Der 11. Geburtstag

– Eine kurze Harry Potter Fanfic als Schreibübung –

Der vierzehnte Juni 1980 war Dudleys Geburtstag. Sein elfter Geburstag. Auf seinen Geburtstag freute sich der Junge schon seit Beginn der Sommerferien. An seinem Geburtstag würde er… Geburtstag? Ja, wirklich! Heute war sein Geburtstag! Geburtstag, Geburtstag, Geburtstag! Es war erstaunlich, wie oft man dieses Wort im Geist wiederholen konnte, bevor es zu einer Aneinanderreihung sinnentleerter Silben verkam. Das wollte Dudley natürlich nicht, ganz im Gegenteil stellte Verkümmerung das genaue Gegenteil dessen dar, was er an diesem Tag erwartete. Daher legte er eine kurze Pause ein, bemühte sich an nichts zu denken und vor allem seine Augen nicht vorzeitig zu öffnen. Denn solange er noch im Bett lag, war es genaugenommen noch gestern. Der besondere Tag sollte erst anbrechen, wenn Dudley vollständig dafür bereit war.
Schließlich sprach der Junge ganz leise und beinahe weihevoll: „Geburtstag. Ich habe heute Geburtstag!“
An seinem Geburtstag durfte Dudley mit seinem besten (und einzigen) Freund Pierce Polkiss in den Zoo fahren. Das kostete Vernon und Petunia nichts, denn als Geburtstagkind wurde Dudley natürlich von Pierce eingeladen.
Seine Augen noch immer fest geschlossen haltend, malte sich Dudley den vor ihm liegenden Ausflug aus. Tiere aller Form und Größe, von haushohen Giraffen über menschenfressende Tiger bis hin zu den winzigsten Fröschchen, die im tropischen Regenwald in Blütenblattkelchen lebten. Mehr noch als auf die Tiere freute sich der Junge auf die diese umgebenden Landschaften, die wie Tore in eine andere Welt wirkten. Die vermochte er sich nicht mehr vorzustellen, daher öffnete Dudley nun doch die Augen.

Einen Atemzug später wünschte er sich, es nicht getan zu haben, denn das erste, was er an diesem so lange herbeiersehnten Tag sehen musste, war ausgerechnet Harry. Harry Potter, der Neffe der Dursleys. Ein an diesem Morgen überaus missgestimmter Harry Potter zudem.
„Warum darf ER in den Zoo und ich nicht?“ klagte Harry lauthals.
Dudley nutzte den Moment, um aus seinem Schlafsack zu kriechen und durch die Schranktür an den Dursleys vorbei zu schlüpfen.
„Ihr habt ihn lieber als mich!“ warf Harry unterdessen Onkel und Tante vor.
Mit diesen Worten hatte er deren volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so dass sich Dudley gute Chancen ausrechnete, unbemerkt im großen Bad in der ersten Etage verschwinden zu können. Nicht im halben, das nur eine Toilettenschüssel und ein Waschbecken enthielt, sondern in dem mit der Dusche.
„Aber nein, Harry-Spätzchen!“ kam es beinahe ebenso kläglich wie Harry Gejammer von Petunia. „Weißt du was? Wir fahren ALLE in den Zoo!“
„Rumms“ machte die hinter Dudley zuschlagende Badezimmertür.
„Yay!“ rief Harry aus.
„Bssssssss“ säuselte die Brause, welche Dudley auf die höchste noch angenehme Temperatur einstellte. Denn seine kalte Dusche hatte er ja soeben bereits erhalten.
Den nun einsetzenden Jubel des Dursley-Neffen hörte Dudley noch über zwei Etagen und unter dem Wasserschwall. Harry wollte die Boa constrictor sehen, die Kobra, die Anaconda, den Python und überhaupt jede Schlange. Dudley bezweifelte, dass Harry all diese Tiere auseinanderzuhalten in der Lage wäre. Man konnte ihm immer wieder dieselbe zeigen, sie dabei nur jedesmal anders nennen und der Dursley-Junge würde es nicht bemerken. Selbst nicht mit seiner onyxschwarzen Brille mit den ins Gestell eingesetzten Glitzersteinchen, die es nur ein einziges Mal in London gab. Zu seinem Geburtstag hatten Onkel und Tante Harry ein Brillengestell versprochen, das es nur ein einziges Mal in ganz England geben sollte! Die nächste Stufe wäre dann wohl einzigartig in Großbrittanien. Was danach kommen sollte, wagte sich Dudley nicht auszumalen.

Während er sich mit Karibiktraum einseifte, nahm sich der Junge vor, überhaupt nicht mehr von der Zukunft zu phantasieren. Wie schrecklich schief das gehen konnte, bewiesen ihm die Dursleys gerade, indem sie seinen perfekten Tag wieder in eine Harry Potter – Bespaßungsveranstaltung verwandelten. Harry, der alles bekam, alles durfte und nichts tun musste, was er nicht wollte. Im Gegensatz dazu wurde Dudley nur von den Dursleys wahrgenommen, wenn Arbeit anstand oder er sich anschickte, etwas zu tun, das die Pflegeeltern Geld zu kosten drohte.
Wütend verteilte Dudley gleich den halben Flascheninhalt der Duschlotion auf seine Haut. Den unsichtbaren Makel, der an ihm zu kleben schien, vermochte er damit nicht abzuwaschen, doch das Wissen, einige Pence verschwendet zu haben, verschaffte dem Jungen eine gewisse Befriedigung.
Das Hochgefühl hielt genau fünf Sekunden an, bis nämlich Vernon Dursley an die Badezimmertür hämmerte und verkündete, Dudley solle sich gefälligst beeilen da drin, denn Harry wolle in den Zoo.

Der vor dem Haus wartende Pierce Polkiss staunte nicht schlecht, als die Dursleys vor seinen Augen die Autotür aufrissen und Dudley bedeuteten, einzusteigen. In knappen Worten informierte Dudley seinen Freund über die Planänderung. Pierce würde zurückbleiben müssen. Als gemein bezeichnete der Freund das, doch Dudley winkte ab.
„Nein, ist schon okay. Zuerst war ich auch enttäuscht, aber dann habe ich mir bewusst gemacht, dass wir etwas als Familie unternehmen. Das ist, als gehörte ich dazu!“
Pierce zuckte die Achseln. Zwar war er Dudders einziger Freund, doch er selbst hatte noch genügend andere, und bessere, mit denen er seine Zeit verbringen konnte. Also drückte er dem anderen die Hand, sprach „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ und „ Man sieht sich“ und stieg auf sein Fahrrad.

Die Dursleys aber klappten die Autotüren hinter sich zu und fuhren in Richtung Zoo, als Familie, wie Dudley behauptete; eine Familie mit drei verschiedenen Nachnamen: Vernon und Petunia Dursley natürlich, deren verwaister Neffe Harry Potter und er, Dudley Evans, ebenfalls verwaist. Die Dursleys hatten ihn aufgenommen, wofür er dankbar sein musste. Ihr Pflegekind diente der Familie als Hausmädchen, Botenjunge und seit Harry in die Schule ging erledigte er auch dessen Hausaufgaben. Dudley wusste bereits heute, dass er vor Harry seine Fahrprüfung würde ablegen dürfen – nicht aus Freundlichkeit, sondern damit er den Dursley-Neffen überall hin kutschieren konnte.
Nicht, dass Harry ein dummer Junge gewesen wäre, doch er war auch weit entfernt davon, ein kluger sein. In seiner Mittelmäßigkeit wurschtelte er sich sich so durch, es sei denn, ein Thema interessierte ihn ausnahmsweise einmal. Dann kniete er sich hinein und im Hause Dursley hagelte es wochenlang Lobeshymnen bezüglich der akademischen Fortschritte des ach so begabten Neffen. Längst hatte Harry gelernt, dass es nicht darauf ankam, was er konnte, sondern wen er kannte. Die anderen Kinder in der Grundschule ignorierte er weitestgehend. Für seinen späteren Lebensweg wichtige Beziehungen würde Harry Potter auf seiner neuen Schule, Smeltings, viel besser knüpfen können.
Dudley selbst war ebenfalls nicht mit hoher Intelligenz gesegnet, daher fiel es nicht auf, welcher der beiden Jungen denn nun wessen Schularbeiten abfasste. Dafür hatte Dudley eine gewisse Bauernschläue erworben, die nötig war, um im Haushalt Vernons und Petunias zu überleben.

An diesem vierzehnten Juni allerdings traten Dudleys Überlebensinstinkte in den Hintergrund. So aufgekratzt war der Junge, dass er von sich aus ein Gespräch begann, obwohl er eigentlich nicht zu sprechen hatte, wenn er nicht gefragt oder angesprochen wurde. Aufgeregt erzählte Dudley während der Autofahrt von einem Traum, den er in der vergangenen Nacht hatte. In diesem Traum schwebte ein Motorrad über dem Ligusterweg. Ein fliegendes Motorrad, dessen Fahrer gleich einem modernen Storch einen Harry Potter im Babykörbchen bei Onkel und Tante ablieferte!
„Es gibt keine fliegenden Motorräder!“ blaffte Vernon.
„Ja, ich weiß…“ entgegnete Dudley kleinlaut. „Es war ja nur ein Traum.“
„Und du hältst deine kranken Anwandlungen von Harry fern!“ keifte Petunia.
„Ich habe nicht…“ begann Dudley, verstummte jedoch sofort. Mit Sicherheit wussten die Dursleys, dass man sich nicht aussuchen konnte, wovon man träumen wollte. Dennoch hätte es den Jungen nicht weiter überrascht, wenn sie von ihm erwarteten, Träume unerwünschter Art noch im Entstehen abzubrechen.
„Ich will ein Motorrad!“ verkündete Harry.
Petunia zog die Luft hörbar ein. „Da siehst du, was du angerichtet hast!“ hielt sie Dudley vor. „Wie oft muss ich dir noch einschärfen, Harry in Ruhe zu lassen?!“
„Ich will ein…“ wiederholte Harry. Er war es nicht gewohnt, ignoriert zu werden, selbst wenn es nur für Sekunden war.
„Dafür bist du noch zu klein“, erklärte Vernon. „Dir könnte etwas zustoßen.“
Dudley nickte unmerklich. Das war die einzige Bremse, etwas nicht zu dürfen oder zu bekommen für Harry: Ihm könne etwas zustoßen.

Harry Potter aber schmollte. Er war nicht klein! Zugegeben, er war kleiner als andere Jungen seines Alters, dafür aber um einiges gemeiner, so dass keine Körpergröße keine Rolle mehr spielte. Hatte sie bei Napoleon ja auch nicht! Außerdem war er fast elf Jahre alt und würde im Herbst nach Smeltings gehen, also schon gut wie erwachsen sein.
„Ich bin kein kleiner Junge mehr!“ empörte sich Harry folgerichtig.
Petunia lächelte und es wirkte, als wolle sie damit ihren Mann entschuldigen, der dem Neffen etwas vorzuenthalten wagte.
„Weißt du was, Harry? Sobald wir im Zoo sind, gehen wir gleich als erstes in den Shop und dann bekommst du ein Geschenk! Es ist nicht gerecht, dass Dudley ein Geschenk bekommt, du aber leer ausgehst.“
Trotz dieser Aussicht schmollte Harry unverändert weiter.
Petunia drehte sich im Beifahrersitz nach hinten. „Harry-Spatzi…?“ fragte sie beinahe ängstlich.
Harry rümpfte die Nase. Er ließ seine Tante zappeln, bevor er „Zwei Geschenke!“ hervorpresste.
Vernon lachte herzlich!
„Siehst du Frau? Der Junge lässt sich nicht linken, der will was sehen für sein Geld! Einverstanden!“

Unter vielerlei Verrenkungen und Ausbrüchen von „Mein großer, vernünftiger Neffe“ wurde Harrys wirrer Haarschopf von der Tante gewuschelt.
Dudley fuhr sich unwillkürlich über das eigene, stopplige Blondhaar. Die Dursleys ließen es wachsen, bis es an der Zeit war, den Rasierapparat anzusetzen. Dann lief Dudley eine Weile so kahl wie frisch eingezogener Rekrut herum, bis er über die Stadien, „englischer Rasen“ und „Der Garten hats mal wieder nötig“ erneut zum „Das muss runter, was sollen denn die Leute denken!“ gelangte.
Eine coole Frisur, das wäre mal etwas! dachte der Junge bei sich. Gleichzeitig wurde ihm übel von dem Gedanken. Da saß er im Familienwagen der Dursleys und wünschte sich einen Haarschnitt als sei er ein Mädchen! Es war besser, keine Wünsche zu haben oder keinen Stolz. Aber wieso war es für einen Jungen in Ordnung, sich bestimmte Dinge zu wünschen, wenn dasselbe Begehren aus dem Mund eines anderen als Anmaßung galt? Dankbar sollte Dudley sein, bei den Dursleys untergekommen zu sein. Nun, wenn diese Existenz Grund zur Dankbarkeit darstellte, so musste man im Waisenhaus offenbar damit rechnen, eingeschläfert zu werden, wenn man sich den Fuß verstauchte oder bei Widerworten an die Organmafia verkauft zu werden. Eben weil das Leben im Ligusterweg so hart war, fürchtete Dudley das Waisenhaus, mit dem ihm die Dursleys bisweilen drohten, umso mehr. Er malte sich allerlei Horrorszenarien von diesem Ort aus und tat nichts, das eine Verlegung dorthin provozieren mochte.

Hatte Dudley noch kurzzeitig geglaubt, die Dursleys würden ihm im Zooshop ein Geschenk kaufen (und Harry zwei), so musste er seinen Irrtum einsehen. Sein Geburtstagsgeschenk war ja bereits der Zoobesuch.
Harry hingegen sprang wie ein aufgeregtes Hündchen zwischen den Regalen umher, begrabschte dieses und jenes Spielzeug, bevor er sich für zwei entschied. Es waren nicht die teuersten, auch nicht das größten, die im Geschäft zu bekommen waren. Derartige Dinge erhielt Harry bereits von Onkel und Tante. Obgleich er durchaus davon überzeugt war, dass sie ihm zustanden, kam es doch vor, dass Harry Potter einfach nach dem verlangte, was seinem derzeitigen Steckenpferd entsprach und zwar ungeachtet des Preises. Daher hielt Harry an diesem Tag in der einen Hand eine Videodokumentation über die im Zoo gehaltenen Reptilien und in der anderen einen ferngesteuerten Flugsaurier von den Ausmaßen einer Überwachungsdrohne.
Auch Dudley freute sich artig für das Nichtgburtstagskind – was blieb ihm schon anderes übrig?

Als die Dursleys das Geschäft verließen, hinterließen sie einen überaus positiven Eindruck auf die Mitarbeiter: „Sehen Sie diese Familie dort? Der eine Junge hat heute Geburtstag und einen Haufen Geschenke daheim. Und da haben sie seinem kleinen Bruder auch etwas gekauft.“ – „Jaja, die Jüngeren werden immer vorgezogen.“ – „Nein, das glaube ich nicht. Der Große wird auch etwas bekommen, wenn der Kleine an der Reihe ist. Haben Sie nicht gesehen, wie sich sein T-Shirt über die Wampe spannt? Der steht gut im Futter, dem fehlt es an nichts!“
In der Tat war Dudley ein rundlicher Junge, ein Detail, das seinen Sklavenstatus im Hause Dursley geschickt vor Fremden verschleierte. Während Harry gelobt wurde, wenn er „gut aß“, ganz so, als handle es sich um eine lästige Pflicht, tapfer erfüllt werden musste, war Essen ein Privileg für Dudley. Er ernährte sich einerseits von dem, was Harry und die Dursleys auf ihren Tellern zurückließen, hastig heruntergeschlungen, während er den Abwasch erledigte, und anderseits von allem, was er finden konnte. In seinem elften Lebensjahr war Dudley erschreckend gut darin, Dinge zu „finden“, die andere nicht mehr wollten, eine Definition, die auf so ziemlich alles essbare zutraf. Läge den Leuten etwas an ihrem Sandwich, dem Schokoriegel oder der Limo, so hätten sie diese ja nicht lange genug für Dudley um zuzugreifen aus den Augen gelassen! Dasselbe galt für Bäcker, Obsthändler und Bratwurstverkäufer.

Eine Viertelstunde später stand Dudley vor dem Terrarium – und sehnte sich ins Innere des Schlangenkäfigs hinein. Es musste toll sein, so eine dicke Sicherheitsscheibe zwischen sich und den Dursleys zu haben! Ob die Schlange das zu schätzen wusste? Wie sie da so wohlig zusammengerollt unter ihrer Hitzelampe lag, erinnerte sie Dudley an Harry Potter. Der war auch so ein verwöhntes Haustier, allerdings eher eine Ratte. Also das, was Schlangen fraßen.
Ob diese hier wohl raus wollte? Auf die Gefahr hin, in London zu erfrieren, gehäutet zu werden oder zu verhungern, weil sie nie zu jagen gelernt hatte? Unternahm sie deswegen keine Fluchtversuche? Und er, Dudley Evans, wieso lief ER nicht einfach weg?
Wieso… wieso… wieso geht dies nicht, wieso geht das nicht, wieso tue ich nicht einfach, wonach mir der Sinn steht…
Die Fläche einer Hand gegen die Scheibe gepresst, die andere zur Faust geballt starrte Dudley augenscheinlich in das Terrarium, in Wirklichkeit allerdings in sein Inneres. Er merkte kaum, dass er auch seine Stirn gegen das Glas presste – oder wie warm sie sich anfühlte. Richtiggehend heiß! Er würde doch kein Fieber bekommen? Dieser Gedanke ließ Dudley zurückschrecken.
Im selben Moment geriet die Abdeckklappe eines Lüftungsschachtes an der Innenwand des Schlangenkäfigs in Bewegung.
Bitte nicht krank werden, bitte nicht krank werden!!! dachte Dudley angestrengt. Sein „Nicht! Nein!“ ertönte gleichzeitig mit dem Scheppern der Abdeckplatte, so dass nicht klar war, ob der Junge nun schrie, weil das Metall plötzlich zu Boden fiel oder ob sich die Platte gelöst hatte, weil der kleine Zoobesucher so verzweifelt schrie.
Der Schlange konnten derartige Details völlig egal sein. Sie huschte in wilder Panik davon, fort von der Unfallstelle. Doch es half ihr nichts: wie von unsichtbaren Händen emporgehoben schwebte das Tier auf den nun offenen Luftschacht zu, in dem es verschwand, um kurz darauf durch eine ähnliche Öffnung in der Decke herabzufallen – direkt in Dudleys Arme.
Der stand völlig verblüfft da, zu überrascht um sich zu fürchten.
„Äh… hallo?“
Die Schlange antwortete natürlich nicht.

Nun kam Harry Potter herangesaust, die Augen weit aufgerissen, die Finger auf Dudley gerichtet.
„Tante Petunia! Onkel Vernon! SCHAUT nur, was die Schlange da TUT!“ rief er aufgeregt.
Ja, was tat die Schlange denn? Was Würgeschlangen immer tun, nämlich, sich liebevoll um Dudley zu winden. Sie schien sich zu sagen, dass sich auf vollen Magen alles ein wenig besser vertragen ließ. Zumindest war es das, was Dudley befürchtete. In seiner Not entwickelte er bisher ungeahnte Courage. Der Junge packte die Schlange und hielt sie Harry entgegen: „Hier! Halt mal kurz!“
Das gefiel der Schlange bereits weniger, genaugenommen überhaupt nicht, weshalb sie Harry aus weit aufgerissenem Maul anzischte.
Dieser zischte zurück.
Die Schlange zögerte kurz, als wolle sie sagen „Wie meinen?“.
„Was für ein Tausensassa!“ entfuhr es Vernon Dursley angesichts der Szene. „Gibs dem Vieh, mein Junge! Und eins, und zwei und jetzt die Geraaaaaaade! Ja, uuuuuuuund nuuuuun ZACK!“
Doch so begeistert Vernon die Durchsetzungsfähigkeit seines Neffen aufnahm, „und zack“ gehörte nicht zum akzeptierten Umgang mit einer wertvollen brasilianischen Boa. Schon gar nicht aus Sicht des Zoopersonals und ganz besonders nicht, wenn sich diese Boa nicht in Brasilien, sondern im Besitz des Londoner Zoos befand (Übrigens auch nicht in den Augen der Boa, doch die wurde nicht gefragt.).
Den nun entbrennenden Streit zwischen den herbeigeeilten Tierpflegern und Vernon Dursley verfolgte Dudley wie in Trance. Er fühlte sich tatsächlich körperlich erschöpft, als habe er gerade eine große Anstrengung bewältigen müssen.
Daher setzte er seine Bitte nicht krank werden – Litanei lautlos und mit zitternden Lippen fort.

Mit einem Mal legte sich ein Schatten über Dudley.
Das wars, dachte der Junge. Jetzt habe ich Fieberphantasien.
Denn vor ihm baute sich nun ein Gigant von einem Mann auf, wie ein Troll aus dem Märchen der in einem Fellmantel steckte. In den Taschen des Mantels rappelte es und Dudley hätte schwören können, dass eine Maus ihr Schnäuzchen aus einer steckte, um gleich darauf wieder in die Sicherheit dieser Höhle abzutauchen.
„Die haben ja alle keine Ahnung von nichts!“ donnerte der Riesenhafte, wobei er mit – Dudley musste mehrfach hinschauen, bevor er es fassen konnte – einem rüschenbesetzten Regenschirm in Richtung Vernons und der Zooangestellte gestikulierte.
Dann grinste der Fremde Dudley verschwörerisch durch seinen Vollbart hindurch an.
„Du magst Tiere! Ich auch!“
„Hast… hast du die Schlange da rausgeholt?“ brachte Dudley hervor. „Etwa für mich?“
Völlig abgedreht klang das, doch andererseits ergab es in verdrehter Weise Sinn. Wenn eine Gestalt wie Tom Bombadil plötzlich mitten in London auftauchte, dann sicher nicht, um nach der Uhrzeit zu fragen. Nein, dann musste man vernünftigerweise damit rechnen, dass sie etwas tat, das in IHRER Welt normal war, nicht notwendigerweise auch in Vernon Dursleys. Für Dudley war das sonnenklar, wie er auch im selben Moment begriff, sich bei schönster geistiger und körperlicher Gesundheit zu befinden. Jedenfalls nicht im Fieberwahn.
„Das war nich ich“, erklärte der Tom Bombadil-Verschnitt. „Das hast du selbst gemacht, Dudley. Du bist doch ein Zauberer, aber auch noch ein Kind. Da spielt die Zaubermacht mitunter verrückt, weißtde? Deswegen gehst du ja auch nach Hogwarts, über Hogwarts weißt du natürlich alles.“
„Nein“, sagte Dudley.
Unglaube spiegelte sich im Gesicht des Riesenhaften. „Nein?“
„Nein, Sir. Äh, tut mir leid, Sir?“
„Nein?!“ brüllte der Fremde, wobei er nun ganz und gar nicht mehr wie der freundliche Tom Bombadil wirkte, sondern wie der Berggeist Rübezahl in gerechtem Zorn auf einen Frevler.
Mit einer Hand packte er Petunia Dursley, mit der anderen die Boa. Diese hielt er in Augenhöhe und starrte ihr in die Augen, bis das Tier ganz ruhig in seinem Griff hing.
Rübezahl Bombadil setzte es vorsichtig ab, dann schüttelte er den Kopf.
„Grusliges Viehzeug, Schlangen“, erklärte er Petunia, die er noch immer bei der Schulter hielt. Die Frau schlotterte vor Angst. Sie erwartete, derselben Behandlung wie die Boa ausgesetzt zu werden. In der Tag starrte der Fremde Petunia nur unwesentlich weniger streng an als die Schlange soeben.
„Dieser Junge hier….“
Dudley hüpfte einen Schritt zurück, als Rübezahl auf ihn deutete.
„…weiß nichts über Hogwarts?“
„Whimper-whimper!“ machte Petunia.
Mit den Worten „Ach, du bist hoffnungslos!“ ließ Rübezahl sie fallen.

So unterhaltsam es Dudley fand, zuzusehen, wie jemand zur Abwechslung einmal die Dursleys triezte, so musste er doch befürchten, dass sie ihre Wut später an ihm auslassen würden. Dazu reichte es bereits, mit Rübezahl im selben Gebäude gesehen worden zu sein.
Dieser schüttelte indessen mehrfach verständnislos den Kopf.
„Ja, hast du dich denn nie gefragt, wo dein Onkel James und Tante Lily das alles gelernt haben?“ fragte er Dudley endlich.
„Was, alles? Und ich habe keine Verwandten, Sir, keinen Onkel und keine Tante. Ich habe ja nicht einmal meine Eltern kennengelernt, bevor sie starben!“
Rübezahl wich den Tierpflegern aus, die beschlossen hatten, das Chaos vorerst zu ignorieren und sich anschickten, die Schlange in ihre Behausung zurück zu tragen. Er zog auch die Dursleys beiseite.
„Nein, Dudley, das ist nicht nett, sich sowas zu wünschen“, erklärte der Riesenhafte dabei.
„Das wünsche ich mir doch gar nicht!“ protestierte Dudley. „Das ist so passiert, sie sind tot!“
„Stehen doch ganz lebendig hier vor uns, möchte ich meinen“, murmelte Rübezahl. „Na, außer deiner Mutter, die is gerade zur Salzsäule erstarrt. Wollen wir mal ein wenig Leben in sie bringen?“
Bei diesen Worten stubste er Petunia Dursley mit seinem Damenschirm an. Dudley meinte, winzige Funken sprühen zu sehen.
„Nein, Hilfe!“ Petunia sprang aus dem Stand in die Luft.
„Er ist nicht…“ ächzte sie dann. „Kein Zauberer… und überhaupt!“
Die Frau, die Dudley bisher nur als Harry Tante kennengelernt hatte, begann nun zu keifen: „Wir wollten ihm das austreiben! Die Magie und all das! Er wusste ja nicht einmal, dass er unser… unser…“
„Unser Sohn ist“, beendete Vernon den Satz tonlos.
Er stand ein wenig abseits, hielt Harry bei den Schultern und schien zu überlegen, ob sich Petunia am Ende durch den Kontakt mit dem Fremden angesteckt hatte und zum Wohle der Allgemeinheit (und nicht zuletzt ihrer Selbst) erschossen werden müsse.
„S…sohn?“ brachte Dudley hervor.
Auch Harry fand seine Stimme wieder: „Der? Mein Cousin? Igitt!“
Dudley trat auf Petunia Dursley zu.
„Ist das wahr?“ flüsterte er.
„Nein, ist es nicht!“ behauptete Harry. „Das sieht man doch schon! Der sieht aus wie ein Schwein, so fett wie der ist und mit seinen winzigen Au… au!“
Harry quiekte nun selbst wie ein Schwein. Rübezahl hatte seinen Schirm auf ihn gerichtet, doch was genau er diesmal bezweckte, blieb vorerst ein Geheimnis. Denn mittlerweile hatte das Zoopersonal genug und komplimentierte alle Besucher aus dem Reptilienhaus hinaus.
Auf nicht absehbare Zeit geschlossen.
Familie Dursley, den Riesen eingeschlossen, wurde noch ein wenig weiter begleitet, nämlich durch den Ausgang zurück auf den Parkplatz.
Hausverbot! Aber nicht zu knapp! Und Seien Sie bloß froh, dass wir nichts beweisen können, sonst folgte die Anklage auf dem Fuß!

Endlich standen der Riese, Dudley und die Dursleys allein auf dem Parkplatz, nur an Aufatmen war noch nicht zu denken. Denn was in dem allgemeinen Tumult nicht aufgefallen war, wurde nun offenbar: An Harrys Gesäß ringelte sich ein Schweineschwanz.
„Na, kein Problem“, kommentierte Rübezahl den Anblick. „Wird ein bißchen Schwierigkeiten beim Sitzen haben, aber in Hogwarts kriegen die das rasch wieder weg.“
„Was, er auch?“ entfuhr es Dudley. „Nach Hogwarts geht?“ fügte er verdattert hinzu.
Erstmals im Leben teilte der Junge etwas mit seinen Eltern. Die Dursleys nahmen die Eröffnung, dass auch Harry Potter nach Hogwarts gehen solle, mit demselben Entsetzen auf wie Dudley. Die Erwachsenen, weil es implizierte, dass ihr Neffe ebenfalls ein Zauberer war und Dudley, weil er sich darauf gefreut hatte, allein auf diese mysteriöse Schule zu gehen. Nicht mehr die Dursleys bedienen zu müssen! Das neue Schuljahr wäre dann seinen erste Ferien überhaupt gleichgekommen! Wie es aussah, würde er stattdessen eine Stelle als Harry Potters persönlicher Lakai in Hogwarts antreten.
Harry seinserseits schien darüber nachzudenken, ob er nun doch ein fliegendes Motorrad bekäme.
„Wie, Harry nich?“ Rübezahl kratzte sich am Kopf. „Na, ich weiß nicht, vielleicht wirklich nicht, von ihm hat mir niemand nichts gesagt. Habs mir nur so gedacht.“ Er zuckte die Schultern, dann legte er seinen Damenschirm wie eine Flinte darüber. „Da müssen wir wohl auf seinen Geburtstag warten. Jedenfalls, der Dudley wird mal ein ganz großer Zauberer!“
Dudley grinste verlegen. Seit er sich in den Kopf gesetzt hatte, dass Dudley ein Tierfreund sei, hatte dieser Riese offenbar einen gewaltigen Narren an ihm gefressen! Er stellte sich Dudley nun als „Hagrid“ vor, Hüter der Schlüssel und Ländereien von Hogwarts, und erklärte: „Komm, wir fliegen nach Londen. Du hast noch keinen Vertrauten, ich kaufe dir einen. Zum Geburtstag! Wir brauchen ohnehin noch deine Bücher, deine Roben, deinen Zauberstab und…“
„Ich komme mit!“ rief Harry aus, seinen Schweinchenringelschwanz völlig vergessend. „Ich will auch so ein Zaubertier!“

„Nein!“
Harry wandte sich um. Es war sein Onkel, der da gesprochen hatte. Doch so kalt und distanziert, beinahe feindselig, hatte der Junge Onkel und Tante noch nie erlebt. Natürlich, sie mochten es nicht, wenn sie für Dudley Geld ausgeben mussten, doch da war mehr…
„Wenn du jetzt mitgehst“, schnarrte Vernon Harry an, „bist du enterbt für immer und nicht mehr unser Sohn!“
„Sohn?“
Petunia trat vor. Sie schloss Harry fest in die Arme.
„Ja, unser Sohn!“ bekräftigte sie. „Das warst du immer für uns!“
Harry zitterte am ganzen Leib, denn was Vernon und Petunia über Jahre hinweg ihrem leiblichen Sohn angetan hatten, wusste er ja. Andererseits war Dudley ein Zauberer, also ein Freak. Wie selbstverständlich er das dachte! Und Onkel und Tante erst! Sie schienen es die ganze Zeit über bereits gewusst zu haben. Genau wie Dudley, denn der protestierte ja nicht einmal das kleinste bißchen. Gewiss hatte er bereits auf den Auftritt des Riesen gewartet, es geplant, Harry diesen Tag zu verderben! Einzig Harry selbst hatte Magie bisher für Aberglaube gehalten. Die ganze Welt stand Kopf!
„Tante Petunia? Ich will nach Hause!“
Petunia nahm Harry an die Hand wie ein kleines Kind.
Dudley fühlte sich an Hagrids ebenfalls wie ein Kleinkind, nein, wie ein Baby. Ein Neugeborenes, das in eine ihm fremde Welt geworfen wurde. Nur, dass er in dieser willkommen zu sein schien – Dudley Dursley, das Wunschkind der Zaubererwelt!

Dann liefen beide Gruppen in entgegengesetzte Richtungen.
Harry lag auf dem Bauch im Wagen von Onkel und Tante. Unter Flüchen klammerte er seine Finger ins Polster der Rückbank, dachte aber daran, rechtzeitig wehleidig zu winseln, wenn Onkel oder Tante nach hinten sahen.
Dudley stieg vor Hagrid auf ein echtes fliegendes Motorrad. Es hob ab und die Haare des Jungen flatterten, von einem plötzlichen Wachstumsschub aus Dudleys Kopf getrieben, im Wind.

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2 Gedanken zu “Der 11. Geburtstag”

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