The sorting of Dudley Evans

Eine Harry Potter fanfic
Schließt an „Der 11. Geburtstag“ an
Was man wissen sollte: In dieser Parallelwelt ist Harry der verwöhnte Lieblingsneffe und Dudley das aufgrund seiner Zaubermacht enterbte Aschenputtel.

„Dursley, Dudley!“ hallte es durch die große Halle.
Und dann gleich noch einmal: „Dursley, Dudley!“
Aus der Gruppe der Schulanfänger erfolgte keine Reaktion.
Dafür begannen die Älteren sowie die Lehrer nun untereinander zu tuscheln. Es kam vor, wenngleich dieser Fall auch sehr lange nicht mehr eingetreten war, dass eingeladene Zauberschüler die Ehre ablehnten. In den meisten Fällen handelte es sich dabei um traditionell ausgerichtete Familien, die es vorzogen, ihre Kinder bei einer anderen Zaubererfamilie unterweisen zu lassen. Andere fanden, dass das Profil ausländischer Schulen der speziellen Begabung ihrer Sprösslinge besser entspräche. Wieder andere wollten gar keine Zauberer werden, sondern eine andere Karriere einschlagen. Sie stellten die tragischsten Gestalten dar, denn ihnen stand keine Wahl zu. Ein Zauberer zu sein war kein Beruf, sondern genaugenommen eine von zwei sich die Erde teilenden Arten der Gattung Mensch. Mit seinen Kräften umgehen zu lernen war für einen solchen Menschen ebenso notwendig wie das Töpfchen-Training im Kleinkindalter.

„Huch, Dudley?“
Ein dicklicher Junge mit einem frisch rasierten Schädel zuckte zusammen.
„Aber das bin ja ich!“
Der Junge löste sich aus den Schulanfängern, um nach vorn zu stürmen.
„So ein Hirni!“ lachte ein blonder, beichgesichtiger Elfjähriger.
Der neben ihm stehende Neuling, ein drahtiger kleiner Kerl mit einer Brille, in deren Gestell eingesetzte Kunstdiamanten das Licht der Kronleuchter reflektierten, trat mit dem Fuß nach einer unsichtbaren Konservendose.
„Der Eumel ist mein Vetter“, zischte er. „Ich weiß gar nicht, was der hier macht!“

Dudley stand nun vor dem Stuhl, auf dem er sich den Sprechenden Hut auf den Kopf setzen lassen sollte, wie bereits die Schulanfänger vor ihm.
„Ent… Entschu… schuldigung“, stotterte er. „Bis vor kurzem hieß ich nämlich noch Evans!“
Die Hexe sagte nichts. Dudley kannte das bereits aus seiner alten Schule. Die Lehrer standen nie aufseiten der unbeliebten Kinder, oder gar jener, die sich vor ihren Altersgenossen fürchteten. Nach außen hin rügten sie die prügelnden, andere auslachenden und Schulränzen versteckenden Kinder, doch insgeheim fühlten sie sich ihnen verbundener als deren Opfern. Denn die machten nur Arbeit. Wenn sie endlich damit aufhörten, so anderes zu sein, dann müssten sie auch nicht mehr verprügelt oder gedemütigt werden.
Dudley zuckte zusammen, als die Hexe ihm den Hut überstülpte. Nicht vor Schreck, sondern weil er merkte, ins Hadern mit der Welt zu verfallen, anstatt sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Im Hause Dursley wie in der Grundschule aber war es von äußerster Wichtigkeit gewesen, stets aufmerksam zu sein!

„Na, wen haben wir denn hier?“
Dudley zuckte zusammen. Ein Satz, der so begann, konnte freundlich gemeint sein, oder auch zynisch. Im Falle des sprechenden Huts traf weder das eine noch das andere zu. Er sah tief in das Wesen einer Person hinein, doch er verfügte trotz all seiner Einsicht über keinerlei Empathie mit seinen Opfern. Das Artefakt analysierte, doch es lobte das Ergebnis weder, noch kritisierte es. Jeglicher Stolz und jede Scham gingen allein vom jeweiligen den Hut tragenden Schüler aus.
„Sonderlich viel im Köpfchen hast du nicht, bist auch nicht der Mutigste. Dreist, ja, sofern es dir einen Vorteil verschafft. Hast deine Finger gern mal in anderer Leute Taschen… Wolltest du nicht die Welt zu einem besseren Ort machen? Mittlerweile hast du nur noch einen Wunsch: Harry Potter zu sein. Am besten ohne viel Anstrengung.“
Dudley biss die Zähne zusammen. Der Hut sprach die Wahrheit… allerdings ließ er auch etwas aus.
„Weißt du was?“ dachte Dudley, dem Hut in derselben Weise antwortend, in der dieser mit ihm kommunizierte. „Ich habe es satt! Satt, gesagt zu bekommen, dass ich mir verdienen müsse, was für andere selbstverständlich ist, meine bloße Anwesenheit vor jedermann rechtfertigen zu müssen und diesen ganzen Sei-dankbar Kram. Ich habe das versucht, mich für andere zu freuen, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Ich bin nunmal kein Heiliger!“
Doch scheinbar war genau das der Anspruch, der hier an einen gestellt wurde. Dass man selbst zufrieden sein musste, bevor man sich anderer annahm, weil man sonst nicht half, sondern nur ein Leben für ein anderes opferte… ja, natürlich, sonderlich märchenhaft war das nicht. In den Geschichten gelehrt wurde der andere Fall, die Selbstaufgabe, ganz so, als habe jemand bereits vor der Geburt zweier Kinder festgelegt, welches die wichtige Figur sei, und wessen Existanz nur dafür gut war, demjenigen auf seinen Weg zu helfen.
Mutig, klug, fleißig, strebsam… und wo blieb er, Dudley, in dieser Aufzählung? Bestand die Welt nicht in der Hauptsache aus normalen Kindern, Kindern mit der einen oder anderen Vorliebe, die sich aber ansonsten in nichts voneinander unterschieden und nur je nachdem, was auf sie einstürmte, in die jeweils sinnvollste Richtung auswichen, um zu überleben? Offensichtlich nicht in der Zaubererwelt. Oder wenn es doch solche Zaubererkinder gab, dann waren sie es auch auch hier nicht wert, dass man sich ihrer annahm.
„Ich kann nicht mehr“, flüsterte Dudley. „Ich weiß nicht, ob ich ein ganz großer Held oder Superschurke hätte werden können. Ich will einfach nur meine Ruhe und auch mal was schönes. Kann ich… kann ich vielleicht nach dem Essen wiederkommen? In der Zwischenzeit fertigst du Harry und seinen neuen Freund ab. Die sind schon ganz begierig darauf, sich testen zu lassen!“

War es der Stolz eines Gryffindor? Die Vernunft eines Ravenclaw? Die Selbstzentriertheit eines Slytherin? Der gerechte Zorn eines Hufflepuff? Etwas von allem, doch das half dem Hut nicht, den Schüler einzuordnen. Dudley war kein leichter Fall, eher einer, den Bürokraten ohne große Umschweife unter „Anderes“ oder „Untauglich“ eingeordnet hätten.
Dem Sprechenden Hut stand diese Option nicht offen. Eine Entscheidung zwischen den vier zur Verfügung stehenden Optionen musste getroffen werden. In der Praxis gingen sie ineinander über: So gab es tollkühne Ravenclaws ebenso wie solidarische Slytherins, faule Hufflepuffs und Gryffindors, die lieber ein Buch zur Hand nahmen, als auf dem Gelände herumzutoben. Das Geheimnis, das sich vielen elfjährigen Schulanfängern noch nicht erschloss, bestand darin, zu prüfen, weshalb jemand tat, was er tat. Diese Motivation bestimmte in weitaus stärkerem Maße, in welches Haus jemand gehörte, als seine nach außen hin sichtbaren Taten. Zu diesem Zweck bewahrte der Sprechende Hut nicht nur einen Satz überaus komplex verschachtelter „Wenn“- „Dann“ Anweisungen, sondern ganze konkrete Persönlichkeitsfragmente der vier Schulgründer.
„Das ist völlig indiskutabel“, ließ sich das Slytherin-Fragment vernehmen. „Natürlich, wenn Mittelmäßigkeit und das stille Glück des Lohnempfängers noch immer als anmaßender sozialer Aufstieg gelten, dann müsste das Knäblein hier als regelrecht staatsgefährdend ambitioniert gelten. Wie die Dinge aber stehen, kann ich mit ihm nichts anfangen.“
„Ich auch nicht“, stimmte das Gryffindor-Fragment zu. „Seht, Freunde, ich verlange nicht, dass sich die gesamte Menschheit vor Edelmut überschlägt, das wäre unrealistisch. Aber von meinen persönlichen Schülern erwarte ich eine inspirierende Vorbildhaftigkeit, welche dieser Knabe hier nicht aufbieten kann.“
„In eurer Weise seid ihr beide sehr eingeschränkt“, meldete sich das Hufflepuff-Fragment zu Wort. „Ihr übersteigert eigentlich sehr gute Qualitäten, bis sie zur Karikatur verkommen. In eurem Bemühen, eure Ideologie vor dem jeweils anderen zu vertreten, vergesst ihr mitunter, für wen wir Hogwarts überhaupt gegründet haben: Als Zufluchtsort für die Verfolgten, damit diese innerhalb der Mauern stark werden und andere in derselben Lage beschützen können.“
Dudley nickte unwillkürlich. Ja, das war es ungefähr, was er hatte sagen wollen, aber nicht ausdrücken können.
„Und Spaß haben!“ fügte er hinzu.
Das Hufflepuff-Fragment schmunzelte, wie immer sich das bei einer körperlosen Wesenheit äußerte. Dudley spürte es einfach.
„Diese beiden haben längst vergessen“, behauptete das Hufflepuff-Fragment, „dass Spaß etwas anderes bedeutet, als sich als der Beste zu beweisen.“
„Ich glaube“, dachte Dudley angestrengt, „Harry hat das noch nicht. Er könnte auch nach Hufflepuff kommen, oder?“
Der Hut gab keine Antwort, jedenfalls nicht auf Dudleys Frage. Stattdessen rief er, dass es in der gesamten Halle zu hören war: „Hufflepuff!“

„Hufflepuff! Ich wusste es! Der Loser!“
Unter dem spöttischen Lachen des Vetters und dessen neuen Kumpans schlich Dudley an seinen Tisch. Seinen Kopf hielt er dabei gesenkt. Was er unter dem Sprechenden Hut gehört hatte, spielte keine Rolle. Er befand sich wieder in der realen Welt und die wurde tagtäglich von der Weltsicht ihrer Bewohner dominiert. Aus deren Perspektive aber nahm er nicht am Tisch der fröhlich zechenden, ihr Leben genießenden Beschützer der Schwachen Platz, sondern bei den Verlierern, die nur deswegen eine Gruppe für sich bildeten, weil sie niemand anderes haben wollte.

Ein Kapitel habe ich noch in Vorbereitung, danach geht es mit „Menschenmacher“ weiter

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4 Gedanken zu “The sorting of Dudley Evans”

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