Dudley Evans in der Kammer des Schreckens (Teil 1)

Eine Harry Potter fanfiction, angesiedelt in meinem Paralleluniversum
Was man darüber wissen sollte: Sowohl Harry als auch Dudley gehen nach Hogwarts, wobei allerdings hier Harry der verwöhnte Lieblingsneffe ist und Dudley das Aschenputtel.
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Viel Spaß!

„Seht nur! Da fährt sie wieder! Die alte Dampflock!“
„Wo, wo? Ich sehe nichts!“
„Na, dort, hinter dem Hügel! Wo’s so qualmt! Schau, jetzt kommt sie um die Kurve!“

Und tatsächlich – ratternd und schnaufend bahnte sich eine altmodische Dampflock ihren Weg durch die Heide. Auch im Jahr 1981 sah man derartige Monster noch vereinzelt im Einsatz, üblich war das jedoch keinesfalls und so stellte jede Sichtung etwas Besonderes dar.
Der um den Hügel kommende Expresszug wirkte wie aus einem anderen Jahrhundert stammend, wobei sowohl Maschine als auch Innenausstattung als sehr gut erhalten gelten mussten. Nicht im Fass-mich-nicht-an Museumszustand, sondern in jenem leicht abgewetzten „Bestzustand unter Betrieb“, bei dem sich schon mal ein Rocksaum am aufgesprungenen Lederbezug eines Sitzes verfing, dies aber als Ausnahme von der Regel auffiel. Kurz und gut, die Dampflock glich einem Menschen, der die dreißig überschritten hatte: man fühlte sich nicht weniger schaffenskräftig, doch allmählich begann es hier und da im Gebälk zu knirschen.
Mit Sicherheit kostete es ein kleines Vermögen, sich in diesem Express von A nach B befördern zu lassen, weshalb Züge dieser Art auch eher für Ausflugsfahrten eingesetzt wurden.
Die dem Zug und seinen Insassen winkenden Kinder hatten im zurückliegenden Sommer selbst eine Fahrt mit einer Dampfeisenbahn unternommen. Sie meinten, es handle sich um just jene, die sie gerade beobachteten. Oder wenn schon nicht dieselbe, dann doch wohl eine Schwesterlok, die sich im Besitz derselben Ausflugsfirma befand. Das leuchtete ein und weil es so vernünftig war, versank die Begegnung schon bald als unwesentlich unter tausenden anderen Eindrücken, egal, wie aufgeregt die Kinder noch am Vortag darüber geplappert hatten.

So und nicht anders war es den eigentlichen Betreibern des Fahrunternehmens am liebsten.
Sie allein wussten, dass der Hogwarts-Express mehrmals im Jahr Zauberschüler zu jenem berühmten englischen Internat verfrachtete, doch anstatt diese Tatsache durch aufwendige magische Rituale zu verschleiern, präsentierte man sich offen. Was geschähe denn, verlöre ein Unsichtbarkeitszauber mitten auf der Strecke an Wirkung? Dann stiege im besten Fall Rauch aus dem Nichts auf und die Muggelzeitungen schürten Panik über undichte Rohrleitungen auf dem Land. Im schlechtesten Fall hingegen… lieber nicht daran denken. Ein offen dahinzuckelnder dampfbetriebener Zug hingegen, aus dem ein kleiner Zauberer in voller Montour mit gezücktem Zauberstab schaute, würde niemals Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wer hatte sich denn als Kind nicht als Cowboy, Indianer oder eben Hexe verkleidet? Na, also! Bisweilen bestand die beste Tarnung eben doch darin, sich in aller Öffentlichkeit zu zeigen.

In Altrincham nahm die Lok frisches Wasser auf.
„Ein wundervolles Stück“, kommentierte ein Bahnangestellter. „Es ist mir jedesmal wieder eine Freude, euch hier halten zu sehen!“
Der Heizer und der Zugführer nickten dazu, bevor sich das Gespräch der üblichen Mischung aus arbeitsbezogenem persönlichem Tratsch zuwandte. Wenn man zusammen arbeitete und dieser Beruf mehr als nur Geldverdienen war, sondern zudem zur Identität einer Person beitrug, dann gab es genügend Dinge, über die man sich austauschen konnte, ohne darauf kommen zu müssen, dass zwei der drei Männer ihr Teewasser mit einem Zauberspruch kochten anstatt auf dem Gasherd.
Eine Gruppe vorwiegend in schwarze Umhänge gekleideter Personen eilte auf den Bahnsteig zu. Es handelte sich um einen alten Mann, einen in mittleren Jahren, zwei Frauen sowie zwei Kinder und zwei Jugendliche. Offensichtlich besaßen sie Fahrkarten und das Gepäck, das sie bei sich führten, bestand aus zu dem Zug passenden altmodischen Koffern und Reisetaschen.
Der Bahnbeamte seufzte bei dem Anblick. An das Zugpersonal gewandt meinte er: „Grufties. Davon haben wir hier einige in der Stadt.“
„Ach“, winkte der Heizer ab. „Solange sie bezahlen können…“
Der Altrinchamer nickte verstehend. Sich eine Fahrkarte für diesen Express leisten zu können implizierte ein ansehnliches Einkommen, also regelmäßige Arbeit und den passenden Schulabschluss. Ganz so asozial, wie sie in den Augen des Bahnangestellten erschienen, konnten diese Leute also in Wirklichkeit gar nicht sein.

„Immer mit der Ruhe, der Zug hat hier eine ganze Weile Aufenthalt!“ gemahnte der Beamte die Reisenden daher um einiges höflicher als ursprünglich geplant.
Der jüngere der beiden Männer lächelte nervös.
„Ja… danke. – Hilf Andrew mit dem Koffer, Gwendolyn!“
Die Angesprochene, eine hochaufgeschossene, dabei aber knabenhaft schlanke Fünfzehnjährige, setzte eine hilflose Miene auf. „Ich… der ist ein bißchen zu schwer für mich.“
„Ach so, ja.“ Hilfesuchend blickte sich der Familienvater um. Als der älteste Junge unterstützt vom Heizer sich des schweren Koffers annahm, huschte ein Lächeln über das Gesicht des Mannes.
„Vielen Dank!“
Nach und nach verschwanden die fünf Kinder im Hogwarts Express. Zurück blieben die Familienangehörigen in ihren schwarzen Mänteln.
„Na, Sie lassen es sich ja etwas kosten!“ bemerkte der Bahnbeamte zu dem nervösen Mann, der vorhin von dem Mädchen erwartet hatte, einen prall gefüllten Reisekoffer in den Zug zu hieven.
Dieser zuckte die Achseln. „Jedes Jahr ein kleines Abenteuer, die Bande zur Schule zu bringen. Sonst fl… fahre ich sie immer persönlich hin, aber mit dem neuen Baby zuhause habe ich gerade genug Zeit für den Weg zum Bahnhof.“
Der Beamte meinte zu verstehen: die Kinder durften in diesem Herbst ausnahmsweise mit dem Luxuszug zur Schule fahren, damit sie nicht hinter dem neuen Familienmitglied zurückgesetzt fühlten.
„Aber den Gören nachwinken, dafür reicht die Zeit sicher noch!“
„Ha, ja, dafür MUSS sie reichen!“
Und so standen der Bahnangestellte und die Zauberer noch eine ganze Weile einträchtig nebeneinander und winkten dem abfahrenden Zug nach. Sie wechselten Worte über die beiden Jüngsten, für die es ihr erstes Jahr auf einer Internatsschule sein würde, und darüber, wie schnell doch die Zeit verflog. Grufties, so schlussfolgerte der Beamte, nachdem man sich trennte, waren eben auch nur Menschen.

Die Kindergruppe, zwei Jungen und zwei Mädchen, löste sich nun vom Fenster und man verteilte sich auf die Sitze des Abteils.
„Das war ja einfach auf dem Bahnhof!“ krähte der Andrew genannte Junge, ein elfjähriger Schulanfänger, der ein T-Shirt und eine kurze Hose im Muggelstil trug.
„Das Geheimhaltungsgesetz befindet sich seit langem in Kraft“, erwiderte der andere Junge, der als Sechstklässler der älteste in der Runde war. „Man darf guten Gewissens annehmen, dass sich eine gewisse Routine eingestellt hat. Sowohl in seiner Einhaltung als auch im Umgang mit den mannigfaltigen Sonderfällen.“
Auch dieser Junge kleidete sich nach Art der Muggel. Sein dunkelblaues Oberhemd sowie die Krawattenspange in Form eines Raben ließen jedoch keinen Zweifel daran, dass er auf Hogwarts dem ehrwürdigen Hause Ravenclaw angehörte. Die beiden Mädchen hingegen waren in modische Freizeitroben gewandet.
„Der Zug stinkt!“ behauptete die Jüngere, genau wie Andrew eine Schulanfängerin.
„Das ist der Duft der Freiheit, Maude“, erwiderte der Ravenclaw schmunzelnd. „Denk mal nach: Wenn du überall hin apparieren kannst, wieso dann nach London? Oder Altrincham? Oder an irgendeine der anderen Hogwarts-Express Stationen im Land? Wieso zielst du nicht gleich auf Hogsmeade und fährst von dort aus gemütlich mit der Kutsche zum Schloss rauf, anstatt einen ganzen Tag in dieser Kiste zu verschwenden?“
„Weil nicht jeder so ein Einzelgänger wie du ist, Reginald?“ neckte Gwendolyn den Freund, während sie beiläufig Andrews Koffer in die Luft steigen ließ. In diesem Zustand genügte ein kleiner Stubbser, um ihn bequem ins Gepäcknetz zu bugsieren. „Die Fahrt gehört einfach dazu und sie macht Spaß!“
„Schon mal nicht ganz falsch, einen halben Punkt für Slytherin, Gwen“, erwiderte Reginald. „Aber ein bißchen komplizierter ist die Angelegenheit schon: Das ist doch auch unser Planet, nicht nur der der Men… Muggel! Wir haben uns über Jahrtausende unseren Platz hier erkämpfen müssen, waren gezwungen, uns zu vestecken, unsere wahre Natur verbergen. Nowendig war das, weil die Muggel nicht nur seit jeher zahlreicher waren, sondern sich auch lange Zeit im Besitz der stärkeren Waffen befanden. Aber dann hatten wir endlich unsere Nische gefunden, konnten wachsen, forschen… Und da werden wir jetzt einen feuchten Kehrricht tun, als den Kopf unten zu halten und uns zu jeder Stunde unseres Lebens verstecken! Ja, wir müssen noch immer so tun, als wären wir „Grufties“, aber insgesamt ist es sicherer für uns geworden. Daher werden wir NICHT den kürzesten Weg durch den Äther nehmen, sondern durch dieses Land, das auch unseres ist, fahren! Jedenfalls die, die darauf Wert legen, sollten es dürfen…“
„Auf einer Muggelschule gehören Klassenausflüge dazu“, wusste Andrew beizusteuern.
Reginald verzog das Gesicht. „Ja, und wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich meine Eltern nie im Leben bekniet, mich die ersten vier Schuljahre auf eine zu schicken“, erwiderte er.
Aus einer Umhängetasche holte Reginald ein Notizbuch hervor, öffnete es und schüttelte es dann heftig. Eine Handvoll Merkzettel flatterte heraus. Sie begannen sogleich, sich in einen stabilen Orbit um den Kopf des Schülers zu sortieren. Diesem kleinen Planetensystem fügte der jugendliche Zauberer eine Schriftrolle hinzu, die Reiseausgabe eines Lehrbuches, deren Text sich durch Antippen und ziehen mit dem Zauberstab nach oben und unten bewegen sowie in Ausschnitten vergrößern ließ. Offensichtlich wollte der Student keine Minute der aufgezwungenen Reisezeit verschwenden.

„Was sind übrigens Grufties?“ erkundigte sich Gwendolyn.
„Öhm, die ziehen sich schwarz an und sind immer traurig“, gab Andrew Auskunft.
„Verrückte Sachen gibt’s bei euch Muggeln“, kommentierte das Mädchen. Sie verstaute auch noch den Kasten mit ihrem Sportbesen und lächelte dann den beiden Erstklässlern aufmunternd zu.
„Wie, was? Schwarz anziehen?“ murmelte Reginald, der über seine Studien nur mit halbem Ohr zugehört hatte. „Jaja, sobald wir da sind, ziehen wir uns um. Das dauert aber noch ein paar Stunden.“
„Mensch, Umziehen! Das hätte ich ja fast vergessen!“
Wie von der Tarantel gestochen sprang Gwendolyn auf. Sie brachte ein Tütchen aus der Innentasche ihres Umhangs hervor, dem sie zwei Ohrringe in Schlangeform entnahm.
„Das sind Nechbet und Wadjet“, erklärte das Mädchen, während sie sich die beiden Schlangen ansteckte. „Sie schützen die Seele des Pharao – oder so. Aber schaut mal!“
Andrew und Maude folgten Gwendolyns nun einsetzenden Kopfbewegungen mit den Augen. Wie sich das Mädchen auch drehte, die beiden Schlangen ließen sich nie aus den Augen.
„Du sollst eine davon deinem Freund geben, das sei ungeheuer romantisch“, erklärte Gwendolyn lachend. „Den Teufel werd’ ich tun, mir einen Freund anzuschaffen! Aber meine kleinen Schlangen mag ich trotzdem!“
„Was haben die anderen Häuser für Tiere?“ erkundigte sich Andrew. „Slytherin die Schlange und Ravenclaw den Raben. Dann hat Gryffindor einen Adler? Und Hufflepuff einen Kugelfisch?“
„Nah dran, was die Gryffindors angeht“, antwortete Gwendolyn. „Sie führen den Löwen im Wappen. Und Hufflepuff den Dachs.“
„Ich möchte nach Hufflepuff!“ erklärte die kleine Maude. „Das wollte ich schon immer!“
Gwendolyn runzelte die Stirn. „Du kannst etwas Flauschiges haben, ohne zu den Verlierern zu gehören“, meinte sie.
„Hm…“
Erneut griff Gwenddolyn in ihren Umhang. Diesmal holte sie etwas winziges, sich windendes, von einem schwarz-weißen Pelz bedecktes heraus. Das quirlige Etwas hatte spitze Zähne, doch es blickte aus dermaßen lieben Kulleraugen in die Welt, dass man die Zähne gern übersah.
„Oooh!“ machte Maude.
„Die fetzt!“ rief Andrew voller Überzeugung.
„Das ist eine junge Farbratte“, erklärte Gwendolyn. „Mein Zaubertier.“
Sie hob die Ratte in Augenhöhe. „Sag „hallo“ zu Nechbet und Wadjet, Djer!“
Doch Djer, der noch nie in seinem Leben eine Schlange gesehen hatte, vermochte die beiden Ohrstecker schon gar nicht mit seinem Fressfeind in Beziehung zu setzen.
Gwendolyn lachte, teils amüsiert und teils gerührt von der Unschuld ihres Vertrauten.
Und so begann auch für die Kinder der kleinen Zauberergemeinde in Altrincham die Reise nach Hogwarts.

Derzeit herrschte eine ausgelassene Stimmung im Zug, besonders unter den Sechst- und Siebtklässlern. Die Huffelpuffs veranstalteten ein Trinkgelage in einem Großraumwaggon. Die Gryffindors hatten entdeckt, dass ein alter Wagen mit aufs Dach montierten Sofas angehängt worden war, auf dem sie nun zu den Klängen des Ghetto-Blasters eines muggelstämmigen Mitschülers herumturnten. Ruhiger ging es bei den Ravenclaws zu, die sich unter wissenschaftlich kontrollierten Bedindungen der Inhalation bewusstseinserweiternder Kräutermixturen hingaben. Die halberwachsenen Slytherins schließlich knieten mit einem beinahe fanatischen Eifer in die Ausarbeitung von Plänen, die ihnen den Hauspokal sichern sollten, der ihnen im vergangenen Jahr durch die Lappen gegangen war. Kurze Heiterkeit hatte der Auftritt eines mausgesichtigen Elfjährigen ausgelöst, der seinen „umfangreichen Erfahrungsschatz“ hatte beisteuern wollen.
Dieser Junge, Draco Malfoy mit Namen, schmollte nun im Kreis seiner Freunde. Nicht einmal Harry Potters Bemerkungen über die Muggeljogger, die da wie Hunde neben den Gleisen herhechelten, bevor sie einer nach dem anderen zurückblieben, vermochte den Jungen aufzuheitern.
„Zeig die Viecher Evans, der ist der Tierfreund hier“, knurrte Draco.
Dudley hätte nun widersprechen können, erklären, dass sein „Tierfreund“-Status auf ein Missverständnis infolge eines Unfalls zurückging und er Viecher am liebsten gebraten sah. Stattdessen sagte er trotzig: „Dursley! Ich heiße Dursley!“
Dursley lautete sein Geburtsname, den ihm die Eltern verweigerten und an den er sich daher das ganze erste Schuljahr lang hatte gewöhnen müssen.
„Ehrlich mal, Evans, an deiner Stelle würde ich das nicht noch ausposaunen“, entgegnete Draco. „Dass man Squibs enterbt, ist ja normal, selbst die Weaslys haben den Anstand, über ihren Vetter nicht in der Öffentlichkeit zu sprechen. Aber wer selbst von den Muggeln verstoßen wird, was ist derjenige dann noch?“ Der Junge deutete weit auslandend auf eine Weide, die sich vor dem Fenster erstreckte. „Ein Vieh!“ erklärte er. „Muuuuuuhhhhhhhh!“
Dudley verzog das Gesicht.
„Muuuuhhhhhh!“ wiederholte Draco. „Sag „muh“, Evans!“
Dudley senkte den Kopf, Draco aber nickte zufrieden. Er hatte seinen Spaß gehabt, auch Crabbe und Goyle grinsten, obwohl sie vermutlich nichts verstanden hatten, und Harrys Gestikulieren mit den ausgestreckten Fingern vor der Stirn, als sei er ein wilder Stier, entbehrte nicht eines gewissen Unterhaltungswertes.
Dracos gute Laune war wieder hergestellt, die Schlappe im Wagen der Großen nicht vergessen, aber zumindest überwunden.

„Die Älteren glauben, ihre paar Jahre mehr Lebenserfahrung, könnten mit Jahrhunderten der Intrigenkunst mithalten, die ich mit der Muttermilch aufgesogen habe“, warf Draco in die Runde. „Wie pathetisch!“
„Weißt du überhaupt, was das heißt?“ knurrte Dudley.
„Ey, natürlich!“ Die kurze Empörung verschaffte Draco Zeit, seinen Wortschatz nach einer Übersetzung zu durchforsten. Gab es da nicht Pathogene? Das waren Krankheitskeime, daher erklärte der Junge: „Es heißt, es ist krank, was die tun!“
Sowohl Crabbe als auch Goyle, Potter und Evans nickten dazu. Ja, Dracos Erklärung passte zu allem, was sie bisher an Erfahrungen mit den Halbstarken gesammelt hatten.
„Besonders das mit den Mädchen!“ betonte Dudley.
Während sich die anderen vier angewidert schüttelten, meinte Draco lediglich: „Hm, ja, die Mädchen. Es wird Zeit, sich eins auszusuchen!“
„Ieh, Küssen!“ entfuhr es Gregory, Vincent und Dudleyium Chor. Harry schaute lediglich skeptisch drein.
Draco aber winkte ab. „Ums Küssen geht es doch gar nicht!“ behauptete er.
„Worum denn dann?“ wunderte sich Gregory.
„Die Nachfolge in einer Zaubererfamilie muss gesichert werden, damit die Blutlinie bewahrt wird“, eröffnete Draco den anderen Knaben. „Wir müssen uns mit Hexen, die clever und zaubermächtig sind, zusammentun. Das ist eine Angelegenheit der Vernunft, mit Rumgeschnulze hat das rein gar nichts zu tun.“ Draco besann sich kurz, bevor er hinzufügte: „Das glauben nur die niederen Klassen. Wir hingegen haben Verstand und der sagt uns, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, sich umzusehen und Arrangements für später zu treffen.“
„Du meinst, ich suche mir die am wenigsten widerlichste aus und fange schon mal an, mich an sie zu gewöhnen?“ hakte Harry nach. Er deutete auf Dudley. „So, wie ich mich an den hier gewöhnen musste?“
Draco nickte weise. So in etwa hatte er die Angelegenheit auch verstanden.
Vincent und Gregory nickten etwas weniger weise. Ihr Anführer würde ihnen schon rechtzeitig sagen, welches Mädchen sie bei der Hand nehmen sollten. Dudley nickte ebenfalls, in seinem Fall sehr bedächtig. Er hoffte, Draco würde ihn bei der Verteilung der Mädchen übersehen, wie ihn ja auch die Dursleys regelmäßig übersahen, wenn es etwas gab.

Harry schnippte mit den Fingern. „Okay, Draco, Karten auf den Tisch! Welche gefällt dir?“
Draco schloss die Augen. In seiner üblichen langgezogenen Sprechweise antwortete er: „Hehr-miene.“ Dabei klang seine Rede überhaupt nicht gelangweilt wie sonst, auch nicht lauernd, sondern beinahe… sehnsuchtsvoll?
„Hermine Granger!“ wiederholte Draco, die Augen nun wieder geöffnet. Sie glänzten wie die einer Katze auf ihrem nächtlichen Beutezug. „Ihrem Namen nach gehört sie einer traditionsreichen Alchemikerdynastie an, Harry, aber bilde dir nicht ein, dass du sie deswegen haben könntest!“
Harry schüttelte den Kopf. Er und die Granger haben wollen? Bewahre!
„Die flennt mir viel zu oft“, erklärte Harry.
„Nein, sie hat Größe!“ widersprach Draco. „Schau mal, diese Frau ist allein, ohne Freunde. Sie sehnt sich nach einem, der ihr ebenbürtig ist, aber finde das mal in Gryffindor! Was hat sie da schon groß zur Auswahl? Den Blutsverräter Weasly, den Squib Longbottom, das Schlammblut Thomas und den Halbblüter Finnigan. Ich meine, die haben alle ihren Platz, aber eben beim Gesinde.“
Dudley wandte sich ab. Er stemmte seinen Ellenbogen auf den schmalen Fenstersims, stützte die Wange auf seinem Handballen ab und starrte in die Landschaft. Draco Malfoy würde also demnächst auf Freiersfüßen wandeln? Das versprach weitaus mehr Ärger als der sabbernde dreiköpfige Hund aus dem vergangenen Schuljahr! Wieso konnte er nicht auf die Stonewall High gehen, wie ein normaler Junge, den niemand wollte?! Diese Zauberersache verlor mit jedem Mondwechsel an Anziehungskraft…

Selbst das Tagebuch, das er Mr. Malfoy gestohlen hatte, vermochte Dudley schon bald nicht mehr aufzuheitern. Bereits in der ersten Schulwoche stellte sich heraus, dass es sich mitnichten wie angenommen um ein wertvolles Sammlerstück handelte, das sich durch Hineinschreiben ruinieren ließ. Stattdessen war das Ding scheinbar so verzaubert, Einträge zu analysieren und Antworten aus einer Reihe vorgefertigter Phrasen zurückzuschreiben. Die sollten wohl aufmunternd klingen, doch vermochte Dudley dem Psycho-Gebabel nichts abzugewinnen. Dennoch schrieb Dudley weiter in das Buch. Nicht wegen der Antworten von „Vertrauensschüler Tom Riddle“, die er schon bald nicht mehr las, sondern, weil ihm das Ordnen seiner Gefühle in dieser Weise half. Bisweilen allerdings fühlte sich der Junge hinterher regelrecht ausgelaugt…

Eine Woche später:

„Die alten Zauberer hatten es gut“, behauptete Harry Potter. Als Teil von Draco Malfoys kleinen Gefolge befand er sich auf dem Weg zum Vorlesungssaal für Geschichte der Zauberei. Da das Fach ohnehin weitestgehend aus Professor Binns’ Monologen bestand, war die Schulleitung zu der Übereinkunft gelangt, jeweils einen komplette Jahrgang zusammenzufassen. Dass dadurch Professor Binns Stundenkontingent um fünfundsiebzig Prozent schrumpfte, konnte den Geldgebern der Schule nur Recht sein und den Professor, der seine sterbliche Hülle ja abgelegt hatte, scherte es nicht weiter. Je weniger Zeit er in der Lehre verbrachte, umso mehr blieb im für seine Forschungen – worin auch immer diese bestanden.
Draco schluckte Harrys Köder, indem er „Wieso?“ fragte.
„Na, weil sie der Vergangenheit gelebt haben. Da gab es viel weniger Geschichte als heute!“
„Nein…“ ließ sich da plötzlich Goyle vernehmen.
„Wie, nein?!“
Wie eine Person fuhren Draco, Harry und Dudley herum. Dass Gregory Goyle gesprochen hatte, war schon erstaunlich genug, doch was er da von sich gab, schien nahe zu legen, dass er dem Gespräch nicht nur gefolgt war, sondern einen Gedanken beizutragen hatte. Einen Gedanken!
Vorsichtshalber starrten die drei auch Vincent Crabbe an, ob der wohl ebenfalls etwas zu sagen hatte. Doch der stierte nur ebenso verständnislos wie die anderen auf Goyle.
„Naaaa“, begann der Junge sehr bedächtig, als fürchte er, seine Gedankenkette könne brechen, spräche er schneller. „Die Altvorderen sind viel näher an uns dran als an der Eiszeit. Also, die Zeit zwischen uns und denen bedeutet nichts gegen die hunderttausende Jahre, die noch davor waren.“
Harry rückte seine Brille zurecht und Draco den Hemdkragen. Was Goyle sagte, ergab Sinn, in gewisser Weise.
„Öhm – und?“ fragte Harry. „Wie weiter?“
„Nichts weiter. Einfach nur so.“ Gregory zuckte die Schultern. „Gehen wir rein.“

Kaum hatten sich die Schüler aller vier Häuser im Vorlesungssaal eingefunden, schwebte der Professor auch schon durch die Decke ein. Er verkündete, in der heutigen Stunde sehr weit in die Geschichte zurückgehen zu wollen.
Mit glänzenden Augen setzte sich Gregory kerzengerade in seiner Bank auf.
„Yay, Mammuts!“ flüsterte er.
Doch statt der erhofften Abenteuerstory aus der Eiszeit wurde den Schülern die Geschichte des alten Babylon angekündigt, in dem Magie betrieben und heidnische Götter angebetet worden waren.
Stirnrunzelnd hob Dudley Evans-oder-vielleicht-doch-Dursley seine Hand.
„Ja, Mr. Dursley?“
„Sollten wir nicht heute die Geschichte der Häuser Hogwarts durchnehmen?“ fragte Dudley, in der Hoffnung, dem alten Babylon mit seinen Schwarzmagiern doch noch zu entkommen. „So haben Sie es uns jedenfalls letzte Stunde aufschreiben lassen!“
„Die Geschichte der Häuser Hogwarts ist eng mit der Geschichte der Verfolgung der Zauberer verknüpft“, erklärte der Professor. „Und diese wiederum…“
„Ach so.“
Dudley nickte höflich, während sein Verstand in den Ruhemodus schaltete. Das war wieder einmal typisch Prof. Binns! Man fragte ihn, wie man eine neue Kerze in den Leuchter schraubte und er begann damit, auszuführen wie sich sich die schwereren Elemente im Inneren der ersten Sonnen gebildet hatten. Obwohl die „richtige“ Antwort auf die Kerzenleuchterfrage, wie Dudley mittlerweile wusste, lautete, es dem Hauselfen aufzutragen.
Nun, zumindest die Erde schien sich zur Handlungszeit der heutigen Unterrichtsstunde bereits geformt und auch schon abgekühlt zu haben.
Inspiriert von Goyles kurzem Ausruf zeichnete Dudley ein Mammut auf sein Pergament. Kaum war die Zeichnung fertig, schnappte sie sich der andere.
„Ich will auch eins!“ zischte nun Vincent Crabbe. „Nein, lieber einen Tyrannosaurus!“
Dudley machte sich ans Werk und so versprach es zumindest für diese drei eine unterhaltsame Stunde zu werden.

„Im Laufe der Geschichte ging vieles an Wissen verloren“, dozierte Professor Binns, „ja, die gelehrtesten Köpfe behaupten gar, dass die Altvorderen auf eine viel längere Geschichte zurückblickten, als wir heute zurückverfolgen können…“
„Gut so“, murmelte Harry.
„…jene Götter und Dämonen beispielsweise, die das religiöse Empfinden der Menschen Babylons beherrschten, waren keine übernatürlichen Wesen, sondern nichts anderes als Zauberer, deren Wirken im Laufe der Jahrhunderte überhöht, missverstanden oder absichtlich verfälscht wurde.“
„Eh, wozu lernen wir das dann alles, wenn es nichts als Spinne ist?“ entfuhr es Draco abgestoßen. „So eine Zeitverschwendung!“
Frustriert riss der Junge ein Pergament in zwei Hälften. Sein Vater hatte ihm eingeschärft, wie wichtig es sei, die edle Geschichte der Zaubererzunft zu studieren und das vergangene Jahr über hatte sich der Junge daher tapfer durch den Stoff gekämpft, ohne dabei einzuschlafen. Stolz war Draco Malfoy darauf gewesen, sich voller Ernst den wichtigen Dingen im Leben zu widmen, während die Schlammblüter und jene Zauberer, die nur von niederem Stand waren, Geschichte als Gähnfach abtaten. Doch nun… alles nur Humbug! Gefährlicher Humbug obendrein: Man konnte an diesem Fach sterben, wie der Professor ja bewiesen hatte.
Während Binns seinen Text abspulte, spielten Draco und Harry daher Zauberer-Schiffe versenken: Schüsse wurden durch Tippen auf das entsprechende Kästchen im Koordinatensystem abgegeben, woraufhin das beschossene Feld auf dem Pergamentfetzen des Gegenspielers Funken sprühte und, im Falle eines Treffers, nur noch Brandloch zurückblieb. Zauberer-Schiffe versenken eignete sich perfekt für eine langweilige Schulstunde, denn es erforderte kein verräterisches Flüstern und kam vollständig ohne Battierien aus.

Professor Binns zeigte den Schülern nun ein Gemälde aus der Werkstatt des europäischen Malers Lucas Cranach, das der Legende nach ein Schüler hinter dem Rücken des Meisters, sehr wohl aber in dessen Stil angefertigt hatte. Es stellte einen Mann im Schafsfellrock und mit orientalischen Zügen dar. Nur aus den Augenwinkeln hinschauend meinte Dudley, es handle sich um Salazar Slytherin, der sich ein Badetuch umgeschlungen hatte. In der Tat, so erklärte der Professor, orientierte sich die Darstellung des Mannes auf dem Gemälde an seinem Nachfahren Salazar. Wie er wieklich ausgesehen habe, wisse heutzutage niemand mehr.
Ohne Einbeziehung seines Wachbewusstseins krakelte Dudley die wichtigsten Informationen auf sein Pergament, in Schlängellinien zwischen die Säbelzahntiger und Wollhaarnashörner, die sich dort bereits tummelten: Enki benutzte als erster das Schlangenwappen… wanderte herum… quatsch, war bewandert! …in Heilkunst… auch in Politik… denn er war von königlichem Stand… Erstgeborener… fiel aus der Erbfolge… als er enttarnt wurde als Zauberer…
„Ja, wirklich tragisch“, knurrte Dudley. „Aber der hat bestimmt nicht in ´nem Schrank wohnen müssen!“
„Nur, weils damals noch keine gab“, höhnte Goyle und Crabbe fügte hinzu, er hoffe, der Enterbte habe sich an den Muggeln für seine Zurücksetzung gerächt.
In der Tat, so erfuhren die Kinder, hatte Enki allerlei Übel über das Zweistromland hereinbrechen lassen: Zuerst eine tödliche Krankheit, dann eine Dürre, eine Hungersnot und schließlich eine Flut.
Dudley fuhr fort, längst ausgestorbene Kreaturen zu skizzieren. Sie wirkten nun ganz und gar nicht mehr blutrünstig, sondern irgendwie träge, was an Professor Binns einschläfernder Stimme lag. Dieser setzte seinen Vortrag fort. Die Kinder erfuhren, dass der Zaubrer seine Untaten im Auftrag seines Herrschers verübt hatte, ohne es selbst zu wollen. Und jedesmal war es im allerletzten Moment gut ausgegangen: „Da nun Enki jedesmal die Talbewohner heimlich instruiert hatte, wie sie den Zorn König Ellils besänftigen konnten, erwartete er, es auch diesmal wieder zu schaffen. Doch Ellil war misstrauisch gegen seinen Bruder geworden und verbot ihm jeglichen Kontakt zu den Untertanen, sowohl den Muggeln als auch den Zauberern. Er band Enki mit einem Eid an dessen Wort, Schweigen über die bevorstehende Überflutung zu bewahren, obwohl diese den Tod aller Menschen im Tal bedeutet hätte.
In seinem Wahn, die Zauberer ausrotten zu wollen, nahm Ellil auch den Untergang seiner Muggeluntertanen in Kauf. Unfähig, auch nur ein Wort über die bevorstehende Flut zu äußern, sandte Enki seinen treuen Hauselfen ins Tal. Jene Menschen, die dem Elfen glaubten, entkamen der Flut in einem Schiff.
Die Zauberer erinnerten sich später an die Rettung durch einen der ihren, der sich im letzten Moment gegen sein Leben bei Hofe und dafür, das Richtige zu tun, entschied. Die Muggel aber hielten die Erinnerung daran, wie ihre Verwandten im Tal durch einen Zauberer zum Bösen verführt wurden und daher ertränkt werden müssen, wach. Sie führten Ellils Werk fort, indem sie Zauberer und deren Helfer einfingen und ertränkten, wo immer sie derer habhaft werden konnten.“

Das betretene Schweigen der Klasse wurde vom penetranten Fingerschnippen einer einzelnen Schülerin gebrochen: Hermine Granger forderte Aufmerksamkeit!
Das war so typisch, dass die Schüler in Lachen ausbrachen, was ihnen vorwurfsvolle Blicke von der fingerschnippenden Hermine einbrachte. Und das wiederum war ebenso typisch, dass die ganze Geschichte um Enki, Ellil, die Flut und was spätere Generationen daraus gemacht hatten, ins Traumreich zurück verbannt wurde.
Hermine aber erklärte: „Wörtlich übersetzt steht hier aber nur Elf, nicht Hauself. Und es heißt auch nicht Diener, sondern Minister!“
„Es steht deutlich in den Überlieferungen, dass Enki keinen Minister, sondern den Elfen ins Tal sandte“, korrigierte Professor Binns. „Er durfte ja nicht mit den Menschen über die Flut sprechen. Elfen hingegen waren von dem Eid ausgenommen, den Ellil Enki aufgezwungen hatte. An die hatte er nicht gedacht.“
„Ja“, nickte Hermine. „Aber ich meine, der Elf WAR der Minister. Das ist die einzige Möglichkeit, wie der Text Sinn ergibt!“
Hermines weitere Erklärung ging im Johlen der Klasse unter wie in einer erneuten Sintflut. Ein Hauself als Minister bei Hofe, das war der Brüller!
Allein Draco runzelte die Stirn und trat jedem seiner Gefolgsleute, den er erreichen konnte, unter dem Tisch gegen das Schienbein, bis diese ihr Lachen einstellten.
„Wenn uns das wie Blödheit vorkommt, heißt das nur, wir verstehen es nicht“, behauptete er. „Hermine denkt sich etwas dabei!“

„Hast du bereits Alte Runen?“ fuhr der Professor Hermine an. „Nein, das hast du natürlich nicht! Also warte, bis du das Fach qualifiziert lernst, bevor du dir eine Meinung zu den Schriften erlaubst!“
Hermine schüttelte zwar wie einsichtig den Kopf, doch dann tippte sie auf ein Buch, das sie vor sich aufgeschlagen hatte. „Ich habe die Vokabelliste aus dem Mythenbuch hier benutzt“, erklärte die Schülerin. Einen Finger zwischen die entsprechenden Seiten haltend, hob sie das Buch hoch, damit es der Professor sehen konnte.
„Das kenne ich! Das hatte ich auch als Kind!“ entfuhr es Harry. „Den sprachkundlichen Anhang habe ich aber nie gelesen“, fügte er nur für die Umsitzenden hörbar hinzu. Wer tat schon so etwas Verrücktes?
Draco kniff die Augen zusammen. Wenn Harry dieses Buch gelesen hatte, das Hermine gerade der ganzen Schule präsentierte, dann ließ das nur eine Schlussfolgerung zu. Eine, die seine Verehrung für die mysteriöse Hermine in Abscheu umschlagen ließ. Die Granger war also ein Schlammblut?
„Das ist ja ein Muggelbuch!“ rief der Junge aus.
„Die haben von nichts eine Ahnung“, ergänzte jemand.
Muggelwissenschaft wurde selbst von den tolerantesten Zauberern als unzuverlässig abgetan, besonders, wenn sie sich anmaßte, über Zauberer und deren Werke zu urteilen. Darüber musste sich Hermine belehren lassen und das Mythenbuch verschwand rasch in ihrer Mappe.
„Fahren wir im Stoff fort“, nahm der Profesor den Faden wieder auf. „Nach Jahrtausenden der Verfolgung, die mit dem Verlust nicht nur zahlreicher Leben, sondern auch der Stagnation magiewissenschaftlichen Fortschritts einherging, begab es sich, dass vier hochbegabte und welterfahrene Zauberer den Beschluss fassten…“

So war Draco Malfoy also von seinen amorösen Ambitionen geheilt. Ein anderer aber hatte ebenfalls eine neue Erkenntnis gewonnen: Dudley.
Dudley hatte die Geschichte von Enki, so bruchstückhaft er sie auch nur mitbekommen hatte, schwer beeindruckt. War er nicht genau wie dieser Teil eines Hofstaates, zu dem er eigentlich gar nicht gehören wollte? Tat er nicht ebenfalls Dinge, die er für falsch hielt? Dabei war es so einfach: Man musste lediglich einen Schritt zur Seite treten!
Genau das tat Dudley am Ende der Stunde. Als die Schüler einer nach dem anderen den Saal verließen, ließ er sich ein wenig zurückfallen, bis nur noch Hermine hinter ihm ging. Und dann sprach Dudley sie einfach an.
„Du, ich würde mir dein Buch gern mal ausleihen“, begann er. „Wir hatten das auch zuhause, aber…“
Das Mädchen sah Dudley ins Gesicht, als nähme sie seine Anwesenheit jetzt erst wahr.
„Oh, du“, sagte sie dann. „Harry Potters Hauself.“
„Was? Nein!“ Dudley wedelte abwehrend mit den Händen. „Ich will das nicht mehr sein!“
„Spielt ja auch keine Rolle.“ Hermine versuchte, sich an Dudley vorbei zu drängen. „Ich muss in die Bibliothek, das recherchieren!“
Dudley aber ließ sich nicht abhängen. „Das mit Enkis Hauself?“ forschte er.
„Ja, was denn sonst?“ erwiderte das Mädchen unwirsch.
„Warum fragen wir nicht einfach die Hauselfen selbst?“ Dudley zwinkerte Hermine zu. „Komm! Wir schleichen uns in die Küche, das wird ein Abenteuer!“
Hermine blieb wie angewurzelt stehen.
„Es gibt… willst du damit sagen, dass es HAUSELFEN auf HOGWARTS gibt?“ stieß sie hervor.
„Wo sollte denn sonst das Essen herkommen? Jemand muss es kochen und dann auf die Tische zaubern. Die Betten bereiten. Den Abfall einsammeln. Gardinen und Vorhänge waschen. Und so einiges mehr.“
Dudley, der ja selbst wusste, wieviel Arbeit so ein Haushalt machte, hätte jede einzelne Tätigkeit aufzählen können, die hier im Schloss anfiel. Seine Erfahrung als persönlicher Sklave der Dursleys hatte ihn zu dem Schluss kommen lassen, dass ein Hausmeister und seine Katze allein dieser Aufgabe nicht gewachsen waren. Ein Dutzend oder mehr Hauselfen hielten Hogwarts am Laufen, daran bestand kein Zweifel für den Jungen.

„Ich glaube dir nicht!“ erklärte Hermine.
Dudley zuckte die Achseln.
„Dann musst du es dir eben selbst ansehen. Denn jemand einen Lügner schimpfen, ohne Beweise zu haben, ist ganz schlechter Stil.“
Hermine schob trotzig ihre Unterlippe nach vorn. Erst, als ihre Schneidezähne dahinter verschwanden, drang es in Dudleys Wachbewusstsein, dass diese stets ein wenig vorstanden. Dieses Mädchen war wahrhaftig keine Schönheit! Hermine würde nie einen Freund finden, soviel war klar. Wut auf Draco stief in Dudley auf. Er hatte sie doch wegen anderer Qualitäten angehimmelt, war bereit gewesen, sie zu heiraten! Mit einem wohlhabenden und gut vernetzten Ehemann wie Draco hätte sich niemand gewagt, Hermine ans Bein zu pissen, egal, wie sehr sie mit ihren Hauern und dem buschigen Haar einem räudigen Angorameerschweinchen glich. Doch Draco hatte sie verstoßen, aufgrund von etwas, für das Hermine noch viel weniger konnte als für ihr Aussehen: ihre Abstammung.
„Mach, was du willst, aber ich gehe jetzt in die Küche“, erklärte Dudley.
„Das darfst du nicht, es ist Schülern verboten!“
„Dann wirst du mich wohl aufhalten müssen!“
Mit diesen Worten lief der Junge los.
„Ich sage den Hauselfen, sie sollen dir was aufheben!“
„Es gibt keine…“ rief Hermine, doch Dudley war bereits um die Ecke gehuscht.
„…Hauselfen auf Hogwarts“, beendete Hermine ihren Satz nur zu sich selbst.
Aber wenn nun doch? Und wenn es keine gab, aber Dursley stellte etwas in der Küche an? Er hatte ihr gesagt, wohin er wollte, also trug sie eine Teilschuld an allem, was passieren würde.
Seufzend begann auch Hermine zu rennen.
Als er die Schritte hinter sich hörte, grinste Dudley in sich hinein. Er drehte sich nicht um, aus Angst, dadurch wertvolle Sekunden zu verlieren. Doch schon bald musste er einsehen, dass Hermine schneller war als er und ihn lange vor der Schlossküche eingeholt haben würde. Daher galt es für ihn, Haken zu schlagen, um den Abstand zu vergrößern, seine Verfolgerin aber nicht komplett abzuhängen.
Weder Junge noch Mädchen waren sonderlich gute Athleten. Dudley, weil er sich gleich einem Winterschläfer genug Speck anfraß, um die mageren Wochen im Ligusterweg zu überstehen, und Hermine, weil sie einfach kein Interesse an Freizeitsport hegte. So sprang Dudley während der wilden Hatz zwar schon mal von einer ihre Richtung wechselnden Treppe auf die benachbarte und Hermine rodelte auf einem Fußabtreter eine Schräge herunter, doch im Großen und Ganzen blieben die Manöver der beiden harmlos.

Endlich erreichten die Kinder die Schlossküche.
Als er noch geglaubt hatte, die Verköstigung der Schüler hinge von der Zahlung eines Essgeldes ab, das die Dursleys in seinem Fall natürlich knapp halten würden, hatte sich Dudley des öfteren in die Küche geschlichen, um sich selbst zu bedienen. Manchmal hatte es funktioniert, dann wiederum hatte ihm etwas, das zu schnell wieder aus Dudleys Sichtfeld verschwunden war, auf die Finger geschlagen und beim letzten Mal hatte er sich bei jedem Schritt wieder im Türrahmen wiedergefunden. Hauselfen hatte der Junge nie gesehen, doch es blieb gar keine andere Eklärung übrig!
Daher stellte Dudley sich nun an einen der großen Eichentische, auf dem Schneidbretter für die Zubereitung von gemischten Salaten aufgereiht standen, und rief: „Hauselfen! Herbei!“
Wie erwartet ploppten die Elfen aus ihren Verstecken – hier ein Ohr, da ein Zopf und dort der Zipfel eines Geschirrtuches, das den Unfreien die Kleidung ersetzte. Auf jedem der Tücher prangte das Wappen der Schule.
„Das ist…! Das ist ja abartig!“ Hermine riss an dem Wischtuch der nächstbesten Elfe. „Runter damit!“
„Nein, nein, Herrin“, quiekte die Ärmste. „Herrin irrt sich, das ist keine Kleidung, die Tipsy trägt. Das ist erlaubt! Professor Dumbledore hat Tipsy und den anderen diese Tücher gegeben!“
„Professor…“ Hermine ließ los. „Dumbledore…“
Das Mädchen sackte zusammen und Dudley konnte nichts tun, als hilflos daneben stehen. Während sich zwei der Hauselfen in der Nähe der Kinder hielten, für den Fall, dass diese einen Wunsch an sie herantragen würden, bearbeiteten die anderen bereits das Gemüse für das heutige Abendessen. Unter dem Tisch hockend, das beständige Hacken der Messer auf den Schneidbrettern über ihrem Kopf, fühlte sich Hermine wie der Beinahe Kopflose Nick damals unter dem Henkersbeil. Dudley hörte sie zusammenhanglos schluchzen:
„Dumbledore… ist doch nicht… nicht so… nicht auch so!“

Hermine hatte eine Weile so gesessen, da kam Dudley zu ihr unter den Tisch gekrochen.
„Rutsch mal!“
Hermine gehorchte ohne auch nur zu brummen. Ihre Welt war gerade zusammengebrochen. –Das hinter ihrem Rücken gezischte „Schlammblut“ aus dem Mund einiger Schüler wurde wenigstens bestraft, wenn es ein Lehrer hörte. Aber Professor Dumbledore, der weise und gütige Schulleiter, der hielt einfach so Sklaven, als handle es sich um die natürlichste Sache auf der Welt? Wie passte das zusammen?
„Doch, sie sind alle so“, behauptete Dudley. „Du, ich, der Professor… wie alle haben unsere dunklen Seiten und je höher du aufsteigst, umso weniger musst du sie im Zaum halten.“
Hermine schwieg. Nach einer ganzen Weile hob sie den Kopf.
„Wenn du dir aussuchen könntest, wer du sein wolltest, was für eine Person wäre das?“
Dudley musste nicht lange darüber nachdenken: „Nicht so klug wie du. All deine Intelligenz bringt dir gar nichts. Ich wollte lieber so sein wie Crabbe und Goyle, dass sich die Leute nicht wagen, mir dumm zu kommen. Weil ich ihnen jederzeit eine auf die Nase geben kann! Du etwa nicht?“
Hermine lächelte traurig. „Verzeih, das war eine dumme Frage.“ Doch dann nahm ihr Gesicht einen entschlossenen Ausdruck an. „Ich will nicht mich ändern, sondern die Welt!“
„Klingt gut“, grinste Dudley. „Aber das mit dem Auf-die-Nase-geben hat trotzdem was für sich. Weil, solche wie Malfoy oder der alte Ellil damals, die werden nicht einsehen, dass es falsch ist, was sie tun. Aber zumindest hören sie auf damit, wenn sie befürchten müssen, ansonsten eine reinzubekommen!“

Von da an waren die beiden Freunde. Dudley hing nicht mehr mit den Slytherin-Jungen herum und Hermine fühlte sich nicht mehr einsam inmitten aller anderen Gryffindors. Sie hatten einander, auch wenn Draco einmal eindeutige Fingerbewegungen einer Schere in Dudleys und Hermines Richtung machte – damit sie nicht noch mehr Schlammblüter in die Welt setzten, wie er sagte.
Dudley fuhr damit fort, in sein gestohlenes Tagebuch zu schreiben. Doch nun schlichen sich positive Noten in seine Texte ein. Seine neu gewonnene Lebensfreude öffnete das Herz des Jungen für das, was in dem Buch lauerte… und die Magie wuchs…

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