Das Monster aus dem Genlabor

Die Menschenmacher von Dilmun,
Kapitel 5

In einem Stadthaus in Shuruppak stand eine Titanin am Fenster und pflegte die Blumenkästen. Als Musterbeispiel eines in seiner eigenen Welt lebenden Programmierers vermochte Aian /Suhurmasch den anfassbaren Gewächsen, die bereits nach kurzer Vernachlässigung eingingen, nichts abzugewinnen. Selbst im Bestzustand stanken sie ohnehin nur und lockten zudem Viehzeug an. Aians Fensterpflanzen waren daher ausschließlich holographischer Natur, oftmals auf Basis selbst angefertigter Computergraphiken erstellt und hingebungsvoll regelmäßig mit den neusten Updates versorgt.
Wo sich aber Aian am physikalisch korrekten Wiegen der Köpfe in der aktuellen Windstärke und -richtung erfreute, beharrten die Nachbarn darauf, dass sich der Beginn des neuen Jahres auch im Blumenkasten niederschlagen musste. Daher löschte die Titanin an diesem Tag mithilfe einer Fernbedienung alle auf den ersten Blick als nicht in die Jahreszeit gehörigen einheimischen Gewächse und ersetzte sie durch Herbstblumen. Dazwischen platzierte sie hübsch aussehende exotische Blumen, von denen kein Bewohner des Viertels mit Sicherheit würde sagen können, ob sie nicht doch gerade in diesem Moment an irgendeinem Ort der Welt in Blüte standen.
„Was pflanzt du?“ lies sich der Hausherr vernehmen.
„Eisblumen!“
„So zeitlos wie empfindlich – und im Ernst?“
„Das war mein Ernst“, lachte Aian. „Ich installiere gerade ein Plugin, das die Holos auf die Außentemperatur reagieren lässt.“
„Ich hoffe, das bekomme ich wirklich zuerst am Fenster zu sehen und nicht wieder wie letztes Jahr im Kühlschrank.“
„Wo gehobelt wird, fallen Späne“, wiegelte Aian ab. „Und überhaupt lag der Stromausfall an den Leitungen aus Vor-Nergalschen Zeiten und nicht an meinem Programm! Ich wette, diese Kabel haben sie damals aus der alten Varuna herausgerupft… oh, Sheca, komm mal schnell!“
Im Nu war der Hausherr aus seinem Sessel aufgesprungen und am Fenster.
„Welche Katastrophe…“ Sheca stockte und beendete seine Rede mit einem anerkennenden „Oha!“, als er erkannte, was da über den Köpfen der beiden in der Stadt einschwebte: Prinz Enlils Luftschiff, die Varuna II.
Minutenlang starrten Annunaki und Titanin in den Himmel, um möglichst viel von den Landevorgängen mitzubekommen. Nachdem das Luftschiff außer Sicht geraten war, schlüpften sie in ihre Straßenschuhe und gesellten sich den Nachbarn auf der Straße zu, welche die Ankunft des Vizekönigs in ihrer Stadt diskutierten.
Dies war die Welt, in der sie lebten, eine Welt, die sich stark von der Enlils unterschied, obwohl Sheca und Aian doch über den selben Boden schritten. Die Freiheit, nach der sie verlangten, bestand darin, selbst zu entscheiden ob sie lieber auf die grellbunten Stoffschuhe verzichten oder hochgezogene Augenbrauen ihrer Nachbarn riskieren wollten. Diese Nachbarn waren bessergestellte Arbeiter, Angestellte der unteren Verwaltungsebenen oder nicht im Hause ihrer Herrschaften wohnende Dienstleute. Wer von ihnen der städtischen Miliz angehörte, durfte bereits Prominentenstatus im Viertel für sich beanspruchen und die Geschichte, wie Sheca Suhurmasch in den Anfangstagen der Kolonie mit Aian an eine eigene Sklavin gelangt war, war unter ihnen bereits zur Legende avanciert.

Shecander und Aian gehörten zu jenen, die dem Tagesgeschenen bestenfalls halbherzig folgten und ansonsten den Standpunkt vertraten, die städtischen Sirenen würden schon anschlagen, wenn es Zeit war, sich in die Bunker zu begeben. Alles andere ginge auch vorbei, ohne dass sie sich die Köpfe darüber zerbrechen mussten. Dennoch lies auch diese beiden die Ankunft der Varuna II in Shuruppak nicht kalt. Zum einen, weil es sich um einen eindrucksvollen Anblick handelte, und zum anderen weil er Stress bedeutete.
Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass der Vizekönig den Fortgang verschiedenster wissenschaftlicher Projekte in Augenschein nahm. Denn gerade Abteilungen wie das lulu Adamu-Programm oder die Therapiestelle für jahreszeitengeschädigte Siedler hatten längst festgefahrene Routinen etabliert und ließen es in ihrem Arbeitsalltag auch einmal an Eifer fehlen. Zwar hatte keiner der Ereschkigal untergeordneten Gelehrten Rückschritte zu vermelden, doch wie würde der Große An es aufnehmen, wenn sich die Fortschritte in Grenzen hielten? Würde es Enlil genügen, seinem Vater eine geruhsam laufende Maschinerie zu melden, wenn diese mit ein wenig Anstrengung rennen konnte? Würde ihm eine rennende genügen, wenn sie rasen könnte? Nicht wenige der Forscher verlängerten ihren Teams daher den Arbeitstag oder ließen sie eine Nachtschicht einlegen.
Enlil scherte sich nicht um die Bemühungen seiner Untertanen ihm zu gefallen. Die Inspektion diente eigentlich nur dazu, seiner Anwesenheit in der Stadt einen offiziellen Anstrich zu verleihen. So gesehen war die mächtige Varuna II um einiges unauffälliger als die Ankunft des Erbprinzen in einem privaten Sportwagen, die sofort Fragen nach seinen wirklichen Motiven nach sich gezogen hätte. Dass er am Abend von der Bildfläche verschwand, verwunderte niemand. Zu jedem Kontrollbesuch gehörte nun einmal auch ein wenig private Unterhaltung. Doch wohin sich die Reporter der Adelsmagazine auch begaben, Enlil spürten sie in dieser Nacht nicht auf.

Enlil Alulim stand in einem der kleinsten medizinischen Labore des Adamuprogramms, wo er unter kundiger Anleitung Handgriffe ausführte, die sonst Laboranten überlassen blieben. Enlil verbarg seine individuellen Gesichtszüge unter einer Alulim-Hausmaske, jedoch nicht seiner persönlichen, sondern dem Standardhologramm eines Edelmannes allergeringsten Einflusses. Sein Helfer trug einen Laborkittel und darunter einen Wollpullover, dessen Kapuze er tief ins Gesicht gezogen hatte. Ein Hauswappen war nicht zu sehen.
„Ich benötige jemand, der etwas von der Materie versteht und mich entsprechend anweist“, erinnerte sich der Mann an die Worte des Prinzen. „Wozu genau?“ hatte er zurückgefragt, um zu erfahren: „Zu einem Vaterschaftstest.“
Der Erbprinz erwies sich als gelehriger Schüler, der zudem mit großer Sorgfalt arbeitete. Seinem namenlos bleibenden Komplizen war es eine Freude, den Nefilim zu dabei zu beobachten, wie dieser seine Anweisungen umsetzte und schon nach wenigen Minuten Fragen stellte, die dem Mann verrieten, dass Enlil nicht nur die Handgriffe auszuführen vermochte, sondern die dahinter stehende Theorie verstand. Möglicherweise trug dazu bei, dass sich die beiden in ein älteres Labor zurückgezogen hatten, in dem sie noch das Gel für die Elektrophorese in der Mikrowelle kochten und von Hand in flache Wannen ausgossen. Selbst während des Leerlaufes, während die zu analysierenden Erbgutstränge im Brüter zuerst vervielfältigt und später von Enzymen geschnitten wurden, gab es genügend zu betrachten und anzufassen. Enlils „Ausbilder“ begriff zudem, dass die neuen Eindrücke seinem „Lehrling“ dabei halfen, die innere Ruhe zu wahren. Sich vorzustellen, was die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit wohl auf politischem Parkett auslösen mochten, trug allerdings nicht gerade dazu bei, den eigenen Seelenfrieden aufrecht zu halten. Die ganze Geheimhaltung, die Tatsache, dass der Erbprinz sich ausgerechnet an ihn gewandt hatte und nicht zuletzt ihrer beider Verkleidung zogen den Wissenschaftler, der zwar aufgrund seines Position oft genug mit Adligen verkehrte, viel zu tief für seinen Geschmack in deren Intrigen hinein.

In den frühen Morgenstunden nahmen die beiden vor dem einzigen Computer in dem Labor Platz, um die Resultate ihrer Arbeit zu studieren.
„Um was für Proben handelt es sich eigentlich?“ wagte der Vermummte dabei zu fragen.
Was immer hier gesprochen wurde, würde nicht aus diesem Raum hinausdringen. Aber durfte es überhaupt ausgesprochen werden?
„Nachwuchs von Laborkindern“, gab Enlil seinem Mitverschwörer Auskunft.
Dieser nickte, als habe er etwas ähnliches erwartet.
Wer genau sich hinter den Abkürzungen, mit denen die Proben markiert waren, verbarg, hatte Enlil seinem Helfer nicht aufgeschlüsselt. Offenkundig war nur, dass es sich um vier Kinder – oder bereits erwachsene Sprösslinge? – sowie zwei mögliche Väter, repräsentiert durch die Runen An und Scha, handelte. Der Vermummte fühlte sich mit seiner Vermutung auf der sicheren Seite, dass An in den Zuchtbüchern als offizieller Erzeuger der Nachkommenschaft geführt wurde. Die Testreihen hatten diese Annahme auch zweifelsfrei bestätigt. Verkompliziert wurde die Angelegenheit dadurch, dass weitere Testreihen ebenso zweifelsfrei die Vaterschaft des anderen Probanden an denselben vier Nachkommen bestätigt hatten.
„Besteht“, erkundigte sich Enlil, ohne sich bemühen, die Anspannung aus seiner Stimme zu verbannen, „besteht die Möglichkeit, dass es sich um dieselbe Person handelt? Oder könnte Scha auch ein naher Verwandter, zum Beispiel der Onkel, sein?“
„Es ist derselbe Mann. Dafür würde ich mein Diplom ins Feuer legen, handelte es sich um einen Sternengott. Ihr sagtet allerdings vorhin „Laborkinder“, also sprechen wir von Adamu? In diesem Fall würde ich mich nicht festlegen wollen, da könnten die Väter auch eineiige Zwillinge sein. Bei Titanen ist es ohnehin nicht unterscheidbar.“ Der Mann schaute Enlil aus kürzester Entfernung in die Augen, als er nachhakte: „Es sind die Proben zweier Titanen, nicht wahr? Das ist genau das Bild, das man von welchen erwarten würde.“
„Das sind die Daten eines Klonkindes frühester Generation“, erwiderte Enlil.

Erneut ließ der andere die Tabelle auf sich einwirken. Die Kinder, deren Abstammung sich auf dem Prüfstand befand, wieso waren sie wichtig? Wie waren sie zustande gekommen? Hatte sich womöglich ein Titan mit einer „Sternengöttin“ eingelassen? In einer Verbindung, die dem Wissensstand der Nefilim gemäß eigentlich unfruchtbar hätte bleiben müssen? Aber nun schien die Natur eine andere Entscheidung getroffen zu haben…
„Proband Ans Kinder sind Nachkommen eines genetisch mit Proband Scha identischen Vaters“, fasste der Vermummte seine Erkenntnisse zusammen, bevor er sich noch in haltlose Spekulationen verlor. „Aber damit haben wir noch gar nichts bewiesen, wenn An und Scha nun einmal dasselbe Erbgut aufweisen. Hier hilft nicht die Genetik, sondern die Stechuhr weiter, Herr. Fragt Euch besser, wem überhaupt die Möglichkeit offen stand, sich der Mutter zur fraglichen Zeit unsittlich zu nähern! Bemüht den Äthersinn, wenn Ihr sie konfrontiert!“
„Die von mir weiterhin in dieser Angelegenheit unternommenen Schritte betreffen dich nicht mehr“, wehrte Enlil ab. „Von dir erwarte ich Schweigen über alles, was du hier gesehen und gehört hast.“
„Schweigen“, erwiderte der Vermummte leise, „fällt dem eigenen Haus gegenüber leichter. Weil es dann nicht nur auf einen Befehl des Vizekönigs hin, sondern aus Loyalität zum eigenen Fürsten geleistet wird.“
Nun war es an Enlil zu schweigen. Die Gesprächspause diente ihm nicht zum Nachdenken über die unverschämte Forderung. Seine Entscheidung, sie zu erfüllen, hatte er bereits gefällt, bevor der Satz vollständig ausgesprochen war. Die einzige noch offene Frage betraf Enlils Motive. Woran lag es, dass er diesem Mann nichts abschlagen konnte? Wirklich nur am Mitleid? Oder ging es nicht eher darauf zurück, dass der Kapuzenträger ebenso hart kämpfte wie Enki Ea, aber dabei stets der korrekte Zivilisationsangehörige blieb, den Enlil in seinem exzentrischen Bruder oft vergeblich suchte? Wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann hatte sich Enlils Mitleid mit dem Vermummten längst verflüchtigt und war Respekt gewichen.
„Einverstanden“, nickte der Erbprinz. „Betrachte dich von heute an als Angehöriger auf Probe meines Hauses.“

Zurück in Edin erwarteten Enlil seine ungelösten Probleme. Sie legten dabei die Geduld eines Kriegers an den Tag, der sich seines Sieges absolut sicher war. Eine kurze Nachfrage an Nuska informierte den Vizekönig darüber, dass Kain voller Eifer in dessen Haushalt arbeitete, Shushoran und Apollon in dem über sie verhängten Hausarrest ausharrten und Kethri in der Hoffnung auf ein freies Schussfeld auf Adapas Sohn wie ein wildes Tier auf der Insel umherstreifte, so dass Nuska bereits einen Milizionär zu Kains Schutz hatte abstellten müssen. Zudem lag ein Dringlichkeitsgesuch, den Kolonialrat außer der Reihe zusammentreten zu lassen aus Madi Enqatl Qats Feder vor.
„Ich empfange Izimu ohne die Notwendigkeit eines Audienzgesuches in meiner Residenz“, erklärte Enlil. Nuska übersetzte die Worte in das praxistauglichere <Fang mir unverzüglich den Jungen ein, ich muss mit ihm reden!> und machte sich daran, diesem Befehl Folge zu leisten.

Nur wenig später machte sich Kethri Izimu in Enlils Arbeitszimmer ebenso gierig über die dort bereistehenden Snacks und Erfrischungen her, wie einst über die Salzstangen in Nippurs Konferenzsaal, als er als Bote der aufständischen Bergarbeiter vor die Prinzenbrüder getreten war. Kethri hatte während seiner Jagd auf Abels Mörder nicht nur die Nahrungsaufnahme und grundlegende Hygienemaßnahmen vernachlässigt, sondern erschien Enlil so bleich und emotional ausgelaugt wie damals als Zwangsarbeiter in den Erzgruben.
Enlil selbst verspürte keine Trauer. Er hatte Adapas jüngeren Sohn kaum gekannt, keine Beziehung zu ihm aufgebaut. Kethris niederadliger Äthersinn war auch nicht dazu in der Lage, Enlils eigene Gefühle durch die des Jagdmeisters überschreiben. Enlils Mitgefühl galt einzig Kethri und Adapa, die beide einen Verlust erlitten hatten, nicht dem Jugendlichen, der nicht mehr unter ihnen weilte. Doch das entband Kethri Qat nicht von seinen Pflichten seinem Vizekönig gegenüber. Enlil dachte nicht daran, sein Sprechendes Schwert während der Zeit der Trauer vom Dienst freizustellen. Sich die Probleme seines Herrn anzuhören, würde den jungen Mann von seinen eigenen ablenken, fand der Vizekönig. Er war sich sicher, dem Jüngeren damit etwas Gutes zu tun.
„Ich habe viele Kinderkrankheiten übersprungen, die Enki durchmachen musste…“, begann Enlil im Plauderton. „Weißt du, wem es noch so ging?“
„In der neueren Geschichte nur den Titanen“, erwiderte Kethri. „Shimti war außer sich vor Freude, dass seine späteren Generationen bereits im Besitz von Antikörpern zur Welt kamen, die der Adapa ausgebildet hatte.“
Enlil nickte. Scheinbar das Thema wechselnd fragte er: „Was würdest du dazu sagen, wenn ich dir eröffnete, einen Vaterschaftstest für Ninurta durchgeführt zu haben? Und dass dieser Test Enki als ihren Erzeuger ausgewiesen hat?“
„Ich würde sagen: ‚Wie bitte? Kannst du das noch einmal wiederholen? Und wie bist du überhaupt auf diese Idee gekommen?’!“
„Es ist aber wahr, Izimu. Ninhursag hat fünf Töchter zur Welt gebracht. Vier von meinem Bruder und eine weitere durch mich gezeugte. Genetisch handelt es sich allerdings bei mindestens zweien davon um Vollgeschwister: Ninurta und Ninkurra.“
„Demzufolge hatten die Geschiedenen eine pikante Affäre“, meinte Kethri, schlussfolgern zu dürfen. Seine Gedanken betraten die Überholspur. Was würde sich für ihn und seine Beziehung zu Ninurta ändern, wenn sein Freund Enki und nicht mehr Enlil deren Familienoberhaupt wäre?
<Stopp!> „Ich habe dir noch nicht alles gesagt. So, wie Ninurta und Ereschkigal als Enkis Töchter ‚entlarvt’ wurden, bin auch ich der Vater von Ninkurra und Marduk. Ninhursags Partner sind genetisch identisch.“
Izimus Gedanken verlangsamten ihr Tempo nicht wesentlich. Sie wechselten lediglich in eine andere Spur: „Aber es gibt keine eineiigen Zwillinge in unserem Volk! Schon gar keine, die zeitlich versetzt auf die Welt kommen!“ Der Nefilim besann sich. „Es sei denn… Es sei denn, sie hätten… Aber das ist völlig unmöglich! Soweit war der Stand der Technik damals doch noch gar nicht?“
„Weißt du noch, wie wir über die Igigi sprachen? Das sind Außerirdische und wir wissen nicht einmal, ob sie noch existieren – oder es jemals taten. Reine Hypothese also. Und wenn wir es selbst in Shuruppak tun? Wirtschaft, nichts weiter. Es wird ohnehin bloß an Affen ausgeübt…“
Soviel blieb ungesagt, so vieles musste zwischen Angehörigen eines Volkes von Empathen nicht ausgesprochen werden. Doch in einem solchen wurden weniger Informationen als viel mehr Emotionen über die Äthersinne ausgetauscht. Kethri spürte, dass Enlil litt. Ob dafür rationale Gründe bestanden oder nicht, trat gegenüber dieser Tatsache in den Hintergrund.
<Du bist dir sicher? Wirklich absolut sicher?>
„Ja, leider. Die von Shushoran gesammelten Daten und der von mir durchgeführte Test belegen eindeutig, welcher wissenschaftliche Durchbruch der Hofakademie vierzehn Jahre nach Enkis Geburt gelungen ist. <Es handelt sich hier um eine jener vertraulichen Informationen, die durch extreme Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden müssen, Izimu.>
„Der Ätherbefehl?“ Kethri sprang von seinem Stuhl auf. „Aber ich könnte dir helfen!“
„Am besten wäre mir geholfen, wenn ich alles wieder vergessen könnte, was ich da ausgegraben habe. Doch dafür gibt es noch keine Äthertechnik.“
Zur Antwort schob Kethri das Stirnband mit dem Schusarvogel über die Augen, so dass er einer Pop-Ausgabe der Lugalbandastatue ähnelte, die in jedem Gerichtsaal dem Delinquenten direkt in die Seele blicken sollte.
Enlil musste lächeln, als er den Jagdmeister so vor sich stehen sah. <Nur nach den Taten und dem Herzen zu beurteilen? Ohne Ansehen meiner… Herkunft? Eine aufmunternde Geste, ohne Zweifel, aber auch eine sehr kindliche und mit einer gehörigen Portion Anarchie unterlegt.>
„Einen Rat habe ich auch für dich, mein König: Stoß nicht die vor den Kopf, die dir helfen wollen!“ Damit drehte sich Izimu um und wandte sich zum Gehen. Noch nicht einmal der Erbprinz der vier Welten konnte ihn aufhalten, entstammte dieser nun einer wilden Nachzucht oder streng protokolliertem Anbau in der Retorte.
<Kethri!!! Wir sind noch nicht fertig!!!>
<Ich lasse mir von Kalkal einen Termin geben.>

Enlil verwünschte zuerst Kethris Sarkasmus, dann seine eigene Unfähigkeit, den unverschämten Niederadligen von seinen Wachen aufhalten zu lassen, und zuletzt Nuska, als der Freund den Raum betrat und sich erkundigte, ob er seinem Herrn nun die beiden Hausgäste vorführen sollte.
„Li? Was Ihr über den Jagdmeister denkt, muss ich erst in einem Tierlexikon nachschlagen, bevor ich mir dazu einen Kommentar erlaube. Aber Shushoran und Apollon werden demnächst an ihren neuen Arbeitsplätzen erwartet. Wir können sie nicht länger hier festhalten, ohne dass es auffällt. Fragen könnten gestellt werden… Fragen jener Art, die Haus Sedit sich wohlweislich uns gegenüber verkneift, der hohe Adel jedoch nur allzugern in Sedits Namen aussprechen möchte.“
<Ich weiß, ich weiß.> „Die Häuser schreien nach dem schützenden Dach des Hofes wenn es regnet und beschweren sich dann über die fehlenden Ziegel, die sie selbst während der Sonnentage herausgeschlagen haben.“ <Also herein mit den Männern!>
Shushoran Sedit hielt einen Ätherschild oben, als die beiden Agenten eintragen. Das Gespinst erschien Enlil stabil, wenngleich äußerst schwach. Kaum hatte der Nefilim den Gedankenschild mit seinem Geist berührt, das lies Shushoran ihn auch schon fallen.
<Die Aufrechterhaltung strengt mehr an als die Gefühle im Raum einfach zu ertragen>, erklärte der überzeugte Einzelgänger.
Enlil verstand das gut. Nefilimjugendliche benötigten einfach nur Übung, ein Annunaki hingegen verfügte in der Regel nicht über einen stark genug ausgeprägten Äthersinn, um aus einem Gedankenschild wirklichen Nutzen zu ziehen.
„Wer ist dein Lehrer, Klinge?“ erkundigte sich Enlil. „Teile ihm mit, er soll sich sofort auf die Ätherablenkung konzentrieren, die wir dir eigentlich beibringen wollen. Nicht erst die Schilde oder sonstigen Vorstufen. Dein Äthersinn ist durchschnittlich ausgeprägt für einen Annunaki, aber sehr spezifisch. Er wird mit dem Pensum klarkommen.“

„Hat Shu deswegen Hausarrest aufgebrummt bekommen? Weil er bei seinen Hausaufgaben das Thema verfehlt hat?“ knurrte Sjuren. Er wusste es natürlich besser, wollte einfach nur seinem Ärger Luft machen.
Enlil musterte Sjuren „Apollon“, den Mann, dessen Sohn in Shuruppak zu ihm über Loyalität gesprochen hatte. Wem galt Sjurens Treue? Den Himmelsgöttern? Sich selbst? Oder nicht viel eher seinem Partner? Enlil vermochte nicht auszuschließen, dass Sjuren den Hawila-Aufstand, der so weitreichende Folgen nach sich gezogen hatte, nur deswegen initiiert hatte, weil er den geschwächten Shushoran nicht in den Minen hatte sterben lassen wollen. Shu Sedit also, das erleichterte die Angelegenheit einerseits, weil man sich nur noch um die Variable eines statt zweier Mitwisser sorgen musste, erschwerte sie allerdings im selben Moment, da Shushorans eigene Loyalitäten nicht mehr so scharf abgrenzbar waren wie vor seiner Haft in Hawila. Mit etwas Glück hatte er sie lediglich von seinem Haus auf Erbet-Kibratim als Ganzes übertragen
Shushoran entging nicht, dass die Gedanken des Vizekönigs sich um ihn drehten, was ja angesichts seiner ungeplanten Mitwisserschwaft bezüglich Arurus Dateien nicht überraschte.
„Ich glaubte, dass Ihr mehr als einen dummen Schulbub in mehr seht“, erklärte Shushoran. Die überwunden geglaubte Niedergeschlagenheit aus der Zeit seiner Haft drohte bereits wieder von ihm Besitz zu ergreifen. Sjuren befürchtete, dass Zeit des Lebens seines Partners der kleinste Auslöser dazu genügen würde.
„Meint Ihr nicht, dass ich Profi genug sei, um über Fakten von derartiger Tragweite wie den vorliegenden ohne extremste Vorsichtsmaßnahmen Schweigen zu bewahren?“ fuhr Shushoran fort. „Was hätte ich davon, vor den Dienern in der Residenz zu verkünden, dass der Große An Euer Erbgut manipuliert hat? Die meisten würden das Wort nicht einmal verstehen, sondern eine Schlagzeile anrüchige Kontenbewegungen betreffend dahinter vermuten!“
„Im Ernst, mein Prinz“, ergänzte Sjuren, „Euer Verhalten angesichts dieser Dateien vom ersten Ansatz eines Verstehens des Inhalts bis zu unserem Arrest war eine einzige verzweifelte Bitte. Wenn mich jemand um etwas bittet, frage ich in der Regel nicht danach, ob diese Bitte vernünftig, erwachsen oder vor dem Gesetz gerechtfertigt ist. Ihr wisst ebensogut wie wir, dass es Euch keinen Nachteil einbringen würde, gelangte die Information betreffs Eurer Gene an die Öffentlichkeit, Herr. Aber Ihr fühlt Euch unwohl bei dem Gedanken daran, von daher hätte ich nichts darüber verlauten lassen.“
Wenn er nicht gerade dem Auftragsmord als einer moralisch vertretbaren Einkommensquelle nachging, da die Seele den Verlust des Körpers verschmerzen konnte oder meinte, experimentell an Erbet-Kibratim ergründen zu müssen, ob die Himmelsgötter eine reine Erbmonarchie dem Feudalkapitalismus vorzogen, dann zählte Sjuren Kingu zu den warmherzigsten Männern, die Enlil kennengelernt hatte. Das Leben hatte Sjuren allerdings frühzeitig gelehrt, dass er seinem Herz nicht die Kontrolle über sein Handeln überlassen durfte, weshalb Enlil den Worten des Chamäleons eine notwendige Ergänzung hinzufügte:
„Solange, bis dir die Preisgabe einen Vorteil verschafft, der sämtliche Nachteile aufwiegt und jedes damit verbundene Risiko wert ist.“
„Ja, natürlich! Ich meine nur, dass…“
„…dass ich übertreibe, du aber Verständnis dafür aufbringst. Ich weiß. Shushoran hingegen spricht von Informationen beachtlicher Tragweite, die zu schützen er als das Beste für Erbet-Kibratim betrachtet. Aber wie weit reicht dieses euer beider Verständnis? Bis zum Pistolenlauf an der Schläfe? Es gibt Mittel und Wege, jemanden zum Sprechen über die Dinge zu bringen, die derjenige nicht von sich aus preisgeben möchte. Das wisst ihr selbst, ebenso wie euch bekannt ist, dass mir eine zuverlässige Absicherung dagegen zu Gebote steht.“
„Der Ätherbefehl.“
Enlil sondierte Shushorans Annunakigeist. Im Gegensatz zu dem demütigenden Hausarrest in Edin handelte es sich bei Enlils Ätherbefehl um eine Maßnahme, die der Mann als notwendig einsah.
Obwohl sie seinen eigenen Tod zur Folge haben kann. Wie könnte ich da weniger für Erbet-Kibratim tun?
Sjuren seinerseits schwieg lange hinter seinem natürlichen Gedankenschild, der ihm hundertprozentige Privatsphäre garantierte, solange er seine Körpersprache im Griff hatte. Endlich nickte der Mann. Nicht, dass es für Enlils Vorhaben von Belang gewesen wäre, ob Sjuren seine Zustimmung dazu erteilte oder nicht. Aber das Chamäleon zu einer eigenen Entscheidung kommen zu lassen, tat die Partnerschaft der beiden Sprechenden Schwerter gut, und hielt das Pärchen auf diese Weise maximal einsatzfähig für den Vizekönig. Lebensläufe wurden auf die während ihrer Dauer erworbenen Fertigkeiten reduziert, Gefühle auf die helfenden und hindernden Auswirkungen, die sie nach sich ziehen mochten. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet war niemand eine Person, war jedermann nur ein Werkzeug wie jenes hochentwickelte, das der Große An vor mehr als dreitausend Jahren auf Basis seines Erstgeborenen geschaffen hatte. Derartige Gedanken gingen Enlil durch den Kopf, während er Shushoran über die vor ihm liegende Prozedur aufklärte. Enlil konnte nicht einfach mit der Hand wedeln und einen Zauberspruch aufsagen. Medizinische Messgeräte würden eine Rolle spielen, sowie eine Auswahl Beruhigungsmittel für den Empfänger und den Aussprechenden des Ätherbefehls gleichermaßen – im Großen und Ganzen jedoch nichts, wofür nicht Edins Ortskrankenhaus ausgestattet wäre.

Über die nächsten Stunden hinweg brachte Enlil so zügig wie möglich über die Bühne, was er in Shushorans Kopf zu erledigen hatte. Doch während dieser sich im Anschluss daran nicht anders als vorher fühlte und lediglich im Laufe des Abends das verabreichte Sedativ ausscheiden musste, hinterließ der Akt Enlil körperlich geschwächt. Zudem kreisten seine Gedanken noch immer um die Personenfrage. Die Medikamente hatten lediglich bewirkt, dass der Geisteszustand des Nefilim nicht die Verankerung des Ätherbefehls beeinträchtigte. Seelenfrieden war auf diese Weise nicht zu erreichen.
So stand Enlil daher am Ende des Tages in einer Toilettenkabine im Hospital, wo er sich Wasser ins Gesicht spritzte. Sein Siegelring reflektierte das Kunstlicht der Deckenlampe. Enlil zog das Kleinod vom Finger.
In kräftigen Farben erstrahlte der herrschaftliche Sonnenwagen des Alulim-Clans vor seinen Augen. Für sein Siegel hatte Enlil dem standartisierten Wappen lediglich einen Lenker und einen Passagier hinzugefügt. Die Farbgebung wies seinen Träger als Hochadligen aus, sein persönliches Siegel sprach von Enlils Errungenschaften auf akademischem Gebiet. Er hatte es weit gebracht und war sich sicher, heute am selben Ort zu stehen, wie wenn er nicht der herrschenden Familie angehört hätte, sondern als Sprössling eines Edelmannes, der mit den Gemeinen zusammen am Fließband stand, in einer Mietwohnung aufgewachsen wäre.
Shushoran ging davon aus, dass Enlil sich schämte, seine Erfolge nur einem kleinen Schub in seiner DNA zu verdanken. Eine genetisch verbesserte Person. Aber eben das war Enlil Alulim nicht. Um diese Erkenntnis drehten sich seine Gedanken unablässig: nur eine Sicherheitskopie des älteren Bruders zu sein. In Vor-Tiruru’scher Zeit hatte Clan Alulim sehr genau abgewogen, welcher Nachwuchs die Aufzucht wert war und von welchem Kind man sich trennte, solange noch niemand eine emotionale Bindung zu dem Zellhaufen aufgebaut hatte. Der Schritt zum gezielten Design lag nahe, doch solange das noch nicht möglich war, hatte man sich offenbar damit begnügt, ein besonders gelungenes Exemplar zu vervielfältigen. Existieren weitere Klone Enkis, die in diesem Moment noch irgendwo gelagert wurden? Enlil wusste es nicht. Möglicherweise hätte ein gründlicheres Studium von Arurus Dateien es ihm verraten, doch der Nefilim war der Meinung bereits zu viel erfahren zu haben. Nefilim… zumindest seiner Artzugehörigkeit durfte sich Enlil noch sicher sein. Doch Personenstatus und Hausrechte, Adelsprivilegien gar, für ein Laborprodukt? Undenkbar eigentlich. Enki war es nicht gelungen, seinem Adapa all dies zukommen zu lassen. Und doch war es bereits einmal geschehen. Das erste in Shimtis Labor auf Ki gezeugte Klonkind herrschte in Dilmun, das erste im Labor gezeugte Klonkind Erbet-Kibratims hingegen herrschte über den Planeten.

*

Am nächsten Tag schien oberflächlich betrachtet wieder Normalität eingezogen zu sein: Apollon und Shushoran befanden sich auf dem Weg in die Hauptstadt, wo sie im Fernflughafen Duranki Beschäftigung gefunden hatten.
Der Jagdmeister hatte sich in die Stadt Edin zurückgezogen, da im Hafen gerade Karashishis Kreuzfahrtschiff vor Anker lag. Puzur Amurri hatte Anteile an dem Unternehmen erworben und lies es sich nicht nehmen, auf dieser Fahrt als Navigator und Kapitän zu fungieren.
Dank Kethris Abwesenheit konnte Kain seiner Mischung aus Asyl und Gefangenschaft in Nuskas Villa nachgehen, ohne weitere Übergriff befürchten zu müssen.
Enlil forderte die Varuna II an und ließ sie so weit wie möglich nach oben steigen, aus keinem anderen Grund, als sich gut dabei zu fühlen, zwischen den Wolken zu schweben, während er seinen Regierungsgeschäften nachging. Irgendwo dort unter ihm lag auch Dilmun und dort beklagten Adapa und Cheva das ungesühnte Verbrechen, das an ihrem jüngeren Sohn begangen worden war.
Nuska, der wie meist an der Seite des Vizekönigs zu finden war, räusperte sich und fragte: „Ihr denkt an Kain und den Brudermord, Herr. Wie wollten wir ihn eigentlich aburteilen? Ich meine, wofür und mit welchem Recht?“
Enlil warf dem Freund einen Blick zu, als hätte ein Schattenloser aus der Hölle dessen Platz eingenommen, dabei aber vergessen, das Gedächtnis des echten Nuska zu kopieren. Doch der Annunaki führte seine Gedanken von selbst weiter aus: „Unseren Gesetzen nach hat nie ein Verbrechen stattgefunden. Innerhalb der Grenzen Dilmuns gilt das Recht des Hauses Uruk und das beschränkt sich Kains Erzählungen nach auf ein paar Verhaltensrichtlinien für Minderjährige sowie das Regelwerk für das Flussspiel.“
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte sich Enlil von den Gesetzen im Stich gelassen. Er konnte Kain und Abel als Personen behandeln, doch dann verstieß er gegen Paragraphen, die er selbst verfasst und die sein Vater für gut befunden hatte. Das Gesetz bot Enlil keine Handhabe, also setzte er sich darüber hinweg, ganz so, als sei er wirklich sein Bruder. Eine gut gezogene Kopie.
„Was ist das eigentlich für ein Projekt, an dem Ihr seit Shushorans Rückkehr aus Shuruppak arbeitet?“ wechselte Nuska das Thema. „Politik? Wirtschaft?“
„Hauspolitik, Nuska, mein Freund.“ Enlil schob einen Stapel Papiere von sich. „Im weitesten Sinne.“

Die Insel Edin.
Enlils Residenz.

Nicht ganz zwei Monate verstrichen, nachdem Enlil Alulim die verräterische Datei erhalten hatte, welche die Umstände seiner Zeugung und Geburt näher beleuchtete. Oberflächlich betrachtet führte er sein Leben weiter wie bisher, doch unter dieser dünnen Oberfläche aus Pflichtgefühl und Ehrgeiz tobten Urgewalten…

Der Gärtner kniete neben einem Beet in Enlils Garten. Sorgfältig wählte er die nächste Jungpflanze aus seinem Korb aus und befreite sie aus ihrem Töpfchen. Geschickte Finger lockerten den Erdklumpen um die Wurzeln, welcher noch immer die Form des Pflanzgefäßes aufwies. Es war eigentlich nicht nötig, das zu tun, die Pflanze würde von ganz allein von ihrem neuen Lebensraum Besitze ergreifen, doch wollte der Gärtner ihr den bestmöglichen Start in ihr neues Leben ermöglichen. Sein Blick schweifte über die Beete, die sich hinter jenem erstreckten, an dem er gerade arbeitete. Dort blühten und grünten bereits die Früchte seiner Arbeit. Stolz war der Gärtner auf sein Werk und das auch zurecht, wie er fand.
Mit einem höhnischen „Ach?“ meldete sich eine dem Gärtner wohlbekannte Stimme zu Wort.
Enlil sah auf. Über ihm ragte Bakchos Suhurmaschs Annunakikörper in die Höhe.
„Ohne mich wüsstest du doch überhaupt nicht, wohin du deine Dreckfinger setzen müsstest!“ behauptete der Botaniker und der Gärtner wusste, der andere hatte Recht. Es spielte keine Rolle, dass der Annunaki sich bereits seit einiger Zeit vornehmlich als Gastwirt betätigte. Tatsache blieb, dass Bakchos im Gegensatz zu Enlil über ein Zertifikat verfügte, welches ihm fachliche Kompetenz bescheinigte. Enlil grub lediglich Löcher, stopfte Blumen hinein und goss Wasser darüber. Bakchos wusste, unter welchen Licht- und Schattenverhältnissen das Pflanzloch angelegt werden musste, welche Blumen sich in welchem Boden wohlfühlten und in welchem Rhythmus gegossen werden musste.
„N…“ versuchte Enlil zu sprechen, doch seine Lippen öffneten sich nicht. „Nein, ich weiß das doch alles selbst“, wollte er sagen, musste aber feststellen, dass ihm sein durch Erfahrung erworbenes Wissen nicht mehr zur Verfügung stand. Vielleicht ging es Bakchos ja ebenso, doch besaß dieser noch immer sein altes Diplom. Das Diplom, welches seine Überlegenheit zweifelsfrei bewies.
Mit einem Mal schob sich ein anderes Gesicht über das des Untertanen des Ziegenfischclans. Zuerst nur undeutlich, dann konturenreicher, aber flackernd, wie ein defektes Hologramm erschienen Enki Eas Züge unter Bakchos´ Haarschopf. Der Körper des Mischlings wuchs in die Höhe, bis er in voller Nefilimgröße über Enlil aufragte. Haar und Augen verdunkelten sich, die Haut nahm einen fahleren Schein an. Als ein Windstoß durch Bakchos´ Robe strich, verwandelte sie sich in die einem Erbprinzen zustehende Gewandung. Enlil blickte sich selbst ins Gesicht, aber Enki Ea in die Augen, wie es seit seinen Kindertagen nicht anders gewesen war.
„Bakchos war hier, hm?“ erkundigte sich Enki im Plauderton. „Vielleicht ist er ja wirklich mein Halbbruder. Aber du, du bist nichts weiter als eine gut gemachte Kopie!“
„N…“ setzte Enlil erneut zum Sprechen an. Wiederum hinderte ihn eine unbekannte Kraft daran, den Mund zu öffnen.
Nun trat auch noch Anu Alulim hinter Enki. „Amüsiert er dich noch, mein Sohn?“ wandte sich der Regent an seinen Erstgeborenen. „Ein teures Spielzeug, aber ich dachte mir, dass es dir gefallen würde…“

Zu realisieren, dass er einen Traum durchlebte und aufzuwachen war eins für Enlils Nefilimgeist. „…ein!“ entfuhr es ihm.
Der Mann fuhr in seinem Bett auf. Er glaubte, geschrieen zu haben, doch das seinem Mund entschlüpfende Wort hatte gerade einmal Zimmerlautstärke erreicht. Die an Enlils Seite
schlafende Ninhursag aufzuwecken hatte es nicht vermocht, wohl aber hatte das Geräusch die Nefilim ein wenig näher an die Welt der Lebenden gelockt. Ihr Äthersinn schaltete ohne Zutun des Bewusstseins darauf um, dem Gatten Gefühle der Zuneigung zu senden. <Ich werde dich immer lieben, auch wenn dieser Körper es gerade nicht in Worten oder Taten zeigen kann>, lautete die stumme Botschaft. <Ich bin hier bei dir.>
Enlil kuschelte sich an die Schlafende. Seine Erleichterung darüber, nur geträumt zu haben, hielt nicht lange vor. Denn Enlil Alulim konnte Bakchos auf dessen Fachgebiet tatsächlich nicht das Wasser reichen. Zumindest besaß er keinen gesiegelten Beweis für seine Überlegenheit.

„Besitzt mein Bruder eigentlich ein Diplom in Botanik?“ erkundigte sich Enlil am nächsten Tag bei seiner Gattin, während sich die beiden aus ihren Betten schälten.
„Welcher?“ fragte Ninhursag unschuldig zurück. Sie konnte ja nicht ahnen, welches Traumbild ihr Partner in dieser Nacht gesehen hatte.
„Na welcher schon!“ brüllte Enlil.
„Enki? Nein, ich denke nicht. Und selbst wenn er eins hätte – dann promovierst du eben!“ <Verstehe ich das richtig, dass du ein neues Hobby hast?>
„Nicht direkt neu.“
„Nicht neu, nein, aber zeitintensiver als ehedem“, stimmte Ninhursag zu. „Und das gefällt mir. Es sagt mir, dass du den Kopf wieder für mehr Dinge frei hast als noch vor kurzem. Aber lass uns diesen kleinen Abstecher in die Wissenschaften gemeinsam absolvieren!“
Enlil nickte erfreut. Im Gegensatz zu seinen Ambitionen als Theatermäzen vermochte er ja seine Lust am Gärtnern seit eh und je mit Ninhursag zu teilen! Sein Vorhaben würde ihrer Beziehung einen schon lange nicht mehr ausgelebten Aspekt zurückgeben.
„Ich rufe Kathrima Ubaid in Nippur noch heute an“, versprach Ninhursag. „Eine Gruppe von fünf Adligen sollte sich doch zusammenstellen lassen! Vielleicht laden wir auch einige der Jüngeren ein, damit sie die Pflanzenwelt Anurs nicht völlig vergessen?“
„Zumindest Puzur Qat schaut sich voller Begeisterung jedes Gewächs an, solange es sich unter Wasser befindet“, schmunzelte Enlil. „In dieser Beziehung ist er ganz Fels Sohn.“
„Wohingegen seinem Bruder Izimu ein gründliches Studium der Parkregeln in Edin gut tun würde“, erwiderte Ninhursag.
„Die hat er gelesen. Kez kennt die Paragraphen auswendig. Aber unser Jagdmeister hat beschlossen, dass sie in ihn nicht betreffen.“
„Du findest das auch noch lustig!“ rügte Ninhursag den Gatten. „Du hast ja so einen Narren an dieser Familie gefressen!“
Enlil nickte. „Brems´ mich, wenn sich dadurch mein Urteilsvermögen gegenüber dem Katzenclan als Ganzem zu trüben droht“, bat er.
Ninhursag schüttelte den Kopf. „Enlil!“ rügte sie den Gatten. „Das ist noch nie vorgekommen und wird es auch nie! Du bist unser Erbprinz! Du bist…“
„Perfekt?“ neckte der Nefilimmann.
„Ja!“ hauchte ihm seine Gemahlin entgegen.

Enlil und Ninhursag fanden sich bereits am übernächsten Tag zu einem ersten Treffen mit sieben interessierten Standesgenossen zusammen. Der Unterricht sollte in Edin stattfinden, da Enlils Park ohnehin eine magnetische Wirkung auf die Botaniker der Hofakademie ausübte. Bei manchen Gewächsen gesellte sich auch noch eine im Wortsinn hypnotische dazu…
Für die Dauer des Studiums wurde willigen Dozenten nicht nur ein Landhaus auf der Insel angeboten, sondern auch die Möglichkeit, ihren Forscherdrang an allem auszuleben, was auf Edin Wurzeln schlug und Chloroplasten besaß. Fünfundfünfzig Ki-Umläufe Forschung in bester Lage zum Preis der Unterrichtung von Standesgenossen, die sich später einmal als wertvolle Kontakte etablieren ließen, vermochte kein Nefilimgelehrter guten Gewissens abzulehnen.
Das Studium einer Naturwissenschaft galt als gesellschaftliche Pflicht für einen wahren Adligen. Nur die wenigsten beschäftigten sich nach ihrem Abschluss länger als einen Zyklus mit dem studierten Fach. Sie wandten sich anderen Passionen zu, vergaßen, was sie sich einst mühselig erarbeitet hatten und kehrten später eventuell auf die Schulbank zurück, um den aktuelleren Stand der Wissenschaft zu erlernen. Nicht so Enlil. Enlil Alulim galt als eine Zisterne von unbegrenzter Kapazität, was Wissen anging. Er speicherte Inhalte anderer Wissensgebiete als nur die für den Alltag notwendigen Kenntnisse der Wirtschaft, Rechtslehre und Etikette. Der Große An hatte gut daran getan, jenen Sohn zu seinem Erben zu ernennen, der sich selbst an die Alltagsgeschäfte mit wissenschaftlicher Präzision heranging. Doch davon war an diesem Tag wenig zu spüren. Enlil wirkte während der gemeinschaftlichen Planung des Studienablaufes konzentriert, aber gleichzeitig von Sorgen ausgelaugt, die seine Mitschülern verborgen blieben.

Ayasag Alulim sah den Augenblick gekommen, ihr Glück zu versuchen.
„Der Verteilungsschlüssel für die Gewinne aus den im gemeinsamen Besitz aller Häusern befindlichen Produktionsstätten auf Ki…“ wandte sie sich am Ende der Veranstaltung an ihren Prinzen.
„Derzeit besteht keine Veranlassung, etwas an diesem Schlüssel zu verändern“, schnitt ihr Enlil das Wort ab.
„<Das sehe ich ein>“, erklärte die Nefilim in zwei Medien gleichzeitig. „Was nun aber eine einmalige Sonderzuteilung von Finanzmitteln durch die Kolonialregierung anginge…“
Enlil folgte den Ausführungen der Frau mit beiden Ohren, aber nur dem halben Hirn. Der Anblick seines Gegenübers nahm den Erbprinzen vollständig gefangen. Die Nefilim gehörte zum hohen Adel, überdies zu Enlils eigenem Haus, aber es handelte sich nicht um eine gebürtige Alulim. Ayasag hatte das Licht der Welt im Haus K´met erblickt. Sie gehörte zu jener Generation Adliger des Bienenclans, die vor viertausend Jahren durch künstliche Befruchtung gezeugt worden war, als ihr Clan sich vom Aussterben bedroht gesehen hatte. Ein einziges Elternpaar, die alternde letzte Nachkommin des Clansgründers und deren jugendlicher Gemahl sowie hundertzwanzig als Leihmütter fungierende Annunaki hatten den Clan gerettet.
Enki, damals noch Erbprinz, hatte sich persönlich an der Durchführung beteiligt, denn die Rettung K’mets bewahrte gleichzeitig den Frieden im Dreisternsystem. Aufgrund einer uralten Verfügung hatte Erbet-Kibratim stets aus fünfzig Häusern zu bestehen. Starb eines davon aus oder verschwand auf andere Weise, so musste es ersetzt werden. Durch wen, in welcher Weise und zu welchem Preis, so lauteten Fragen, auf die man damals lieber keine Antworten hatte hören wollen. K’met musste gerettet werden, damit auch Erbet-Kibratim bestehen blieb.
Damals hatte Enlil allein den staatsstabilisierenden Aspekt des Prozesses wahrgenommen, heute trat ihm der medizinische ins Bewusstsein.
Nun unterschied sich eine künstliche Befruchtung deutlich von einer Klonung, in Enlils überreiztem Hirn aber verschwammen die Grenzen bis zur Unkenntlichkeit. Ayasag wurde zum Spiegel für Enlils eigene Situation und Enlils linke Gehirnhälfte, welche beim Zwillingsvolk für Gefühle und Intuition verantwortlich war, übernahm die Kontrolle. Sie ließ ihrer analytischen Schwester keinen Handlungsspielraum. Er konnte nicht anders, als sich dem Vorschlag Ayasags gewogen zu zeigen.

„Sag mal, besitzt Ni Nazu jetzt wirklich sein eigenes Viertel in Lagsasch?“ erkundigte sich Ninhursag später bei ihrem Gatten. „Nicht dass ich, Schamasch oder irgendein anderer Alulim etwas dagegen einzuwenden hätte, ganz im Gegenteil! Aber bisher hast du stets darauf geachtet, dass Lagasch ein reiner Wirtschaftsstandort blieb. Ni Nazu und Ayasag hingegen wollen einen Mokele-Themenpark errichten. Wenn der Ort dadurch attraktiver wird, werden sich dort Personen ansiedeln, die nicht unmittelbar mit der Salzgewinnung zu tun haben und Graue werden nach ihrer Entlassung dort bleiben…“
„Ich habe Ayasags ehrgeiziger Familie einen Kredit gewährt und ihnen damit die Möglichkeit gegeben, sich zu erarbeiten, was sie von der Kolonialregierung erbetteln wollten.“
„Ja. Zum Gewinn auch unserer Familie. Ich habe im Äther gespürt, wie die ärmste Ayasag zusammenzuckte, als du ihr deine Zinsforderungen nanntest!“ Ninhursag kicherte. „Ich habe das kurz überschlagen und würde sagen, es ist immerhin schaffbar.“
Enlils Vernunft kehrte allmählich zurück. Der Mann realisierte, dass er sich auf ein prächtiges Geschäft eingelassen hatte. Enlil verfügte nun über die Bestätigung, dass sein Unterbewusstsein ganz allein in der Lage war, Haus Alulim erfolgreich zu regieren. Dennoch blieb die Veräußerung von Land in und um Lagasch an private Eigentümer ein Geschäft, das er sich vorgenommen hatte, nie im Leben zu tätigen, egal, wie hoch die Gewinne daraus ausfallen mochten.
„Sag´ alle Termine mit Adligen des Hauses K´met ab, die in diesem Ki-Umlauf eventuell noch anstehen“, befahl Enlil noch am selben Tag seinem Vertrauten Nuska. „Aber streiche auch ein paar andere, so dass nicht offenkundig wird, auf wen diese Maßnahme abzielt.“
Nuska lauschte auf den Äther. Er rief sich alles zurück ins Gedächtnis, was sich an diesem Tag zugetragen hatte. „K´met der Bienenclan?“ schmunzelte der Diener. „Doch nicht etwa, weil Euch Frau Ayasag heute über den Tisch gezogen hat? Das passt überhaupt nicht zu Euch, mein Freund! Weder so ein Lapsus noch diese Reaktion darauf.“
<Erspar mir einfach für die nächste Zeit den Anblick eines K´met, Nuska!> flehte der Nefilimfürst. Seinen Diener schmerzte diese Bitte stärker als jeder gebrüllte Befehl.
„Möchtet Ihr und Frau Ninhursag vielleicht jegliches Geschäft für eine Weile den Kindern überlassen?“ legte Nuska seinem Herrn nah. „Euch von allem erholen, was Euch seit diesem vertrackten Besuch in Dilmun plagt?“
„Und wohin sollten wir deiner Meinung nach gehen, Nuska? Auf den Mond vielleicht? Ayasag hat mich in meiner von dir so gepriesenen Freizeit kalt erwischt. Nein, ich habe eine Pflicht zu erfüllen. Gegenüber dem Clan, dem Bund der Fünfzig Namen, Erbet-Kibratim, jedem einzelnen Untertanen… dafür wurde ich gezeugt.“
„Genaugenommen wurdet Ihr zum Erbprinzen ernannt, nicht geboren“, wagte Nuska einen Widerspruch. Enlils Lächeln blieb undurchdringlich, als er antwortete: „Einigen wir uns darauf, dass ich dazu gemacht wurde.“

In dieser Nacht saß Enlil seinen Privatgemächern über dem Text des Bühnenstücks. Nabu hatte seine angekündigte Neufassung des Märchens von Enscha-sim beendet und Kopien an Kathrima, Umul und Enlil auf Ki gesandt. Für eine Weile vermochte die Lektüre Enlil abzulenken. Voller Vorfreude auf das neue Theaterprojekt rollte der Leser eine Schreibfolie nach der anderen auf seinem Lesegestell von der unteren auf die obere Walze. Er hielt inne, als er an die Stelle gelangte, in welcher der Bauer seinen magischen Stecken einsetzte, um eine neue Welt zu schaffen. Nur, dass es sich in Nabus Version um einen natürlich gewachsenen handelte. Und wieder stand die Erkenntnis seiner Herkunft vor dem Vizekönig.
„Marduk…“ flüsterte Enlil. „Marduk ist mein Sohn!“
Der Nefilimmann verinnerlichte sich diesen Gedanken. Er musste sich eingestehen, dass es ihn vor keine großen Schwierigkeiten stellte, sich seinen oftmals ungestümen Neffen als das eigene Kind vorzustellen. Marduks Idealismus und seine Aggressivität in nützliche Bahnen zu lenken oblag Enki Ea, doch genetisch bestand kein Unterschied zwischen Vater und Onkel des jungen Mannes.
Was vermutlich auch erklärt, weshalb Inanna ihrem Onkel im Verhalten so gleicht, dachte Enlil. Oder weshalb Ninurta ein Vertrauensverhältnis zu Enki pflegt, obwohl sie nichts gemeinsam haben. Die beiden Mädchen brauchen mich nicht. Und mein Junge? Ashtar wäre vielleicht sogar froh, mich als Vater loswerden zu können. Mein Bruder steht ihm viel näher, von ihm erfährt er häufiger Anerkennung. Gerade das Problem dieses ungeeigneten Nachfolgers ließe sich durch die Eröffnung meiner Herkunft wunderbar lösen.
Denn Marduk Ea war ein wenig älter als Ashtar und überdies lange Zeit in dem Wissen aufgewachsen, seinem Vater als Erbprinz nachzufolgen. Marduk, nicht Ashtar, wäre eines Tages die Anuschaft zugefallen, hätte die Sezession nicht die politischen Verhältnisse durcheinandergebracht. Aber da die beiden Brüder genetisch identisch waren, musste auch Marduk als Sohn Enlils gelten. Als Enlils älterer Sohn!
Enlil stützte den Kopf in seine Hände. Welche Gedanken ihm da da durch den Kopf gingen! Ashtar durch Marduk zu ersetzen, wäre das besser für den Bund der Fünfzig Namen? Erbet-Kibratim? Für Ashtar selbst? Mit Sicherheit all dies, glaubte Enlil. Aber wäre es auch besser für Haus Alulim? Und was war das Beste für ihn selbst?
Woher soll ich das wissen, wenn ich Enki nicht danach fragen kann? Wen denn sonst, wenn nicht ihn? Er ist ich und ich bin er. Aber mir fehlt die Übung darin, wir zu sein, er zu sein, ich, der er ist, zu sein…

Ninhursag fand ihren Gatten in einem Zustand vollständiger Erschöpfung vor, als sie eine Stunde später von einem Ballspiel des Ediner Adels heimkehrte.
Die Nefilimdame beugte sich über Enlil. Sie hob den Oberkörper des geliebten Mannes an und lies ihn in ihre Umarmung sinken. Dabei vermochte sie sich des Gefühls nicht zu erwehren, eine Lumpenpuppe in den Armen zu halten.
Erst nach einer ganzen Weile gab Enlil etwas von sich. Zuerst klang es nach einem Keuchen, doch dann erkannte Ninhursag einen Namen: Kethri.
„Kethri“, flüsterte Enlil den Namen seines Sprechenden Schwertes. „Er lebt in dem Bewusstsein, dass ihn meine und Enkis Launen eher heute als morgen zurück in die Minen bringen können. Aber dennoch ist sein Leben so viel leichter als unseres. Wie ich den Jungen beneide!“
„Der Jäger weilt gerade zur Klärung familiärer Angelegenheiten auf Taneter 9“, erwiderte Ninhursag. „Er ist nicht Teil unserer Familie. Aber du bist es. Du und ich…“ <Lass mich dir helfen, Schatz, bei was auch immer dich bedrückt!>
Enlil schüttelte den Kopf.
Ninhursag zog sich abrupt von ihrem Gatten zurück. „Du hast Kethri Izimu etwas anvertraut, das du mit mir nicht teilen willst?!“ empörte sie sich. „Dann kannst du dich ja ans Telefon hängen und deinem Izimu mitteilen, dass es unangenehm für ihn wird, sollte er es wagen, mir in Edin unter die Augen zu treten! Vielleicht vermisst du ihn ja so sehr, dass du es ohnehin kaum erwarten kannst, mit ihm zu sprechen.“
Enlil hub an, etwas zu erwidern, doch Ninhursag schnitt ihm das Wort ab: „Er ist nicht dein Sohn! Er ist auch nicht dein Bruder! Und er ist bei den Heiligen Winden erst recht nicht deine Ehefrau!“
„Huri, bitte!“
Als Enlil seine Bitte um Mäßigung in den Äther ausstrahlte, ohne etwas damit zu erreichen, lies er sich auf die emotionalen Gewalten ein, die in seiner Partnerin tobten. Ninhursag, erkannte er, empfand sich in diesem Moment als alles andere als eine Partnerin: <Dein politisches Kalkül, deine Reden im Kolonialrat und vor dem Adel unseres Hauses, die Führung unserer Geschäfte und die meisten deiner wissenschaftlichen Projekte oder auch nur wissenschaftsbezogenen Hobbys kann ich nicht nachvollziehen. Ich verstehe die Grundlagen, aber ich kann dir einfach nicht so tief folgen, wie du in jedes dieser Gebiete vordringst. Aber dafür konnte ich immer eines: dir eine Stütze sein. Wenn du diesen Halt nicht mehr benötigst, weil du deine Sorgen lieber Fels kriminellem Sohn anvertraust, wenn du nur noch zu mir kommst, um dir zu holen, was zwischen dir und ihm nicht aufflammt, dann bin ich wirklich nicht mehr deine Ehefrau, sondern nur noch ein Zeitvertreib.>
„Huri! Ich wollte dich nicht verletzen. Ich…“ Ein schrecklicher Verdacht keimte in dem Nefilimmann auf. War es das, was Ninhursag und Enki einst der auseinandergebracht hatte? Wiederholte er gerade lediglich die Fehler seines Bruders? „Hat mein Bruder dir das angetan? Hast du deswegen darum gebeten, dass er sich gehen lässt?“
„Du meinst, ob ich ihn deswegen zu vergiften versucht habe?“ Ninhursag schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Was er getan hat, war bei weitem schlimmer. Es war unvorstellbar und hätte mich um ein Haar dazu getrieben, etwas noch Unvorstellbares zu tun.“ <Wäre meine liebe Ninki damals nicht gewesen… ich möchte mich nicht daran erinnern.>
„Was immer es war, ich werde es eines Tages wiederholen“, behauptete Enlil düster.
„Nein, Li. Uns beiden wird das niemals zustoßen, das musst du mir glauben. Du bist doch nicht mein gedankenverlorener, verspielter Ex-Gatte!“
Ninhursag hatte diesen letzten Satz nicht aussprechen wollen. „Du bist nicht Enki“, wie banal klang das wohl? Doch ein kurzes Ausloten des Äthers verriet der Frau, dass es sich um genau die Worte handelte, die Enlils Gemüt nicht nur Frieden verschaffen, sondern ihn auch ein Stück näher zu ihr zurückbringen würde. Also wiederholte sie sie: „Nein, du bist wirklich nicht dein Bruder!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s