Rückkehr nach Shuruppak (Teil 4 von 4)

„Die Menschenmacher von Dilmun“
Kapitel 4: Rückkehr nach Shuruppak

Halbinsel Dilmun,
Grenzstation Urukwacht.

Für Iznak und Audhumla Alulim ging ein ganz normaler Tag zuende. Sie wussten ja nichts von den dramatischen Ereignissen in Adapas Kommune, wie sie auch nichts von deren alltäglichen Nöten oder Triumphen erfuhren, da die Welt der freien Menschen strikt von der ihrer Götter getrennt blieb. Obwohl das Ehepaar es besser wusste, blieben Kain und Abel mangels persönlichem Kontakt in ihrer Vorstellung für immer die Kinder, als die sie Adapas Söhne kennengelernt hatten.
Im Vergessen und Verdrängen waren die Eheleute geübt. Dass Iznak derjenige war, der den geschichtsträchtigen Aufstand in Hawila überhaupt erst möglich gemacht hatte, indem er den Sträflingen anstatt der gewalthemmenden Droge das Entwöhnungsmittel gespritzt hatte, schien bereits nicht mehr wahr, sondern der Stoff für Mythen und Legenden zu sein. Audhumla war es nur Recht, dass ihr Mann diesen Abschnitt seiner Vergangenheit abgehakt hatte, denn so musste sie im Gegenzug auch nicht an ihre gescheiterte Beziehung zum Gouverneur des Goldlandes denken. Die beiden waren einfach nur ein zufriedenes, bisweilen glückliches, Pärchen, sie eine auf Kälteschlafnachsorge spezialisierte Krankenschwester, die versuchte, einen Fuß in die Schauspielerei zu bekommen, er ein Allgemeinmediziner im Dienste der Kolonialregierung, dem einfach die passenden Beziehungen fehlten, um auch den zu seinen über Jahrunderte angeeigneten Kompetenzen passenden Titel zu erlangen. Und der nicht etwa in Ungnade gefallen und zweitweilig in die antarktischen Gefilde verbannt worden war… Iznak hatte in Hawila gearbeitet? Nun, das traf auf viele Siedler zu, die sich in der ersten Welle befunden hatten. Bevor jeder die Arbeit aufnehmen konnte, für die man ihn mitgenommen hatte, hatte es gegolten, Nahrung zu sammeln, später auch selbst anzubauen, Holz für Behausungen zu schlagen sowie Erz abzubauen und zu verhütten. An irgendeiner Stelle seines Lebens war jeder Sternengott, den die „Varuna“ oder die „Ekur“ auf Ki abgeworfen hatten, Bauer, Bergmann, Wachsoldat oder Zwangsarbeiter gewesen. Es gehörte zum guten Ton in der Kolonie, nicht genauer nachzufragen, welcher Gruppe sich der jeweilige Nachbar damals zugeordnet hatte.

Man schrieb einen Tag der Vermessung, als das beschauliche Urukwacht in Aufruhr geriet. Ein Titan war aus Richtung der Sonderrechtszone eingetroffen und verlangte, ins Reich der Fünfzig Namen einreisen zu dürfen. Er wurde in der örtlichen Militärbasis festgehalten, was den mannigfaltigsten Spekulationen über seine Identität Nahrung bot.
„Es kann sich doch nur um Prometos handeln“, sagten die einen, wurden aber von der Mehrheit mit „Wenn dem so wäre, ließen sie ihn ja wohl anstandslos wieder rein! Es muss jemand anderes sein!“ übertönt. „Es ist Adapa“, behaupteten die Vernünftigeren unter jenen, wohingegen phantasievollere Naturen eine Verschwörungstheorie auf Grundlage der regelmäßigen Anwesenheit des Jagdmeisters innerhalb der Reservatsgrenzen und der Tatsache, dass Prinz Enlils „Varuna II“ vor kurzem dort eingeflogen sein sollte, konstruierten.
„Ich wäre gar nicht mal abgeneigt, das zu glauben“, vertraute Iznak seiner Lebensgefährtin an. „Wenn Herr Izimu beteiligt ist, kann man nicht misstrauisch genug sein. Ich bin mir sicher, dass ihn der Vizekönig zu mehr als nur Botendiensten einsetzt.“
Audhumla nickte düster. „So leicht ist das nicht von der Hand zu weisen.“
„Jedenfalls“, seufzte Iznak, „ist das jetzt sicher ein ganz anderer Mann, als der Kethri, den ich in Hawila kennen gelernt habe. Auf Ki ist alles immer nur im Wandel, ganz so, als beschleunige die kurze Umdrehungszeit auch unseren Lebensrhythmus. Wir befinden uns erst seit so kurzer Zeit auf dem Planeten und blicken dennoch bereits auf so viel Geschichte zurück!“
Gerade wollten sich die Eheleute einander versichern, dass sie noch immer jung verliebt seien, und dann zu Bett gehen, da klopfte es an ihre Tür.
<Das klingt schauerlich!> entfuhr es Iznak. <Lass endlich die Klingel reparieren!>
<Das habe ich, aber dieses blöde Vieh hat offenbar schon wieder das Kabel durchgeknabbert.> „Aber die Stadtbüttel meinen, Probleme mit wilden Tieren gehören in den Zuständigkeitsbereich der Kundschafter, die wiederum behaupten, Marderfraß sei ein Zivilisationsproblem. Arbeitsscheues Pack alles miteinander! – Entschuldigt, Hursak, Ihr wart nicht gemeint.“
Der vor der Tür stehende Nefilim im Fähnrichsrang winkte ab. <Wäre mir auch schon egal.>
<Oha, Ärger?>
<Stress.> „Dein Mann möchte mir bitte zum Grenzübergang folgen. Seine Fachkenntnisse werden benötigt.“ <Nein, verletzt ist niemand. Es ist kompliziert.>

Der Weg vom Städtchen zu den Baracken der Grenzsoldaten war Iznak bekannt und auch das Gelände selbst nicht unvertraut, oblag es ihm doch, die regelmäßigen Reihenuntersuchungen durchzuführen. Seine Bewegungsfreiheit innerhalb der militärischen Einrichtung blieb dabei stets eingeschränkt, doch seine Anwesenheit hier war nicht so ungewöhnlich, dass sie den Annunaki eingeschüchtert hätte. Daher schaute sich Iznak unbefangen um, als er hinter dem Edelmann den Schlagbaum der Basis passierte.
Als erstes fiel ihm ein Pferd von stattlicher Größe auf, das am Pförtnerhäuschen angepflockt stand.
„Eine Zucht der Uruker“, erklärte der Offiziersanwärter. „Dazu geeignet, Annunaki und sogar unsereinen zu tragen. Unser Gefangener möchte das Tier behalten, aber…“
„Aber, Herr?“
Hursak warf seine Arme in die Luft. „Aber das Pferd stellt unser geringstes Problem dar! Das guckt sich in Shuruppak ein Tierarzt an und gut ist! Sein Reiter hingegen… Nun, er behauptet, Prometos [x] zu sein, doch wir müssen sichergehen, dass diese Aussage der Wahrheit entspricht. Da du in Shuruppak unter Prometos gearbeitet hast, benötigen wir deine Hilfe bei der Identifizierung.“
„Einzelne Titanen auseinanderzuhalten gelingt nicht einmal Agaku Garuda“, warnte Iznak den Fähnrich. „Mir kommt als einziger Vorschlag in den Sinn, dem Mann unterschiedliche Mahlzeiten anzubieten. Der Adapa isst gern frische Gurken, Prometos hingegen alles, was aus der Mikrowelle kommt… das sind so die Kleinigkeiten, die im Gedächtnis haften bleiben.“
„Die man aber auch antrainieren kann, falls man sich als der eigene Bruder auszugeben gedenkt“, erwiderte der Fähnrich. „Im Gegensatz zu solidem Fachwissen, haben wir uns überlegt.“

Hurzak führte Iznak in eine der Baracken. Ganz wie daheim im Dreisternsystem gingen Militär und zivile Ordnungskräfte auf Ki fließend ineinander über. Daher verstärkten in dieser Nacht auch die beiden Annunakiwachsoldaten, die sonst innerhalb der Ortschaft Grenzen für Ordnung sorgten, die Belegschaft. Sie unterstanden ebenso wie die Grenzsoldaten einem Nefilimleutnant, der Iznak freundlich zunickte. Dessen Äthersinn fing unwillkürlich die Anspannung auf, unter der der Edelmann stand.
Ein schlechter Zeitpunkt, unser Marderproblem anzusprechen, dachte Iznak unwillkürlich. Falls die Nefilim den Gedanken aufgefangen hatten, so gingen sie nicht einmal im Äther darauf ein.
Der Urukwacht vorstehende Hauptmann fehlte. Er befand sich mit den motorisierten „Grenzreitern“ auf auf verschärfter Patrouille im Umkreis der Siedlung.
„Ah, da bist du ja, Iznak“, begrüßte der Leutnant den Mediziner. <Worum es geht, pfeifen ja die Spatzen von den Dächern.> „Der fragliche Titan sitzt im Nebenzimmer. Wir dachten uns, du könntest ihm ein paar Fachfragen stellen, um den Wahrheitsgehalt seiner Aussage, Prometos [x] zu sein, zu überprüfen.“
„Ich denke gerade daran“, überlegte Iznak laut, „dass die Titanen doch alle einen Chip implantiert bekommen haben. Ein simpler Scanner, wie ihn der Zoll im Hafen verwendet, sollte in der Lage sein, die darauf gespeicherten Daten zu lesen. Der Adapa hätte natürlich keinen solchen Chip unter der Haut.“
Der Leutnant winkte ab. Er deutete auf den einzigen Tisch im Raum, auf dem ein halb geöffnetes Medaillon gleich einer auf Lauer liegenden enun´schen Raubmuschel lag. Im Inneren lag der besagte Datenspeicher. Prometos trennte sich nie davon, wenngleich er ihn schon lange nicht mehr in seinem Körper mit sich herumtrug.
„Prometos hat seinen Chip sofort nach seiner Rettung aus dem Wald operativ entfernen lassen, wie auch die Tätowierung, die ihn einmal kennzeichnete“, erinnerte der Nefilim Iznak. „Entsprechend lange Vorbereitungszeit vorausgesetzt wäre es Adapa ein Leichtes, sich selbst eine passende Narbe an der richtigen Stelle zuzufügen. Also bitte, Mann, stell dem Titanen zwei Fragen!“

Iznak blieb nichts weiter übrig, als zu gehorchen. Als er gemeinsam mit dem Leutnant und den beiden Stadtbütteln den Nebenraum betrat, saß dort auf einem einzelnen Stuhl der Titan. Prometos/Adapa wirkte müde, aber dennoch wachsam. Er schien einen tagelangen Trek durch die Wildnis hinter sich zu haben, als habe er nicht den direkten Weg vom Menschendorf aus genommen, sondern sich von etwas ablenken lassen.
Iznak begrüßte ihn neutral, als wisse er nicht, seinen einstigen Vorgesetzten vor sich zu haben.
Wieso bin ich mir dessen eigentlich so sicher? fragte er sich. Weil es mir der gesunde Personenverstand eingibt? Seit wann regiert der in Erbet-Kibratim, Iznak Alulim, du Narr? Nur weil der Mann vor deiner Nase nicht im Äther zu erfassen ist, muss er nicht notwendigerweise eines der Laborkinder sein. Adapa beherrscht mit Sicherheit die Königsdisziplin der Schildtechniken, einen Ätherschild, der nicht nur nicht durchdrungen werden kann, sondern noch nicht einmal als existent wahrgenommen wird. Dieser Mann hier könnte wirklich Adapa sein, der sich durch einen geistigen Schild schützt.
„Welche Pyrimidinbase wird in der RNS durch welche andere ersetzt?“ stellte Iznak seine erste Frage, ohne sich mit einleitenden Worten aufzuhalten.
„Thymin durch Uracil“, antwortete der Titan wie aus der Pistole geschossen.
„Korrekt. Und wie heißt der Uschebtibotenjunge, der im Jahr deiner Abreise nach Dilmun in Shuruppak beschäftigt war?“
„Iznak! Woher soll ich das wissen?“ verwehrte sich sein Gegenüber.
Iznak nickte. „Das ist der richtige Mann“, erklärte er.
Die Wachsoldaten blieben skeptisch, was dem Titan ein Seufzen entlockte. In einer Mischung aus Resignation und Belustigung schüttelte er den Kopf, bis von jeglichen ihn beherrschenden Gefühlen nur noch das mitleidige Amüsement übrig blieb. Niemand hier konnte etwas dafür, dass die Götter in weiß sich in der ersten Phase des Menschenmacherprogramms ausgerechnet für Klonkinder entschieden hatten. Die Anwesenden mussten die Folgen ausbaden: die Grenzsoldaten in Form dieses unerwarteten Verhörs, er selbst… in vielerlei Hinsicht.
Der Titan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. Überlegen lächelnd stellte er nun seinerseits dem Mediziner eine Frage: „An welcher Position sitzt das mit dem Phosphorsäurerest des vorhergehenden Nucleotids verbundene Kohlenstoffatom der Pentose, Iznak?“
„Das weiß ich nicht“, musste der Gefragte zugeben.
Der Leutnant, über dessen Kopf der Inhalt der Frage hinweggegangen war, entnahm Iznaks Gefühlen, dass es sich um eine korrekt formulierte Frage handelte, die allerdings nur ein in der Materie stehender Biochemiker, Genetiker oder ein durchschnittlicher Jugendlicher, der gerade die Oberschule besuchte, beantworten konnte. Auf gar keinen Fall befand sich die Formulierung innerhalb der Möglichkeiten des Adapa, schon gar nicht in dieser beiläufigen Selbstverständlichkeit. Dafür hätte dieser ohne zu Zögern, ohne auch nur an die Folgen für seine Tarnung als Prometos zu denken, den korrekten Namen des Sklavenkindes nennen können.
Prometos erhob sich. „Tja, also dann kein Staatsempfang für mich, sondern ein Formular für die Zollerklärung“, meinte er in gespieltem Tonfall des Bedauerns. „Können wir die Einreiseformalitäten zeitnah hinter uns bringen und dabei Ki-Maßstäbe anlegen?“

Der Titan erhielt keine Entschuldigung aus dem Mund des Nefilimleutnants. Der Offizier hatte lediglich seine Pflicht genüge getan und das Notwendige in die Wege geleitet. Nun, da sich der Zurückgekehrte als Prometos [x] herausgestellt hatte, wurde er in den Augen des Leutnants wieder zu einem hauslosen Zivilisten, der nichts in den Baracken – aber auch nicht in den Arrestzellen – zu suchen hatte. Iznak und Prometos wurden daher zügig hinauskomplimentiert.
Der Titan klappte sein Medaillon mit dem Chip wieder zu und hängte es sich um den Hals.
„Du musst dir kein Bett in der Matrosenherberge suchen“, bot ihm Iznak an. „Audhumla und ich laden dich für die Dauer deines Aufenthaltes in Urukwacht zu uns ein!“
„Danke“, erwiderte Prometos. Die in seinem Gesicht stehende Betrübnis war allerdings nicht zu übersehen.
„Du bist verstimmt wegen der Behandlung eben?“ erkundigte sich Iznak.
„Nein, damit hatte ich schon gerechnet. Weniger Vorsicht wäre verantwortungslos gewesen.“ Prometos lächelte traurig. „An der Stelle der Urukwacht wäre ich vermutlich sogar noch weiter gegangen. Es ist wegen etwas anderem.“
„Ist im Reservat etwas vorgefallen?“
„Auch das. Aber in erster Linie bin ich heute hier, weil bei euch in Urukwacht etwas vorgefallen ist.“
Iznak blieb stehen. „Wie bitte? Wie meinst du das? Was soll passiert sein? Es wäre uns doch aufgefallen, wenn etwas nicht in Ordnung wäre!“
„Wie denn? Wenn niemand außer dir darüber informiert ist?“

Prometos hielt zielstrebig auf Iznaks Haus zu. Adapas Söhne hatten ihm ausgiebig von ihrem Ausflug nach Urukwacht berichtet, wie Iznaks Behausung aussah, wo sie zu finden war und wie man von der Terrasse auf den Hafen schauen und Fluchtpläne schmieden konnte.
Iznak Alulim folgte dem Titanen. Gefiederpest, er hat es rausgefunden! schoss es dem Annunaki durch den Kopf. Aber er hat keine Beweise. Prometos kann unmöglich Beweise in der Hand halten!
„Da bin ich wieder Liebling“, begrüßte Iznak seine Frau.
Obwohl ganz Haus Uruk ja als Beweis genügte…
„Ich habe einen Gast mitgebracht.“
…als statistischer Ausrutscher gehen die Verhältnisse im Reservat leider nicht mehr durch.
Prometos musterte die Annunakifrau. „Deine Frau ist ebenfalls in der Medizinbranche beschäftigt, Iznak. Weiß sie es?“ fragte er kalt.
„Was sollte ich wissen?“ wunderte sich Audhumla. Im selben Moment nickte Iznak unwillkürlich.
„Herrn Kethri ist es bereits aufgefallen“, holte Prometos aus. „Acht Kinder in einer Bevölkerung von schätzungsweise siebenhundert Personen und das über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren hinweg? Da kann etwas nicht stimmen, dachte ich mir. Und dann sah ich mir die Konstellation genauer an.“
Prometos nahm einen von Audhumla angebotenen Stuhl an. Schamesröte stand ihr ins Gesicht geschrieben und unter dem Vorwand, schlaffördernde Milch für die drei zu kochen, wandte sie sich ab, während Prometos weitersprach:
„Vier der Kinder stammten vom selben Elternpaar, Vater Titan, Mutter Mensch. Dann haben wir Awan. Ich ziehe es normalerweise vor, nicht genauer über ihre Abstammung nachzudenken: meine Urenkelin auf ihrer Mutter Seite und über ihren Vater zu einem Viertel Titanin, also so etwas wie eine Großnichte. Asura ist ein interessanter Fall, auf den ersten Blick so menschlich wie nur irgend denkbar, mit so vielen Generationen sowie dem einen oder anderen eingekreuzten Menschenaffen zwischen uns, dass ich mich ihr schon kaum mehr verwandt fühle. Aber sie zeigt Reaktionen auf die Medikamente, die ich aus Shuruppak organisieren konnte, die nahelegen, dass sich in ihr eine ganze Armee rezessiver Gene getroffen hat, die sie quasi zu einer Halbtitanin machen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit überlebt sie ihre Altersgenossen. Bei den beiden Kleinen sieht es ähnlich aus. Zusammenfassend also starker Titaneneinfluss in allen Fällen. Was die neuen Adamu von uns Titanen unterscheidet, kann ich im Schlaf herbeten. Ich habe sie ja selbst geschaffen.“

In der Küche gab die Mikrowelle ihren „Fertig“-Piepton von sich. Audhumla klapperte nervös mit den Tassen. Iznak war zusehends bleicher geworden.
„Ich habe mehrere Wasserproben aus der Gegend um unser Dorf und von anderen Orten auf der Halbinsel im Gepäck“, eröffnete Prometos den beiden. „Soll ich sie untersuchen lassen, oder ist das Mittel zu gut versteckt? Aber weshalb sich überhaupt die Mühe machen, es zu verbergen? Es liegt ja nur ein Verstoß gegen den Vertrag von Uruk vor. Des Vertragswerks, das die Unantastbarkeit unserer Grenzen garantieren soll.“
Iznak vermochte die Bitterkeit in Prometos´ Stimme kaum zu ertragen. Im Äther hätte sie ihm mit Sicherheit handfeste Übelkeit beschert. „Der Vertrag von Uruk“, sprach er mit heiserer Stimme, „ist eine Farce. Ein gelehrter Scherz der Rechtswissenschaftler.“
„Und was ist mit deinem eigenen gelehrter Scherzchen, Iznak Alulim? Wonach muss ich suchen? Was befindet sich im Grundwasser Dilmuns, das die Empfängnis der menschlichen Frauen und die Zeugungskraft ihrer Männer schwächt?“
In diesem Moment stellte Audhumla das Tablett mit den Milchtassen auf den Tisch.
„Hormone“, antwortete sie für ihren Mann. „Eine bestimmte Art von Hormon, mit dem Frau Ereschkigal in Shuruppak experimentiert hat. Diese Hormonpflaster sind die verbesserte Version des sogenannten Ehenretters. Was wir den Adamu über das Wasser verabreichen ist noch spezieller. Es wird in wässriger Lösung sehr gut aufgenommen.“
„Von Menschen“, nickte Prometos. „Offenbar wird die Wirkung vermindert oder völlig aufgehoben, sobald Titanenblut ins Spiel kommt.“
„Ja.“
Prometos sah zu seinem Gastgeber auf. „Die Leute in Dilmun senden dir regelmäßig ihre Gebete, Iznak. Dir, Ninmah, Shimti und Agaku, uns Menschenmachern eben. Sie bitten um Fruchtbarkeit…“
„Schattenlosenpein!“ fluchte Iznak. „Prometos! Ich konnte nicht anders.“
„Arbeitest du immer noch für den besten Zahler?“ erkundigte sich der Titan. „Ich könnte dich dafür entlohnen, diese Arbeit einzustellen.“
„Nein.“ Iznak schüttelte den Kopf. „Selbst wenn du das Geld hättest, es ginge nicht. Ich muss weitermachen. Der Auftraggeber ist äußerst einflussreich. Seine Macht überschreitet die deine als Projektleiter bei weitem.“

„Wer?“ fragte Prometos nur.
„Nicht die Kolonialregierung“, antwortete Iznak ausweichend.
„So?“ Prometos verbarg seine Überraschung nur unzureichend. „Ich erwartete, du würdest mir Enlil oder Enki nennen – nach längerer Abwehrtaktik. Aber wenn es nicht die Prinzenbrüder sind, welche die Verseuchung unseres Grundwassers in Auftrag gegeben haben, wer dann?“
„Der einzige Clan mit adligem Nachwuchs in der Kolonie“, gab Iznak unumwunden zu. „Garuda.“
„Das… das ist unmöglich!“ Prometos schoss auf seinem Stuhl nach vorn. Seine Stimme zitterte. „Dr. Kebechsennef kümmert sich nicht um die Belange seines Clans! Viele bezeichnen ihn als weltfremden Naivling! Er würde nicht… nein, er würde doch nicht…!“
Der Titan zwang sich zu gleichmäßigen Atemzügen. Seinem klopfenden Herzen dasselbe zu befehlen, lag allerdings außerhalb seiner Macht.
„Er würde“, seufzte Prometos, der als Vater ja selbst wusste, wie weit er für das Glück seines Kindes zu gehen bereit gewesen wäre. „Für seine Tochter würde Kebechsennef es tun.“
„Der Doktor wünscht nicht, dass sein Kind in einer Welt groß werden muss, in der jederzeit ein Krieg mit einem erstarkten Haus Uruk ausbrechen könnte.“
„Ach? Hat er dir das so gesagt?“
„Nein, gesagt hat uns niemand, weshalb diese Art der Populationskontrolle ausgeübt wird. Ich habe mir das lediglich so zusammengereimt.“
Prometos schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf. Erneut stand ihm der Unterschied zwischen Iznaks unschuldiger Pyrimidinbasenfrage und der weiterführenden, die er selbst formuliert hatte, vor Augen. Wie naiv konnte so ein Annunaki eigentlich sein? fragte sich der Mann. Ihm währen auf Anhieb mindestens drei hochadliger Häuser eingefallen, deren Drang nach oben das Potential in sich trugen, Enlils Kolonie in die Steinzeit zurückzubomben, bevor Adapas Dorf auch nur endlich das Rad gemeistert hatte!
„Weil es sich nicht um Populationskontrolle, sondern um ein großangelegtes Experiment handelt, du Narr!“ fuhr der Titan Iznak an. Er führte vor dem Ehepaar aus, woran die beiden mitgewirkt hatten: „Eure Siedler pflanzen sich fort, aber sie tun es nur zögerlich. Die auf Ki geborenen Kinder werden vornehmlich Erwachsene als Bezugspersonen haben. Sobald sie ins Jugendalter kommen, entschärft sich die Situation ein wenig, dennoch sprechen wir hier weiterhin von einem sehr eingeschränkten genetischen Pool, aus dem mögliche Sexualpartner ausgewählt werden können. Bevor die Jüngeren in eine Generation mit Prinzessin Ninurta hineinrutschen, experimentieren sie mit den Gleichaltrigen, mit denen sie aufgewachsen sind.
Das ist genau die Situation, die derzeit im Reservat simuliert wird. Haus Garuda testet, welche genetischen und psychologischen Defekte mit dieser Konstellation einhergehen. Spätestens in zweihundert Ki-Umläufen benötigt der Clan diese Daten und wird sie an zahlungswillige andere Häuser weiterverkaufen. Wir sprechen hier von Tierversuchen in großem Stil, Iznak und Audhumla Alulim! Und sobald der erste beendet ist, wird der nächste folgen, denn das Eis wurde ja bereits gebrochen!“
„Das klingt…“ begann Iznak, doch seine Frau schnitt ihm das Wort ab. „Glaubhaft“, würgte sie jeden Versuch einer anderen Erklärung seitens ihres Mannes ab.

„Du hast den kleinen Jungen auf dem Gewissen, der vor acht Jahren unter dem Dach dieses Hauses zu Gast war“, klärte Prometos seinen Gastgeber auf. „Du hast den Befehl eines Adligen ausgeführt, wie es von dir erwartet wurde. Vielleicht hast du dich noch in deiner Pflichterfüllung gesonnt, nachdem du deinen Lohn eingestrichen hast, geglaubt, ein gutes Werk zu tun. Aber Gemeine werden nur nach ihren Taten und deren Folgen gerichtet.“ Prometos legte eine beredte Pause ein, bevor er „Doch leider nicht von mir“ hinzufügte.
„Adapas kleiner Sohn ist tot?“ kam es Iznak über die Lippen.
„Nein!“ Audhumla schlug ihre Hände flach vor den Mund.
„Ermordet von seinem eigenen Bruder“, bestätigte Prometos. „Kain ist aufgrund des ‚Rauswurfes’ seiner Familie aus Edin hochgradig traumatisiert. Er schwankt zwischen Hass und Minderwertigkeitskomplexen, wenn es um die Sternengötter geht. Das lässt sich als Macke tolerieren oder mit viel Hingabe eines Tages heilen. Aber jene geistige Störung, die in letzter Konsequenz zu seinem Mord an Abel führte, die verdankt mein Neffe Kebechsennef und Imseti Garudas Experiment!“
„Bei den Himmelsgöttern!“ rief Iznak aus. „Das wird Kains Haltung uns gegenüber nicht gerade verbessern. Aber selbst wenn er sich bewusst macht, dass es ursächlich unsere Schuld war, wird ihm das helfen, mit seiner Tat fertig zu werden?“
Prometos schob den Stuhl zurück, ohne das vor ihm stehende Getränk angerührt zu haben. „Ich lege mich ein wenig aufs Ohr“, verkündete er. „Ihr beiden könnte ja unterdessen weiterdiskutieren, wie sich der bedauernswerte Mörder meines Neffen jetzt fühlt!“

Sehr zeitig am nächsten Morgen war Prometos [x] bereits wieder in den Straßen Urukwachts zu finden. Ungeduldig pendelte er zwischen dieser und jener Gasse umher, um dann wieder mitten auf einer Straßenkreuzung eine Hand in den Himmel zu recken, die einen kleinen Gegenstand umschloss. Danach zog es den Mann in Richtung Hafen, wo er eine Weile auf einer Bank sitzend verweilte, die das Objekt haltende Hand schüttelte und dann unverrichteter Dinge zu Iznaks Haus zurückkehrte. Nach dem seltsamen Verhalten des Titanen befragt, hätte jeder Bürger der Kolonie achselzuckend geantwortet: „Na, was schon? Er versucht halt zu telefonieren.“
Für die Einwohner des so nah an der toten Zone Dilmun gelegenen Örtchens Urukwacht galt das in besonderem Maße. Niemand nahm Anstoß daran oder wunderte sich über Prometos´ beinahe schon verzweifelte Bemühungen, einen Anschluss ans Mê-Netz herzustellen.
Auf Iznaks Terasse stehend erhielt Prometos endlich Empfang. Doch am anderen Ende der Leitung zeigte niemand Interesse, das Gespräch auch anzunehmen.
„Enqatl du Arschloch!“ fauchte der Titan in sein Telefon. „Weißt du eigentlich, wie lange ich gebraucht habe, um diese Verbindung herzustellen? Nun geh schon endlich ran!“
Iznak trat auf seinen Gast zu. „Ruhig!“ rügte er ihn. „Zügle dich ein wenig, bevor Herr Enqatl tatsächlich das Gespräch annimmt! Oder willst du deine ersten Wochen zurück daheim im Salztagebau in Lagasch verbringen?“
„Wohl eher in den Uranminen, deren genaue Lage keiner kennt“, erwiderte Prometos. „Das ist doch die etablierte erste Wahl für aufmüpfige Adamu.“
„Lebenslange Langzeitschäden treffen die kurzlebigen Adamu eben weniger hart als uns“, erwiderte der Annunaki. „Ich wollte überhaupt einmal ein Wort über die Menschen mit dir reden. Was sich auf Dilmun zugetragen hat, ist entsetzlich. Dass es Adapas Familie getroffen hat, dafür finde ich keine Worte. Aber letztlich benötigen wir die im Reservat gesammelten Daten dringend, wie du gestern selbst ausgeführt hast. Bei aller Betroffenheit, Prometos, es sind doch nur Adamu!“

Prometos setzte zu einer Erwiderung an. In diesem Moment meldete sich am anderen Ende der Verbindung nach Shuruppak Madi Qat, Kethris älterer Bruder und amtierender Projektleiter des Adamu-Programms.
„Ja, ich bin wieder zurück“, antwortete der Titan seinem Kollegen. „Um zu bleiben, ganz richtig, Herr.“
Iznak folgte dem Gespräch der beiden, oder zumindest dem Teil, den Prometos sprach, weiter:
„Wie? … … … Nein, nicht nötig. Ich sehe ich mir das an, sobald ich wieder in Shuruppak bin. Klingt nicht wirklich dramatisch in meinen Ohren. … Ja, ich weiß, dass es solche Kleinigkeiten sind, die sich aufsummieren, aber, Herr Enqatl, ich bringe meine eigenen Probleme mit, Probleme, die vor den Hoftag gehören. … Nein, nicht den Kolonialrat. … … Das könnte man in etwa so sagen. Genaugenommen handelt es sich um eine Verletzung des Vertrags von Uruk.“
Als die beiden Wissenschaftler ihr Gespräch beendet hatten, bot Iznak Alulim ein Bild der Verwunderung, die ein klein wenig an Empörung grenzte.
„Was genau hast du dem Fürsten nahe gelegt?!“ ächzte der Annunaki.
„Du nanntest das Abkommen über die Unverletzlichkeit der Grenzen Dilmuns und die gesamte Existenz des Hauses Uruk gestern einen gelehrten Scherz“, antwortete Prometos. „Dann nimm zur Kenntnis, dass ich mit den Rechtsgelehrten Erbet-Kibratims zu scherzen wünsche.“

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