Die Wächter Uraschs

Die Menschenmacher von Dilmun,
Kapitel 6

Zwei Monate waren seit dem Mord in Dilmun, der Entdeckung von Jankas Datendiebstahl und Prometos Rückkehr ins Reich der Sternengötter verstrichen. Jedes dieser Ereignisse zog den üblichen Schweif an öffentlich zelebrierten Debatten und bereits weniger öffentlich gemachten Intrigen nach sich, doch in diesem Jahr verhielt sich der Kolonialrat einmal nicht wie ein Schwarm augeschreckter Hühner, wie es Enki ausdrückte. Stattdessen widmeten sich Klein- und Kleinstgruppen den Einzelaspekten mit der diesen gebührenden Sorgfalt. Enki vermutete ein bewusstes Innehalten der Kolonisten angesichts der Schnellebigkeit Kis dahinter. So gelegen ihm das im Privaten kam, musste er sich doch fragen, was der Planet wohl von der Trotzreaktion der Siedler halten mochte. Oder darüber nachgrübeln, wieso ihm eine derartige Frage überhaupt bedenkenswert erschien…

Kain Uruk verbrachte den Winter im Gewächshaus hinter Nuskas Villa. Tagsüber arbeitete er hier oder studierte botanische Lehrbücher, des Nachts schlief er an seinem Arbeitsplatz, wenn er nicht die Müdigkeit überging, um sich nun über den wirtschaftlichen Aspekt der Landwirtschaft kundig zu machen. Nach und nach söhnte sich Kain mit dem Gedanken daran, dass auch im Reich der Sternengötter die Landwirtschaft die Basis des Lebens darstellte, aus. Er lernte die fortschrittliche Technologie und den Wissensschatz der Nefilim zu schätzen, ohne allerdings ihren Begründern die selbe Wertschätzung zukommen zu lassen.

An einem dieser gleichförmigen Tage war der Menschenmann bei den winterharten Küchenkräutern tätig, die er außerhalb des Gewächshauses gepflanzt hatte. Aus diesen wählte er nicht die prachtvollsten und auch nicht die mickrigsten aus, sondern genau jene, die am typischsten für ihre Art waren. Diese Exemplare wurden in mit Enlils persönlichem Siegel gekennzeichnete Töpfe umgepflanzt, waren sie doch für den Edinpark und dort die bald beginnende Ausstellung „Kolonialer Fortschritt – vom Überlebenskampf zum Lebensgenuss“ bestimmt.
„Jahreszeiten!“ fluchte Kain, als er ein im Landeanflug auf Nuskas Grundstück befindliches Sportflugzeug erblickte. Wenngleich aus anderen Gründen als jenen, waren ihm die Jahreszeiten ebenso abhor wie den Nefilim, so dass er das Schimpfwort rasch in seinen Wortschatz übernommen hatte. Hatten die ihnen Vorfahren nicht so praktische Einrichtungen wie das Gewächshaus hinterlassen? Aber wieso hatte keiner daran gedacht, ein paar grundlegende Vorschriften für Flugmaschinen aufzustellen? Wie beispielsweise darüber, was ein geeigneter Landeplatz war und was eben nicht. Private, halb zugeschneite Kräutergärten beispielsweise…
Der Pilot schien seine kleine Maschine gut im Griff zu haben, soweit der Gärtner das einschätzen konnte. Er drehte eine Runde um das Gelände und brachte das Flugzeug dann hinter dem Grundstück entlangführenden Landstraße herunter. Der Busverkehr auf der Insel sowie eventuelle Fußgänger hatten sich mit dieser Tatsache zu arrrangieren. Bereits bevor die Passagiere ihre Maschine verlassen und Nuskas Residenz erreicht hatten, trafen Kain die Ausläufer ihrer Ätherpräsenzen. Der Mensch begriff, ohne es in Worte fassen zu müssen, dass hier jemand aus welchen Gründen auch immer einen bewussten Akt der Rücksichtslosigkeit beging. Nach dieser ersten, vordergründig im Äther stehende Information fing er vertraute Strukturen auf.
<Wiederholung… Ekar-komitl…> – das kam von Nuska Alulim, Kains Herren in der Welt der Kolonisten.
<Ach, komm schon, du bist nur sauer, weil ich dir den Sklaven wieder abnehme!> – und das Enlil Alulim, seines Zeichens Vizekönig von Ki.
„Ganz ehrlich, Herr?“ Nun konnte man bereits Worte auseinanderhalten und der Wortwechsel der beiden Außerirdischen verriet Kain, dass Enlil selbst am Steuer des Flugzeugs gesessen hatte. „Damit habe ich gerechnet!“ <Wo hingegen Eure jüngsten Kapriolen nichts sind, worauf ein Diener in meinem Alter von einem Prinzen in eurem vorbereitet sein müsste!>
„Ich will nur wissen, wie…“
Enlil beendete seine Rechtfertigung nicht, hatte er ja keine vor dem Diener nötig. Der Äther jedoch übertrug noch etwas mehr. Nuska sprach den den Informationsfetzen reflexartig an Enlils Stelle aus: „Wie es sich anfühlt?“ Kopfschüttelnd folgte er seinem Herrn.

„Also, Kain Uruk“, sprach Enlil.
Auf Nuskas Wiese standen sie sich gegenüber, der Herrscher des einen Reiches Erbet-Kibratims und der Prinz des anderen, doch keiner der beiden Männer empfand sich in diesen Tagen als soviel wert wie auch nur eine Salatgartenschnecke.
„Ich spreche die Verbannung über dich aus“, erklärte Enlil ohne einleitende Worte. „Du bist ein Mörder und wirst daher in die Wildnis getrieben, wie wir es von altersher zu tun pflegten.“
<Nicht ausgewildert?>
„Weder ausgewildert, noch ausgesetzt oder freigelassen. Dein Urteil lautet Verbannung.“
Der Mensch lächelte in einer Mischung aus Trauer und Dankbarkeit.
„Danke!“ Dann hat es sich ja doch gelohnt, was ich getan habe!
„Bei der Markierung eines Verbrechers handelt es sich um keine Pflicht, der ich persönlich nachzukommen hätte. Nuska wird sich zum Gerichtsgebäude in der Stadt fahren“, erläuterte Enlil weiter. „Sobald du das Zeichen empfangen hast, ist es dir verboten, dich den Grenzen unserer Zivilisation zu nähern. Izimu wird daher dafür Sorge tragen, dass du dorthin gebracht wirst, wo du dein Exil verleben möchtest. Er allein kennt die Koordinaten aller Orte, an denen sich Artgenossen von dir niedergelassen haben: Dilmun, der Notoswald, die Savanne…“
„Ich suche die Horde auf“, erklärte Kain. „Um mir dort eine Braut zu suchen, wie es mein Vater sich von mir gewünscht hat. Du kannst ihm das ausrichten lassen.“
„Möchtest du Adapa noch etwas anderes mitteilen?“
<Alles, was du in diesem Moment lesen kannst, zu dem mir die Worte fehlen.>
<Besser nicht>, wehrte Enlil ab, nachdem er kurz dem offenen Kanal gelauscht hatte. „Deine Liebe zu deiner Familie wird von einer Überheblichkeit den Dilmunern gegenüber begleitet, dass ich meine, einem der Eridu Fünfzig in ihren schlimmsten Anwandlungen gegenüberzustehen.“ <Und damit genug davon!>

Als Kain das Gerichtsgebäude wenige Stunden später wieder verließ, stand die „Windwandler“ bereits auf dem kleinen dazugehörigen Flugfeld bereit. Nuska und Kethri Izimu diskutierten heftig in ihrem Schatten. Kaum dass er des Verurteilten gewahr wurde, stieß Nuska den größeren Kethri mit Bestimmtheit von sich und eilte dann auf Kain zu. Sein Äthersinn war dabei offen für sowohl für die Gefühle des Nefilim als auch die Gedanken des Verurteilten
„Schattenlosenpein!“ entfuhr es dem Annunaki. „Du freust du dich noch über die Tätowierung? Wie abartig kann jemand eigentlich sein?“
<Du verstehst das nicht, Nuska>, entgegnete Kain. „So ein Zeichen wie ich besitzt kein anderer Mensch. Das Mal des Verbannten ist eine Urkunde für den Entzug des Personenrechts. Wegnehmen kann man jedoch nur, was überhaupt erst einmal vorhanden ist.“
<Ist dir das so wirklich dermaßen wichtig?> forschte Nuska.
„Wenn es unwichtig wäre, weshalb lehrt es eure Kultur dann nicht so?“ konterte Adapas Sohn. „Wie dem auch sei, es gibt da noch einen zweiten Aspekt. Nur der Mord an Personen wird vergolten. Indem Enlil mich als Mörder markieren ließ, musste er auch meinen Bruder zu mehr als einem Haushaltgegenstand erklären.“ <Und damit haben wir ihn gemeinsam besiegt!>
Nuska blieb eine Antwort schuldig. Die Gedankenspiele der Nefilim und ihrer Abkömmlinge blieben ihm fremd. Der Annunaki hatte gelernt, mit ihnen umzugehen, doch weder konnte noch wollte er sie nachvollziehen. Ob es tatsächlich an ihrer himmelsgöttlichen Abkunft lag, dass die Adligen nicht mit dem zufrieden sein konnten, was ihnen die Welt bot, blieb in Nuskas Augen spekulativ. Fakt blieb für den alten Mann, dass die Herren zum Regieren geboren waren, er hingegen der Tierwelt viel näher stand. Natürlich musste es einen Mann wie Kain, jemand vom vermischten Blut der Nefilim und der Eingeborenen, verwirren, weder das eine noch das andere zu sein. Doch auch das Auflösen solcher Konflikte lag, so fand er, außerhalb der Nuska Alulim aufgebürdeten Pflichten.
Mit den Worten „Jetzt ist er Euer Problem!“ übergab der Annunaki seinen Gefangenen daher an den Jagdmeister.
„Nicht lange!“ rief Kethri. „Jemanden mit diesem Mal darf jeder ungestraft…“
Der Nefilim zog seine Kristallklinge. Doch bevor er sich mit der Waffe auf Kain stürzen konnte, blockte Nuska die Waffenhand mit den eigenen Fäusten.
<Nuska, was soll das? Du hast mir schon einmal die Beute unter dem Messer weggeschossen. Wird das jetzt zur Gewohnheit?!>
<Ja, die Situation damals war eine ähnliche. Der Echsenfresser hätte Euch getötet – sich gegen den Erbprinzen aufzulehnen ist ähnlich gefährlich!> „Enlil wünscht, dass Adapas Sohn sicher an seinem Ziel ankommt!“ erinnerte Nuska den Fürsten.
„Dafür hat Kain aber leider eine Linie zu wenig auf seinem Dickschädel“, knurrte dieser zurück. „Ich kann sehr wohl eine Rechtlosentätowierung von der eines Verbannten unterscheiden!“
Verbannung auf Lebenszeit lautete Kains Urteil aus dem Mund des Vizekönigs. Das hatte der Gerichtsschreiberin erspart, einer der exakten Verbannungsdauer angemessene Tinktur anmischen zu müssen und ihr erlaubt, gleich zur klassischen Tätowiernadel greifen zu können. Eine zweite Überprüfung jedoch hatte sie sich eigenmächtig gespart: Die Rückfrage nämlich, ob es sich um eine Verbannung in die Rechtlosigkeit handelte. Einen Adamu hatte die Nefilim vor sich stehen sehen, daher war sie ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass dieses Individuum nicht über das Personenrecht verfügte und dementsprechend auch keine Personenlinie in das Mal des Verbannten eingefügt.
„Kez“, sprach Nuska eindringlich. „Kez, ich bitte Euch im Namen meines Herrn und Freundes Enlil, von Eurem Vorhaben Abstand zu nehmen! Enlil braucht Euch jetzt dringender denn je, nicht als sein Schwert, sondern als Freund. Etwas nagt an ihm, in das er mich nicht eingeweiht hat, Euch hingegen schon. Bitte errichtet jetzt keine Wälle zwischen Euch und Enlil, indem Ihr Euch seinen Wünschen so offensichtlich widersetzt!“
Kethri zögerte lange genug, dass sich Nuska fragen konnte, wie weit er gehen durfte, wenn er sich dem vom Vizekönig protegierten niederen Adligen zum Wohle eben dieses Vizekönigs widersetzte. Denn dass er es tun würde, stand außer Frage. Endlich erlöste Kethri den Annunaki von seinen zunehmend wirrer werdenden Gedankenspielen. Er zog die Waffenhand zurück, wobei sich Nuska sicher war, dass sein in den Äther ausstrahlender Zwiespalt zu diesem Ergebnis beigetragen hatte. Wenn auch unter Umständen nur, indem er den Nefilim abgelenkt hatte.

„Nun gut, Nuska“, lenkte Kethri ein. „Der Abschaum wird leben – vorerst. Aber ich bin im Revier der Horde nicht gut gelitten und habe überdies nicht vor, die genaue Lage ihres Verstecks preiszugeben, indem ich mit der über das Mê ortbaren ‚Windwandler’ dort lande. Ich werfe den Verbannten mit einem Fallschirm in der entsprechenden Region ab. – Kain! Dein Ziel befindet sich in eben jenem gebirgigen Teil des Waldes, einige Tagesreisen von der Stelle entfernt, wo ich dich absetze, soviel muss ich dir verraten. Wenn du überlebst, was ich stark bezweifle, dann obliegt es deinen Verwandten, ihr Urteil über dich zu fällen.“
<Zufrieden, Nuska?>
<Ein angemessener Kompromiss. Ich werde Enlil ausrichten, dass sein Auftrag von Euch ausgeführt wurde.>
„Und hat Kalkal einen Termin für mich?“ forschte Kethri.
„Nein.“ Worauf auch immer sich die Frage bezog, diese Antwort hatte Enlil Nuska aufgetragen, dem Jagdmeister zu geben, sollte dieser danach fragen.
*
Der Notoswald.
Drei Tage später.

Die „Windwandler“ war nicht die einzige Flugmaschine, die das Notosgebirge überquerte. Das Lager der Horde befand sich nicht gerade auf einer vielbeflogenen Route, dennoch konnten die Menschen mehrmals in jedem Jahr beobachten, wie ihre Feinde sich den Himmel untertan machten. Solange die Sternengötter ihre Mu-Vögel allerdings nicht zur Landung bewegten, beschränkten sich diese Kontakte darauf, dass die Menschen die Götter misstrauisch beobachteten und diese ihnen im Gegenzug keine Beachtung schenkten.
Hätte ein Erdbeben die Horde in jener Minute vernichtet und Archäologen eines Tages die verstreuten Knochen gefunden, sie hätten annehmen müssen, dass die Überreste alle von derselben Spezies stammten. Dabei bestand die Horde aus einem vielfältigen Gemisch Sprechender Tiere.
Da waren Chiron und Lahamu, ihrem Körperbau nach beinahe Nefilim, was auch auf einen Prozentsaz der Mischlingskinder zutraf, welche regelmäßig von diesen beiden scheinbar alterslosen Wesen in die Welt gesetzt wurden. Die nächste Stufe bestand aus archaischen, noch deutliche Merkmale ihrer außerirdischen Großeltern ausprägenden Menschen wie Pyrrha oder Kain, bis im Laufe der Generationen durch Vermischung echte Menschen vom Typ Chevas entstanden. Doch wie unter diesen immer wieder beinahe reinrassige Nefilimkinder auftauchten, erschienen auch wieder solche, die nach der anderen Seite des Stammbaums schlugen und deren Anatomie jener der „Große Affen“ genannten Eingeborenen entsprach.
Zukünftige Wissenschaftler hätten in dem Versuch, sich ein Bild der Horde zu schaffen, die Einzelteile all dieser Formen zu einer einzigen anthropologischen Monstrosität zusammengesetzt. Einen Namen hätten sie ihr gegeben, der ihrer wahren Vielfalt nicht im Mindesten gerecht wurde. Die Hordenmitglieder aber, so sie diese Modellbildung aus Geisteraugen beobachtet hätte, sie hätte das Konstrukt für gut befunden, denn es bildete sie alle vereint in ihrer gemeinsamen Lebensweise ab. Der Wirklichkeit mochte es nicht entsprechen, wohl aber ihrer Wahrheit.

Ein und ein halbes Jahrundert nach der Auswilderung der ersten aufsässigen Titanengeneration war der Wald Adapas Klongeschwistern zur Heimat geworden. Nicht immer wusste man seine Heimat zu schätzen, zuweilen identifizierte man sich auch nicht mehr damit, aber ein gewisses Band war nie zu leugnen. In dieser Beziehung erging es den Titanen nicht anders als ihren außerirdischen Verwandten. Die Zeit hatte aus den Angehörigen der Horde etwas gezaubert, das Chiron als „Annunaki im Lederrock“ bezeichnete. „Glückliche Annunaki im Lederrock“, pflegte der Schamane des kleinen Stammes dann jedesmal zufrieden zu ergänzen.
Ja, es stimmte, bei den Eingeborenen handelte es sich nicht um Tiere. Im Gegensatz zu Dr. Tyrs Wolfskindern fochten sie keinen von vornherein zum Scheitern verurteilten Kampf gegen ihre Instinkte aus, sondern es war ihnen in die Wiege gelegt worden, diese zu beherrschen, wenn nicht sogar zu überwinden. Dieses Potential in den Stammesgenossen zu realisieren hatten sich Lahamu, Chiron und Lilietu zur Aufgabe gemacht. Sich umeinander zu kümmern verstand Lahamu darunter, Kunst zu erschaffen und über sein Menschsein nachzudenken lautete Chirons Lebensentwurf und Lilietu schließlich vertrat den Standpunkt, dass eine Kultur lediglich dazu gut sei, das Jagdverhalten zu optimieren und sich paaren zu dürfen, wann immer man Lust hatte, auch (oder vor allem dann) wenn man gerade überhaupt nicht fruchtbar war. So war aus der einen Schwester die Hordenführerin geworden, aus dem Bruder der Medizinmann und aus der anderen Schwester die Anführerin des Kriegerbundes.
Die wahren Tiere, das waren in den Augen dieser drei die Nefilim und Annunaki in ihren Städten, die nichts anderes lebten, als ihnen die Natur vorzeichnete: Es gibt immer mehr Nachwuchs, als groß wird und der Tüchtigere setzt sich auf Kosten der zum Verbrauch Geborenen durch.

„Unter diesem Gesichtspunkt verstehe ich nicht, weshalb unsere außerweltlichen Vettern Urasch so zuwider sind“, sinnierte Chiron, während er an einem weiteren Tierbild arbeitete, welches die Felswand, die über dem Lager der Horde aufragte zieren sollte. „Allein ihre Existenz macht die Erdherrin nervös, obwohl sie doch nichts mitbringen, was nicht bereits auf Ki realisiert worden wäre.“
„Grübelst du schon wieder über Urasch nach?“ schnaubte die eine halbe Manneslänge über Chirons Kopf auf einem Sims hockende Lahamu „Unser Gast bekommt ja gleich den richtigen Eindruck von dir!“
Chiron hielt in seiner Darstellung des Kampfes zweier Hirsche um ein Weibchen inne.
„Wir haben einen Gast?“
Die Frau nickte. Seit geraumer Zeit beobachtete sie von ihrem erhöhten Standpunkt aus die Rückkehr der Jagdgruppe. Sie hatte sich seit dem Aufbruch aus dem Lager um eine Person vergrößert.
„Lilietu hat etwas im Wald gefunden und schleppt es als Gefangenen heim“, klärte Lahamu den Bruder auf. „Aber mittlerweile fürchte ich, sie will es heiraten!“
Lahamu schwang ihre Beine über die Kante des Simses und lies sich zu Chiron herabrutschen.
„Komm mit! Deine Kunst kann warten. Sie wird sogar besser, wenn du schön darunter leidest, von uns anderen mit Alltagsangelegenheiten belästigt zu werden!“
Chiron trottete hinter der Hordenführerin her. Er hoffte, die zweite Schwester möge einen Hochadligen Erbet-Kibratims eingefangen haben, jemand, der verstand, wovon er so oft vergeblich zu Lahamu sprach. Natürlich bedurfte es nicht des Äthers, um Uraschs Einflüsterungen wahrzunehmen, dennoch mochte das Wort eines aktiven Äthernutzers dem seinen mehr Gewicht verschaffen.

Kain, ehemals Prinz von Uruk konnte es nicht fassen! Wohin war er hier geraten? Wie viel Zeit war seit der historischen Auswilderung vergangen? Achtzig Ki-Umläufe? Einhundert? Und in all den Jahren sollte es den Verwandten nicht gelungen sein, die Wilden an richtige Kleidung zu gewöhnen? Zwar, die Großen Affen hatten ihre Körper mit Trophäen und Schmuckstücken behängt, doch auch Reitpferden flocht man bunte Bänder in die Mähne. Sie trugen selbsthergestellte Jagdwaffen bei sich, na und? Auch Hunde ließen sich zum Kampf abrichten! Hunde erkannten wenigstens das Bild im Fernsehgerät, wohingegen sich Kain sicher war, dass diese hier, konfrontiert mit dem Medium Fernsehen in ihrem verstümmelten Enunisch etwas in der Art von „Oh! Bunter Stein glitzert lustig in Sonne!“ geäußert hätten. Gefiederpest! Hatten nicht selbst die berüchtigten Eridu Fünfzig Nuskas Erzählungen zufolge endlich ihre Stammestanz-Feten aufgegeben?
Und nun trat aus der ganzen Menagerie auch noch ein Mann auf Kain zu, der seinem Vater zum Verwechseln ähnlich sah! Zeit seines Lebens war es dem Menschenmann nicht schwer gefallen, Adapa von dessen Klonbruder Prometos zu unterscheiden. In Chirons Fall musste er sich bewusst auf dieses Talent konzentrieren, denn Kains Unterbewusstsein wollte seinen Vater in dem Fremden sehen.
„Nun, Fremder“, räusperte sich Chiron, „dass dich die Sternengötter nicht gerade als ihren Freund betrachten, verrät uns dieses Zeichen auf deiner Stirn. Genaugenommen ist das der einzige Grund, aus dem du noch am Leben bist.“
Lilietu nickte grimmig. Das hatte sie dem Ankömmling bereits auseinandergesetzt, doch es konnte nicht schaden, es vor der gesamten Horde zu wiederholen.
Die drei Titanen musterten ihren Artgenossen genauer.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, hier hat sich ein Sternengott mit einer Sklavin eingelassen“, kommentierte Lahamu Kains ungewöhnliches Blondhaar. „Chiron? Ist so etwas vielleicht doch möglich?“
„Ich denke, wir sehen hier eine Mutation, nichts weiter“, wehrte der ehemalige Laborant ab. Sein Grundwissen die Chemie und Biologie betreffend hatte ihm im Wald oft gute Dienste geleistet, wenngleich es notwendig gewesen war, die in Shuruppaks urbanem Umfeld gemeisterten Lektionen gehörig zu erweitern.
„Ich weiß nicht“, sprach Lilietu. „Einen aufmüpfigen Sklaven würde doch niemand in Erbet-Kibratim mit Verbannung strafen! Die werden einfach totgespritzt, wenn sie aufmucken!“
„Lilietu!“ rügte Lahamu die Schwester. Dann wandte sie sich an den Gefangenen: „Wer bist du wirklich und wie sieht die Welt, aus der kommst, heute aus?“
Über die zur Einschätzung der Lage notwendigen Informationen hinaus erhoffte sich Lahamu heimlich, den einen oder anderen ihr bekannten Namen zu hören. Von den ursprünglichen Hordenmitgliedern befand sich niemand mehr unter den Lebenden. Auch die erste aus Titan und Eingeborenen rückgekreuzte Generation von Mischlingen war längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden. Große Zunge, Kundschafterin, Schuppe, Eisvogel, Fuchsfinder und all die anderen waren ersetzt worden durch Individuen, die sie nicht ersetzen konnten, ihrerseits aber ebenfalls unersetzlich waren – und ebenso unweigerlich lange vor den Titanen sterben würden.
Kain wählte seine Worte mit Bedacht, als er der Hordenführerin antwortete.
„Ich heiße Kain“, sagte er. „Und komme aus Dilmun. Das ist eine Halbinsel im eridischen Golf, aber das habe ich lange nicht gewusst. Wir wussten gar nichts darüber, wie die Welt aussieht oder dass es eure Horde hier gibt.“
„Ja, so ging uns das auch“, flüsterte Lilietu.
Kain lies seinen Blick von der Tante zum Onkel und zu seiner anderen Tante schweifen. Die restlichen Hordenmitglieder überblickte er, wie man den Hintergrund eines Bildes aufnahm. Er sah ihnen nicht in die Augen.
„Ich bin vom Geschlecht der Titanen und erbitte Aufnahme in eure Gemeinschaft!“ rief der Verbannte mit einem Mal laut in die Runde. „Ich bin derjenige, der Adapas Sohn getötet hat!“
Selbst diejenigen, die dem Fremden bisher wenig Beachtung geschenkt hatten, horchten auf. Adapa, das war der Name des Feindes. Adapa und Kethri waren die Kinderräuber aus Shuruppak, die es nicht gut mit der Horde meinten. Jeder, der mit diesen beiden in freundschaftlicher Beziehung stand, war des Todes und selbst wer ihnen neutral gegenüberstand, hatte nur geringfügig größere Chancen, den Wald wieder lebendig zu verlassen. Aber diese Morde, zu denen es noch nie gekommen war, galten als Gebot der Notwendigkeit, vergleichbar mit dem Abhacken einer unrettbar kranken Gliedmaße. Durfte man sich damit brüsten, wie es der fremde Mensch tat? Schon wandten sich die Gedanken einiger Hordenmitglieder vom eigentlich verhandelten Fall fort derartigen Betrachtungen zu.

Inmitten des Gefühlswirrwarrs zuckte Kain zusammen. Genetisch gesehen handelte es sich bei den Hordenmitgliedern um Adamu zweiter Serie. Sie pflegten eine völlig andere Kultur als die Dilmuner oder die Uschebti Erbet-Kibratims, ihr Äthersinn allerdings war grundsätzlich mit dem Kains kompatibel. Der Menschenmann hatte nicht erwartet, unter den von ihm als Wilde abgetanen Hordenmitgliedern aktive Äthernutzer vorzufinden, nun aber streiften ihn die Ausläufer eines nicht unbegabten Talents. Jemand in der Menge stimmte sich auf seine Artgenossen ein.
<Oh, du hast mich entdeckt? Gut gemacht!> lobte seine Präsenz den Gefangenen.
Zwei Atemzüge später stand ein Menschen neben Kain, der einem der Jäger, die ihn im Wald gefunden hatten, ähnlich sah. Der Mann blickte kurz zu seinem Häuptling und als er sah, dass diese hastige Worte mit Umstehenden wechselte, nutzte er die Gunst des Augenblicks, den Fremden direkt anzusprechen.
„Ich bin…“ erklärte das Hordenmitglied. Kain vermochte den übermittelten Namen zuerst nicht zu verstehen. Er erkannte die Begriffe für „Pfeil“ und „binden“, aber sie waren nach einer anderen Grammatik als der gewohnten zusammengesetzt.
„Menschen“, erklärte Pfeilbinder, „sind sehr leicht abzulenken, selbst in einer wichtigen Versammlung wie dieser. Wann immer ihre Gedanken fortzudriften drohen, greife ich nach ihnen und lenke sie auf das Wesentliche zurück.“ <Und jetzt muss ich Lahamu ein wenig Luft zum Atmen verschaffen. Uns anzuführen ist die einzige Aufgabe, die härter als meine ist.>
<Angeber.>
<Selber.>
Die Männer und Frauen, die Lahamus Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, verloren zügig das Interesse an ihren Fragen. In dem Maße, in dem Pfeilbinder auf sie einwirkte, erinnerten sie sich daran, dass Lahamu ihnen doch stets Gründe geliefert hatte, ihr zu vertrauen. Ihre Unruhe legte sich und sie traten von der Anführerin zurück.
Lahamu vermittelte dem Äthernutzer mit einer Geste, wie dankbar sie sich bereits für seine Bemühungen und nur unwesentlich dankbarer für die erzielten Erfolge zeigte. Ihrerseits blieb der Titanin der Äther zeitlebens verschlossen.

„Bevor ich deine Tat beurteilen kann, muss ich erfahren, wie es dazu kam“, wandte sich Lahamu an Kain. „Sprich!“
Adapas Sohn holte tief Luft. Konnte er sich glaubhaft als wertvoller Verbündeter und motivierter Feind der Sternengötter darstellen, wäre sein Überlebensproblem gelöst. Dann konnte er darüber nachdenken, diese Bande zu zivilisieren!
„Auf einer Halbinsel im Golf von Eridu“, begann Kain daher seinen Bericht, „führt Adapa Experimente an Menschen durch. Es ist ein Reservat, eine Art Gefängnis unter freiem Himmel und der Jagdmeister, Kethri Qat, bewacht die Grenzen. Ich bin dort drinnen aufgewachsen und musste wie wir alle die Sternegötter verehren. Adapa wollte die Frau, die ich liebte, seinem Sohn zur Lebensgefährtin geben. Ich war außer mir vor Wut! Ich habe Abel erstochen. Für diese Tat trieb mich Enlil in die Wildnis, wo ich sterben sollte. Aber vorher weihte mich Prometos in ein Geheimnis ein. Er erklärte mir, wo ich euch finden kann…“
„Du lügst“, erklärte Lahamu.
Ein Halbwüchsiger spuckte aus.
Eine Frau schnaubte verächtlich.
„Und zwar wie gedruckt, hätten wir einen Drucker“, fiel Lilietu ein.
Kain begriff, überführt zu sein, doch er verstand nicht, wie das den Wilden so schnell gelungen sein sollte. In seiner Verwirrung versuchte er nicht einmal, seinen Betrugsversuch abzuleugnen.
„Was? Wie könnt ihr das wissen?“
„Herrje, Kain!“ lachte Pfeilbinder. „Das sind unsere vier besten Jäger! Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, zu welchen Tricks die Tiere und Pflanzen des Waldes greifen, um dich tot zu kriegen? Wer das Leben da draußen gemeistert hat, der lässt sich nicht mehr so einfach von einem Menschen an der Nase herumführen.“
„Glanzschuppe! Was meinst du dazu?“ fragte Lahamu die Jägerin, welche geschnaubt hatte.
„Er ist ein Kundschafter, Häuptling“, antwortete Glanzschuppe. „Nur deswegen hat ihm jemand in Shuruppak – Enlil hieß er, richtig? – diese Pfeilspitzen auf die Stirn gemalt.“
Lahamu rief den Pfeilbinder zu sich.
„Auf deinem Gebiet bist du ebenfalls ein Jäger“, meinte sie zu ihm. „Du und Schattenwerfender Flügel werdet euch darum bemühen, die Wahrheit aus dem Gefangenen herauszubekommen. Und Lilietu wird dabei sein. Sie hat etwas für diesen Kain übrig, das sieht selbst ein Kind, das noch nie geblutet hat. Daher wird sie dafür Sorge tragen, dass ihr euch bei dem Verhör wie Menschen verhaltet, nicht wie Hornissen im Bienenstock. Ach ja, und Chiron beauftrage ich damit, herauszufinden, was Urasch von der Angelegenheit hält und wie wir sie besänftigen müssen.“
Lahamu glaubte weder an eine Urasch noch daran, dass Chiron über die Fähigkeit verfügte, Glück und Unglück umzuverteilen. Aber sie wusste, wie wichtig der Schamane für den Zusammenhalt der Horde war und tat das ihre dazu, seine Stellung zu festigen. Ein Künstler betrachtete die Dinge oft aus einer völlig anderen Perspektive als ein Jäger und diesen anderen Blickwinkel benötigte Lahamu häufig, um sich ihres endgültigen Kurses in dieser oder jener Stammesangelegenheit sicher zu werden.
„Verdammnis!“ brüllte Kain. „Du willst mich doch nicht etwa von diesen Barbaren foltern lassen, Häuptling?“
Lahamu schüttelte traurig den Kopf. „Das geht darüber hinaus, was ich will. Es berührt die Frage, was getan werden muss.“
„Aber wir sind verwandt!“ schrie Kain, während ihn Schattenwerfender Flügel und Lilietu in Richtung einer Plane zerrten, die als Zeltdach über einem Erdaushub gespannt war. Derartige Gruben, die leichter als ein Zelt zu errichten waren und sich weniger deutlich vom Hintergrund abhoben, dienten der Horde als Behausungen
„Mein Vater hätte nie so etwas angeordnet!“ schrie Kain weiter.
„Na also“, grinste Flügel. „Er spricht ja schon.“
Pfeilbinder stieß den Gefangenen in die Zeltgrube. „Verwandt, ja? Sag uns, wer deine Eltern waren!“ forderte er, dann verschwanden die vier außer Sicht- und Hörweite.

„Er sieht dir sehr ähnlich, das kann jeder sehen“, sprach Glanzschuppe zu Lahamu, während der Stamm wartete, was sich ihnen eröffnen würde. „Hegst du Hoffnung, dein anderer Bruder könne noch leben? Dass Kain Prometos´ Kind ist?“
„Ich…“
„Nein!“ ertönte da Lilietus Stimme. Sekunden später kugelten zuerst der Pfeilbinder und danach der schattenwerfende Flügel aus dem Eingang der Erdkuhlenbehausung.
„Haut ab!“ rief Lilietu ihnen nach. Sie schleuderte den Männern ein Messer, an dem ein wenig Blut klebte, nach. „Ihr wart damals überhaupt nicht dabei! Wenn einer das Recht auf Rache hat, dann ja wohl ich!“
Lahamu eilte auf die beiden Männer zu, dicht gefolgt von Glanzschuppe. Auch Chiron, der verschiedene Malutensilien aus der Zelthütte seiner Familie in die Höhle über dem Lager hatte tragen wollen, hielt inne und beobachtete, was sich auf dem Dorfplatz abspielte.
„Was ist passiert?“ verlangte Lahamu zu erfahren.
Flügel hob sein Steinmesser auf. Er stieß es zur Reinigung in die Erde und lies es dann wieder in seinen quer über die Brust gespannten Gurt gleiten. Dabei starrte er Lilietu zornig an.
„Er ist Adapas durch und durch“, zischte Pfeilbinder durch zusammengepresste Zähne. Sein Äthersinn wollte ihm vorauseilen, doch der Mann zwang sich zum gesprochenen Wort: „Adapas Blut, erzogen von ihm und einer Menschenfrau in diesem Reservat auf der Insel.“
Lahamu legte ihrem Bruder die Hand auf die Schulter. „Dein Zauber muss warten, Chei. Ich benötige die Höhle, um den Stammesrat darin zusammentreten zu lassen und dich als einen der Ratsleute.“
„Ich dachte mir schon, dass es ein Fehler war, die Fledermäuse heute morgen nicht von der Decke zu fegen“, scherzte Chiron. „Aber keine Sorge, Häuptling, ich werde mich bemühen, ein besserer Gastgeber zu sein als Urasch.“

Kain hockte in der Wohnkuhle, über sich die über gebogene Stangen gespannte Ledeplane. Sie wirkte wie ein anderen Naturgesetzen folgender Himmel einer absurden Welt, in die er geraten war und von der die Sternengötter glaubten, dass er in diese gehöre. Die Arme hatte der Gefangene schützend um seinen zitternden Leib geschlungen. Kain spürte die von Lilietu ausgehende Körperwärme, doch das war auch schon alles. Selbst sein Äthersinn fühlte sich irgendwie taub an.
Als er in Fellstiefeln steckende Füße in sein Blickgeld treten sah, wagte Adapas Sohn es, den Kopf ein wenig zu heben. Kains Bemühungen, dem Gesicht, welches zu dem Eintretenden gehörte, seinen korrekten Namen zuzuordnen, wurden im Keim erstickt. Was bedeutete es schon, zu wissen, ob es sich um den Schattenwurf-Flügel oder den Flügelschattenwerfer handelte? Untrennbar mit diesen Augen würde die Erkenntnis verbunden bleiben, dass es sich um den Mann handelte, der ihn erst vor wenigen Minuten mit einem steinernen Messer zu ermorden versucht hatte. Das hatte er auf Edin bereits erlebt, und der Jagdmeister hatte sich dabei mit seinem Jagdmesser aus geschliffenen Kristall eines nicht wesentlich moderneren Gegenstandes bedient.
Schattenwerfender Flügel wandte sich an Lilietu: „General? Der Rat ist vollständig in der Heiligen Höhle versammelt. Sie warten dort nur noch auf dich.“
Die Titanin schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht kommen. Wenn ich komme, würde ich damit anerkennen, dass es etwas zu beraten gibt. Aber meine Meinung ist gefasst und du kennst sie.“
„Aber wenn ich mich heute an deiner Stelle in den Rat setze, werde ich die Meinung der Krieger vertreten, nicht die deine“, warnte der Mann seine Ahnfrau.
Mit den Worten „Und das ist gut so“, schob Lilietu ihn aus der Behausung hinaus.
„Wir gebrauchen die Worte seiner Sprache, aber wir sind hier nicht in Enlils Reich, wo Ratsleute ihr Amt für persönliche Ziele missbrauchen“, erklärte sie dem Gefangenen.
<Und was sind deine Ziele?>
Schweigen. Der stärkste Ätherschild, den Kain je gespürt hatte, schirmte die Kriegerin vor seinem Forschen ab und lies ihn im Unklaren darüber, was sie gerade empfand.
Wer hat ihr das beigebracht? Ach so, ja, das war diese Sache…
„Und was sind deine… Ziele?“ wiederholte Kain.
Lilietu lächelte. „Etwas, wofür ich deine Beteiligung und Zustimmung benötige. Dafür genügt uns die Zeit, die der Stamm zu seiner Beratung benötigt.“
Die Kriegerin entledigte sich ihrer ledernen Tunika. Mittlerweile hatte sie sich an das Konzept der Kleidung nicht nur gewöhnt, sondern sogar gelernt, diesem etwas abzugewinnen. Besonders dem Ablegen wohnte ein besonderer Zauber inne. Doch der Mann aus Dilmun reagierte nicht wie erhofft auf diesen Schlüsselreiz.
„Du spielst mit mir Vögelchen und danach siehst du zu, wie die Wilden mich erschlagen?!“
Lilietu lies sich neben dem Gefangenen nieder.
„Verdien´ dir meine Fürsprache“, säuselte sie ihm ins Ohr.

Die Wege von Mann und Frau unterschieden sich in Lahamus Horde stark von der in Erbet-Kibratim gelebten Praxis. Man war sich der Unterschiede der Geschlechter bewusst, beachtete sie in Alltag und Arbeitsverteilung, ohne jedoch feste Regeln oder gar Verbote daraus abzuleiten. Dass männliche Menschen verspielter und sehnsüchtiger nach Lob waren, stellte ebenso eine Tatsache dar, wie der Drang eines weiblichen Artgenossen, etwas aufzubauen und bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Aus diesem Grund sammelten sich die meisten Männer im Bund der Jäger, die waffenfähigen Frauen hingegen traten dem Bund der Krieger bei. Die Mehrheit der Frauen jedoch betriebepraktisches Handwerk, während die wenigen Männer, die es zu dieser Tätigkeit zog, sich als Erfinder und Verbesserer hervortaten.
Der Kriegerbund stand unter dem Kommando von „General“ Lilietu. Den Kriegern kam die Aufgabe zu, das Revier der Horde vor gefährlichen Raubtieren zu schützen, das Gelände nach Regengüssen oder einem Erdrutsch wieder passierbar zu machen und die Jüngsten in die Handhabung von gesprochenem Wort und Waffe einzuweisen.
Die Jäger ihrerseits waren um das tägliche Überleben der Horde bemüht sowie darum, ihren Namen möglichst oft von den anderen Stammesmitgliedern wiederholt zu hören. Die drei erfolgreichsten Jäger waren Frauen, die Mehrheit der Jäger hingegen männlichen Geschlechts. Aus diesem Grund repräsentierte ein Mann, Pfeilbinders Verwandter Singt-Lied-des-Waldes, die Gruppe im Rat. Denn Lahamu berief nicht die erfolgreichsten oder ältesten Vertreter einer Berufsgruppe in den Stammesrat, sondern die jeweils typischsten. Auf diese Weise war sie sicher, jederzeit die öffentliche Meinung korrekt einschätzen zu können. Überdies fiel es dem Häuptling leichter, eine Gruppe von ihrer Entscheidung zu überzeugen, wenn es ihr bereits ihrem hartgesottensten Angehörigen gegenüber gelungen war.
Derzeit bestand der Stammesrat aus neun Personen. Darunter befanden sich auch zwei Kinder, nämlich, denn gerade hier rechtfertigten die Unterschiede in Verhalten und Weltsicht eine strikte Trennung nach Geschlechtern, der Ratsmann der Knaben und die Ratsfrau der Mädchen.
Hinter den Kindern hatte sich die Sprecherin der Mütter, zu denen alle stillenden Frauen mit nicht ratsfähigem Nachwuchs im Alter von bis zu vier Jahren gezählt wurden, niedergelassen. Ihr Söhnchen wiegte die Ratsfrau in ihren Armen, wie bereits so oft zuvor während einer Versammlung.
Den dreien und dem Säugling gegenüber saß Flügel neben Waldlied.
Die Vertreterin der Alten saß im Schneidersitz neben der stehenden Lahamu. Sie hatte eine wärmende Felldecke um ihren Körper geschlungen, da das in der Höhle entfachte Ratsfeuer allein sie zu nicht mehr zu wärmen vermochte.
Jugendlichen wurde keine eigene Stimme im Rat zugestanden. Wer das Kindesalter hinter sich gelassen hatte, musste sich schon in einer der anderen Gruppen etabliert haben, um seine Meinung zu Stammesangelegenheiten in offizieller Runde kundtun zu dürfen.
Auch Sprecher der Handwerker oder Sammler suchte man vergeblich. Jedes Hordenmitglied hatte diese Aufgaben zu beherrschen, ohne daraus eine Identität abzuleiten. Es existierte jedoch eine „Erfinder“ genannte Position im Stammesrat, in der sich stets die klügsten Kopf der Horde wiedergefunden hatten, Männer und Frauen, deren körperliche Leistungsfähigkeit wie menschliche Wärme weit hinter ihrer geistigen Kapazität zurückblieb. In dieser Generation sprach Bindet-wirre-Gedanken-auf-ein-Ziel-wie-ein-sicherer-Pfeil mit der Stimme des Erfinders.
Pfeilbinder betrat gemeinsam mit Chiron die Höhle. Die beiden nahmen Lahamu gegenüber Platz, womit die Versammlung eröffnet war.

„Ich möchte etwas sagen, bevor wir über Kain beraten“, hub Chiron zu sprechen an. „Es schmerzt, es aussprechen zu müssen, aber ich fürchte, Prometos ist ein Verräter.“
„Chiron!“ rief Lahamu. „Prometos wurde gemeinsam mit seiner Tochter von Kethri entführt! Was hätte er tun sollen? Um zu überleben, musste er sich sicher anpassen. Ich erinnere mich an Shuruppak. Eine Flucht von dort ist unmöglich.“
Chiron sprang auf. „Seine Gründe außer Acht gelassen, bist du also auch der Meinung, dass er sich verändert hat und jetzt einer von denen ist!“ klagte er Lahamu an.
„Ich… ja, ich glaube schon.“
„Das bedeutet, dass Prometos den Sternengöttern jederzeit unseren Aufenthaltsort preisgeben kann?“ warf Schattenwerfender Flügel ein.
„Er hat es aber nicht getan“, erinnerte ihn Waldlied. „Nur dieses einzige Mal, als ein Verwandter seine Hilfe benötigte. Der Bursche, den Lilietu gerade bespielt als gäbe es nicht nur für ihn, sondern auch für sie kein Morgen mehr.“
Pfeilbinder stocherte nachdenklich mit einem Stock im Ratsfeuer herum. „Keiner der vier hat etwas preisgegeben“, meinte er. „Weder Prometos noch Pyrrha. Auch Kethri und Adapa nicht, obwohl sie uns ganz leicht mit ihren Mu-Vögeln finden, töten oder als Gefangene wegtragen könnten. Vielleicht…“ Der Menschenmann hob den Kopf. „Vielleicht“, wiederholte er, „sind sie gar nicht unsere Feinde?“
Verhaltenes Lachen erhob sich, dann schüttelte der zehnjährige Knabe den Kopf. „Dein Pfeil fliegt gerade weiter, als du noch zielen kannst, Erfinder!“ brachte er die Meinung des Rats auf den Punkt.
Lahamu hatte dasselbe gedacht, es aber einem Ratsmitglied überlassen, es zu äußern.
„Was meint denn Urasch dazu?“ fragte das kleine Mädchen Chiron.
„Die Erdmutter freut sich über jeden getöteten Sternengott, der aus ihrem Lebensnetz entfernt wird“, gab der Medizinmann Auskunft. „Sie dürfte keine Wut über den Mord an Adapas Sohn empfinden.“
„Ich denke, wenn seine Tat Urasch nichts ausmacht, sollten wir dem Fremden eine Chance geben“, lies sich die alte Frau vernehmen.
Lahamu wusste, dass gerade die Alten und die Kinder sehr viel auf den Willen Uraschs gaben. Daher wartete sie Wortmeldungen der mittleren Generationen ab, bevor sie sich selbst äußerte.
„Mein Bruder Pfeilbinder hat vorhin das Herz verfehlt, aber die richtige Richtung vorgegeben“, meinte Waldlied. „Warum vergessen wir nicht einfach, woher der Fremde kommt? Entscheiden nur danach, wie er sich hier im Wald verhält? Lasst den Kain unter uns umhergehen und ihn dabei überwachen. Mit den Augen der Kundschafter und mit dem Auge-für-den-Geist derer von uns, die das besitzen. Ist Kain ein Späher der Sternengötter, wird er früher oder später das Lager zu verlassen versuchen. Wenn das geschieht, töten wir ihn.“
„Er ist ein Mörder!“ fuhr die Sprecherin der Mütter auf.
Waldlied nickte. „Dann werden ihn unsere Krieger eben besonders scharf beobachten. Sie haben nicht viel zu tun und es kann ihnen nicht schaden, sich in Jägertugenden zu üben.“
„Wir Krieger“, erklärte Schattenwerfender Flügel, ohne auf Waldlieds Schmähung einzugehen, „werden beraten, ob Lilietu während dieser Zeit wirklich unsere Anführerin bleiben sollte oder besser nicht. Falls du Waldlieds Vorschlag annimmst, Häuptling.“

„Lasst uns die Stöcke werfen“, entschied Lahamu.
Nichts anderes hatten die Ratsmitglieder erwartet. Ihr Häuptling stand in der Pflicht, den Rat anzuhören, mehr nicht. Wenn sie eine Abstimmung anordnete, tat sie das freiwillig. Doch seit der Gründung des Stammesrates hatte am Ende der meisten Sitzungen eine Abstimmung gestanden.
„Wenn auch nur ein einziger von uns gegen Waldlieds Vorschlag ist, treiben wir Kain in den Wald zurück“, meinte Lahamu.
„Nein!“ erhob der Jagdführer noch einmal seine Stimme. „Eben das können wir nicht. Ist er ein Kundschafter, läuft er sofort zu seinem Stamm zurück und berichtet, was er hier gehört und gesehen hat! Wenn ihr euch gegen meinen Vorschlag aussprecht, dann sollten wir Kain besser gleich töten!“
Mit diesen Worten schleuderte der Mann einen Ast wie den, mit dem Pfeilbinder die ganze Zeit über gespielt hatte, ins Ratsfeuer.
Das Mädchen rutschte nach vorn, um ihren Zweig ebenfalls dem Feuer zu übergeben. Der Zehnjährige hingegen tat es dem erwachsenen Jagdmeister gleich und warf sein Holz in die Flammen. Nach und nach fanden auf diese Weise alle fast Äste und Zweige ihren Weg ins Feuer.
Allein die Sprecherin der Mütter zögerte noch, es den anderen gleichzutun. Legte sie ihren Ast Lahamu als Zeichen des Widerspruchs vor die Füße, würde der Fremde sterben. Lies sie ihn im Einklang mit dem vorgeschlagenen Plan verbrennen, würde Kain leben, aber vielleicht die Horde sterben.
Die Frau fasste Waldlied fest ins Auge. „Du bist dir deiner Sache sicher?“
Der Jagdmeister nickte. „Ich würde dem Fremden eine Chance geben. Aber ich bin bereit, seinem Leben zur Beruhigung eines einzigen Zweifelnden in der Horde ein Ende zu machen. Ohne die Horde sind wir nichts und ihr seid alles für mich.“
„Das genügt mir!“ entschied die Frau und dann überantwortete auch sie ihr Holz dem Feuer.
„Dann ist es entschieden“, erklärte Lahamu. „Mein Neffe erhält vorerst Unterschlupf bei uns. Vielleicht wird eines Tages Heimatrecht daraus.“

Obgleich Kain ihnen sein Leben verdankte, lies er keinerlei Dankbarkeit gegenüber den Ratsangehörigen erkennen.
„Mein Leben verdanken, na und?“ schnauzte er Chiron an, als dieser seinem Neffen von den in der Höhle gesprochenen Worten berichtete. „Das trifft auch auf die Viecher im Wald und jeden Schluck Wasser, den ich trinke, zu, aber bei denen bedanke ich mich ja auch nicht!“
„Du wirst es lernen“, versprach Chiron. „Von Nym Ti Tema Ea aus dem Weltall bis zu unseren keulenschwingenden Ahnen auf diesem Planeten ist jedes Lebewesen mit uns gemeinsam in Uraschs Arena gefangen.“
„Ich glaube schon nicht an die Sternengötter, und die konnte man wenigstens sehen!“ lachte Kain.
„Oh, tut mir leid. Dann muss es dich ganz schon schaffen, nicht zu verstehen, wieso du zu Boden gehst, wenn ich dir gleich eine Gerade reinhaue!“
Körperlich durchsetzungsfähiger als sich der Bauernsohn den Medizinmann eines Stammes Wilder vorgestellt hatte, setzte Chiron seine Drohung unverzüglich in die Tat um.
„Man nennt das Gravitation“, erklärte der Titan dann. „Gegen die kämpfst du jeden Morgen beim Aufstehen, aber sehen kannst du sie natürlich nicht. Du erkennst sie nur anhand ihrer Auswirkungen.“

Einige Tage lang beobachtete Chiron Adapas Sohn schärfer als selbst die zu dieser Aufgabe angestellten Männer und Frauen. Nach und nach gelangte er zu der Überzeugung, dass Kain Urasch im Äther ebenso deutlich spürte, wie die entsprechend begabten Hordenmitglieder: nämlich gar nicht. Woran lag es, dass sie selbst mit einem zusätzlichen Sinn nicht aufspüren konnten, was ihn, den ätherblinden Chiron, selbst dann überfiel, wenn er sich nicht bewusst darauf konzentrierte? Was ihn so anders machte, wie er den Kontakt erlangt hatte, wusste Chiron nicht zu sagen. Er war nur jeden Tag aufs Neue erleichtert darüber, dass es geschehen war und er seinen Stammesgenossen nun in dieser Weise dienen konnte.
Aber auch dafür wirst du eines Tages bezahlen, Jagdmeister, schwor sich der Medizinmann, wobei er nicht Waldlied, sondern den Mann, der in Erbet-Kibratim diesen Titel trug, meinte. Uns im Wald auszusetzen und dabei vorzuenthalten, was hier lauert! Jedes Raubtier hat ein Revier erster Ordnung und Uraschs befindet sich in der Wildnis Kis.
„Sag mal, gibt Urasch dir eigentlich viel Macht?“ erkundigte sich Kain eines Tages nach der Schneeschmelze bei seinem Onkel. Welche Verfehlung den Menschenmann fort von der Horde in den Schutz der Höhle getrieben hatte, wo Chiron seiner Kunst nachging, wusste der Titan nicht zu sagen. Aber irgendetwas musste wieder einmal vorgefallen sein. Kain stellte für Lahamus Horde das dar, was Enlils Weltraummatrosen für die auf Ki gestrandeten Schusarveteranen gewesen waren. Diese Ein-Mann-Ekur-Besatzung war davon überzeugt, den „Wilden“ die in Dilmun erlernte Zivilisation nahe bringen zu müssen. Und ebenso wie Enlils den Eridu Fünfzig nachgesandte Rettungsexpedition dereinst nahm Kain es nicht gut auf, von den Hordenmitgliedern erklärt zu bekommen, er möge sich doch bitte endlich von seinen Kinderspielen trennen und ein Mann werden.
„Was ist passiert?“ fragte Chiron daher, bevor er auf die Frage des Jüngeren einging.
„Pfeilbinder hat mich für einen Sitz im Rat vorgeschlagen.“
Chiron prustete amüsiert los! „Als Vertreter der Knaben!“ erriet er.
„Ja“, knurrte Adapas Sohn.
„Und deswegen willst du es jetzt allen zeigen“, schlussfolgerte Chiron. „Aber natürlich nicht in der Rolle eines primitiven Jägers, sondern als Schüler desjenigen, den du als den Mächtigsten im ganzen Stamm ausgesondert hast?“
„Oh, die Mächtigste ist natürlich Urasch“, grinste Kain. „Also, wie ist das? Schenkt sie dir irgendwelche Kräfte?“
Chiron arbeitete weiter an seinem aktuellen Wandbild, während er über eine Antwort nachdachte. Er hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Bewegungsabläufe eines Wildrindes in vollem Lauf minutiös abzubilden. Liefe ein Mensch mit raschen Schritts diesen Gang entlang, würde es sich so darstellen, als bewege sich das Rind mit diesem voran.
„Ich führe es dir vor“, versprach der Höhlenmaler. „Sobald ich hier fertig bin. Warte mit einem Speer ausgerüstet unten im Lager auf mich!“

„Verflixt!“ ächzte Pfeilbinder, als er des neusten Hordenmitgliedes ansichtig wurde, wie es auf einen Ersatzspeer Lilietus gestützt neben deren Zeltgrube stand. Der Menschenmann mochte das Wort, obwohl er nicht wusste, wie man korrekt flixte. Es musste sich um eine exotische Tätigkeit der Sternengötter handeln, die man im Wald nicht benötigte. Man musste das hier draußen ebenso wenig können, wie Kain in eine Jagdgruppe gehörte!
„Verflixt, Kain!“ fuhr Pfeilbinder den ehemaligen Bauern daher an. „Das ist nun wirklich nicht dein Platz! Stell etwas her, kümmere dich um die Kinder oder geh Gemüse sammeln, aber lass deine Finger von einer Waffe!“ <Wer hat dir überhaupt erlaubt, eine in die Hand zu nehmen?>
„Chiron hat mir befohlen, mich zu bewaffnen. Er weist mich in die Verehrung Uraschs ein“, erwiderte Adapas Sohn.
„Chiron wird einmal uralt und braucht daher keinen Nachfolger aus unserer Generation“, überlegte Pfeilbinder. „Was immer er vorhat, tut er dir zuliebe. Also sperr die Ohren auf und vergeude seine Zeit nicht!“

Kain vergaß Pfeilbinders Raatschlag nicht. Was er aber vor allen Dingen nicht vergaß, war die Frage, die er an seinen Onkel gerichtet hatte. Er dachte die ganze Zeit über daran, während ihm der Titan die Künste eines Jägers abverlangte. Chiron unterrichtete nicht durch Demonstration und Nachahmung, sondern lies Kain raten, was zu tun sein könnte und korrigierte hinterher die Fehler.
„Solange du noch lernst, darfst du dir Fehler leisten. Später wird dir niemand mehr diese Möglichkeit einräumen. Dann stoßen die Elterntiere ihren Nachwuchs fort.“
Die beiden warteten im Unterholz an einer Wasserstelle auf das Erscheinen für Jagdanfänger geeigneter Beutetiere. Der Boden war feucht und kalt und die Äste schienen einen stets dort zu stechen, wo eine Naht in der Lederkleidung verlief. Möglicherweise verzichteten aus diesem Grund so viele Hordenmitglieder auf Gewandung, überlegte Kain düster. Weil es ja ohnehin nichts half.
Frustriert stellte er seine Frage ein drittes Mal: „Also du erhältst deine Kraft von Urasch…“
„Nein“, wehrte Chiron ab. „Sie ist Kraft… denke ich. Urasch erlaubt den weniger Schwachen, sich zu nehmen, was sie brauchen.“
„Den Starken?“
„Nein. Wenn sie stark wären brauchten sie ja nichts.“
„Das klingt reichlich merkwürdig“, stellte Kain fest. „Die Sternengötter sind ebenfalls stark, aber sie benötigen die Uschebti als Diener und für ihre Tierversuche.“
„Hat Ereschkigal die jetzt durchgesetzt?“
Kain nickte. „Als ich in Edin gefangen war, habe ich etwas über Rettungskampagnen gehört“, berichtete er. „Ein paar Laborsklaven seien befreit und auf Gnadenhöfe gebracht worden, hieß es. Und dass solche Aktionen Quatsch seien. Weil sie nur ganz wenigen helfen, nicht der Art als solcher, und die Annunaki ja vorgingen…“
„Ich bin mir sicher, das haben sie früher auch über die Annunaki gesagt“, erwiderte Chiron. „Dass es ja nur halbe Tiere seien und die Nefilim vorgingen. Das ist Erbet-Kibratim, wie ich mich daran erinnere. Aber hier im Wald, Kain? Wie bestimmst du hier draußen den Wert einer Kreatur? Warum sollten wir dir etwas zu essen fangen? Wieso ist das Leben eines Menschen wertvoller als das eines Hirsches? Eines Adlers? Eines Bakteriums? Wie entscheidest du das?“
Kain zuckte die Schultern. „Am wertvollsten ist, was von all dem mir am dienlichsten ist“, antwortete er wahrheitsgemäß.
„Dachte ich mir.“
„Hier kommt dann wohl die Stärke ins Spiel?“
„Ja. Und die Liebe. Auf verzerrte Weise. Ist Sukun in ‚Der 51. Krieger’ der Preis fürs Überleben zu hoch, als er das Nyamala erlegt? Sicherlich. Ist er ihm auch für das Überleben der anderen zu hoch? Mitnichten! Finde etwas, das dir viel bedeutet und schon hat dich Urasch gepackt und auf ihr Spielfeld gezerrt. Du wirst gut in ihrem Spiel.“
Kain kannte das Fernsehspiel oder den Roman nicht, auf den sich sein Onkel bezog. Er musste das auch nicht, um den Vergleich zu verstehen.
„Die Tiere dort…“ Chiron deutete mit dem Kopf auf die Wasserstelle, an der einige Stelzvögel am Ufer entlang schritten und nach winzigen Fischen schnappten. „…stellen sich solche Fragen nicht. Sie stecken zu tief in Uraschs Netz, um Entscheidungen treffen zu können. So waren auch wir einst, bevor die Sternengötter aus dem Weltraum kamen und uns veränderten. In ihrer Gier nach Lebensraum und Rohstoffen haben sie uns mit ihrem Kreuzungsprogramm unabsichtlich den Schlüssel zu unserer Befreiung in die Hand gegeben. Sie besitzen ihn selbst und obwohl sie ihn nicht benutzen, macht scheinbar allein die Möglichkeit, sie könnten es eines Tages, Urasch nervös – wie alles Fremde eben. Sie fürchtet um ihre Macht über die Lebenden.“
Chiron legte eine Pause ein.
„Solange wir nicht wissen, wie wir den Schlüssel einsetzen können, müssen wir ihn und uns vor Urasch verbergen, sie ablenken, ihr vorspielen, alles sei wie früher. Das ist meine Aufgabe.“ Chiron hatte voller Ernst gesprochen, nun lachte er unvermittelt: „Wie damals in Shuruppak! Ich wurde wohl schon als Rebell geboren!“
Der Schamane entwand seinem Zuhörer dessen Speer. „Tut mir leid, mein Junge. Ich hatte noch eine andere Lektion geplant, die mit der Jagd verbunden war, aber nach all dem Reden würde ich mich heute nicht gut fühlen, allein zu deiner Unterweisung ein Leben zu nehmen.“
„Na und? Ich werde demnächst mein eigenes Getreide anbauen!“ erklärte Kain stolz.
Doch auch diese Aussage rang dem Medizinmann lediglich ein müdes Lächeln ab.
„Ja, tu das, Neffe. Damit erarbeitest du dir einen Vorsprung vor den anderen Teilnehmern an Uraschs Spiel. Aber wenn du dich zu weit von ihren Regeln entfernst, sie zu stark beugst, dann benötigst du einen erfahrenen Medizinmann zu deinem Schutz an deiner Seite. Die Sternengötter kennen keine, deswegen stellen sie auf lange Sicht nur ein Ärgernis dar. Wir müssen eigentlich nur aufpassen, nicht mit draufzugehen, wenn Urasch sich ihrer endgültig entledigt.“
„Ich glaube nicht, dass mir deine Urasch viel zu bieten hat, Onkel Chiron“, stellte Kain nach längerem Schweigen fest. „Sie verlangt von mir, der Beste zu sein, was ich ohnehin schon bin, aber sie will mir nichts dafür geben. Aber es war kein verlorener Tag. Ich habe begriffen, dass auch ich mich weder anpassen kann noch will. Ich bin ein Bauer und wenn ihr schon keine werden möchtet, dann wäre ich dankbar dafür, mich einfach nicht zu stören.“

„Und? Was hast du heute gelernt?“ erkundigte sich Lahamu am Ende des Tages belustigt bei ihrem Neffen.
„Ich habe kaum etwas verstanden“, gab Kain zu. „Aber Onkel Chiron strotzt vor Selbstbewusstsein und ist glücklich in seiner Rolle. Funktioniert euer Stamm auch mit seinen Mätzchen? Wenn ja, dann lass ihn doch einfach!“
„Für dein Alter bist du sehr weise, sehr tolerant“, fand der Häuptling.
„Nein, ich denke nur, dass das überhaupt das allerwichtigste ist, Leute entscheiden zu lassen, wie sie leben wollen.“
„Das ist nun wieder typisch für dein Alter, wenn man Ereschkigal glauben schenken darf. Ich nenne dich also erst dann weise, wenn du in ein paar Jahrzehnten noch so sprichst.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s