The boy who loves

Eine Harry Potter fanfic aus meiner Dudley Evans – Parallelwelt
Handlungszeit: Finale von Band 2
Viel Spaß!

Tropf… tropf… tropf…
Jahrunderte war sie alt, die „Kammer des Schreckens“, doch wer bei dieser Bezeichnung an Staub, Spinnweben und Stille dachte, irrte. Die Achtbeiner hatten schon längst Reißaus vor dem Bewohner der Kammer genommen und still war es erst recht nie in ihr. Beständig rann Wasser von der Decke die Wände hinab und sammelte sich auf einem kleinen Vorsprung, um von dort behäbig herunterzutropfen. Dudley konnte nur hoffen, dass es nicht aus dem Klo kam…
Tropf, tropf, tropf!
Das Geräusch war nervenaufreibend, beinahe vergleichbar mit Gilderoys Paarungsgesang im Sommer.
Durch halb geschlossene Augenlider beobachtete Dudley den Weg eines Wassertropfens, der sich anschickte, über die Kannte des Simses zu fließen, eine Blase, die immer schwerer wurde, ohne sich von dem Stein lösen zu können.
P…p…pi…
Unendlich langsam zog sich das Gebilde in die Länge, bis sie endlich den Halt verlor und in die Tiefe stürzte. Und genau fühlte sich Dudley
……..pitsch!
Der Gefangene in der Kammer zuckte zusammen.

Ein anderer Junge jubelte erleichtert „Yay!“ und schlug mit der Faust gegen die Steinwand, als er Dudley da unten zucken sah. Jedes noch so kleine Lebenszeichen bedeutete ja, dass noch Hoffnung bestand und der andere zumindest schon einmal nicht versteinert war.
Harry Potter lautete der Name dieses zweiten Kindes, das an diesem Tag in der Kammer herumkletterte. Derzeit hangelte sich Harry aus einem unter einem Waschbecken im Mädchenklo endenden Schacht zur überlebensgroßen Statue eines Zauberers, welche eine komplette Wand der Kammer dominierte, herüber. Denn die Treppe, die dereinst einen komfortableren Zugang ermöglicht hatte, war längst eingestürzt und nur noch unter Lebensgefahr zu benutzen.
So krallten sich Harrys Finger auf der Suche nach einem Weg zum Boden der Kammer also zuerst in die Rillen im Turban des Monuments. Sie wanderten weiter zur platten Nase des Mannes, die leider keine so gute Griffmöglichkeit bot, schrammten folgerichtig über dessen Robe und fanden erst wieder an einem geflochtenen Gürtel Halt.
„Buäh… Slytherins Pimmel…“ würgte der Junge, als er begriff in welcher Höhe sich dadurch nun seine Augen befanden. „Dafür bezahlst du mir, Dudley Evans!“
Ächzend und lamentierend hiefte sich Harry wieder ein Stück nach oben. Er rutschte an der Statue entlang, bis er auf einer riesigen Umhängetasche zu sitzen kam. Das Muster auf dem Leder, welches der Künstler im Stein verweigt hatte, musste von Bedeutung sein, doch vermochte Harry die arkanen Zeichen nicht einzuordnen. Slytherins Turban und die irgendwie an eine Flamencodarbietung erinnernde kurze Weste über seiner Robe in Kombination mit dem druidisch wirkenden Gürtel liesen den Zauberschüler allerdings vermuten, dass auch der Rest der Ausstattung aus allen möglichen Erdteilen zusammengestohlen war, möglicherweise sogar im Wortsinn.
Jedenfalls war Salazar Slytherin weder Kelte noch Portugiese gewesen, auch kein spanischstämmiger Schotte, sondern ein Zauberer. Das klang im ersten Moment sehr weise und fortschrittlich, wäre da nicht das mitgedachte „und damit mehr wert als ein Nichtzauberer“ gewesen. Jenes Überlegenheitsbedürfnis von Slytherins Zaubererfraktion hatte in letzter Konsequenz dazu geführt, dass er, Harry, Jahrhunderte nach Slytherins Tod zwischen stinkenden Abflussrohren herumkroch, um die neue Freundin seines Butlers/Cousins von ihrer Versteinerung zu erlösen. Wenn Ideologien derartig persönlich wurden, begriff selbst Harry Potter, dass etwas mit ihnen nicht stimmen konnte.

Dudley lag unverändert und reglos auf der Seite als Harrys Füße auf dem Boden aufkamen. Das Geräusch ließ ihn aufhorchen, seine Muskeln spannten sich, doch irgendwo zwischen seinem geschwächten Geist und den für die Bewegung zuständigen Muskeln verrann die dafür nötige Energie. Der Aufenthalt in der Kammer – oder deren Bewohner?! – schien vollbracht zu haben, was selbst elf Jahre Sklaverei im Haushalt der Dursleys nicht vollständig geschafft hatten: Dudley zu brechen. Das Selbstbewusstsein des Zaubererkindes war bereits zusammengebrochen, als ihm der verwöhnte Cousin im vergangenen Schuljahr nach Hogwarts gefolgt war, doch niemals sein Wille zu überleben!
Sein geplantes „Steh auf, Faulpelz!“ blieb Harry bei dieser Erkenntnis im Hals stecken.
„Niemand verletzt meine Familie!“ schrie er.
Er war doch ein Slytherin! Das bedeutete, selbst der peinliche Cousin „gehörte dazu“, wie der Hofnarr oder der niederste Muggelsklave. Sie waren sein, fand Harry und er fühlte sich ihnen verpflichtet, wie es in Onkel Vernons Handbüchern für den erfolgreichen Geschäftsmann niedergeschrieben war.
Familie… milie… milie… lie… lie… lie… hallte Harrys Behauptung von den Wänden der Kammer wieder. Lie – Lüge.

Kaum war das Echo verklungen, da setzte ein neues Geräusch ein: „Ärr, ärr!“
Harry kniff die Augen zusammen.
„Gilderoy?“
„Ärr, ärr!“ bestätigte die Kröte, Dudleys Zaubertier. Harry verstand, dass Gilderoy nicht ihm geantwortet hatte, sondern auf etwas anderes fixiert sein musste. Gab es hier irgendwo eine zweite Metallsäge, ähm, australische Aga-Kröte?
„Ärr! Ärr! Ärr!“
Anhand des Krächzens war es Harry ein Leichtes, den Kröterich ausfindig zu machen. Er hockte einige Meter entfernt von ihrem Herrn neben einer Wasserlache und starrte tiefer in den Raum, dorthin, wo die Kammer in einem Torbogen in einen kurzen Gang überging. Was wiederum dahinter lag, vermochte Harry nicht zu erkennen, denn ein breiter, mit einemn Schlangenhautmuster überzogener Vorhang versperrte die Sicht.
„Ärr-äääär!“
Der Vorhang bebte sich leicht. Ob es dort hinten wohl einen Ausgang gab, der für den Windzug verantwortlich war, fragte sich Harry? Wie auch immer, der Wind schien an Stärke zu gewinnen, denn der Vorhang wölbte sich nun in die Kammer hinein. Harry sah zwei Knöpfe am oberen Ende und Gardinenhaken aus feinstem Elfenbein. Etwas musste den Stoff aus seiner Halterung gerissen haben, denn er faltete sich nun zusammen und sank in Richtung Boden.
Gilderoy hüpfe vor Begeisterung auf und ab, wobei er weiter seine enervierenden Paarungsrufe ausstieß. Was interessierte den Kröterich ein alter Vorhang?
Die Antwort auf seine unausgesprochene Frage erhielt Harry, als sich die vermeintliche Stoffbahn Gilderoy näherte und ein wenig Licht darauf fiel: Da wand sich eine Riesenschlange durch die Kammer! Kamm und Kropf eines Hahns wuchsen aus ihrem Kopf und das Segment direkt darunter war von einem Federkleid bewachsen. Harry zählte über den Schlangenleib verteilt drei Gliedmaßenpaare – sechs Stummelbeinchen, die der Kreatur das Zugreifen ermöglichten. So sah es also aus, das Monster, das Hogwarts zu fürchten gelernt hatte. Slytherin schien seine Kreatur ebenso wie seine Gewandung aus dem gesamten Tierreich zusammengeklaut zu haben! Das Ergebnis ähnelte einem verunglückter Saurier und hätte lächerlich gewirkte, wären da nicht die Fänge gewesen, die aus dem halb geöffneten Schlangenmaul ragten.
„Ärr, ärr!“ rief Gilderoy begeistert. So etwas Wundervolles wie den Basilisken hatte der kleine Kröterich noch nie gesehen. Bereitwillig blickte er dem Subjekt seiner Begierde in die Augen.
Auch die Basilikendame schien ihrem Verehrer gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Sie senkte ihren Schädel, um Gilderoys schmachtenden Blick zu erwidern.
„Oh, Mann, jetzt wird es gleich abar…“ murmelte Harry.
Schritt für Schritt watschelte der Kröterich auf seine Holde zu. Diese öffnete ihr Maul wie zum Kuss und mit einem einzigen Satz war Gilderoy auch schon hinein gehüpft.
„….aaaaaaaaaaahhhh!“ entfuhr es Harry, als sich das Basiliskenmaul unversehens schloss. Er hatte nun wirklich nicht an Gilderoy gehangen, doch dessen Weg durch den Hals der Schlange nach unten zu verfolgen, war kein Anblick, dem er sich freiwillig hätte aussetzen wollen. Gilderoys Krötenkörper schien sich mehrfach um sich selbst zu drehen und seine Beine zappelten, bevor im Magen der Schlange zu liegen kam, eine etwas unförmige Kugel, die nach einigen letzten Zuckungen ins Gesamtsystem Schlange intergriert wurde. Biochemisch vereint im Tod des einen Partners bis zum Tod des anderen.
„So werden wir auch enden…“ schniefte Dudley.

„Wach, Dudley? Gut!“

Harrys Gruselquote für den Tag schien noch nicht erfüllt zu sein, denn aus Dudleys Körper heraus wuchs nun ein Schemen, der sich zu einer menschlichen Gestalt verdichtete. Der Spuk hielt Dudleys Zauberstab locker in einer Hand. Einer überraschend menschlichen Hand überdies. Harry musste mehrfach hinsehen und blinzeln, bevor er glauben konnte, was er da sah: Die Erscheinung hatte die Form eines ganz normalen, etwa sechzehnjährigen Jungen angenommen. Er trug den Umhang eines Hogwartstudenten, an dem sogar ein Vertrauensschülerabzeichen prangte.
Der Junge hob und senkte seine Füße auf der Stelle, wie, um sich zu vergewissern, ob er bereits solide genug wäre, nicht im Boden zu versinken. Nachdem die Prüfung zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war trat er Dudley in die Seite.
„E…“
„Machs halblang, kleine Kröte“, schnarrte der Junge Dudley an. „Andere mussten wesentlich Schlimmeres durchmachen wegen dir!“
Angewidert von Dudleys Ächzen trat der Teenager einige Schritte zur Seite. Er richtete Dudleys eigenen Zauberstab auf den Jungen, der daraufhin wie eine Lumpenpuppe emporgehoben wurde.
Unter Dudleys Körper kam ein Buch zum Vorschein, auf dem der Gefangene bis dahin gelegen hatte. Harry erkannte es als den magischen Lebensberater, den sein Cousin Lucius Malfoy gestohlen hatte und in den er während des Schuljahres so oft geschrieben hatte, obwohl er die Antworten, die der magische Aufmunterer zurückschrieb, eigentlich gar nicht hilfreich fand. Genau diesem Buch, nicht etwa Dudleys Leib, so begriff Harry nun, war das Gespenst entstiegen. Doch in irgendeiner Weise schien auch Dudley die Erscheinung zu nähren, was seine Schwäche und Teilnahmslosigkeit erklärte.

„Ich bin neugierig, Dudley Evans“, meinte der Teenager, nachdem er Dudley direkt neben dem Buch auf dem Boden platziert hatte. „Wie konnte ein Kleinkind überleben, woran der größte Zauberer aller Zeiten zugrunde ging?“
„Wer?“ Dudleys Lippen bewegten sich weiter, ohne einen Laut von sich zu geben. Mit glasigen Augen starrte er den älteren Jungen an, bis er seiner ersten Frage schließlich „Dumbledore?“ folgen ließ.
Der Anblick erinnerte Harry an Vincent Crabbe, wenn dieser angestrengt nachdachte.
„Ist Professor Dumbledore etwa auch tot?“ fragte Dudley kläglich. „T…Tom?“
„Unfug!“ bellte der Teenager, dessen Name offenbar Tom lautete. „Ich spreche vom mächtigsten Zauberer aller Zeiten, dem Erben Slytherins!“
„Wovon redest du, Tom?“
In dem Maße, in dem seine Verwirrung zunahm, schien sich kurioserweise Dudleys Geist wieder zu fangen. Möglicherweise erlaubte ihm dieser Tom das aber auch, so genau wusste das Harry nicht. Er verfolgte weiter den Dialog, der sich da zwischen Dudley und seinem Lebensberatungstagebuch entspann.
Der machtvollste Magieanwender, den Tom erwähnt hatte, nun, dessen Namen nannte man einfach nicht. Dennoch wagte Dudley es zu antworten: „Der größte Zauberer aller Zeiten, das war Lord V… du weißt schon wer, Tom. Klar hat der sein Ende gefunden, aber was hat das mit mir zu tun?“
Tom ließ ein schallendes Lachen ertönen, das in der Kammer verstärkt wurde und selbst den Basilisken in seiner entspannten Verdauungshaltung den Kopf heben ließ.
„Er weiß es nicht!“ höhnte Tom. „Er weiß es nicht einmal!“

„Das ist halt mein Cousin, der hat von nichts eine Ahnung“, mischte sich Harry ein, so selbstbewusst wie immer, als drehe sich die Welt nur um ihn. „Und der größte Zauberer aller Zeiten war nicht Voldemort! Das hat er vielleicht selbst geglaubt, aber einer war mächtiger: Seinem Ahn Enki vermochte er nicht das Wasser zu reichen!“
„Nehmt ihr das gerade im Unterricht durch?“ Gelinde interessiert an dem Störfaktor in seinem Verhör wandte sich Tom nun Harry zu. „Ich habe diesen Mann studiert. Ein Zauberer von einiger Intelligenz und magischer Macht, aber ein Narr. Er hätte die Welt beherrschen können, stattdessen hat er sich mit den Muggeln verbrüdert und wertlose Mischlinge in die Welt gesetzt.“
Harry runzelte die Stirn, während Tom weiter über den Stammbaum Voldemorts schwadronierte: Enki, Slytherin, Peverell… jeder einzelne schien unvollkommen, wenngleich im Besitz des einen oder anderen interessanten Gens, die sich schließlich in Lord Voldemort zur Perfektion verbunden hatten. Dieser Tom Riddle schien ein ganz schöner Voldemort-Fanboy zu sein!
Wieso eigentlich? wunderte sich Dudley. Malfoys Buch war ziemlich alt, Tom würde Voldemorts Aufstieg mit all den Grausamkeiten und der Furcht daher von Anfang an miterlebt haben. Die beiden mochten sogar zusammen zur Schule gegangen sein. Bestand darin das Geheimnis? War Tom womöglich in Voldemort verliebt gewesen?
„Der hätte dich nie angesehen, Tom!“ rief Dudley am Ende seiner Gedankenkette. „In seinen Augen bist du bloß ein wertloses Halbblut!“ Dieses kleine Detail über Tom hatte ihm seine Brieffreundschaft mit dem Tagebuch verraten, obwohl Dudley es zuerst für einen Versuch des Autors, mit seinem Werk muggel- und zaubererstämmige Kinder gleichermaßen anzusprechen gehalten hatte. „Voldemorts Meinung über dich wird sich nie ändern, egal, was du für ihn tust!“ Diese Erkenntnis wiederum verdankte Dudley seiner Kindheit bei den Dursleys, von denen er auch nie Anerkennung erhalten hatte.
„Voldemort“, erwiderte Tom ungewöhnlich sanft, „ist meine Vergangenheit… meine Zukunft… und meine Gegenwart, so vage sich diese auch gerade gestaltet.“
„Du, Harry… Ich glaube, das IST Du-weißt-schon-wer“, ächzte Dudley. „Als Junge.“
„Du-weißt-schon-wer hat in seiner Jugend mal ein Lebenshilfebuch geschrieben?“ wunderte sich Harry.
„Ja, sieht so aus“ war alles, was Dudley zu diesem Thema einfiel. „Wenn er doch Vertrauensschüler war…“
„Nein, nein und nein!“ ereiferte sich Tom. „Begreift ihr degenerierten Missgeburten es noch immer nicht? Vermögt ihr ein Artefakt finsterster schwarzer Künste nicht einmal dann zu erkennen, wenn es euch in die Nase beißt? Dieses Gefäß, das meine Erinnerung bewahrt, das mehr als nur das tut, welches ein…“
Voldemorts Seelenfragment hielt inne. Es hatte bereits zu viel gesagt, zu viel Zeit verschwendet.
„Also, Dudley, ich frage dich noch einmal: Wie hast du mein zukünftiges Ich besiegt?“
„Wie habe ich was?“
Mit einem Schlenker des Zauberstabes ließ Tom sein Tagebuch in Dudleys Hände schweben.
„Lies!“ befahl er.
Dudleys Blick fiel auf die auf dem Buchrücken eingeprägte Jahreszahl des magischen Kalenders. Er hatte ihr bisher keine Beachtung geschenkt, nun schien sie sich regelrecht in seine Netzhaut einzubrennen: 1971, das Jahr, in dem Onkel James und Tante Lily bei dem Autounfall ums Leben gekommen waren.
Mit zitternden Fingern öffnete der Junge das Buch. Im selben Moment begann eine Szene auf der Doppelseite abzulaufen. Dudley meinte, die Nachtluft eines kalten Spätherbsttages riechen zu können und dann hörte er die Figuren sprechen…

Die Handlung spielte sich in einem Landhaus in Godric’s Hollow ab. Ein Auto stand vor dem Anwesen. War das nicht der alte Wagen seiner Eltern, wunderte sich Dudley? Doch da wechselte die Szene auch schon ins Innere.
Dort standen sie, höchstlebendig zudem: James und Lily Potter. Und da stand auch der erwachsene Tom Riddle, vorausgesetzt, man durfte die kaum noch menschliche Kreatur guten Gewissens als einen erwachsenen Mann bezeichnen.
Auch Harry befand sich in der Szene, in den Armen von „Onkel Sewewus“ hängend, der versuchte, das Kleinkind zu wippen. Auf und ab, immer wieder in demselben mechanischen Rhythmus. Der Kleine spürte, dass sein Onkel nicht bei der Sache war. Ignoriert zu werden (oder auch nur nicht im Mittelpunkt zu stehen) aber kam im Weltbild von James Potters Sohn nicht vor, so dass Harry seit einiger Zeit herzzerreißend bläkte.
Harrys Onkel war Dudley kein Unbekannter: Severus Snape, der Dozent für Zaubertränke! Der Junge hatte sich stets eingebildet, Professor Snape verhalte sich nervös in seiner Präsenz. Die meiste Zeit über ignorierte Snape Dudley, doch schien es dem Zauberschüler, als handle es sich dabei um das Ergebnis eines diszplinierten, womöglich gar verzweifelten, Bemühens. Natürlich war das Unsinn, denn wieso sollte sich ein Professor von einem minderjährigen Schüler verunsichern lassen? Nun, da er erfuhr, dass Snape in irgendeiner Weise mit den Evans/Potter/Dursleys verbunden war, erschien Dudley sein erster Eindruck gar nicht mehr so abwegig.
Harrys Mutter stand einen Schritt vor Snape und dem Kind, die Arme weit ausgebreitet, den Blick flehentlich auf Voldemort gerichtet.
„Nicht Harry, nicht Harry!“ bettelte sie ein ums andere Mal. „Bitte! Nicht…“
Schließlich wurde es dem jüngeren Professor Snape zu viel. „Haltung, Liliy!“ schnarrte er die Mutter an. „So ein Rumgejaule ist unseres Standes nicht würdig!“
Lily senkte den Kopf. Trotz des Ernstes der Lage musste sie lächeln.
„Du bist so ein Idiot, Severus…“
„Nicht zu vergessen ein Verräter“, ließ sich James vernehmen.
„Nein.“ Genau wie Lily ließ auch Severus Voldemort nicht aus den Augen, doch sein Wort schien sich auf James Anschuldigung zu beziehen. Der Mann schüttelte den Kopf, als verwerfe er jede weitere Rechtfertigung als in diesem Moment zu weit führend. Stattdessen wiederholte er sein „nein“, diesmal an Lily gerichtet: „Nein, Lily, im Ernst!“
Severus setzte Harry in dessen Laufstall, blickte noch einmal von Lily zu James, zu dem Kleinkind und erneut zu Lily, dann richtete er das Wort an Voldemort:
„Was verlangst du für Lilys und Harrys Leben? Und das ihrer Muggelverwandten?“
James realisierte, dass er nicht in den Handel eingeschlossen war. Der andere schien es „übersehen“ zu haben.
„Meine Dienste?“ sprach Severus weiter. „Nimm sie! Meine Hände, meinen Geist, selbst meine Seele. Nur mein Herz wird immer Lily gehören.“

Mit einem Knurren in der Kehle, das selbst einem Werwolf alle Ehre gemacht hätte, hob James seinen Zauberstab.
„Wir verhandeln nicht mit…“
„Avada Kedavra.“
Beiläufig, mit leiser Stimme gesprochen. Damit ein unverzeihlicher Fluch wirkte, musste man es wollen, soviel war in der Zaubererwelt bekannt. Die meisten Schwarzmagier nährten ihre Flüche mit Hass, doch Voldemort hatte beinahe jegliches Gefühl hinter sich gelassen. Er tötete mit kalter, berechnender Effizienz und einem Willen, dem sich scheinbar selbst die Naturgesetze beugten. In einem Blitz aus grünem Licht stürzte James Potter zu Boden.
Lily schrie auf! Sie und Severus eilten zu dem Gefallenen, während Voldemort angesichts ihrer Reaktion herablassend schnaubte.
„Von allem, was du mir angetan hast, war dies das Blödeste, Selbstsüchtigste und Kurzsichtigste, James Adrian Potter!“ klagte Lily den Toten an.
„Du naiver Held…“ Das kam von Severus, sanfter als erwartet.
Lily blickte ihren langjährigen Freund an, als wolle sie sagen: „DU sprichst gut über ihn?!“
„Es war Gutes in ihm“, bekräftigte dieser. „Es hätte gänzlich hervortreten können.“
Bei diesen Worten beugte er sich tiefer über James. Severus Finger bewegten sich in Richtung Lilys, als wolle er diese streicheln, während sie über James Wangen strichen. Dabei berührten seine eigenen Wangen beinahe Lilys – die plötzliche Nähe brachte die Frau dazu, Severus von sich zu stoßen. Er landete auf dem Rücken und musste sich ein „So, wie es in dir verschüttet ist?!“ aus Lilys Mund anhören.
Severus richtete sich halb auf. Für einen Moment wirkten seine Bewegungen, als wolle er vor Lily auf die Knie fallen, doch dann erhob er sich mit einem Ruck gänzlich. „Ich habe mich tausendmal für dieses dumme Wort damals auf der Schule entschuldigt!“ warf der Mann Lily entgegen. „Nur unausgesprochen machen kann ich es nicht! Und das sollte ich auch nicht, nur, um auch ja gut dazustehen. Denn sonst hätte ich dir gleich einen Liebestrank ins Glas schmuggeln und dir ein Kind machen können, damit du mich heiraten musst, wie… wie nicht mehr Anwesende!“
„Du hast uns an Voldemort verraten!“ schrie Lily zurück.

„Nicht, dass es von Bedeutung wäre, aber das hat er nicht“, erklärte Voldemort. „Ein cleverer Zug, ausgerechnet James Erzfeind, der mit einem Bein bereits in meinem Lager steht, zu eurem Geheimniswahrer zu wählen. Meine Anerkennung, Mr. und Mrs. Potter, euer Plan ist aufgegangen.“
„Aber – wie konntest du uns dann ausfindig machen?“ fragten Lilys Augen.
Wortlos blickte Voldemort zu den Gefangenen, die im hinteren Teil des Zimmers auf einer Couch saßen und sich nicht zu rühren wagten.
In der Gegenwart erkannte Dudley seine biologischen Eltern in ihnen, Petunia und Vernon Dursley. Und er sah sich selbst, wie er auf dem Schoß seiner zitternden Mutter saß, eher gelangweilt als verängstigt, da er nicht verstand, was zwischen den Erwachsenen vorging.
Der zwölfjährige Dudley stellte fest, dass ihm die familiäre Nähe nichts bedeutete. Die Dursleys waren Fremde für ihn, im besten Fall seine fordernden Arbeitgeber, im schlimmsten Fall die bösen Stiefeltern aus dem Märchen.
„Ich bin dem Ungeziefer gefolgt“, eröffnete Voldemort. „Es findet zuverlässig Ritzen…“
Angesichts dieser Einschätzung seiner selbst explodierte Vernon Dursley ungeachtet der Gefahr, in der sich alle befanden: „Wir wollte euch besuchen, wie man das in einer Familie so tut! Aber wir hätten es besser wissen müssen!“
„Ja, aber… wie habt ihr uns denn bloß finden können?“ stellte Lily die Frage, die ihr bereits auf den Nähten brannte, seit Schwester und Schwager am Klingelzug gerissen hatten.
Vernon blinzelte. „Für wie dumm hältst du uns? Wir kennen doch die Route hier raus! Sind sie nicht zum ersten Mal gefahren…“
„Wenn ich das richtig verstehe“, mischte sich Petunia ein, „sollte der Ort geheim bleiben?“
„Ach so?“ Vernon gestikulierte wild in Lilys Richtung, während er sprach: „Ja, das hättet ihr uns ja auch mal sagen können! Normale Menschen kommen nicht auf derartig merkwürdige Ideen! Aber was ist schon normal an euch Volk!“
Der Mann blickte auf Vodemort, dessen Macht und Rücksichtslosigkeit er einerseits füchtete, den er aber andererseits taxierte, ob er wohl eine ansteckende Seuche übertragen könne, so hager und krank, wie er wirkte.
„Ja, krank!“ schnarrte Vernon. „Das seid ihr alle!“
In Voldemorts bis dahin unbewegliche Mimik kam Bewegung! Vernon hatte es gerade geschafft, den letzten Rest menschlicher Gefühle in der Kreatur zu wecken: Wut, in seinem Fall. Wie konnte es dieses Insekt wagen, so über ihn zu denken? Es einfach nur als Störfaktor auszulöschen genügt nicht, nein, es sollte leiden! Aber einem Muggel einen derartigen Wert zuzumessen, dass er diesen aus verletztem Stolz heraus zu seiner Satisfaktion quälen musste, steigerte Voldemorts Wut nur noch weiter. Anstatt Vernon körperliche Schmerzen zuzufügen, richtete Voldemort seinen Zauberstab auf dessen einziges Kind, den kleinen Dudley. Er zischte den Todesfluch…
…und verschwand in einem grünen Blitz!

„Ieeeehhhh!“ kreischte Petunia. Sie ließ Dudley fallen, dieser begann zu schreien und auch Harry stimmte sofort wieder voller Begeisterung ein.
Plötzlich blitzten weitere Lichter vor dem Fenster auf und das Geplärre der beiden Kleinkinder wurde von den Schreien Erwachsener übertönt: mal zornig, dann wieder hasserfüllt oder auch nur vor Schmerzund beeinahe jedem kurzlebigen Triumphschrei folgte ein überraschtes „Arhgh!“. Ein Todesserkommando war in Godrics Hollow eingetroffen! Soweit Lily das einschätzen konnte, handelte es sich um die Verlagerung eines Gefechts, das bereits seit einer Weile zwischen diesen und dem Orden des Phönix tobte.
Entschlossen eilte die Hexe auf den Balkon. Vergessen oder zumindest in den Hintergrund geschoben war in diesem Moment ihr persönliches Leid. In diesem Moment durfte Lily Potter nicht Witwe, Mutter oder Freundin sein, sondern ihre Persönlichkeit ihrer Funktion als Mitglied des Ordens unterordnen. Glücklich die Zivilisten, die sich Trauer leisten durften…
Bevor sich Lily einen Überblick über das Geschehen verschaffen konnte, schlug etwas Schweres ins Dach des Landhauses ein. Mörtel und zersplitterte Balken fielen von der Decke, dann brach das gesamte Obergeschoss ein. Innerhalb weniger Sekunden waren die Dursleys zusammen mit Snape und dem kleinen Harry verschüttet, nur Lily stand im Freien, inmitten der entfesselten magischen Gewalten.
Durch eine Lücke in dem Schutt hindurch berührten die Finger der Hexe Snapes. „Schütze Harry!“ raunte sie. „Ich muss da raus, die Dörfler verteidigen!“

Was am Anschluss draußen geschehen war, hatte der kleiner Dudley nicht mehr mitbekommen und Voldemort erst Recht nicht. Das Tagebuch vermochte es daher nicht wiederzugeben. Sicher war nur, dass auch Lily an diesem Tag ihr Ende gefunden hatte.

Die Bilder verblassten. Obwohl er nun wieder auf eine leere Kalenderdoppelseite starrte, umklammerten Dudleys Finger das Buch weiter, unfähig loszulassen. Harry hingegen, der offenbar die ganze Zeit über die Schulter seines Vetters schauend dem Geschehen gefolgt war, streckte seine Hand vor und versuchte umzublättern.
„Wie geht es denn weiter?“
„Kannst wohl die Spannung nicht mehr aushalten, ob du überlebt hast oder nicht?“ brummte Dudley.
Er drehte den Kopf. Harry zog seine grabschenden Finger zurück.
„Hehe, naja, wenn du es so ausdrückst…“
Der Junge schob sein wirres Haar, das, wie er nun wusste, nicht nur die Farbe, sondern auch den Charakter von James Haar geerbt hatte, zurück. Dabei berührte er die Narbe, die sich über seine Stirn zog. So er sie sich also beim Einsturz des elterlichen Hauses zugezogen. Das wiederum bedeutete…
„Dann verdanke ich die ja dir, du Schafskopf!“ warf Harry Dudley entgegen, doch es lag kein Vorwurf in den Worten. Denn er verdankte dem anderen nicht nur diese Narbe, sondern auch sein Leben. Was genaugenommen für die gesamte Zaubererwelt sowie eine nicht unerhebliche Anzahl britischer Muggel halt. Voldemort hatte sich bei dem Versuch, ein vermeintliches Muggelkind zu töten, selbst pulverisiert. Ein weiteres Geheimnis der Welt, in der sie aufwuchsen – nun kannten die beiden Jungs es.

Ein eng damit in Zusammenhang stehendes Geheimnis aber brannte dem Dunklen Lord auf dem letzten Rest seiner Seele (oder zumindest auf jenem Fragment davon, das in dem Tagebuch aufbewahrt wurde). Wie er das soeben Hervorgeholte noch einmal Revue passieren ließ, erschien es dem jungen Voldemort allerdings gar nicht mehr so geheimnisvoll. Tom Riddle verstand genau, was sich 1971 ereignet hatte, im Gegensatz zu seinem in der Szene anwesenden älteren Ich.
„Ich habe nicht auf das Gebrabbel der Muggel geachtet“, gestand sich Riddle ein. „Dudleys antimagische Aura hat meine Kräfte regelrecht abgesaugt, so, wie sein Vater eine Stunde zuvor den Fideliuszauber vollständig neutralisierte, indem er einfach nur in dessen Wirkungsradius eintrat. Als Antimagier war er ja nicht davon betroffen…“
Antimagier! Gegenzauberer! Nur ungern gestanden sich die Zauberer ein, dass sie und die Menschen eigentlich derselben Spezies angehörten, die lediglich aufgrund des Zustandes eines einzigen Genes verschiedene Kräfte ausprägte. Das sogenannte „Zaubergen“ konnte aktiv, inaktiv oder passiv sein, was Zauberer, Muggel oder Squibs hervorbrachte. Doch existierte ein vierter Zustand: anti. Auf diese Eigenart des Zaubergens gingen die Vorurteile zurück, muggelstämmige Zauberer hätten ihre Macht lediglich von einem anderem Zauberer gestohlen. Aus diesem Grund wurde nicht publik gemacht, wie genau Lord Voldemort besiegt worden war. Es hätte lediglich die Paranoia angeheizt. Dudley wurde folgerichtig nicht zum Helden aufgebaut, und genaugenommen hatte er ja auch nichts getan. So versank „der Junge der lebt“ in der Anonymität eines Muggelhaushalts, wo er schon bald die seinen Eltern so verhassten Kräfte manifestierte – umso verhasste nach allem, was Vernon und Petunia in Godric’s Hollow hatten durchmachen müssen. Alles ergab mit einem Mal Sinn! Es war nichts Besonderes an Dudley. Seine Existent ging allein auf eine Laune der Natur zurück.
„Ein einfacher Antimagier hätte meinen Todesfluch lediglich neutralisiert“, überlegte Riddle laut. „Er wäre wirkungslos von ihm abgeprallt. Das über die Evans-Linie weitergegebene aktive Zaubergen muss eine einzigartige Verbindung mit dem Gegenzauberallel eingegangen sein.“
Der Jugendliche schüttelte den Kopf. Sein Schulwissen genügte nicht, er wusste ja nicht einmal, ob er die Begriffe korrekt anwandte. Ohne die fortgeschrittenen Kenntnisse seines vollständigen Selbst oder aber einem ihm dienenden Biologen kam er hier nicht weiter. Dafür vermochte er etwas anderes zu tun: eine Bedrohung ausschalten.
„Ich habe meine Antwort und benötige euch nicht mehr!“ verkündete der junge Voldemort den Kindern. „Dudley Dursley, du bist ein interessanter Fall, aber zu gefährlich um auch nur als Studienobjekt am Leben gehalten zu werden.“

Als sei das in diesem Moment das Wichtigste, schlug Dudley Riddles Tagebuch zu. Dann blieb er einfach sitzen.
„Fass! Schnapp dir die Missgeburt!“ zischte Riddle, woraufhin sich der Basilisk auf die Kinder zuzubewegen begann. Das Monster schlängelte zuerst in Dudleys Richtung, doch dieser zeigte keine Reaktion.
Der monatelange Kontakt zum Voldemort-Fragment hatte den Jungen ausgelaugt, doch mehr noch gab ihm sein praktisch orientierter Hufflepuff-Verstand ein, dass es nichts gab, was er zu seiner Rettung hätte unternehmen können. So saß Dudley wie ein Kaninchen vor der Schlange, obwohl er als Antimagier vermutlich gegen deren Hypnoseblick immun war. Doch was half ihm das schon gegen extrem lange, kräftige Zähne oder den schweren Leib der Kreatur? Der Basilisk musste sich nur auf den Zwölfjährigen werfen und Dudley wäre tot…
Da geschah das Wunder: Einer der beiden Slytherins, die bis eben darum gewetteifert hatten, wer das größere Arschloch war, stellte sich dazwischen: Harry Potter stand zwischen der Schlange und deren Opfer, seinen Zauberstab weit vorgestreckt. Es war Gutes in James Potter gewesen, echoeten die Worte seines Lieblingslehrers, der sein Vater werden können, in Harry, und nur trat es hervor!
In der dieser eigenen Sprache brüllte Harry den Basilisken an. Dieser zischte zurück, doch der Junge lachte nur. „Öh, tut mir leid, aber wir verhandeln nicht mit Terroristen!“ rief Harry
Tom Riddle runzelte die Stirn. Etwas lief hier ganz und gar nicht nach Plan!
„Verschlingen sollst du die kleinen Kröten!“ blaffte er die Riesenschlange an. Was hatte ihm sein Vorfahr denn da für einen Mist hinterlassen? Wieso ließ sich Slytherins Monster auf ein Gespräch mit seinem Futter ein? Stellte das Parselmundtalent etwa mehr dar als lediglich die Beherrschung einer Fremdsprache? Aufs Neue verfluchte Riddle seine mangelnde Erfahrung mit den Feinheiten der Zauberkunst.
Dudley hockte noch immer auf dem Steinfußboden der Kammer. „Wieso kannst du mit dem Vieh reden?“ entfuhr es ihm angesichts des gegenseitigen Anzickens von Basilisk, Junge und Seelenfragment.
„Weil es eine Schlange ist und ich ein Parselmund, Dummkopf!“ erwiderte Harry ohne dabei Blick oder Zauberstab von seinem Gegner zu lassen. Hatte der andere etwa den Zoobesuch im letzten Jahr vergessen? Oder den Vorfall im Duellierclub?
Dudley schüttelte den Kopf. „Ich meinte das anders: Wir kann etwas, das ein Hähnchen werden sollte, aber eine Kröte zur Pflegemutter hatte, als Schlange enden?“
„Was fragst du mich? Vielleicht nimmt es den Mittelwert aus Vogel und Lurch!“
Schweiß rann Harry von der Stirn, während er versuchte, Kontrolle über den Basilisken zu erlangen. Konnte das Monster seine Furcht riechen? Oder Riddle seine Gedanken lesen? Gegen wen trat er hier überhaupt an? Ein aus Magie erschaffenes Monster? Dessen Erschaffer, also Slytherin? Oder den derzeitigen Herrn des Monsters, Voldemort, repräsentiert durch einen Bruchteil von dessen Macht und Erfahrung, die Harrys dennoch bei Weitem überstieg?
„Verflixt, Dudley, du könntest auch mal was tun!“ schrie Harry.

Während der Basilisk angesichts Harrys Bemühungen zumindest milde irritiert seinen Angriff auf Dudley hinauszögerte, drehte dieser Tom Riddles Tagebuch, um es der Länge nach durchzureißen. Als die Bindung nicht nachgab, probierte es Dudley Seite für Seite. Doch die Blätter knitterten nicht einmal.
„Hier ist Magie am Werk“, schoss es Dudley durch den Kopf. Wie er nun wusste, sollte das für einen gebbürtigen Dursley kein Problem darstellen. Der Junge hob das Buch über seinen Kopf und schleuderte es zu Boden.
Nichts geschah.
Stattdessen beugte sich der Basilisk tiefer zu Harry herab und fixierte ihn mit seinen Schlangenaugen.
Dudley ballte beide Hände zu Fäusten und schlug auf das Tagebuch ein.
Ohne Erfolg.
Der Basilisk wiegte sich nun hin und her und schon bald bewegte sich Harrys den Zauberstab haltende Hand in dem von der Riesenschlange vorgegebenen Rhythmus.
Dudley sprang in die Luft und landete mit den Füßen auf dem Tagebuch, auf dem er anschließend einen wahren Veitztanz vollführte.
Das Artefekt fühlte sich davon nicht im Mindesten beeindruckt.
Nur Tom Riddle sah sich angesichts der Vorgänge in der Kammer genötigt, die Hand vor die Augen zu halten und zu stöhnen. Der Weg zur absoluten Dominanz über die Magie gestaltete sich gerade irgendwie völlig anders, als er sich als Sechzehnjähriger vorgestellt hatte. In erster Linie mangelte es seinem Aufstieg an einer gewissen Würde.
„Ich hasse dich, James Potter“, zischte Jung-Voldemort. Was der Jugendliche in Bezug auf Vernon Dursley empfand, ließ sich schon gar nicht mehr in Worten ausdrücken.
Dann – ein Lichtblick! Durch seine Finger hindurch gewahrte Tom Riddle, wie Slytherins Kreatur den unverschämten Halbblutlümmel Potter endlich in ihren Bann gezogen hatte. In Trance schritt Harry auf den Basilisken zu, um sich ergeben von diesem verschlingen zu lassen. Tom bedauerte nur, dass das Opfer in diesem Moment weder Todesfurcht noch seine Hilflosigkeit spürte, sondern sein Ende willig hinnahm. Es nahm dem Moment ein wenig von seiner Schönheit.

Dann ging alles sehr schnell: Etwas zischte an Harrys Ohr vorbei, der in seiner Selbstvernichtung gestörte Junge schrie „He, was soll das“, das Geschoss streifte das Maul Basilisken und das Monster zuckte unwirsch mit dem Kopf. Es erwischte das störende Objekt, während dieses zu Boden fiel und schlug seine Fänge hinein!
Tom Riddle blieb nicht einmal mehr Zeit für einen Laut der Überraschung. Das Voldemort-Fragment verschwand einfach, als hätte es nie außerhalb des Buches existiert. Jenes Buch aber, das Dudley so viel Leid beschert hatte, hing nur noch in Fetzen im Maul des Basilisken.
Durch den unterbrochenen Augenkontakt aus seiner Starre befreit, grinste Harry.
„Als Jäger würdest du keine schlechte Figur machen, Dudders“, meinte er.
„Moot point, moot point!“ schrie Dudley zurück. „It’s gonna devour us!“
Für einen kurzen Moment wunderte sich Harry, wieso er den Cousin wie in einer Fremdsprache lamentieren hörte. Dann begriff er, dass der Schlangengeist wieder den Kontakt zu ihm suchte. Der Junge konzentrierte sich auf den Parseltalent. Er ließ es zu, dass das reptilienhafte in ihm stärker wurde als der Primatenaufsatz in seinem Menschenhirn. Parsel war keine Fremdsprache, sondern vielmehr eine Form der Empathie mit etwas entwicklungsgeschichtlich viel Älterem als Mensch und Basilisk. Die Schlange in ihnen beiden gewann an Macht.
Die Basiliske blickte in Harrys auf Parsel eingestellten Geist wie in einen Spiegel. Sie sah sich selbst und hörte auf, ein Basilisk zu sein. Die Schlange begriff, was sie war. Sie verstand außerdem: Sie war nicht hungrig. Sie wollte sich auch nicht paaren. Und erst Recht nicht wollte sie sich für eine Seite in einem Konflikt, den sie nicht einmal verstand, einsetzen. Genaugenommen wollte sie… ja, was eigentlich? Sein Instinkt verriet dem Weibchen die Antwort: Die feuchtkalte Kammer lud zum Hibernieren ein. Genau das hatte sie ja getan, bevor die Äffchen sie dabei gestört hatten!
„Ja, doofe Äffchen“, grinste Harry. Über die geistige Verbindung gab er dem Basilisken ein, dass ein überzeugtes Zischen die dreisten Säugetierchen sicher vertreiben würde.

ZISCHHHHHHHHHHHHHHHH! FAUCHHHHHHHHHHHHHHHHH! KCHHHHHHH!

Dudley war auf den Füßen und umklammerte bereits die Kniekehlen der Slytherinstatue, noch bevor der Basilisk seine Aufforderung vollendet hatte. In diesem Augenblick wirkte der Zauberschüler tatsächlich ein wenig wie ein Kletteraffe.
„Harry!“ rief er. „Lass uns abhauen!“
„Ja“, entgegnete dieser.
Während der Basilisk sich zusammenrollte, lief Harry rückwärts auf den Ausgang der Kammer zu.
„Ein Wesen, geschaffen durch finsterste Magie“, murmelte er.
„Ja, und es hat Gilderoy gefressen“, fügte Dudley hinzu. „Dennoch bin ich irgendwie froh, dass du es nicht getötet hast. Es wollte auch nur leben wie jeder andere.“
Auch Harry blickte nachdenklich auf den ruhenden Basilisken. Er hatte sich gewandelt, sich für etwas eingesetzt, eine Heldentat vollbracht. Und dann war da ja noch die Sache mit Voldemort, den seine Anhänger zurückholen wollten, wie er im vergangenen Jahr hatte erfahren müssen.
Es gab kein Zurück mehr, nun würde sich alles ändern.
Hand in Hand kletterten die Söhne Petunias und Lilys den Schacht wieder hinauf ins Licht. Auch wenn es vorerst lediglich die Kunstbeleuchtung einer Mädchentoilette war…

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