4: Rückkehr nach Shuruppak

Am nächsten Morgen erwachte Nuska wie stets vor Sonnenaufgang, da sein alternder Körper weniger Schlaf als ehedem benötigte. Daran ließ sich nicht rütteln, obwohl Nuska bisweilen meinte, es wäre nett, wenn sein Leib ihn all die durchzechten und durchgearbeiteten schlaflosen Nächte seiner Jugend nachholen ließe. So stand der Mann auf, um noch im Nachthemd die ersten Anweisungen an das Personal zu geben.

Kurz nach Enlils Diener wachte der Jagdmeister auf. Er drehte sich auf dem Sofa um und presste die Augenlider fest aufeinander, in dem vergeblichen Bemühen, seinem Körper einzureden, er sei noch müde.

Shushoran und Sjuren erwachten im Abstand von wenigen Sekunden, da der jeweils andere jedesmal munter wurde, wenn der erste zu rappeln begann.
„Deine Sterne sind schon weg“, erklärte Shushoran, nachdem er die Fenstervorhänge des Gästezimmers aufgezogen hatte.
„Unsinn, ich sehe dich gut“, widersprach sein Partner. „Und was die anderen angeht, sollen sie ruhig! Solange ich nur nicht noch einmal auf dem gefließten Boden einer Kammer im Adamuforschungszentrum aufwachen muss!“

Kain war erst vor wenigen Stunden eingeschlafen und hätte dementsprechend bis zum Mittag weiter geschlafen, hätte Nuska ihn nicht vorzeitig geweckt.

Als es in der Residenz unruhig zu werden begann und sich selbst dort, wohin kein Lärm drang, die Ausläufer der Annunakipräsenzen ausbreiteten, verließ auch Kethri sein Sofa. Er ließ sich ein leichtes Frühstück ins Arbeitszimmer bringen, wo er anschließend seinen Gedanken nachhing.

Nur Enlil lag auf dem Rücken, starrte auf das Muster der Zimmerdecke und wünschte sich eine Schlaflähmung herbei. Oder Migräne. Die Wandelpest! Irgendetwas, das ihm einen Vorwand verschaffte, nicht aufstehen zu müssen. Als seine Gedanken bei „Spontaner Matrixzerfall“ angelangt waren, wälzte sich der Nefilim stöhnend aus dem Bett. Er wusste nicht einmal, ob das ein echtes Problem von Geschöpfen seiner Art bezeichnete oder ob er diesen Begriff aus einem Bühnenstück aufgeschnappt hatte. Enki würde es wissen – so ziemlich das allerletzte, woran Enlil in diesem Moment denken wollte. Mechanisch durchlief er die morgendliche Routine. Sie hielt das Wachbewusstein frei, sich anderen Gedanken zu widmen, was nicht immer von Vorteil war. Jedenfalls nicht an diesem Morgen.

So eilte der Nefilim ehrlich erfreut auf seinen Vertrauten zu, als er Nuska wenig später im den Innenhof der Residenz umlaufenden Säulengang begegnete. Enlil spürte, dass etwas Nuska bereits früh an diesem Morgen in schlechte Laune versetzt hatte.
„Ein Problem, Nuska! Komm, sag mir ein Problem!“
Der Annunaki schmunzelte. Sein Herr und Freund musste sich wohl mit Albträumen geplagt haben, wenn er ihn in dieser Weise begrüßte.
„Wenn ich das richtig verstehe“, gab Nuska Auskunft, „ist der junge Herr Uruk mit seiner Unterkunft unzufrieden.“
Besagter junger Herr stand gleich neben Nuska. Als Enlils Gast seit der Flucht aus Dilmun hatte Kain zwei Nächte im vergleichsweisen Luxus eines Bedienstetenquartiers verbracht.
Der Hausherr musste Nuskas Worte zuerst im eigenen Kopf wiederholen, bevor er sie vollständig verarbeiten konnte. Sein Äthersinn verriet ihm überdies, was Nuska entgangen war: Kain Uruk hatte sich nicht etwa darüber beschweren wollen, dass es seiner Unterkunft an Komfort fehle, sondern lehnte das Zimmer als solches ab.
„Wäre es dir lieber, in einer Gefängniszelle angekettet auf eine Verurteilung als Mörder zu warten?“ fuhr Enlil den Menschen an. „In Akten einzugehen, die deinen Namen unauslöschlich mit diesem Verbrechen verknüpfen? Das Mal des Verbannten zu erhalten?“
<Alles das!>
Enlil suchte nach Gefühlen der Schuld in Kains Geist, die ihn sich eine derartige Behandlung ersehnen ließen. Er fand keine. Die Gedanken des jungen Mannes kreisten immer wieder um Salatgartenschnecken, ein Bild, das alles andere überdeckte. Es musste sich, schlussfolgerte der Nefilim, um die primitive Variante eines Ätherschildes handeln. Kains Schnecken glotzten den Spion in seinem Hirn aus großen, auf beweglichen Antennen sitzenden Augen an. Sie verfolgten Enlil, wohin immer er sich zu wenden versuchte.
„Das Verbanntenzeichen bekommt nur jemand, der vorher einer eurer Bürger war“, erklärte Kain. „Kein unerwünschter Welpe, den man aussetzt.“
„Oder ein im Genlabor gezeugtes Monster.“
<Musst du mich auch noch beleidigen?>
<Ich meinte jemand anderen.>
„Und ermordet werden kann nur eine Person, kein Haustier“, führte Kain weiter aus.
Enlil rieb seine Stirn mit den Fingern. „Ich habe gerade keine Kapazität für Haarspaltereien und haltlose Andeutungen“, erklärte er. „Dieser Fall ist geschlossen. Nuska… ah, Klinge und Chamäleon!“

Die so bezeichneten Männer traten gerade aus der Tür des Gästeflügels.
Enlil deutete auf Adapas Sohn.
„Ein ausgebildeter Landwirt, hast du für so etwas Verwendung, Apollon?“
„Ich… wie bitte?“ Sjuren stutzte. „Ihr bietet mir einen Sklaven an?“
„Nur diesen speziellen.“
Sjuren musterte den jungen Mann. Enlils Angebot implizierte eine persönlichere Bindung zu dem Blondgelockten als jene, die zwischen ihm und den übrigen Menschensklaven bestand. Ein Mischling als Titan und Mensch möglicherweise? Der Praxis folgend, Sjuren ungeachtet sämtlicher Vorstudien und Zwischenschritte zwischen seiner ersten Samenspende und der letztlichen Zeugung des Mustermenschen als Adapas Vater zu betrachten, müsste der Sklave dann wohl als sein Enkel gelten.
„Was geschieht mit ihm, sollte ich ablehnen?“
„Ich schenke ihn Nuska, wie ich es ihm versprochen und bereits viel zu lange aufgeschoben habe.“
„Eine Handvoll Sklaven für meinen Haushalt, Herr“, korrigierte Nuska. „Aber gleich Adapas Sohn?“
„Du hast das Prestige, das damit einhergeht, mehr als verdient“ widersprach Enlil. „Aber hänge es bitte vorerst nicht an die große Glocke, denn ich möchte dieses Geschäft zuerst mit Ninki besprechen!“
<Selbstredend.>
„Das… das ist nicht euer Ernst!“ mischte sich Kain ein. „Ihr könnt nicht einfach…“
„Schweig!“ herrschte Sjuren seinen Enkel an, um sich anschließend zu seinem Partner umzuwenden. „Können sie wirklich?“
„Natürlich nicht!“ schrie Kain, einen Schritt auf die beiden Agenten zutretend. „Und wer bist du überhaupt?“
Noch gestern wäre Sjuren verstört rückwärts gehüpft und möglicherweise zu einer dekorativen Skulptur erstarrt. Doch der Einsatz in Shuruppak lag hinter ihm und die aufgestiegenen Erinnerungen sanken friedlich in den Morast seines Langzeitgedächtnisses zurück, wo sie sich in guter – oder eben schlechter – Gesellschaft ähnlicher Erlebnisse befanden. Daher lachte der Mann lediglich wegwerfend und erklärte: „Präg dir einfach ein, dass im Reich der Sternengötter jeder irgendwie mit jedem verwandt ist! Klinge und ich dienen Enlils Familie beinahe ebenso lange, wie wir sie bestehlen.“
<Nein, da ist noch mehr!> Kains Geist bestürmte den Fremden, doch er prallte an dessen natürlichem Ätherschild ab. Das Chamäleon fühlte sich im Äther exakt so an Prometos. Dass es aktiv senden konnte, bewies es mit seinen nächsten „Worten“: <Nun, Shu? Rechtens oder das übliche „so legal wie nötig“?>
Shushoran zuckte die Schultern. „Solange dieser Junge nicht nachweisen kann, Adapa, Prometos oder Pyrrha zu gehören, geht er mit Verlassen der Sonderrechtszone ins Eigentum der Kolonialregierung über. Es scheint, als bestünden begründete Ansprüche seitens der freien Titanen, doch solange sie diese nicht anmelden, solange ist die Schenkung dem Vertrag von Dilmun gemäß rechtskräftig.“

Aus dem, was er gerade gehört hatte, schloss Sjuren, dass dieser spezielle Verwandten nicht um sein Leben würde fürchten müssen. Alles andere aber musste nun wirklich nicht in seiner Verantwortung liegen.
„Nuska mag den Sklaven haben“, erklärte er daher. „Ganz ehrlich, mein Prinz? Ich habe genug zu diesem Kolonisierungsprojekt beigetragen. Ich werde den Rest meiner geistigen Gesundheit nicht aufs Spiel setzen, indem ich mich durch den Anblick des Jungen täglich aufs Neue an diese Beiträge erinnern lasse.“
<Nachvollziehbar>, lies sich Enlil vernehmen. „Also dann, Nuska, Kain gehört dir! Achte darauf, dass der Jagdmeister sich seiner nicht bemächtigt und verfahre ansonsten mit ihm, wie du es für das Beste hältst. Und du, Kain, hör zu! Solange die Trauer um deinen Bruder noch frisch ist, wird Kethri Izimu Qat dich jagen. Unserer Lebensspanne geschuldet könnte dieser Zustand anhalten, solange du lebst. Nuska ist in der Lage, dich zu beschützen, aber er entscheidet, wie lange er dir diesen Schutz angedeihen lässt. Es liegt also in deinem eigenen Interesse, dich anständig zu benehmen.“ <Verstanden?>
Die Schnecken in Kains Geist nickten einmütig mit ihren Antennen, was Enlil genügen musste.

*
Nuska und Adapas Sohn verließen die Residenz. Über die über die Insel verlaufende Landstraße fuhren sie zum Anwesen des Annunaki, einem Gebäude im Zikkuratstil. Den größten Teil der Wohnfläche darin nahmen Nuskas jüngste Verwandte für sich in Anspruch: ein Urenkel, dessen Gattin, zwei Nebenfrauen, der halbwüchsige Sohn (Nuska konnte sich nie merken, welche der charakterlich identischen Gänschen die Mutter dieses patenten Burschen war) sowie die auf der Erde gezeugten Zwillinge, die bald ihr sechstes Lebensjahr vollendet haben würden.
Für das auf einem Tisch im Foyer des Anwesens aufgebaute Spielzeug, einen mit Liebe zum Detail angefertigten Bauernhof, waren diese Kinder noch zu klein und ihr Halbbruder bereits zu alt. Hauptsächlich diente das Objekt als Blickfang und es war Verwandten jeden Alters und Personal gleichermaßen verboten, die Anordnung der Figuren zu verändern. Nuskas Ururenkel ahnte, dass der Spielzeugbauernhof dem Hausherren dazu diente, geheime Botschaften mit Besuchern auszutauschen, doch den zugrundeliegenden Code zu entschlüsseln war dem Jugendlichen nicht gelungen.
Kain trat auf das Ausstellungsstück zu. Er sah ein in die Grundplatte eingebranntes dreieckiges Siegel, konnte es aber keiner Göttersippe zuordnen. Kain streckte die Hand nach einem von zwei Zelten aus, die jemand aus den Beipackzetteln des Spielsets gefaltet hatte. Nuska ließ es geschehen und beobachtete nur stumm. Die Zelte stellten eine Ablenkung dar. Da jeder wusste, dass mit dem Bauernhof nicht gespielt wurde, würde die Aufmerksamkeit eines Spions, der von dem Nachrichtenübermittlungssystem wusste, sofort auf die gefälschten Produkte kindlichen Spiels gelenkt werden. Aus diesem Grund drehte Nuska die beiden Zelte bisweilen oder veränderte die Falzung ein wenig. Mochte ein solcher Spion sich ruhig die Zähne an einer Interpretationsmöglichkeit ausbeißen, bis sie nicht mehr nachwüchsen und er ins Alter für die „Dritten“ käme!

Während der Annunaki still beobachtete, las Adapas Sohn den vom Spielzeughersteller verfassten Text. Durch Zufall war ihm die Inventarliste in die Hände gefallen, nun überprüfte er das Diorama systematisch auf Vollständigkeit.

Edition Spielen & Lernen
Abenteuerbauernhof „Logres“ (Holz, die Funktionselemente enthalten Kunststoffbestandteile)
Packungsinhalt

Bodenplatte „Feld“ (auf Knopfdruck schießen Unkraut und/oder Feldfrüchte aus dem Boden)
Bauernhaus, bestehend aus Wohnraum, Stall, Dachgeschoss (Computerterminal im Erdgeschoss spielt eigene Musik und Bauernhofgeräusche ein)
Scheune mit Leiter und Flaschenzug

1 Figur Bauer (Nefilim, männlich)
1 Figur Knecht (Annunaki, männlich)
1 Figur Magd (Annunaki, weiblich)
1 Figur Zwangsarbeiter (Annunaki, männlich)
1 Figur Lulu Adamu (Frau)
1 Figur Lulu Adamu (Junge)

1 Set Bauernhofwerkzeuge
1 Set Körbe, Kisten und Säcke
1 Erste Hilfe Koffer
1 Tablett mit 3 Bierflaschen
1 Flinte
1 großes Wasserfass

Pumpe mit Eimer

1 Pflug mit abnehmbarem Ochsen
1 Schubkarre

1 Kuh
1 Ziege
5 Hühner
1 Hahn
4 Kaninchen
2 Ratten
1 Katze
1 Hund

2 Wildenten
3 Wildschweine (Eber, Bache, Frischling)
1 Säbelzahntiger
2 große Affen mit Keulen

1 Tanne, 4 Zapfen zum Ernten
1 Apfelbaum, 2 Äpfel zum Ernten
1 Vogelbeerbusch, 10 Beeren zum Ernten
2 Eichenbäume, fällbar

1 Tütchen Spielerde, groß
1 Tütchen Spielsand, klein
2 Tütchen Spielstroh, groß
1 Rolle Schnur

Der Hersteller hatte der Nefilimbauernfigur voller Stolz die Uniform der „Varuna“ auf den Leib geschneidert, was Kain allerdings nicht erkannte. Die meisten der anderen Gegenstände waren dem jungen Dilmuner vertraut – viel zu vertraut, denn es handelte sich um keine Vertrautheit, die ein Wohlgefühl auslöste.
„Was hältst du davon?“ erkundigte sich Nuska.
Kain antworte ausweichend: „Der Sträfling fehlt.“
„Ja, den haben sie auf Drängen des Hofes in den späteren Editionen rausnehmen müssen.“
„Und die Adamu sind Annunaki, denen man schwarze Locken aufgeklebt hat!“
„So sieht dein Volk in unseren Augen nun einmal aus. Oder kannst du mich von Enlil unterscheiden?“
„Nun, du bist älter…“
„Enlil von Izimu?“
„Äh… Izimu hat braunes Haar. Und grüne Augen. Und Enlil ist größer“, fasste der Mensch zusammen, doch über derartige Offensichtlichkeiten hinaus konnte er keine Aussagen darüber treffen, in welcher Weise sich die beiden Nefilim unterschieden. Ihre Gesichtszüge blieben ihm ebenso ähnlich, wie die eines Adamu den Außerirdischen erschienen.
<Außerdem gibt es für so etwas ja den Äther!> behauptete Adapas Sohn trotzig. Sein Widerstand war das einzige, das in Nuskas Geist ankam. Der Annunaki musste es als Aufbegehren gegen die Kain zugedachte Rolle als Nuska Alulims neues Statussymbol werten.

„So leben die Sternengötter also“, brachte Kain nach längerem Schweigen hervor. „Genauso wie wir?!“
„Ja“, nickte Nuska. „Auf Ki geht es uns verhältnismäßig gut.“
„Ich nenne das nicht unbedingt gut“, widersprach Kain. „Bisher habe ich einen etwas größeren Garten als den meiner Eltern sowie mein altes Holzspielzeug gesehen. Von den Wundern der Götterstädte hatte ich wirklich mehr erwartet.“
„Ich nehme an, du hast noch nie ein Fernsehspiel gesehen“, antwortete Nuska. „Morgen führe ich dir eines vor, das auf Enun gedreht wurde. Danach sehen wir weiter, ob du immer noch dort leben möchtest.“
„Und wenn ich das will?“ knurrte Kain. „Nun sag bloß, dass ihr dann einen Kälteschlafschrank extra für ‚lulu Adamu’ erfindet!“
Nuska verkniff sich eine Antwort. Von ihren Loyalitäten zum jeweils anderen der Prinzenbrüder einmal abgesehen, hatten er und Janka Ea ihre frühere Freundschaft sofort nach Nuskas Ankunft auf Ki erneuert. Daher wusste Nuska, dass ein entsprechendes Gesuch tatsächlich in Duranki vorlag. Janka Gadreel hätte seinem Tierpark auf Anur zu gern ein oder zwei Exemplare der neuen Spezies zukommen lassen. Doch bevor die Langzeitfolgen des Einsatzes von Uschebti nicht absehbar waren, weigerte sich der Große An, Adamu im Dreisternsystem zuzulassen, sei es nun als Arbeitssklave, Haustier oder wissenschaftliches Versuchsobjekt.
„Nun gut.“ Kain verschränkte die Arme. „Was werde ich hier deiner Meinung nach tun?“
„Auf deinen Vater warten, nehme ich an“, erwiderte Nuska. „Ich habe Adapa allerdings als typischen Ea in Erinnerung, rechne also nicht mit seinem Erscheinen.“
<Wie ist das wieder gemeint?!>

Nuskas „Morgen“ erforderte eine dreitägige Wartezeit. Der Annunaki war weder zu beschäftigt, um sein Versprechen in die Tat umzusetzen, noch vergesslich. Er lebte einfach nur nach dem seiner Art eigenen Rhythmus, der die Grenzen zwischen einzelnen Tagen verschwimmen ließ. Genaugenommen sagte die Wortgruppe, die im Dilmuner Dialekt als „morgen“ übersetzt wurde, auch genau das aus: „in eine Spanne zwischen fünf Stunden und einer Woche“.
Während dieser drei Tage kamen Nuskas jüngere Verwandte nicht aus dem Kichern heraus. Als typisch für Enlil empfanden sie dessen Schenkung an Nuska: Man bat den Mann um ein Waschbecken und er installierte ein Wasserspiel im Vorgarten. Sicher wurde in beide Wasser eingelassen, doch war die Fontäne kaum geeignet, darin Körperpflege zu betreiben. Für den Elitesklaven musste man dem Vizekönig dankbar sein, sich jedoch gleichzeitig selbst nach etwas praktischerem auf dem Markt umschauen.
So studierte die Familie also Kataloge, in denen Uschebti verschiedener Altersklassen und Ausbildungsstandes vorgestellt wurden. Einen Experten auf diesem Gebiet fanden die Annunaki in ihrem neuen Mitbewohner: Kain zögerte nicht, die Angebote zu kommentieren und seine eigenen Erfahrungen mit Menschen beizusteuern.
Waren die Annunaki mit etwas anderem beschäftigt, setzte sich Kain an den Rechner, um Nuskas Exemplar der Enzyklopedie der Erde zu studieren. Er blätterte lustlos die Kapitel zur physischen Geographie und der Pflanzenwelt durch, versuchte sich dann davon zu überzeugen, in Wirklichkeit neugierig auf Haus Ea zu sein, doch auch die entsprechenden Kapitel vermochten sein Interesse nicht lange zu bewahren. Kain gab sich einen Ruck. Er verband den Computer erneut mit dem Server des Sklavenmarktes und rief die Kataloge noch einmal auf. Kain filterte nach Frauen in seinem Alter, doch keine kam der Schwester auch nur annähernd gleich…

Am vierten Tag nach seiner Einverleibung in Nuskas Haushalt saßen Herr und Sklave auf seinem Sofa im Fernsehzimmer. Das hier aufgebaute Gerät unterschied sich in Größe und Auflösung nicht von denen, die sich ein Hochadliger ins Haus stellte. Lediglich der Zugriff auf bestimmte Sender war dem Gemeinen verwehrt. In der Regel spielte Nuskas Familie ohnehin nur Datenträger aus der eigenen Sammlung ab und verließ sich, was die Informationsbeschaffung anging, auf den Urgroßvater und dessen Draht zum Vizekönig.
Kain kuschelte sich in die Sofakissen mit ihren teuren, handbestickten Bezügen. Die Filmmusik setzte noch vor den ersten Bildern ein, mit dem Hintergedanken komponiert, auf den Äthersinn der jugendlichen Zuschauer einzuwirken. Deren Eltern würden es dem Produktionsteam danken, nicht jedes Jahr ein neues Empfangsgerät anschaffen zu müssen, weil die Gefühle mit ihren Sprösslingen durchgegangen waren. Auf Ki griffen derartige Vorsichtsmaßnahmen nur eingeschränkt, da noch keine Melodie entwickelt worden war, die das elektromagnetische Feld der Erde zu beruhigen im Stande war.
Die Geschichte begann in einem Wald auf Enun. Annunakikinder pflückten Beeren von Sträuchern. Kain erwartete, dass jeder behalten durfte, was er gesammelt hatte und nicht wie daheim alles zusammengelegt und gleich geteilt wurde, bevor man untereinander tauschen durfte. Stattdessen kassierte ein Nefilimädchen die gesamte Ausbeute ein. Als ranghöchster Person in der Kindergruppe oblag es ihr allein, die Leckereien auszuteilen oder für sich zu behalten.
Kains Mund stand während der Szene weit offen.
„Ja, ich würde auch nichts essen, was auf Enun gewachsen ist!“ kommentierte Nuska das Geschehen. „Für meinen Geschmack ist dort zu viel explodiert und was noch nicht in die Luft geflogen ist, sickert vor sich hin ins Grundwasser. Aber das ist eben einer von diesen Filmen, die uns suggerieren wollen, was für schöne Urlaubsorte es auf der Ersten Welt doch gibt. Genauso schön wie die Modekataloge für Atemmasken, die sie in einigen Gegenden noch täglich tragen müssen.“
Kain erwiderte nichts.

Der Film begann nun erst richtig. Im schnellen Vorlauf wurde der Wald abgeholzt, um einer Autobahn Platz zu schaffen. Wo die Kinder gespielt hatten, entstand eine Raststätte, die zwölf Zyklen später später zu einem Einkaufszentrum gewachsen war. Dort hatten die Annunakikinder, nun junge Erwachsene, Arbeit gefunden. Ihre Dialoge ließen durchblicken, wie sehr sie den Wald vermissten.
Verächtlich schnaubend stopfte sich Kain eine Handvoll Nüsse in den Mund. <Gibt’s einen Grund, aus dem sie nicht nach Anur auswandern, wenn sie dermaßen angepisst von ihrer Umgebungsind?>
„Weil sonst die Geschichte ziemlich schnell zuende wäre.“
„Stimmt.“ Kain nickte. „Aber wie wird es innerhalb der Geschichte gerechtfertigt?“ <Ich habe den Eindruck, mir entgeht gerade etwas, das euch nicht erst erklärt werden muss.>
<Damit bist du in deiner Altersgruppe nicht allein.>
Nuska sprang an den Anfang den Szene zurück, pausierte das Geschehen und zoomte näher an einen der Protagonisten heran, bis dessen auf seine Tunika aufgenähtes Hauswappen den gesamten Bildschirm ausfüllte. Kain erkannte das Wappen eines Gemeinen des Hauses Alulim, den geflügelten Sonnenwagen. Nuska trug das seine in Form eines modischen Rings. Nun brachte er ein zweites aus seiner Westentasche hervor, eine winzige Scheibe, die auf einer Anstecknadel saß.
„Mein Reisepass“, kommentierte der Annunaki. „Die meisten Wappenscanner auf Ki akzeptieren ohnehin nur diese Anstecker.“
Kain beugte sich vor, um das Wappen genauer zu betrachten. Dezente graue Akzente unterschieden die Anstecknadel von Nuskas Alltagswappen. Dieselben farblosen Stellen fanden sich im Wappen des Jugendlichen auf dem Fernsehschirm wieder.
„Es sind Leibeigene“, erklärte Nuska. „Sie sind an das Land ihrer Herrin gebunden und dürfen es nicht verlassen. Das ist ein Schutz für beide Seiten: Der Landesherr kann seine Untertanen nicht willkürlich verkaufen oder in ein Bergwerk stecken und weil sie und ihre Nachkommen nicht wegziehen dürfen, wird ihr Herr immer Arbeiter haben. Nun, das mag im Mittelalter wunderbar funktioniert haben, aber in Haus Alulim halten wir es in der Gegenwart weniger umständlich. Unsere Hörigen wissen heutzutage meist gar nicht mehr, was der Eintrag in ihren Dokumenten bedeutet. Das sind nur Koordinaten, zu denen man einmal im Enunzyklus fährt, um sich mit anderen, die denselben Vermerk haben, zu treffen und zu feiern.“
„Dilmuner sind auch an ihr Land gebunden…“ flüsterte Kain leise, bevor Nuska den Film weiterlaufen ließ. Was einem Menschen, der die Sonderrechtszone zu verlassen versuchte, zustieß, hatte er ja am eigenen Leib erlebt.
Das kleine Mädchen aus dem Prolog, nun eine reife Geschäftsfrau, trat wieder auf. Sie wurde entführt und die jungen Leute folgten den Entführern in die Stadt, wo es zu allerlei komischen Szenen kam, in denen die Hinterwäldler mit dem Großstadtleben konfrontiert wurden. Gleichzeitig litten sie unter dem Wissen, etwas Verbotenes zu tun. Doch weil sie die Edeldame am Ende retteten, wurden die landflüchtigen Leibeigenen nur leicht bestraft. Nuska erklärte seinem Gast, dass dies eine großartige Belohnung sei, weil es dem gemeinen Volk normalerweise gar nicht zustand, dass man seine Motive vor Gericht berücksichtigte.

Kain dachte intensiv nach. Sein Äthersinn verriet ihm, dass Nuska ihm das Großstadtleben hatte vorführen wollen, ihn mit Kriminalität, Verschmutzung, Armut, Krankheit, Hektik, Stress und Wahnsinn hatte konfrontieren wollen. In späteren Epochen würden sich Menschen in Städten, gegen die selbst Enuns Metropolen beschaulich erschienen, Geschichten von hochgewachsenen, robusten Wesen und schlanken, zarten mit leicht spitzen Ohren erzählen. Sie würden sie Riesen und Elfen nennen und in der Natur fernab ihrer Siedlungen ansiedeln. Kains rasch tickende Lebensuhr hätte in einer Großstadt den zu ihr passenden Rhythmus gefunden. Viel aufschlussreicher fand er, was er über die Sternengötter erfahren hatte: Alles Land und jedes Werkzeug gehörten jemand und in Dilmun wäre dieser Jemand natürlich sein Vater! Kain sah ein Leben nach dem Vorbild der Sternengötter vor seinem inneren Auge aufsteigen: Das Land wurde von Menschen bewirtschaftet, die dafür Lohn erhielten. Man kaufte diese Menschen, wie man Saatgut und Pflugschare kaufte; sie waren keine handelnden Personen, sondern tauchten nur als Positionen in der Spalte „Ausgaben“ auf. Diese Kaufarbeiter wiederum erwarben die Feldfrüchte, die selbst angebaut hatten, von Adapa – ein Kreislauf, der bis dato ungeahnte Macht für die Patriarchenfamilie bedeutete. Wer sich dem zu entziehen versuchte, indem er im Wald Fallen aufstellte oder fischte, wurde eingefangen und öffentlich bestraft, denn das gesamte Tal gehörte ja Adapa. Die Strafe war Kains Verständnis nach gut für das Volk. Sie half ihm, sich in Zukunft nicht noch einmal unnötig beschädigen zu lassen, sondern das unerwünschte Verhalten gleich zu unterlassen.
Der Prozess ließ sich noch dazu feinsteuern: Indem man an manchen Untertanen mehr austeilte als an die anderen, zog man sich loyale Wachen über den Rest heran. Die Menschen würden sich daraufhin anstrengen, ebenfalls solcherart ausgezeichnet zu werden und Privilegien zu erhalten, was zur allgemeinen Produktivität betrüge. Solange sich jedermann nur mit denen auf derselben Ebene wie er selbst verglich, ohne das Gesamtbild zu sehen, würden die Menschen auch nicht unter den Verhältnissen leiden.
Kein Heucheln von Interesse am Leben anderer mehr, kein Hausputz mit den Geschwistern bei Prometos, wenn der Dorfjäger wieder einmal länger fernblieb. Dafür besaß ein Fürst seine Untertanen. Adapa hatte ja so recht gehabt, als er damals auf dem Feld behauptete, die Menschen brauche man!

Nuska war den Gedanken des Menschen gefolgt, so gut er es vermochte. Da Kain sehr intensiv dachte, war es dem Annunaki nicht weiter schwer gefallen.
„Ja, das wäre dein Leben, wenn Dilmun wie der Bund der Fünfzig Namen funktionieren würde“, gab Nuska zu. „Aber dein Leben IM Bund der Fünfzig Namen sieht anders aus. Bei uns bist du das Produktionsmittel.“
„Nehmen wir an, ich amüsiere dich in dieser Rolle. Gibst du mir dann Chamäleon und Klinge mit, wenn Vater mich zurück nach Dilmun holt? Das Wort zweier Sternengötter und ihre Götterwaffen werden schon nötig sein, die Verhältnisse dort zu ordnen. Anschließend hättet ihr einen Verbündeten in mir!“
<Dilmun hat uns nichts zu bieten.>
„Auch kein halbes Dutzend kostenfreier Sklaven für deine Villa?“
Nuska winkte ab. Die Anschaffungskosten waren nicht der Rede wert. Die eigentliche Herausforderung, die den wohlhabenden Sklavenhalter vom Kaufarbeiter trennte, bestand darin, die regelmäßig anfallende Sklavensteuer aufzubringen. So oder so, der Fremde aus Dilmun stellte bestenfalls ein bestauntes Kuriosum für die Sternengötter dar. Sie hatten es nicht nötig, in irgendeiner Weise auf Adapas Sohn zuzugehen. In ihrem Reich stand Kain allein der Aufstieg vom sprechenden Werkzeug zum Edelhaustier offen. Nicht verhätschelt genug allerdings, um ihm die gewünschte Partnerin aus dem Dilmun-Reservat zu fangen. Das einzige, was Kains Situation hätte erträglich machen können, seine Braut Lebuda, war endgültig in unerreichbare Ferne gerückt.
<Nein… So kann es doch nicht enden!>

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