Alulim auf Probe

Kapitel 7 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Zeit: Frühling 2753 Anu
Ort: Kolonialhauptstadt Nippur
und dort die vom Raumflughafen zum Zikkurat führende Meridianallee.

„Stell dich mal dorthin!“ wies ein Photoreporter einen kleinen Adamusklaven an. Uschebti aller Alterskategorien gehörten im Jahre 2753 zum Alltag in den Produktionsstätten und auf den Feldern der Kolonie, ebenso waren sie in Dienstleistungsberufen zu finden und galten als teure Anschaffung im Haushalt, die etwas über die Finanzkraft und den untrennbar damit verbundenen politischen Einfluss der Halter aussagte. Da die Einführung der Sklaverei noch nicht einmal der eine einzigen Annunakijugend zurücklag, trugen die diese hauptsächlich das Bild eines schwarzlockigen Kindersklaven im Kopf, wenn sie an die Adamu dachten. Dieses Bild galt es zu bedienen, wenn man im Journalismusgewerbe tätig war, selbst dann, wenn man es selbst besser wusste.
„Halte die Bürsten schön hoch!“ forderte der Reporter von dem Knaben, der erst kürzlich das steuerfreihe Alter hinter sich gelassen hatte. „Ja, das macht einen Guten!“
KLICK!
Der Annunaki überprüfte das soeben geschossene Photo auf dem Kameradisplay. Er fand, dass es äußerst gelungen sei. Der Uschebtiknabe stand aufrecht neben einem in sitzender Haltung abgelichteten Annunaki, so dass sich beider Gesichter in derselben Höhe befanden. Beide hielten Schuhputzausrüstung in den Händen, denn sie warteten in Nippurs Innenstadt auf Kundschaft. Ein in drei Felder geteilter Kreis auf ihren Gewerbeschildern zeigte die Reichsfarben Erbet-Kibratims, rot, weiß und braun, nach den drei Sonnen des Dreisternsystems. Das Zeichen besagte, dass die Dienste der beiden Schuhputzer vom Vizekönig bis zum flüchtigen Grubensträfling jedem offenstanden, der einem Haus Erbet-Kibratims angehörte.
Ihre Arbeitsleben unterschieden sich nicht sonderlich voneinander. Der Sklave lieferte seine Einnahmen seinem Besitzer ab, welcher Arbeitsort und -zeiten festlegte. Dem Annunakimann gegenüber nahm diese Rolle sein Arbeitgeber ein, denn wie jedes Produktionsmittel musste sich selbst ein Schuhputzstand im Besitz des Adels befinden. Schuheputzen ohne Arbeitsbescheinigung galt als Betteln auf öffentlichen Plätzen und wurde, besonders in der Hauptstadt, entsprechend bestraft.
Dass zusätzlich zu den allerorten aufgestellten Reinigungsmaschinen nun auch Schuhputzer aus Fleisch und Blut in den Städten zu sehen waren, galt den Nefilim als weiteres Zeichen für den Fortschritt ihrer Kolonie. Entsprechend interessant waren die beiden für die Medien.

Gerade überlegte der Reporter, welchen Passanten er bitten sollte, für ein weiteres Photo den Kunden zu mimen, und ob er sicherheitshalber nicht doch lieber einen Nefilim wählen sollte, als bereits ein echter Kunde zielstrebig auf die beiden Schuhputzer zuschritt. Der Mann fuhr dem Adamujungen durch dessen Wuschelkopf, eine Handbewegung, die fließend in ein Beiseiteschieben des Kindes überging. Dann platzierte er seinen Fuß auf dem Trittbrett des Annunakiarbeiters.
„Den Sternengöttern sei Dank für diesen Einfall!“ seufzte der Kunde. „Mit Sandalen sind die mechanischen Apparate nie wirklich zurechtgekommen!“
Schuhputzer und Reporter standen alle drei wie paralysiert. Wer da in ihren Lebenskreis eingedrungen war, lies sich mit einiger Toleranz als „Nefilimmischling“ umschreiben. Doch Toleranz war keine Einstellung, mit der die Öffentlichkeit Prometos [x] begegnete.
„Was ist?“ grinste Prometos den Reporter an. „Überrascht, mich hier zu sehen? Die Zeiten, in denen wir Gemeinen an unsere Scholle gebunden blieben, sind längst Geschichte. Wir in Shuruppak sorgen uns um euer aller Wohl, aber wenn wir die Hospitalstadt nicht ab und zu verließen, könnten wir uns dauerhaft Betten in unserer eigenen psychiatrischen Abteilung reservieren lassen!“
„<Du nicht! >“
Prometos fing von der in zwei Medien abgestrahlten Botschaft lediglich den für seine Ohren wahrnehmbaren Teil auf.
„Doch, ich ebenfalls“, erwiderte er. „Auch die Belastbarkeit eines Titanen erreicht einmal seine Grenzen.“
„Du gehörst noch nicht mal zum gemeinen Volk, meinte ich! Als Hausloser!“
Prometos wandte sich zu dem Reporter um, während zu seinen Füßen der Schuhputzer zaghaft seine Arbeit begann.
„Als bitte was?“
Der Journalist schnappte nach Luft, als er auf der Robe des Adamu ein ihm wohlbekanntes Symbol erkannte: Vater Sonne spannte seine metallisch glänzenden Flügel über einem frontal nur angedeuteten Wagen, der auf den Betrachter zuzurasen schien. Es handelte sich um das heraldische Zeichen des Alulim-Clans, des herrschenden Hauses, dem die Annunaki es verdankten, auf Ki tatsächlich nicht mehr an ihre Schollen gebunden zu sein. Siedler aus jedem Haus profitierten hier von sämtlichen im Herrscherhaus geltenden Sozialgesetzen, darunter auch dem Gleichstellungsgesetz. Mehr noch: Prinz Enlil Alulims hatte die zweite Adamuserie ins Leben gerufen und damit das ursprüngliche Patent seines Bruders von einem wissenschaftlichen Prestigeprojekt zu einer jedermanns Alltag erleichternden Erfindung fortentwickelt. Kaum ein Siedler vermochte sich der allgemeinen Verehrung entziehen, die der Erbprinz auf Ki erfuhr erfuhren. Solange auf jeden, der durch den Einsatz eines Sklaven seinen Arbeitsplatz verlor, eine höherwertige Ausbildung durch die Zweigstelle der Hofakademie in Nippur wartete, fragte sich niemand, wie lange dieses System wohl aufrechtzuerhalten wäre. Sollten dereinst die Bettler und Diebe auch in den Straßen der Städte Kis zunehmen, hätte sich der Vizekönig längst eine loyale Schicht aus den Angehörigen jener ersten Siedlerwellen und ihrer unmittelbaren Nachkommen herangezüchtet. Auch der Schuhputzer, ein aus Lagaschs Salzgewinnung entlassener ehemaliger Sträfling und der Reporter, der selbst ein minderer Adliger des Alulimclans, war, hielten beide große Stücke auf ihren Prinzen – bis heute! Einen Adamu mit dem Hauswappen des Sonnenwagenclans zu sehen, fühlte sich für die beiden an, wie eine ihnen vom Bauleiter anvertraute teure Betonmischmaschine mit ins Bett zu nehmen – den Regeln der Physik nach nicht grundsätzlich unmöglich, aber völlig außerhalb dessen, was einem geistig gesunden Annunaki oder Nefilim einfallen würde zu tun.

<Es ist nur ein graues Wappen, nur ein graues!> dachte der Photoreporter so heftig, dass sein Äthersinn die Gefühle ganz automatisch aufnahm und abstrahlte. <Der Sklave gehört ganz einfach meinem Haus, das ist alles.>
<Falsch>, lies sich der Schuhputzer im Äther vernehmen. <Schaut doch mal genauer hin!> „In der Sonne stecken rote Körnchen, die Flügel sind golden umrandet und seht Ihr die kleinen weißen Sternchen, die Euch aus dem Hintergrund anglitzern, Herr? Eure Hausfarben, diskret an der jeweils korrekten Stelle eingearbeitet. Dieses Wappen ist ein Provisorium, wie es Hausangehörigen auf Probe verliehen wird.“
<So etwas gibt es?>
Der Schuhputzer nickte zur Bestätigung, ohne in seiner Tätigkeit innezuhalten. Je eher er diese Demütigung hinter sich gebracht hätte, umso eher würde er wieder aufatmen können.
<Und du machst mir nichts vor?>
<Nicht in diesem Fall, nein. Spioniert ruhig in meinem Kopf, Herr, hab nichts zu verbergen.>
„Ein Hauswappen, genau“, bestätigte Prometos. „Frau Ereschkigal Meslam hat es sich etwas kosten lassen, dass ich mich bereiterklärt habe, in der Patientenkasseangelegenheit im Sinne des Clans, in dem sie geboren wurde, zu intervenieren. Dabei hasse ich Politik!“
Prometos´ Blick ruhte auf dem Sklavenkind, das den Titanen nicht aus den Augen lies. Reich gekleidete Sklaven hoher Herrschaften hatte der Junge zwar nur selten gesehen, aber immerhin als existent kennen gelernt. Den in der Bevölkerung wenig bekannten Fakt der provisorischen Hauswappen führte ihm immer wieder Apollon [x]/Alulim vor, der Sicherheitsgardist aus dem Stadteil Duranki, der immer wieder versuchte, seine Adamuphobie zu überwinden. Doch nie zuvor war dem Kind ein solch ein Wappen tragender Artgenosse unter die Augen getreten! Der Junge nahm seinen ganzen Mut zusammen und konzentrierte sich auf den Fremden: <…?…!>
„Es tut mir leid“, teilte Prometos dem Kind mit. „Ich kann mir denken, was du gerade tust, aber ich kann dich im Äther nicht hören. Mit dem Hauswappen zusammen habe ich gleich einen Behindertenausweis ausgestellt bekommen, denn mein Äthersinn ist tot.“
Der Titan wechselte den vom Schuhputzer zu bearbeitenden Fuß.
„Ich halte mich wieder im Buranumtal auf und habe gerade etwas angedeutet, das auf eine weitere Intrige zwischen Alulim und Ea hinweist, die auf dem Rücken von Shuruppaks Medizinern ausgetragen wird. Willst du nicht bald damit anfangen, das alles aufzuschreiben?“ forderte er den Reporter auf.
„Patientenkasse, Titan, Verdammnis!“ entfuhr es dem Nefilim.
„Klingt nach einer Schlagzeile, welche die gesamte Tragik unserer Gegenwart einfängt“, höhnte der Schuhputzer. Er zuckte noch nicht einmal mehr zusammen, als Prometos in sein Lachen einfiel.

*

Prometos Alulim hielt seinen Besuch in der Hauptstadt kurz. Er zeigte sich an ausgewählten Orten, lud ein paar Dateien mit Fortbildungs- und Unterhaltungsmedien vom zentralen Server, sonnte sich in dem guten Gefühl, auf diese Weise nicht die Hälfte davon während der unsicheren Übertragung nach Shuruppak zu verlieren und gönnte sich einen Abend im Zirkustheater, den er mit einem Besuch bei dem im Gebäude wohnhaften Umul /Tichupak abschloss.
Aber wie sollte es danach weitergehen?
Das Uschebti-Programm lief reibungslos auch ohne sein Zutun. Wurde es nicht Zeit, die eigene Qualifikation in den Dienst einer anderen Abteilung zu stellen, etwas Neues auszuprobieren? Das bei weitem interessanteste Projekt, welches derzeit in der Hospitalstadt in Angriff genommen wurde, stellte natürlich Enkis Klonungsversuch eines ausgewachsenen Individuums mit all seiner Lebenserfahrung dar: Prometos ermordeten Neffen Abel. Wieso, so fragte sich Prometos, sollte er sich von Enkis Forschungen ausschließen? War es nicht weitaus besser, Adapa seinen Sohn lebendig zurückzugeben, als sich um die Rücküberführung eines Leichnams nach Uruk zu bemühen?
Das ist mehr als wissenschaftliche Neugier! Es ist meine Pflicht als Familienmitglied!

*

Die Rückreise in die Hospitalstadt verbrachte Prometos an Bord eines Krankentransporters, was ihm ein paar Kên-Münzen bar auf die Hand verschaffte. Da auf Ki keiner Münzprägeanstalt existierte, blieben die Siedler auf jenes Kontingent beschränkt, dass vorausschauende Individuen aus dem Dreisternsystem mitgebracht hatten. Eine Eckenmünze mochte auf Ki gut und gern den Wert eines goldenen Nê erkaufen, womit ein durchschnittlicher Gemeiner seinen Unterhalt für einen Tag bestreiten konnte.
Zudem konnte Prometos eine alte Bekanntschaft erneuern, denn der zu überführende Patient stellte sich als kein Unbekannter heraus.
„Du hast dich als Aushilfskrankenpfleger verdungen?“ grinste der Patient den Titanenvon seiner Liege aus an. „Das kann nicht gut gehen! Allgemeinmedizin und Pflege sind zwei völlig andere Paar Sandalen als die Forschung. Und dich habe ich nicht als einen Mann in Erinnerung, der sich nach einem Karrierewechsel gern wieder von ganz unten hocharbeitet!“
„Krankenpfleger bin ich nur für die Dauer der Fahrt, Malah“, konnte Prometos den Annunaki beruhigen. „Ich kehre definitiv in die Forschung zurück. Ich bin der Menschenmacher und es scheint so, als eröffneten sich da wieder einmal Perspektiven.“
„Was würdest du tun, wenn es die Menschen nicht gäbe?“ erkundigte sich Malah neugierig. „Ohne dein Affenblut, meine ich. Medizinische Forschung wäre nie als Karriere für dich vorgezeichnet gewesen.“
Prometos hatte sofort eine Antwort drauf parat: „Mich trotzdem nicht für solche Was-wäre-wenn-Spielchen begeistern können. Ein Forscher muss kein Philosoph sein. Es genügt vollkommen, wenn er seinen Realitätssinn an die kurze Leine legt und ihm ab und zu die Peitsche gibt, sollte er anfangen zu rappeln.“
„Haha! Eins hast du jedenfalls instinktiv gelernt: man muss den Patienten zum Lachen bringen, wenn der an einer akuten Phytdarmreizung leidet und nicht weiß, ob er die Nacht übersteht.“
„Das wieder hinzukriegen wird langwierig“, wusste Prometos den anderen zu beruhigen. „Man kann euch diesen Darmabschnitt nicht so einfach entnehmen wie den Adamu. Aber es ist nicht tödlich für deinesgleichen.“
„Langwierig, sagst du? Das ist ja wunderbar! Dann wird der kosmische Möbeltransport, auf dem ich Matrose bin, wohl ohne mich ins Dreisternsystem zurückfliegen müssen!“
„Das ist eine Argumentation, wie man sie eigentlich nur von einem Schusarveteranen erwarten würde!“ lachte Prometos.
„Und was bin ich wohl?“ fuhr Malah auf.
Prometos drückte den Kranken sanft wieder zurück in seine Laken.
„Du gehörst zu den Eridu Fünfzig?“ erkundigte er sich überrascht.
Prometos war Malah Kylin mehrfach im Urlaub begegnet. Er hatte ihn ein wenig über das Leben hinter dem E-Schara befragt und ansonsten nur über Themen gesprochen, die nun einmal am Halbmondkai von Eridu besprochen wurden: Segeln, Badewetter und Fischgaststätten. Jedesmal hatte der Annunaki einen positiven Eindruck auf den Titanen hinterlassen. Malah liebte die Weltmeere und hatte sich als Freund des Hochseekapitäns Oannes Suhurmasch bezeichnet. Doch mit keinem Wort hatte der Kylinangehörige erwähnt, auch einer von dessen alten Bordkameraden zu sein, einer der Ersterkunder Kis.
„Mein Name ist weniger bekannt“, lenkte der Annunaki ein. „Aber ich habe die ‚Magur’ mitkonstruiert… die kennt ihr auch nicht mehr, oder?“
Prometos schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, Malah. Aber du hast weder damals im Badeanzug noch jetzt gerade auf der Transportliege dein Schusarabzeichen sichtbar getragen. Und darüber hinaus gibt es nichts, was die Eridu Fünfzig von anderen Annunaki unterschiede.“
Prometos las das beinahe verzweifelte Wirklich nicht? in Malahs Blick, ging aber nicht näher auf das Thema ein. Die restliche Fahrt verbrachten die Insassen des Transporters schweigend.

*

Die Hospitalstadt Shuruppak.
Einige Tage darauf.

Die Existenz der Sonerrechtszone Dilmun als Adamureservat stellte einen jedem Siedler wohlbekannten Fakt dar. Sie verwendeten die Begriffe „Erbet-Kibratim“ und „Bund der Fünfzig Namen“ gleichwertig als Bezeichnung für ihr Sternenreich, in dem Adapas Menschenreservat nur eine Kuriosität darstellte. Einige wenige Personen allerdings wussten, was der „Vertrag von Uruk“ genau regelte, nämlich die Existenz zweier Staatsgebilde innerhalb Erbet-Kibratims. Da war zum einen natürlich der seit Nefilimgedenken etablierte Bund der Fünfzig Namen, zum anderen aber Haus Uruk auf der Halbinsel Dilmun.
„Ihrem Stand, den sie im Bund der Fünfzig Namen aufwiesen, gemäß“ sollten Einreisende aus Dilmun dem Vertrag von Uruk gemäß behandelt werden. Jeder einzelne von Adapa freigekaufte Sklave galt daher außerhalb der Grenzen Dilmuns als Adapas Besitz und musste nachweisen können, sich nicht auf der Flucht vor seinem Herrn zu befinden. Jeder auf der Halbinsel geborene Mensch hingegen ging automatisch in den Besitz der Kolonialregierung über, sobald er Dilmun verlies. Auch Adapas leibliche Kinder stellten innerhalb der Population Uruks keine Ausnahme dar, da sich der Personenstatus eines Adamu nicht vererbte.
Chevas Status wurde daher, obgleich sie sich aus eigenem Willen in Shuruppak aufhielt, als „vom Eigentümer zum Zwecke eines medizinischen Forschungsprojektes zum Wohle des Kolonisierungsprogrammes als Ganzes requiriert“ in den Akten geführt. Dennoch hatten Aruru Ea und ihre Arbeitsgruppe der Menschenfrau eine würdigere Unterkunft als einen Käfig zugewiesen.
Mit den Worten „Das ist Frau Ninkis Haus, in dem sie lebte, als sie mit meinem Mann schwanger ging“, empfing Cheva ihren Schwager Prometos im weitläufigen Vorgarten des Anwesens am Stadtrand. „Aber ich beherrsche den Äthersinn nicht gut genug, um nachzusehen, ob sich Reminiszenzen an ihre Präsenz hier drin erhalten haben.“
„Tja, das ist der Punkt, an dem auch fortgeschrittene Messgeräte oft genug an ihre Grenzen stoßen“, erwiderte der Besucher. „Bleiben wir gleich im Garten?“
„Ja, gern. Ich lasse dir etwas zu trinken bringen. Magst du auch ein wenig Gebäck?“
„Nein, danke.“
Cheva betätigte einen kleinen Signalgeber, den sie an einem Schmuckarmband ums Handgelenk trug. Prometos erkannte eines der Modelle darin wieder, die unter anderem die Körperfunktionen in der Rekonvaleszenphase befindlicher Langzeitpatienten überwachten und als automatischer Notrufgeber fungierte.

Kurz darauf öffnete sich die Haustür von innen. Prometos löste seinen Blick von der hinter dem Haus beginnenden Stadt und lenkte sie auf die Veranda. Dort schob sich gerade ein nackter, brauner Fuß durch die Tür.
„Cheva!“ entfuhr es Prometos. „Die Ea haben dir doch nicht etwa Uschbeti zugeteilt?“
„Herr Enki wollte nicht locker lassen, mir welche aufzudrängen. Ich habe mich dagegen verwehrt, bis dem jungen Herrn Nirah eine Alternative in den Sinn kam“, berichtete Cheva. „Nicht, dass die mir sonderlich besser gefiele… Aber sie selbst scheinen mit ihrem Los zufrieden zu sein, also bleibt es bei diesem Status Quo.“
Prometos erkannte nun, um welche „Spezies“ es sich bei Chevas Dienstpersonal tatsächlich handelte: Zwei Graue, ein Annunaki und ein Nefilimmischling. Nirah Ea musste den beiden Sträflingen eine Verfehlung während ihres Arbeitseinsatzes besonders nachtragen, wenn er sie der Erniedrigung des öffentlichen Dienstes für eine ehemalige Sklavin preisgab.
„Bring uns bitte ein paar Erfrischungen, Ra-sincatl, solange ich noch zu mir nehmen darf, was und wann ich möchte“, bat Cheva dem Annunaki. Dem zweiten Sträfling, den Prometos aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe kurz für einen Adamu gehalten hatte, gebot die Hausherrin, mit am Gartentisch Platz zu nehmen. Sie bot den Männern Tabak an, ein in Enlils Reich noch wenig verbreitetes Genussmittel, welches sich in Dilmun großer Beliebtheit erfreute.
„Chinun Osepa“, erklärte Cheva, während sie sich selbst, „zum Abgewöhnen“, wie sie sagte, eine halbe Rauchstange zusammensetzte, „hält mich über alles am Laufenden, was in der Stadt geschieht. Jeder seiner Sinne einzeln genommen ersetzt ihm alle sechs einer normalen Person und sein Mundwerk verschafft ihm die Haftzeit einer ganzen Stadt voller Kleinkrimineller zusammengerechnet. Vielleicht kann er dir ebenfalls nützlich sein.“
Chevas Beschreibung lies das Bild eines Nefilim vor Prometos´ innerem Auge erscheinen, der sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Osepaangehörigen aufwies: Kethri Izimu der Jagdmeister.
Ich muss lernen, sie wieder besser auseinanderzuhalten! nahm sich der Titan vor. Kaum denke ich kurz an Kethri, schon glaube ich, eine Familienähnlichkeit zum nächstbesten Nefilim zu erkennen, der mir begegnet!
„Und würdest du die beiden vielleicht bezahlen?“ bat Cheva. „Ich kann es ja nicht.“
„Mhm? Wie bitte? Entschuldige, Cheva, ich war in Gedanken.“
Cheva wiederholte ihre Bitte, Prometos stimmte zu, den Grauen ihre Dienste für seine Schwägerin mit kleineren Trinkgeldern zu entlohnen und dann erschien auch schon Raz Khepera wieder aus dem Haus. Auch er wurde an den Tisch eingeladen. Mit seiner näher beim Volk gelegenen Sichtweise auf vieles, was der in Ungnade gefallene Hofreporter Chinun zum Besten gab, trug Raz dazu bei, dass sich Prometos recht schnell ein Bild davon machen konnte, was ihn im Shuruppak der Gegenwart erwartete.

„Wie wird eure Spezies eigentlich mit all diesen raschen Veränderungen fertig?“ erkundigte er sich neugierig bei den Grauen.
„Besser als die Götter in Weiß uns allen zugestehen wollen“, meinte Chinun. „Es sind die rasch wechselnden Jahreszeiten, die uns körperlich fertigmachen und die Anpassung an das allesbeherrschende Rechtssystem des Herrscherhaus, die oft die Stimmung zum Überkochen bringt. Die Häuser fahren langsam ihre ersten nennenswerten Gewinne ein, finden sie schon im nächsten Ki-Umlauf zu gering und wünschen sich daher, dass sich unser Leben nur noch mehr beschleunige. Ein Doktor Ah Ceh aus Mictlan hat einen Artikel veröffentlicht, in dem er behauptet, so beginne es jedes Mal, wenn eine Population sich einen neuen Lebensraum erschließt und dass sich die Sache bald auf ein normales Maß einpendeln wird. Selbst den Hawila-Rückschlag bezeichnet er als durchaus in der Natur zu beobachten: vom ersten Satz Bakterien, den er auf einen neuen Nährboden setzte, krepiere immer ein Teil. Jetzt befinden wir uns gerade in der Expansionsphase, gibt er an, aber das werde nicht mehr lange so weitergehen.“ Chinun schmunzelte, als er weitersprach: „Hört natürlich keiner gern, dass wir uns auf dem Weg zu einem Nullwachstum befinden. Auf die Natur als Vorbild für unsere Gesellschaft beziehen sich die Nefilim am liebsten, wenn sie dadurch ihre Privilegien rechtfertigen können. Klappt das nicht, müssen die Igigi als Modell herangezogen werden. Nebenbei bemerkt, auch wenn du jetzt ein Alulim bist, lernst du besser die zwölf Großen Himmelsgötter auswendig. Die kleineren Hausgötter anzubeten, verschafft dir hier auf Ki eher den Ruf einer Fortschrittsbremse.“
„Trotzdem würden es die Prinzenbrüder mögen, denke ich“, konterte Prometos.
Ra-sincatl, Chinun und auch Cheva, nachdem sie die Pointe aus dem Geiste der beiden Grauen gezogen hatte, brachen in Lachen aus!
„Ja, unsere kleinen Sternengötter in Edin und Eridu“, grinste Chinun.

Prometos sah Cheva direkt und sorgenschwanger an. „Da die Namen ja nun gefallen sind“, setzte er an, „muss ich dir sagen, dass ich ein Angebot aus Eridu erhalten habe.“
Gespannt wartete Adapas Frau die weiteren Worte ihres Schwagers ab. Nicht die Offenbarung, worum es sich wohl bei diesem Angebot handelte, sondern welche Entscheidung Prometos´ wohl getroffen haben mochte, spannten die Menschenfrau auf die Folter.
Prometos näherte sich seinem Anliegen vorsichtig: „Enki hat es bereits öffentlich angekündigt: Aruru Ea wurde mit der Aufgabe betraut, eine erwachsene Person samt allen ihren Fähigkeiten zu klonen. Durchgeführt wird das Ganze natürlich an Adamu… in Shuruppak…“ Prometos atmete tief durch, dann überschlugen sich seine Sätze: „Du weißt, von wem ich spreche und weißt du, ich würde das Angebot gern annehmen, aber ich habe keine Ahnung, wie du es aufnehmen wirst und Adapa hat sich doch gewünscht, wir sollen wir selbst sein, also, wenn diese Entscheidung falsch sein sollte, dann ist sie immer noch richtig, insofern es meine ureigenste ist und ich nicht anders kann, verdammnis noch m…“
„Mehts!“ lachte Cheva freundlich. „Du musst dich nicht entschuldigen! Hast du vergessen, auf wessen Initiative Arurus Projekt zurückgeht?“
Der Titan blinzelte. „Auf Marduk Eas, denke ich. Er und sein Vater haben das von langer Hand geplant.“
„Das auch. Es kam mir sehr recht, dass die beiden bereits die theoretische Vorarbeit geleistet hatten. Mein Vorschlag hat sie nicht aus heiterem Himmel getroffen.“
„DEIN Vorschlag?“
Cheva erhob sich. „Ja, Prometos, meiner. Zuweilen habe ich mich vor mir selbst gefürchtet, in den vergangenen Tagen. Aber nun, da du sagst, du nimmst die Sache selbst in die Hand, ist mir nicht mehr bange.“ Die Menschenfrau umarmte ihren Schwager. „Ich danke dir!“
Chinun schien etwas auf der Zunge zu liegen, doch hielt er sich vorerst damit zurück, es auszusprechen. Der Graue wartete, bis Cheva sich kurz zur Erledigung eines natürlichen Bedürfnisses zurückzog, bevor er sich mit einer Frage an Prometos wandte: „Du sagst, du willst in das Klonkind 3.0 Projekt einsteigen. Nun, Cheva wird die hunderten identischen Abels nicht sehen müssen, die unsere Welt bevölkern werden, nachdem sie mit ihrem Anschauungsexemplar nach Dilmun ausgereist ist.“
„Aber du, als sein Onkel?“ ergänzte Raz besorgt.
Prometos schüttelte den Kopf. „Soweit wird es nicht kommen, dafür werde ich schon zu sorgen wissen. Es geht hier im Grunde darum, die Lebenserfahrung des erwachsenen Individuums zu bewahren. Durch eine Massenfertigung Abels würden höchstens ein paar Kundschafter arbeitslos und die Eridu Fünfzig gelb vor Neid. Mein Neffe hat nichts zu bieten, was im Reich der Fünfzig Namen als wertvoll erachtet würde. Seine genetische Struktur dient als Testmuster. Die gewonnenen Erkenntnisse müssen auf unsere eigenen Uschebti umgemünzt werden. Derartige Eliteklone werden in Zukunft neben natürlich gezüchteten billigeren Arbeitern existieren.“
„Hm“, murmelte Chinun.

Als Cheva zurückkehrte, hatte sich des Gespräch bereits wieder anderen Themen zugewandt, so auch Prometos´ kürzlichen Auftritt bei den Schuhputzern in Nippur.
„Die Patientenkasse?“ antwortete Prometos auf eine entsprechende Frage seiner Schwägerin. „Du willst wissen, wie ich so kurz nach meiner Rückkehr bereits in den Streit darum involviert sein kann?“
„Ist er nicht“, mutmaßte Chinun. „Ich gehe davon aus, dass diese Geschichte bloß die Version für die Öffentlichkeit ist. Vermutlich steckt in Wahrheit ein besonderer Dienst für den Erbprinzen persönlich hinter der Verleihung eines Hauswappens an Prometos.“
Der Titan blies einen Ring aus Tabakrauch in die Luft, ohne sich zu dieser Aussage zu äußern.
„Dann eben nicht“, lachte Cheva.
„Es ist ohnehin nur ein Provisorium“, meinte der Titan. „dessen endgültige Bestätigung sich der Hof noch vorbehält.“
„Daran wird sich dein Leben lang nichts ändern“, orakelte Chinun. „Aber solange das Teil mit allen Rechten einhergeht… Mit allen, auf die du Wert legst, meine ich. Bist du damit zu Volksbefragungen zugelassen?“
Prometos schüttelte den Kopf. „Mir wird daher nichts anderes übrigbleiben, als euch alle weiterhin flächendeckend in meinem Sinne zu manipulieren“, erklärte er in seiner besten Imitation eines intriganten Edelmannes.
„Kann mir Schlimmeres vorstellen“, meinte Ra-sincatl.
„Darf ich euch eine persönliche Frage stellen?“ wandte sich Prometos beinahe zaghaft an die beiden Sträflinge.
„Über Adapas Kindheit in Eridu?“ schoss es aus Raz heraus, bevor er sich eines Besseren besinnen konnte.
„Später“, wehrte der Titan ab. „Ich habe mir etwas vorgenommen und… wart ihr jemals in Hawila?“

*

Weder Raz noch Chinun vermochten Prometos weiterzuhelfen, doch dafür konnten sie ihm eine vielversprechende Anlaufstelle nennen: Shecander Suhurmasch. Prometos erinnerte sich vage an den Annunaki als den Besitzer seiner Klonschwester Aian. Der Gedanke, Aian wiederzusehen behagte ihm nicht, denn das Mädchen war ihm bereits während ihrer Kindheit nicht als Schwester, sondern lediglich Artgenossin erschienen. Titanen unterschiedlicher Generationen waren sogar Liebesbeziehungen miteinander eingegangen, obwohl sie doch genetisch weitaus enger verwandt als Kain und Lebuda waren.
„Zu feige, um in ein Wespennest zu stechen, aber den Stier will ich bei den Hörnern packen“, murmelte Prometos zu sich selbst.
Zu diesem Zeitpunkt wanderte er bereits durch die Reihenhaussiedlung, in der Sheca seine Heimat auf diesem Planeten gefunden hatte. Sein Domizil war am auf die Fassade aufgesprühten Bild eines Landemoduls der „Varuna“ zu erkennen. An der stilisierten, von Blitzen umgebenen Ausführung erkannte Prometos, dass es sich nicht einfach um ein Amateurkunstwerk, sondern um ein Siegel handelte. Allein die in der ersten Siedlerwelle auf der Schusar, Varuna und Ekur eingetroffenen Kolonisten durften Anspruch auf dieses Symbol erheben. Prometos erinnerte sich: Die einen waren abgestürtzt, beim nächsten Schiff hatte es sich um einen Gefangenentransporter gehandelt und das dritte hatte aufgrund einer Meuterei umkehren müssen. Aber man hatte diesen Leuten Siegel verliehen…
Siegel waren schon im Normalfall schwierig für Prometos zu verstehen. Zum einen erforderten sie eine gewisse Finanzkraft zum Aufbringen der regelmäßig anfallenden Steuer sowie zum Erwerb der physischen Repräsentation, oft eines Ringes, im Falle des Hausbewohners eher eines Satzes Sprühfarbe sowie etwa einer Stunde eigenhändige Arbeit. Zum anderen war ein gewisses Maß Ansehen vonnöten, um sich als Siegelinhaber nicht lächerlich zu machen. Bisweilen genügte nicht einmal ein Adelstitel, dafür wurde es im Gegenzug toleriert, wenn sich erfolgreiche Gemeine Siegel zulegten. Prometos hatte für sich beschlossen, einfach zu warten, bis ihm seine in der Etikette besser geschulten Freunde nahelegten, dass es an der Zeit für ihn sei, ein Siegel anzumelden.

Prometos hatte eine Weile vor dem Haus gestanden und Shecas Sprühkunst betrachtet, als ihm der Hausherr persönlich die Tür öffnete. Noch im Eintreten, kaum dass die ersten Grußworte ausgetauscht worden waren, eröffnete Prometos dem ehemaligen Grauen, dass er ihn über Hawila zu befragen wünsche.
„Hawila, soso.“ Sheca hielt im Hausflur inne. „Du solltest loslassen“, erklärte er geradeheraus.
„Wie könnte ich? Ich war doch nie dort!“
Innerhalb von Sekunden wich Prometos’ Verwirrung Verständnis und der Titan lachte über sich selbst. Natürlich, Sternengötter vermochten die Adapa geklonten Titanen ja nicht voneinander zu unterscheiden! Aus Shecas Sicht würde viel eher ein gut gekleideter Diener eines Shuruppaker Edelmannes vor ihm stehen, nicht notwendigerweise einer der Projektleiter des Menschenmacherprogramms in Person. Die Kreise, in denen sich Prometos bewegte, wiesen nun einmal trotz seiner Verwandtschaft zu Aian keinerlei Berührungspunkte mit Shecanders Leben auf.
Die Erkenntnis rückte seine eigene Lage wieder in Perspektive für den Titanen. Die Welt drehte sich nicht um ihn selbst. Er musste sie allerdings für einen Nachmittag lang davon überzeugen, es zu tun und dazu benötigte er Shecas Unterstützung.
„Ich bin ein Titan, ja“, erklärte Prometos daher. „Aber keiner aus Hawila. Ich bin Lahamus Bruder Prometos. Ihr habt euch oft gestritten, Lahamu und du, erinnerst du dich?“
„Sich nicht zu erinnern kann eine Gnade sein… Titan“, versetzte Shecander.
Prometos fand sich dabei gemustert, wie es einem Wissenschaftler seines Ranges eigentlich nicht durch einen Laborassistenten geschehen hätte dürfen. Und wirkte Shecanders Blick nicht irgendwie weggetreten? Am Ende bemühte sich der Mann gerade, nicht Prometos ins Machtgefüge der Stadt, sondern sich selbst ins System der Lebewesen einzuordnen?
„Oh, bei den Himmelsgöttern!“ rief Prometos aus. „Soll ich wiederkommen, wenn du nüchtern bist? Oder ist vielleicht Aian daheim?“
Sheca schüttelte zweimal hintereinander den Kopf. „Nein“, erwiderte er, zunehmend aus in welcher Welt auch immer sein Geist sich befunden hatte zurückkehrend. „Das geht schon in Ordnung. Fragen, die jemand, der vom alten Hawila vor dem Aufstand nur gehört hat, ohne dabeigewesen zu sein, zu beantworten, befindet sich durchaus innerhalb meiner Möglichkeiten.“
Prometos kniff die Augen zusammen. War das ein Satz, den ein Angetrunkener zustande gebracht hätte? Was ging hier vor? Der Annunaki spielte auf etwas an, das ihm bei Prometos’ Erwähnung des Goldlandes durch den Kopf geschossen war. Nur worauf genau?
„Hawila“, flüsterte Prometos. „Es lässt keinen von euch, der dort war, jemals vollständig los, nicht wahr?“
„Das trifft es erschreckend. Wieso das plötzliche Interesse?“
„Weil ich meine Klongeschwister aus den Minen freikaufen möchte“, antwortete Prometos. „Ich verfüge nun über die Mittel dazu, doch Geld allein ohne Beziehungen hilft oft gar nichts. Ich muss Gouverneur Anubis T’ien überzeugen, in den Handel einzuwilligen. Er war vor dem Aufstand euer Aufseher, nicht wahr?“
Shecander nickte bedächtig.
„Meine Erinnerungen an diese Jahre werden dir nicht viel nützen. Ganz im Gegenteil würden dir entsprechende Anekdoten den Mann sympathisch machen, was nie eine gute Basis dafür ist, jemanden über den Tisch zu ziehen. Hör zu, Titan! Was du wirklich benötigst, ist das Wissen darum, was Anubis war, bevor er Aufseher und Gouverneur wurde…“

*

Die Freistadt Hawila stellte zwar nicht das einzige, wohl aber das wichtigste Zentrum der Montan- und Schwerindustrie in der Neuen Welt dar. Der gleichnamige Verwaltungsbezirk lockte Besucher mit einer reizvollen Landschaft und den Siedlern auf den durchnumerierten Taneter-Gehöfen wäre keine geringere Bezeichnung als „Paradies“ für ihre Heimat eingefallen. Jenes Hawila jedoch, welches die Öffentlichkeit mit diesem Begriff verband, die Stadt im Fels, stellte bereits oberirdisch einen industriellen Alptraum über drei Ebenen dar. In die Tiefe des Gebirges zog sich die Unterwelt der Nefilim noch viele Kilometer hinein. Zwischen den tiefsten Minen und den oberirdischen Fabriken erstreckten sich die Wohn- und Freizeitkomplexe der Stadtbewohner. Das Experiment einer beinahe vollständig unterirdisch angelegten Stadt schien geglückt zu sein. An Arbeitskräften bestand kein Mangel im Goldland. Attraktive Freizeitangebote und gute Löhne lockten immer wieder aufs Neue Siedler nach Hawila. Ob es sich um einen Badeausflug zu Mimirs Mineralquelle oder ein Ticket für ein Eisbrettrennen in zum Stadion ausgebauten aufgegebenen Stollen handelte, Hawila ließ kaum einen Wunsch offen. Spielkasinos, Theater und Erlebnisgastronomierestaurants reihten sich aneinander und mussten sich nie über ausbleibende Besucher beklagen. Lediglich das Ätherium blieb meist leer. Die über alle vier Welten hinweg erfolgreiche Idee krankte in Hawila daran, dass ein vom Input der restlichen fünf Sinne abgeschnittener Wellnessfreund den vollen „Ätherabdampf“ der Stadt erlitt. Neben Kurnugi war Hawila der älteste Standort, an dem Sträflinge aus dem Dreisternsystem massenhaft eingesetzt wurden. Obwohl es längst nicht mehr zutraf, stand Hawila außerdem in dem Ruf, der härteste zu sein und, darin blieb er tatsächlich ungeschlagen, der erfolgreichste. Die Stadt stellte, wie der Kolonialrat es ausdrückte, „eine Goldgrube auf Basis des Abraums der Gesellschaft“ dar. Die Nefilim nahmen das in Kauf, wollten es aber nicht in ihrem Äthersinn spüren.

Prometos´ erster Besuch im Goldland führte ihn von der Landefläche des Linienfliegers aus Shuruppak zuerst über die drei oberirdischen Etagen auf Bodenniveau hinunter. Sein Weg führte durch gläserne Lifte und über mehrspurige, in Röhren eingefasste Brücken, welche die einzelnen Türme miteinander verbanden. Vereinzelt versuchten die himmelhohen Gebäude durch ihre Fassadengestaltung einen ansprechenden Eindruck zu erwecken. Prometos passierte ein sich über mehrere Etagen der zweiten Ebene erstreckendes Aquarium mit Enun’schen Tropenfischen, das von der Abwärme einer dahinter befindlichen Fabrik geheizt wurde. Diese gestalteten Bereiche stellten jedoch die Ausnahme dar. In der Mehrheit zeigten sich die Industrieanlagen stolz als das, was sie waren, und präsentierten dazu die Runen der Kolonialregierung oder das Siegel der jeweiligen adligen Besitzer.
Während seines Abstieges konnte der Besucher gut überschauen, dass mittlerweile der gesamte Talkessel zugebaut war. Von dem einsamen Bergwerk unter einer mittelalterlich anmutenden Ansammlung von Zelten, Schmieden, Erzwaschanlagen und von Planen überdachten Freiluftküchen war nichts mehr zu erkennen. Hier und da schimmerte eine Grünfläche durch das Rotbraun und Grau der Stadt, doch diese kleinen Oasen wirkten eher lächerlich, als dass sie die Entspannung befördert hätten.
Prometos stieß den Atem aus, als sein in Sandalen steckender Fuß Bodenniveau berührte. Er fühlte sich so, als habe er die Luft über die kompletten drei Etagen angehalten.
„Da bin ich also“, sprach er zu sich selbst. „In Hawila.“

Unwillkürlich, ohne es kontrollieren zu können, hatte der Titan zu zittern begonnen. Irgendwo tief unter der Betonversiegelung befanden sich die Geschwister, die er dieser Hölle zu entreißen gedachte. Prometos Klongeschwister waren nicht mit harmlosen Einbrechern wie Ra-sincatl oder vorlauten Reportern wie Chinun gemeinsam aufgewachsen. Sie lebten in einer Welt, in der Schwerstverbrecher trotz aller gegenteiliger Bemühungen des Wachpersonals die Regeln aufstellten und von der es hieß, das sich der Kriminelle vom Wärter ohnehin nur in der Farbe seines Wappens unterschied. Prometos wollte diese Welt nicht kennenlernen. Er wollte nur so rasch wie möglich durchführen, was er sich vorgenommen hatte, doch seine Beine machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Gliedmaßen weigerten sich, den Titanen zu seinem Ziel tragen, bevor er nicht in irgendeiner Kneipe gesessen und eine Rauchstange oder einen Bohnenkaffee konsumiert hatte.
Bevor er zu seinem Besuch in Hawila aufgebrochen war, hatte Prometos sein „Lexikon der Neuen Welt“ studiert, um sich über die wichtigsten Örtlichkeiten der Stadt kundig zu machen. Ein Name war ihm dabei im Gedächtnis haften geblieben, der Name der Lokalität, welche der Titan gerade passierte: Fünfzehn Schlünde.
Informationsbrocken tauchten aus der Tiefe seines Gedächtnisses auf und obgleich sie skizzenhaft blieben, verwandelten sie die Gaststube in einer fremden Stadt in etwas bereits Vertrauteres. Unwillkürlich lenkte Prometos seine Schritte daher auf die vier Stufen zu, die zu einem im Boden versenkten Eingang ins Innere der Wirtschaft führten. Zu beiden Seiten der kleinen Treppe hatte der Betreiber Stehtische aufstellen lassen. Um diese sammelte sich unabhängig vom in der eigentlichen Schankstube zu erwartenden Publikum das gemeine Volk. Die vielfältigen Wappen der Männer und Frauen erinnerte Prometos daran, dass gerade in einer Freistadt, die Hauszugehörigkeit eines Geschäftinhabers eine wichtige Rolle spielte.
Wem gehören noch einmal die „Fünfzehn Schlünde“? versuchte sich der Titan daher in Erinnerung zu rufen. Sedit… Soka Sedit! Ein Sohn des Sonnenblumenclans, der wie jeder Teilnehmer der Varunaexpedition einen eigenen Eintrag im Lexikon aufwies. Soka war der Eigentümer, da die eigentliche Betreiberin, Sokas voreheliche Tochter Clytie, als Gemeine keine Gastwirtschaft besitzen durfte. Und es war mehrfach durch Haus Ubaid sowie ehemalige Insassen des Kylin´schen Gefängniskomplexes „Schlund“ zu Protesten gegen den Namen gekommen.

Prometos´ Lexikon irrte sich in keinem dieser Punkte. Was das Nachschlagewerk allerdings schlichtweg verschwieg, war die Tatsache, dass es sich bei den Fünfzehn Schlünden um eine vornehmlich von Entlassenen und auf Ausgang befindlichen Grubensträflingen frequentierte Kneipe handelte. Nicht nur an den Stehtischen außen, sondern noch in viel stärkerem Maße im Inneren des Gastwirtschaft tummelten sich die in der Kolonie abgeladenen Schwerstverbrecher Erbet-Kibratims. Einige hingen eher auf den Tischplatten, als dass sie gestanden hätten, so dass man sich fragte, wie sie hier herauf gelangt waren, geschweige denn vor so vielen Jahren die Kraft zu einem Aufstand gefunden haben wollten. Andere prosteten einander zu und Prometos war sich sicher, dass der Jüngste in der Vierergruppe zu seiner Linken gerade eine Lektion sein „Fach“ betreffend von den erfahreneren Gaunern erhielt. Er hörte dieselben Begriffe fallen, mit denen auch Madi Enqatl ihn in einige psychologische Tricks eingeweiht hatte, die er in Shuruppak zu seinen Gunsten nutzen sollte…
„Bei allen Sternengöttern, die so weitsichtig waren, heute zuhause geblieben zu sein!“ fluchte Prometos.
Der Titan war versucht, auf dem Fuß kehrtzumachen. Niemand hätte es einem angesehenen Wissenschaftler aus der Hospitalstadt verdenken können, so zu reagieren. Niemand hätte etwas anderes auch nur erwartet! Doch eine beinahe hypnotische Faszination hatte das ehemalige Laborkind ergriffen. Prometos dachte an Adapas Behauptung, den Beteiligten am Hawila-Aufstand sein Leben zu verdanken, zurück. Was nun für Adapa galt, traf konsequenterweise auch auf dessen Klongeschwister zu.

Kaum hatte Prometos seine Entscheidung einzutreten getroffen, da übernahmen seine im Wald erworbenen Reflexe die Kontrolle: gesteigerte Aufmerksamkeit und Bewegungsmuster, die ihm in dieser quasi-kriminellen Gesellschaft gute Dienste leisteten.
Anerkennend, wenngleich ein wenig zu auffällig, nickte ein Annunaki seinem Sitznachbarn zu, während Prometos einen Platz auswählte und darauf zusteuerte, ohne auf seinem Weg durch die Schankstube auch nur ein einziges Mal eine Angriffsfläche zu bieten. Unwillkürlich suchte der Graue allein mit den Augen nach möglichen versteckten Waffen am Körper des Titanen. Er vermochte keine zu entdecken, was einerseits bedeuten konnte, dass Prometos sie zu gut für die Augen eines seit mehreren Jahrhunderten seinem Geschäft entwöhnten Annunakiverbrechers verborgen hatte oder ganz einfach keine mit sich führte.
<Dem Selbstbewusstsein nach müsste er eine Spaltwaffe bei sich tragen!> dachte der Mann laut. Er benötigte dazu keine Verbindung zu Prometos im Äther, eine kurze Analyse der Körpersprache des Mannes genügte ihm, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wie es darunter in Prometos Geist derzeit wirklich ausssah, entging dem Grauen.
„Mhm“, brummte sein Nachbar unverbindlich. Dann erhob er sich ruckartig, um dem Ankömmling in den Weg zu treten. „Warum setzt du dich nicht zu uns?“ bot er an.
Prometos´ Gesicht blieb eine undurchdringliche Maske, als er „Warum sollte ich?“ antwortete.
„Warum solltest du nicht?“ erwiderte der Graue, ein entwaffnendes Grinsen auf den Lippen.
Der Titan lächelte. Er nahm das Angebot an und setzte sich zu dem Blondgelockten und dessen verblüfften Kameraden. Zwei Stühle blieben frei, da hier in Bälde weitere Trinkgenossen erwartet wurden.

Eine weibliche Stimme erhob sich über die Köpfe der Gäste: „Alles mal hergehört! Es ist wieder einmal soweit. Wie jeden Tag mache ich euch ein Angebot, das ihr von eurem Untersuchungsrichter nie erhalten habt: Ein Freibier für´s Singen!“
Das hier und aufkommende Gelächter verriet Prometos, dass es sich bei den Worten der Frau um einen Scherz handelte, den ihm seine unvollständig gebliebene Sozialisation nicht entschlüsseln konnte. Doch dieses Defizit des Titanen trat in den Hintergrund, als sich ein nahe bei der Sprecherin sitzender Gast erhob und auf eine kleine Bühne trat.
Der Mann begann zu singen.
Prometos schloss die Augen.
Lange Zeit hatte er den Gesang eines Annunaki entbehren müssen. Die Darbietung des Kneipenbesuchers war für Annunakiverhältnisse nicht gerade von überragendem Talent geprägt. Sein Text belief sich darauf, wie beschissen alles, besonders das Leben, sei und dass er eigentlich gar keine Lust zum Singen verspüre. Für Prometos´ Nefilimgene war es das Schönste, was er seit den ersten Schreien von Chevas Kindern gehört hatte. Der melodische Gesang eines Annunaki ließ sich mit nichts vergleichen, das Adamu, Titanen, Große Affen oder gar Nefilim hervorbringen konnten. Lediglich einige besonders begabte Menschen wie Kelimat schafften es in seltenen Momenten, sich dem Sänger des heutigen Abends anzunähern.
Enlil behauptete, die Hingabe selbst des talentlosesten menschlichen Künstlers an sein Werk böte einen weitaus größeren Genuss als die Kunstfertigkeit eines Annunaki, doch fehlte Prometos ohne seinen Äthersinn diesbezüglich der Vergleich. Die Gefühle einer Person als Kunstwerk, also letzten Endes als zwar Luxusware, aber eben dennoch als eine qualifizierbare Ware zu betrachten, wollte ihm ohnehin nicht behagen.

Im Anschluss an seine Darbietung wurde der Sänger mit seinem versprochenen Freibier entlohnt. Kurz darauf daran erschien die Wirtin am Tisch des Fremdlings. Prometos hatte erwartet, nun jene im Lexikon der Neuen Welt genannte Clytie Sedit kennenzulernen, doch wies ihr Wappen sie als eine Gemeine des Eidechsenhauses aus.
„Was trinkst du?“ erkundigte sich die Ubaidangehörige freundlich.
„Ich trinke nicht“, erklärte Prometos.
Ein weiter Weg lag zwischen diesem so selbstverständlich dahingesagten Satz und jenem ersten gemeinsamen Essen mit Nuska damals in Edin. Der Titan beherrschte nun nicht nur die „falsche“ Sprache, sondern verdrängte bereits erfolgreich, wie seltsam sie klang.
„Ich nehme einen Kaffee“, fuhr er fort.
Die Haltung der Ubaid versteifte sich ein wenig. Prometos´ Wunsch war nicht unerfüllbar, aber hochgradig unangemessen für einen Mann in seiner Position. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte sich Kaffee als Getränk der unteren Schichten durchgesetzt, welches ausschließlich von Arbeitern und natürlich Sträflingen konsumiert wurde. Als angemessene Alternative für einen Herrn Projektleiter galten Kakao oder das von Ninki Ea erfundene Mixgetränk Kaffao. Die Wirtin verstand, dass der erst kürzlich heimgekehrte Prometos das unter Umständen noch nicht wissen konnte. Doch wie kommunizierte man einem nicht mit dem Äther verbundenen Halbblut, dass es sich gerade einen Fauxpas geleistet hatte? Prometos empfing ja nicht einmal ihre unwilkürlich ausgestrahlte Freude angesichts der Begegnung mit ihm, dem Prominenten!
„Also einen Kaffee für jeden von uns und einmal Kaffao mit Zimthäubchen für den edlen Spender“, sprang der blondgelockte Sträfling hilfreich ein. „Den Kaffao sofort, die Kaffees… nun, du wirst ja selbst sehen, wann es Zeit wird, uns unseren Ausnüchterungstrunk zu servieren, Ingjomee.“
Die Frau lächelte verschmitzt.
„Früher genügten mir zu diesem Zweck vier Strafpunkte an deine Adresse, Chajen.“
„Ja. Aber du wolltest doch in Wahrheit ebensowenig Gefängniswärterin sein, wie du jetzt Schankmädchen spielen möchtest!“
Ingjomee zuckte die Achseln.
<Wenn ich wüsste, was ich wollte, wäre ich unter Umständen trotzdem hier. Der Vizekönig verschiebt Siedler jeden Standes über den Globus, als wären wir alle seine Leibeigenen. Also was soll´s, sich darüber Gedanken zu machen, was jemand möchte?>

„Wohin willst du?“ fragte Chajen den unfreiwilligen Spender der Getränke. Er fühlte sich nicht im Mindesten schuldig, diesen zu schröpfen, hatte er ja dadurch das Ansehen des Titanen auf vergleichsweise elegante Weise retten können.
Prometos begriff, worauf sich die Frage bezog: der andere wollte wissen, auf welche Szenarie er den Holoprojektor im fensterlosen Untergeschoss der Kneipe einstellen sollte.
„Eridu, Halbmondkai“, antwortete Prometos. „Falls das im Speicher ist.“
„Eridu ist überall drin“, antwortete der Sträfling. „Wenn ich einmal in Person dort hinkomme, wird mir der Anblick richtig langweilig vorkommen, so oft habe ich das schon hier gesehen.“
Eine holographische Abbildung des beliebten Freizeitressorts der Hafenstadt am eridischen Golf überdeckte die triste Wand. Sie gaukelte den Männern vor, durch einen Bogengang direkt auf die Strandpromenade zu blicken.
„Als wir den Aufstand probten, konnte man da draußen den echten Himmel noch erkennen“, sinnierte Chajen, dann stellte er sich dem Titanen vor: „Chajen Chapa, Freibeuter im Dienste des Biberclans. Also, wenn ich ‚Biber’ sage, bemühst du besser ein auf Anur gedrucktes Zoologiebuch…“
„Und wenn er ‚Freibeuter’ sagt“, knurrte Chajens Tischnachbar, „dann ersetzt du das besser durch ‚Grubenhund’.“
Chajen schüttelte den Kopf. Er versuchte dem Bodensatz Schaum, der sich in seinem Bierkrug gesammelt hatte, einen letzten Tropfen Flüssigkeit abzutrotzen.
„Zwangsarbeiter ist ein Beruf wie jeder andere, wenngleich saumäßig schlecht bezahlt“, behauptete er, um gleich darauf erläuternd hinzuzufügen: „Insofern, dass sich meine Identität nicht davon ableitet. Grubenhundarbeit ist, was wir hier in Hawila tun, ob nun gezwungenermaßen oder nicht. Was ich bin, ist eine zeitweilige Hilfseinheit des Chapa´schen Militärs.“
„Chajen! Mach dir doch nichts vor! Wir sind Werk…“
„Wir werden als Werkzeuge gehalten! Das ist ein Unterschied!“ fuhr der ehemalige Kaperfahrer dem anderen Annunaki ins Wort.
Wie oft hatte Prometos solche in handfesten Streit mündende Diskussionen im Knabenschlafsaal in Shuruppak miterlebt! Und dann stand diese Vergangenheit plötzlich erneut vor ihm. Aufrecht, ein wenig dreckig im Gesicht, aber grinsend und zwei große Tassen Kaffee in den Händen balancierend. Sie trug einen kurzen Rock. Sie trat an den Tisch heran. Sie hörte auf den Namen Scharaniel /Hawila!

Prometos öffnete den Mund ein klein wenig. Zu mehr war er angesichts dieser unerwarteten Begegnung nicht fähig. Scharaniel war zwei Ki-Umläufe jünger als er selbst und im Alter von zehn Jahren mit dem allerersten Sklaventransport von Shuruppak nach Hawila ausgeliefert worden.
Hinter dem Adamumann stand ein ausnehmend hübscher Annunaki, dessen verkniffene Gesichtszüge das Gesamtbild allerdings ein wenig trübten und den Mann seiner Attraktivität wieder beraubten. Der Mann trug Uniform und Rüstung eines Sicherheitsgardisten entweder der Stadtwache oder des Bergwerksgefängnisses sowie die Abzeichen eines Schildkapitäns, des höchsten Unteroffiziersranges.
„Schwirr ab, Amor!“ verlangte Chajens Tischgenosse. „Mir reicht es, deine Fresse die Woche über sehen zu müssen!“
Ungerührt von dem Protest nahm Amor Ea am Tisch Platz.
„Nicht deine Entscheidung, Sesku“, erklärte er. „Wir wurden eingeladen.“
Prometos beobachtete, wie der Adamusklave dem Schildkapitän eine der beiden Kaffeepötte zuschob und den anderen für sich selbst behielt. Offensichtlich störte sich Amor nicht daran, in aller Öffentlichkeit einen für seine soziale Stellung ungemessenen Energiespender zu konsumieren.
„Jeder weiß doch, dass Herr Amor nichts ablehnen kann, was auch nur ansatzweise den Eindruck erweckt, essbar zu sein. Er vernascht alle…s“, erklärte Scharaniel, wobei er Prometos zuzwinkerte. In Agakus Unterricht, erinnerte sich der Titan, hatte sich der Bruder niemals dermaßen differenziert ausgedrückt. Prometos hatte ihn als äußerst scheu und allzu leicht zu verunsichern in Erinnerung.
Amor lächelte ein wenig enttäuscht angesichts der Begegnung der Brüder. Als Ingjomee darauf bestanden hatte, dass er und der Sklave den Keller aufsuchten, hatte er sich Hoffnungen auf ein Interesse persönlicher Natur gemacht. Nun begriff er, dass die Kollegin von einst nur Prometos dessen Klonbruder hatte vorführen wollen.
„Sagt schon, was führt Euch ins Goldland, Prometos?“ riss Scharaniel das Gespräch an sich. „Ausgerechnet Euch!“
„Du weißt, wer, ich meine, was ich jetzt bin?“ entfuhr es Prometos.
Scharaniel nickte. „Jeder hier weiß das. Unser Oberaufseher Kuzur-bine hat früher in Shuruppak gearbeitet. Ihr erinnert Euch vielleicht an ihn?“
„Ich…“
Der Adamusklave beugte sich über den Tisch. Seine zur Faust geballte Hand schoss auf den Klonbruder zu.
„Oder ist Herr Kuri ebenfalls bloß ein Posten auf einer Liste für Euch?!“ fauchte er.
„Rann!“ warnte Amor den Sklaven.
„Ich bin hergekommen, um euch mitzunehmen“, eröffnete Prometos seinem Bruder.
„Hm.“
Scharaniel „Rann“ /Hawila blickte in seine Tasse und dann sehr weit nach innen.
„Wir haben oft darüber gesprochen, was wir tun oder sagen würden, wenn Ihr unerwartet in Hawila auftauchtet. Wie es dann weiterginge. Besonders Paschuku…“ Der Sklave schüttelt seinen Kopf. „Aber im Endeffekt wird die Entscheidung von Shuruppak getroffen.“
„Eben“, nickte Amor. „Ich habe euch doch immer gesagt, dass ihr euch völlig unnötig die Köpfe zerbrecht. Jetzt siehst du ein, wie dumm das war.“
Prometos schob seinen Stuhl ein wenig zurück, um die die Reaktionen der drei anderen auf Amors Worte mit einem Blick aufzunehmen. Da saßen sein Bruder Scharaniel, der nicht nur wie ein beschränktes Tier behandelt wurde, sondern sich dieser Behandlung überdies noch schmerzlich bewusst war, der Annunaki Sesku, der sich längst aufgegeben hatte und sich tatsächlich einem Käfigtier gleich nur noch Nahrung und ab und zu seine Ruhe erhoffte, und schließlich Chajen, ein Mann, der aus einer den anderen beiden unbekannten Quelle die Kraft zog, selbst den ihm verhassten Amor Ea an seinem Tisch zu tolerieren.

Amor seinerseits drehte erwartungsvoll den Kopf in Prometos´ Richtung. Der Mann aus Shuruppak stellte etwas völlig anderes als seine Adamu, die Titanen eingeschlossen, dar. Den Alulimangehörigen auf Probe ordnete Amor als über sich selbst stehend in die Ständepyramide ein. Hätte er nicht in der langen Zeit seiner Jagd auf Sjuren [x] einige unglückliche Entscheidungen getroffen, wäre dem sicher anders gewesen. Er, und nicht Janka, lebte dann heute im Gouverneurspalast in Eridu, oder vielleicht würden sie es beide tun und in Konkurrenz darum treten, wessen Kompetenz der von ihnen verehrte Patriarch mehr vertraute. Doch wie die Dinge sich nun einmal entwickelt hatten, war aus Amor Ea nichts weiter als ein Gefängniswärter geworden. In den Jahren nach dem Aufstand hatte es Amor genügt, sich bewusst zu machen, dass Sjuren endlich tot war und seine Familie nie wieder für die Untaten des kriminellen Verwandten würde büßen müssen. Im darauffolgenden Enunzyklus waren die Adamu in sein Leben getreten, die ihm neben dem Glücksgefühl, Macht über die Grauen auszuüben, zusätzlich mit der Erfüllung, sich um hilflose Kinder oder auch Haustiere kümmern zu dürfen, versorgten. Dass jeder einzelne dieser seiner Schützlinge aus Sjurens Samen entstanden war, er demnach als Prometos’ Großcousin gelten durfte, hatte man Amor nie offengelegt. Amor war zufrieden und vermisste eigentlich nur eine Sache in seinem Leben: Einen ordentlichen Ätherschild, damit kein Unbefugter an seiner Zufriedenheit schmarotzen konnte.
Prometos rückte wieder näher an den Tisch heran. „Ich habe heute eine Audienz beim Stadtgouverneur“, eröffnete der Titan seinen Tischgenossen. „Shecander Suhurmasch in Shuruppak hat mir einiges über ihre gemeinsame Vergangenheit berichtet…“
Sesku lachte: „Den Sheca kennst du auch? Was kommt als nächstes?“
„Ja“, stimmte Chajen ein. „Hast du am Ende auch an der Varuna mitgebaut und den Sezessionskrieg gewonnen?“
Prometos legte vier weiße Plastikchips in Form von Halbmonden auf den Tisch, eine Münze für jeden der Männer. „Das gäbe sicher einen eindrucksvollen Eintrag im Lebenslauf ab, aber ich benötige doch eher aktuelle Informationen. Also! Was sollte ich über Anubis T’ien wissen?“

*

Anubis hatte als Angehöriger des kleinen Hauses T´ien von Kindesbeinen an miterlebt, wie Frauen und Gemeine in Positionen aufstiegen, die ihrem Stand in mächtigeren Häusern nicht zugestanden wurden. Doch wie anders sollte der aus einer einzigen Familie bestehende Hundeclan seine oberen Verwaltungsebenen füllen, wenn es im Haus an Nefilim fehlte?
Sich selbst einmal in der Rolle eines Kolonialgouverneurs wiederzufinden hätte sich der kleine Anubis allerdings niemals träumen lassen. Er war bei weitem nicht der Dümmste in der Schule gewesen, aber nicht in besonderem Maße begabt und darüber hinaus bloß ein vaterloses Heimkind, dessen Vormund dreisternsystemweit einen schlechten Ruf genossen hatte. Zuerst Soldat, eines Tages vielleicht Offizier und im Ruhestand dann eine Horde Enkelkinder in einem netten Häuschen auf dem Grünen Juwel Anur, so hatte sich Anubis seine Zukunft ausgemalt.
In der Gegenwart fehlte es nicht nur an Enkeln, sondern bereits an einer standesgemäßen Partnerin für den Stadtherren, dafür hatte er bereits mehrfach den adligen Ressortleiter, Hades Suhurmasch, zusammenzubrüllen müssen. Hades wiederum hatte vor dem Kolonialrat stramm zu stehen, vor Nefilim, die in höherem Rang und Ansehen als er selbst stand und denen er untertänigst Anubis´ Forderungen als die seinen vortrug. Im Allgemeinen blieb jegliche Anerkennung auf dem Weg nach unten bei dem Suhurmaschadligen hängen, aber der Annunaki Anubis konnte sich sicher sein, Unmutsäußerungen des Rates in originaler Stärke von Hades in seinen Äthersinn geschossen zu bekommen. Kurzum, Anubis führte das Leben eines Gleichgestellten, ohne jemals offiziell zum Hochgelehrten berufen oder zum Offizier befördert worden zu sein. In seiner Ausnahmesituation ähnelte er Prometos, dem Gast aus Shuruppak, der sich für den heutigen Tag angekündigt hatte.

Bis zur Ankunft des Titanen verfolgte Anubis die Nachrichten auf einem Bildschirm in seinem Büro. Der aktuelle Beitrag drehte sich um ein tierpsychologisches Experiment, welches Haus Garuda demnächst in Gang setzen wollte. Zu diesem Zweck hatte eine Dame Imseti ein Gelände vom Umfang mehrerer Logres-Gehöfte von der Kolonialregierung gepachtet. Und mit Tieren waren in diesem Fall Adamu gemeint.
„Auf Dilmun läuft das Material kostenlos herum, doch von diesem Vorschlag war der Vizekönig weniger angetan“, meinte die Nefilimdame lächelnd in die Kamera.
„Findest du, der Vizekönig behandle dich ungerecht, weil den Haus gerade vor dem Kolonialrat für etwas gerade stehen muss?“ forschte der selbst adlige Reporter, um sofort eine weitere Frage nachzuschieben: „Was ist dran an den Gerüchten, es handle sich um einen Medikamenteskandal, der mit dem heißen Eisen Hawiladroge in Verbindung steht? Immerhin fiel der Name Iznak Alulim!“
Erneut schenkte Imseti dem Journalisten nur ein unverbindliches Lächeln. „Mein Mann und ich sind nicht an Politik interessiert“, erklärte sie. „Uns liegt nur das Wohl unserer Tochter am Herzen.“
„Was bei einem Adelskind untrennbar mit dem Wohlergehen des Hauses verbunden ist“, knurrte Anubis. „Wer weiß, was da wieder abläuft…“
Die nächste Meldung betraf seine unmittelbare Gegenwart: Aufnahmen des Titanen Prometos auf dessen Gang durch Nippur waren zu sehen.
„Handaufgezogene Tiere sind extrem schwer auszuwildern“, kommentierte ein von den Journalisten zu seiner Meinung als Experte befragter Ökologe. „Bei Adapa hat es funktioniert, bei Prometos leider nicht. Deswegen sollten wir sehr genau abwägen, ob wir unsere Uschebti wirklich als Personen betrachten wollen. Ich habe Gehöfte besucht, da saßen sie mit den Grauen oder sogar den Gemeinen am selben Tisch. Ich meine, ja, es liegt nahe, so ähnlich wie sie uns in ihren Verhalten bisweilen erscheinen. Ich habe diesen Fehler selbst begangen, als die ersten Adamu, die Titanen, gerade neu aufkamen. Aber im Endeffekt schaffen wir uns damit Probleme, unter denen auch die armen Tiere ihr Leben lang zu leiden haben werden.“
„Tja, Ah Ceh, mein Alter, leider habe ich mich breitschlagen lassen, meinen Tisch heute ebenfalls zur Verfügung zu stellen“, murmelte Anubis vor sich hin.
Ah Cehs Begleiterin ihrerseits schenkte dem die Kamera führenden Annunaki ihre holdestes Nefilimlächeln und erklärte: „Ich liebe diese Besuche in der Hauptstadt! Hier wird man jedes Mal aufs Neue überrascht!“
Wenn es nur so ein treudoof-naives Brünettchen ist, das man bekommt, wenn man sich eine Adlige anlacht, dann kann ich es verschmerzen, partnerschaftlich in diesen Kreisen keinen Fuß zu fassen, dachte Anubis.
Er lies den Fernseher weiterlaufen, schaltete aber den Ton ab, als ihm Prometos Alulim angekündigt wurde. Weitergehende Respektsbezeugungen durfte niemand vom Herrn des Goldlandes erwarten. Dass er im Dienst der Stadt oft vier Dinge gleichzeitig zu erledigen hatte, würde der Gouverneur gewiss nicht verschleiern, schon gar nicht vor einem Zivilisten, für dessen bequemes Leben Anubis’s Stadt überhaupt ersteinmal die Basis schuf.

Prometos trug seine Hausmaske, eine holographische Illusion, die von einem winzigen in sein Stirnband eingenähten Projektor erzeugt wurde. Das Trugbild überdeckte die Gesichtszüge des Titanen. Jene Häuser, denen eine Tiersymbolik zu eigen war, benutzen eine Vollbildmaske, welche den gesamten Kopf bedeckte, Untertanen des Hauses Alulim begnügten sich hingegen oft mit einer wie die Sonne strahlenden Halbmaske vor dem Gesicht. Mehr war ihnen gesetzlich nicht vorgeschrieben und mehr war ohnehin nur äußerst schlecht darzustellen, wenn man den Sonnenwagen im Wappen führte.
Anubis aktivierte ebenfalls seine Maske. Sie mochte wie Hund oder ein Wolf aussehen; möglicherweise gab sich Haus T’ien derzeit auch konservativ mit der Übergangsform zwischen Kampe und Wolf oder womöglich besonders hip durch Verwendung des irdischen Wolfshundes. Der Annunaki wusste es nicht zu sagen. Seine Identifikation mit einem einzelnen Haus hatte bereits nachgelassen, seit er den ersten Fuß aus der „Schusar“ heraus auf Kis Oberfläche – genaugenommen in ein Wasserloch hinein – gesetzt hatte.
„Nimm doch Platz“, forderte der Gouverneur seinen Verhandlungspartner auf, während Prometos bereits im Begriff war, genau das zu tun.
„Kommen wir gleich zur Sache, Gouverneur, damit du nicht den Spätfilm verpasst“, kommentierte der Titan den weiterflimmernden Fernsehbildschirm. „Der Vizekönig hat meinem Aufkauf der Titanen zugestimmt, aber die Entscheidung über den Preis liegt bei den jeweiligen Besitzern. In Hawila befindet sich planetenweit die größte Population…“
„Wo sich auch in Zukunft verbleiben wird!“ erwiderte Anubis. „Ich habe mich über das Dokument kundig gemacht, Herr Projektleiter a.d. Ich wage es nicht, mir eine Vorstellung davon zu machen, womit du Enlil da erpresst, dass er es gesiegelt hat.“
Prometos lächelte traurig hinter seiner Maske, ließ sich jedoch zu keiner Aussage hinreißen.
„Glücklicherweise gesteht mir der Wisch ein erfreulich weitreichendes Vetorecht zu“, fuhr Anubis fort. „Genaugenommen ist meine Pflicht damit erfüllt, mir dein Anliegen anzuhören. Aber du bekommst einen Bonus: Mein deutliches „Nein“.“
„So.“
„Wir sprechen von Titanen, nicht von irgendwelchen Sklaven aus der Massenfertigung! Das ist hochadlige Arbeit, die zwölf oder mehr Zyklen hält. Einmal angelernt ersetzt mir ein Titan sechs Arbeiter. Nein, mein Lieber, die kann ich nicht weggeben.“
Erneut ließ Prometos sein „so“ hören.
„Ich bin derjenige, der sich vor dem Rat verantworten muss, wenn Hawila Produktionseinbrüche verzeichnet. Mir setzen Amor und Xipe-martu gemeinschaftlich die Waffen in den Nacken, wenn sich die Lebensumstände der Minenarbeiter erneut signifikant verschlechtern. Wir benötigen die Titanen in Hawila.“

„Und wenn ich stattdessen vierzehn Grauen ihr Los erleichtern wollte?“ forschte Prometos. „Würdest du dich dann noch immer querstellen? Ich denke doch, eher nicht.“
„Du legst mir die Argumente in den Mund“, nickte Anubis. „Auch aus diesem Grund kann ich nicht auf die Titanen verzichten. Ich trage Verantwortung gegenüber den Schwächsten und am schlechtesten Vertretenen unserer Bergarbeiter. Auch Verbrecher müssen ihre Familien wiedersehen dürfen. Ich bin es, der dafür zu sorgen hat, dass sie ihre Zeit im Goldland überleben. Aus diesem Grund bleiben die Titanen hier!“
Prometos lehnte sich in seinem Sessel zurück.
„Bevor ich zu dieser Audienz kam, hatte ich Gelegenheit, mit den Leuten in der Stadt zu reden“, berichtete er. „Die Grauen haben mir von einem anderen Anubis erzählt: von aus Schikane zurückgehaltenen Familienphotos, die du freigegeben hast, von als Strafen getarnten Küchendienstschichten, die der Erholung dienten und davon, dass auch ein adliger Verbrecher wie Skashan Tau’eret auf deiner Wache keine Sonderbehandlung erwarten durfte. ‚Oberaufseher Anubis’, haben die Leute damals gesagt, ‚ist so gerecht, dass er selbst dem Gouverneur Strafpunkte aufbrummte, wenn er´s könnte’. Ein Rechtloser namens Sittich war nie dein Freund, aber du hättest nie daran gedacht, Sittich für die anderen zu opfern.“
Prometos hielt kurz inne, als wolle er Anubis Zeit verschaffen, diese Vergangenheit vor seinem inneren Auge wieder aufsteigen zu sehen.
„Und was ist aus dir geworden? ‚Wir brauchen die Titanen’ sagst du mir ins Gesicht, ‚um sie zu Tode zu wirtschaften!’. Hattest du nicht mal ein so hübsches Mädchen? Wo ist sie denn? Hat sie den Gouverneur verlassen, als sie Anubis nicht mehr finden konnte? Ist sie jetzt vielleicht glücklich verheiratet, unten in Urukwacht?“
„Wir sprechen hier von Werkzeugen, Prometos“, verteidigte sich Anubis. „Die werden schon gut gewartet, weil wir sie möglichst lange benutzen wollen. Sabotage wird hart bestraft, das kannst du mir glauben. Aber im Grunde, das ist ein Fakt, handelt es sich nur um Geräte. Das weiß jeder, der ein Hauskaninchen hält, dass es eine Ausnahme von der Mehrheit ist, die in den Topf wandert.“

„Ja“, meinte Prometos. „Ja, das ist der gesellschaftlich akzeptierte Text, den jeder Gemeine herunterspulen würde. In Wahrheit hast du Angst davor, die Titanen aus deinem Kontrollbereich zu entlassen. Unsere Vorzüge hast du mir ja selbst angepriesen: Wir lernen schnell, sind robust und intelligent. Du und deinesgleichen, ihr fürchtet euch vor schweren Bombern aus Richtung Dilmun! Männer wie Nergal und du wollen das unter allen Umständen verhindern, wodurch sie den Menschen nur noch mehr Gründe liefern, euch tatsächlich eines Tages eine gut bestückte Vimana zu schicken. Deswegen war der Preis für unsere Klongeschwister so hoch angesetzt, als Adapa sie vor dem Exodus kaufen wollte. Aber ich kann ihn mir jetzt leisten.“
„Du deutest das falsch…“ ächzte Anubis.
„Ach, wirklich? Bei den Himmelsgöttern meiner Ahnen! Ihr Sternengötter seid so einfach zu durchschauen, dass ich mich schämen würde, einen Äthersinn dafür zu benötigen!“
„Meine sekundären Motive einmal außer Acht gelassen habe ich ganz einfach eine Pflicht gegenüber der Stadt zu erfüllen“, wiederholte Anubis.
„So hat schon einmal jemand gesprochen und es ist ihm schlecht bekommen. Ich habe bereits Shimti vernichtet, ich kann es mit dir wieder tun!“
Anubis riss einen Rollsiegelstift aus dem Halter. Er richtete ihn anklagend auf seinen Gast.
„Hast du ein grundsätzliches Problem mit Annunaki, die in höhere Positionen aufsteigen, Halb-Nefilim?“
Prometos nickte.
„Ja, habe ich. In der Regel so etwa fünfzig Jahre, nachdem sie ihr Amt angetreten haben.“
„Hör zu…“ Anubis klopfte mit dem Siegelstift auf den Tisch. „Vor sehr langer Zeit, an einem Dreckloch inmitten hungriger Zahnviecher, die mich und meine Freunde zu gern verspeist hätten, habe ich mir vorgenommen, ein Weltverbesserer zu werden. Das klingt erst mal verdammt gut und lässt dich schweben, aber nach und nach habe ich gelernt, was dazu nötig ist, die Welt zu verbessern: all den verdammten Illusionen und Utopien ade zu sagen! Und deswegen bleiben die Titanen hier! Das ist mein letztes Wort.“

Prometos seufzte. „Dann betrachte ich mein Gespräch mit dem Gouverneur über Hawila als beendet“, erklärte er. „Ich wende mich jetzt an Anubis, den Bordsoldaten der ‚Schusar’…“
Da Anubis ihn nicht sofort hinauswarf, berichtete der Titan von den Vorgängen im Dilmumreservat. Zuerst fasste er das Wichtigste kurz zusammen: Imseti und Kebechsennef Garudas Manipulation des Grundwasssers auf der Halbinsel, die zur Unfruchtbarkeit der Menschen geführt hatte. Wie damit streng betrachtet eine Verletzung der Grenzen Uruks vorlag, der Fall also vor das Hofgericht gehört hätte. Dass Haus Garuda es nun doch nur mit dem Kolonialrat zu tun bekam, lag daran, dass Prometos und seine adligen Verbündeten zugestimmt hatten, Schweigen zu bewahren, wenn, ja, wenn Prometos erlaubt wurde, die Titanen freizukaufen.
Als Anubis nach dieser Eröffnung immer noch zuhörte, führte Prometos das Geschehene noch einmal ausführlicher aus. Er sprach von seiner unmittelbaren Familie, von den Auswirkungen, die Imsetis Einmischung auf die Neffen und Nichten nach sich gezogen und letzten Endes zum Tod des einen und der Verbannung des anderen Neffen geführt hatten.
„Die Menschen sterben aus“, schloss er seinen Bericht. „Der Traum meines Bruders stirbt, bevor er richtig begonnen hat. Ich befreie die Titanen nicht nur um meinet- oder ihretwillen. Adapa benötigt sie in Dilmun, um die Blutlinie der dritten Unterart fortzusetzen. Je mehr Titanenblut ein Individuum aufweist, umso resistenter zeigt es sich gegenüber Doktor Kebechsennefs Manipulation.“
„Mêak-adamu?“
Der Name, mit dem Anubis sein Gegenüber ansprach, lautete „Menschenmacher“. Die Annunaki hatten lediglich die Silben umgedreht, damit es besser klang. Es handelte sich um einen, wenngleich selten gebrauchten, Beinamen Adapas.
Prometos nickte. „Das bin ich ebenso wie Adapa. Was immer er euch allen deiner Meinung nach angetan hat, gib uns zu Chance, es wieder gut zu machen! Oder aber erneut zu versagen, damit du uns weiter hassen kannst.“
Anubis hasste die Menschen nicht. Er war lediglich enttäuscht. Doch wie hätte der Schusarveteran einem Außenstehenden alle Hoffnungen auseinandersetzen können, die er und seine Freunde auf den Adapa gesetzt hatten? Oder dass einige von ihnen gar den angekündigten Avatar des Sonnenvaters in dem Kind hatten sehen wollen? Eine Instanz, die zwar nicht jeden Misstand mit einem Fingerschnippen gerade rückte, die aber sehr wohl wie ein Banner gewirkt hätte, unter dem sich die Eridu Fünfzig zu all dem hätten aufraffen können, das in der Realität so schwer, gefährlich oder ganz einfach weltfremd erschien.
So hatte sein Verhalten den Adamu gegenüber Prometos zu dem Schluss kommen lassen, einen Menschenhasser vor sich zu haben. Bevor sich diese Einschätzung bewahrheitete, musste Anubis etwas dagegen unternehmen. Zumindest das lag in seiner Macht, wenngleich diese Macht bereits wieder wenn schon nicht durch die Weisung eines Adligen, sohl aber von den Bedürfnissen des Alltags eingeschränkt wurde.
„Ich verkaufe dir ein paar Titanen“, lenkte der Gouverneur daher ein. „Aber der Preis steigt mit jedem Exemplar. Es gibt keinen Mengenrabatt.“
„Ich will sie alle“, forderte Prometos.
„Die erste Generation kann ich dir geben. Deine unmittelbaren Geschwister, mit denen du aufgewachsen bist.“
„In der Aufzucht wurden damals die ersten drei Generationen zusammengefasst“, schmunzelte der Titan. „Die nehme ich sofort mit, den Rest überlässt du mir in regelmäßigen Intervallen!“
„Du bekommst die ersten drei Generationen.“
Prometos reichte seinem Verhandlungspartner die Hand über den Tisch
„Also zweiundvierzig Stück heute und du verpflichtest dich zu weiteren Verhandlungen.“
„Zweiundvierzig?!“
„Du hast mir drei Generationen angeboten. Drei mal vierzehn ergibt zweiundvierzig.“
Natürlich waren nicht alle Titanen, die Shuruppak hervorgebracht hatte, in Hawila gelandet. Die prominenteste Ausnahme saß ja gerade in Anubis Büro. Überdies befanden sich nicht mehr alle ausgelieferten Titanen am Leben – darüber hatte Scharaniel Prometos nicht erst aufklären müssen.
Anubis schüttelte den Kopf. „Zweiundvierzig und erneute Verhandlungen“, stimmte er zu. „Aber ich weiß nicht, warum ich mich eigentlich darauf einlasse. Es ist ausgemachter Blödsinn vor dem Kolonialrat und den Igigi.“

Während Prometos darauf wartete, endlich sein Vertragsexemplar unterschreiben zu können, fügte Anubis der Urkunde einen weiteren Passus hinzu.
„Eines noch“, warnte er den Titanen. „Die müssen es auch wollen! Du nimmst keinen Sklaven mit dir fort, der nicht dazu bereit ist, dir zu folgen!“
„Schreib: ‚bevor er nicht bereit ist, mir zu folgen’“, verlangte Prometos eine Änderung des Wortlautes. „Personen können sich ändern, weißt du?“
Sorgfältig änderte Anubis den Text im Vertragsmuster, setzte sein Siegel darunter und lies Prometos, der ja kein eigenes Siegel besaß, stattdessen seinen Namen unter das Schriftstück schreiben.

*

Kurz vor Feierabend wurde Prometos in den Sklavenquartieren erwartet, um seine Exemplare sofort nach Beendigung ihres Arbeitstages in Empfang zu nehmen. Aus allen Enden des Talkessels begaben sich um diese Zeit auch die Freigänger wieder zurück in ihr unterirdisches Gefängnis. Prometos fragte sich, wieviele von ihnen stattdessen von der Stadtwache eingefangen werden mussten. Nahm man den geistig betäubten Zustand Seskus zum Maßstab vermutlich nur ein kleiner Prozentsatz.
Der Titan musste erst in der Stadt herumfragen, bevor er den Weg zu seinem Ziel fand. Mehrfach wechselte er sogar die Ebene.
Ich stelle mich dümmer an, als jemals zuvor in einer fremden Stadt, realisierte Prometos, während er von Ebene zwei aus auf den Eingang des Gefängniskomplexes herabblickte, ohne auch nur den Ansatz einer Idee zu haben, wie er dorthin gelangen sollte.
Als er endlich die Anmeldeprozedur für Besucher durchlief, fühlte Prometos einen größeren Widerwillen dagegen als ein frisch eingelieferter Sträfling. Nur mit größter Überwindung, so fürchtete er, würde es ihm gelingen, seinen Fuß in eine Liftkabine nach unten zu setzen.
Der Titan ließ eine, dann die zweite und auch noch die dritte Kabine durchfahren, ohne sie betreten zu haben. Die erste war zu voll, in den beiden anderen befanden sich Graue, aber die vierte bot dem Mann keine Ausrede mehr an, sich fernzuhalten. Sie war leer und in Prometos´ Rücken drängten bereits nachrückende Mitfahrer nach vorn.
„Los, rein da mit dir! Wird´s bald? Hopp, hopp!“ fuhr jemand den Titanen an. Dem Tonfall nach handelte es sich um einen barschen Scherz, dennoch zuckte Prometos zusammen und wagte nicht, sich auch nur nach dem Sprecher umzudrehen.
„Xipe-martu, das war eben Material für mindestens einen Strafpunkt, von dem dein Oberaufseher erfahren wird! Und wenn du weiter freie Bürger provozierst, sorge ich dafür, dass dir der Ausgang gänzlich gestrichen wird!“ empörte sich eine zweite Stimme.
„Ihr habt Nerven, Bürger der Fünfzig Namen als ‚frei’ zu bezeichnen“, entgegnete der mit Xipe-martu angesprochene Annunaki.
Ein Nefilim des Wurzelclans Saka-Ti drängte sich durch die Menge. Neben seinem Wappen baumelte ein Besucherausweis an seiner Uniform, die ihn als Offizier der Stadtwache auswies.
„Ich muss mich für den Mann entschuldigen“, sprach der Adlige Prometos an. „Er ist schon an seinem vorherigen Einsatzort unangenehm aufgefallen und wurde hierher strafversetzt. Leider gehöre ich als Polizeichef Hawilas nicht zu Martus Wärtern, so dass mir seine Disziplinierung nicht mehr obliegt.“
Ein zweiter Grauer versetzte dem vorlauten Xipe-martu eine derbe Kopfnuss.
„Besser, Herr Mimir?“ grinste er den Adligen an. „Immer gern zu Diensten, was dieses Geschmeiß angeht!“

Mimir wartete gemeinsam mit Prometos, bis auch diese Liftkabine sich mit Grauen gefüllt hatte.
„Xipe-martu und Sho Wan-Pis waren bereits hier inhaftiert, als ich noch als Aufseher im Bergwerksgefängnis diente. Heutzutage sind ihre Banden zwei von drei Fraktionen, die unter den Sträflingen um die Vorherrschaft wetteifern“, erklärte der Adlige dem Gast im Plauderton. „Ihre Konkurrenz erleichtert es Amor, sie alle unter Kontrolle zu halten, aber ab und zu läuft die Sache aus dem Ruder.“ <Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass der Gouverneur wohl insgeheim auf dem Standpunkt zu stehen scheint, dass Martus Anhänger keine Verbrecher seien, sondern sich lediglich in der Wahl ihrer Methoden geirrt haben. Wie oft er schon über dieses aufrührerische Pack ausgesprochene Sprachen zurückgenommen hat, kann ich nicht einmal mehr zählen.>
„Zu welcher Gruppe gehören Chajen und Seksu?“ rutschte Prometos eine Frage über die Lippen.
„Du kennst diese beiden?“ wunderte sich Mimir.
„Ich habe sie in den Fünfzehn Schlünden getroffen“, antwortete der Titan. „Ich bin hier, um die Titanen abzuholen, die mir Anubis verkauft hat, und wollte mich bei meiner Ankunft in der Stadt über die Bedingungen kundig machen, unter denen sie bisher gelebt haben. Aber jetzt bringe ich es nicht fertig, in die Minen einzufahren.“
Prometos ging sein gesamtes Repertoire an Unsicherheitsgesten durch. Er las kleinste Staubfusseln von seiner Robe, rückte die Schärpe zurecht, überprüfte den Sitz seiner Armschienen, strich sich durch den kurzen, krausen Haarschopf und vergaß auch nicht, mehrfach nervös zu blinzeln. Unwillkürlich errichtete Mimir einen geistigen Schild zu seinem Schutz vor den aufgepeitschten Gefühlen des Gemeinen. Doch da war nichts außer einem tiefen schwarzen Loch – und genau so fühlte sich der Titatan in diesem Moment auch.
„Ich sollte hier arbeiten!“ presste Prometos endlich hervor. „Und sterben! Ich wurde bereits einmal zum Sterben im Wald ausgesetzt, doch auf Hawila konnte mich das nicht vorbereiten. Ich fühle mich, als sei nun doch eingetroffen, was in meiner Kindheit wie eine drohende Wand vor mir stand. Diese gesamte Kindheit steht wieder vor mir!“
Wie er in den Ruf eines Problemsklaven gelangt war, vermochte Prometos nicht nachzuvollziehen. Seine Erinnerung zeigte ihn sich selbst als scheues, arbeitssames aber auch etwas ungeschicktes Kind. Vielleicht war es die Kombination all dieser Merkmale, die ihn sich selbst in einer neuen Szene ausmalen lies: Prometos nahm, ohne dass jemand Gewalt anwenden musste, auf einem Stuhl Platz und bot einem unbeteiligt eine Spritze aufziehenden Annunaki seinen Unterarm dar. Aufgrund seines erst so kurz zurückliegenden Überwürfnisses mit Iznak trug der Annunaki in Prometos’ Tagtraum dessen Gesichtszüge.
So wäre ich gestorben, möglicherweise bereits vor vielen Jahren, dachte der Titan. Wenn nicht durch einen Unfall, dann als unwirtschaftlich eingeschätzt durch die Giftspritze.
Da er aber wusste, dass die Szene nicht real war, erhob sich Prometos einfach wieder von dem vorgestellten Stuhl, auf dem er die Injektion erhalten hatte, anstatt einzuschlafen und auch noch die zweite, tödliche, Spritze zu empfangen. Prometos hatte vorgehabt, „Iznak“ finster anzufunkeln, stattdessen stahl sich ein abfällig-überlegenes Lächeln in sein Gesicht.
Auch gut, dachte der Mann. Seinem Tagalbtraum entkommen zu sein, half ihm allerdings nicht im Geringsten, endlich in den Lift einzusteigen.
„Ich begleite dich“, erklärte Mimir.
Prometos blickte verdutzt auf.
„Im Ernst?! Ich fürchtete, mich bereits im Ton vergriffen zu haben, Herr.“
Mimirs Antwort verriet den Nefilim als einen Edelmann von Madi Enqatls Schlag: „Meine Art wurde erschaffen, um auf die Annunaki acht zu geben, heißt es im Buch der Leiber und der Seelen. Diese Verpflichtung erstreckt sich nicht nur auf Anleitung, sondern auch auf Schutz vor was immer den Gemeinen plagt: Krieg, Krankheit oder Geschmeiß wie die Grauen. Sei gewiss, dass Xipe-martu mehr als einen Strafpunkt erhalten wird, Prometos. Aber da dir dieses Wissen deinen Gang nicht leichter machen wird, werde ich an deiner Seite bleiben.“
„Vielen Dank.“
„Dank ist nicht nötig, <wird aber gern empfangen>. In der neuen Welt gilt das gern zitierte ‚jeder Adlige ist dem Untertanen gegenüber weisungsbefugt, als wäre er ein Adliger dessen Hauses’. Daher darf ich einen Gemeinen Alulims nicht orientierungslos herumstehen lassen, wenn ich ihm mit wenig Aufwand Mut machen könnte. Normalerweise erledige ich so etwas diskret über meinen Äthersinn, aber die Igigi lieben es, uns zuweilen vor größere Herausforderungen zu stellen.“

Und so fuhren Mimir Saka-Ti und Prometos Alulim nebeneinander in die Mine ein. Der Titan hielt sich nach dem Aussteigen ein wenig hinter dem Adligen, wie es seinem Stand geziemte.
Bei den Schattenlosen! Ich wackle wie ein Küken hinter einer Glucke hinter dem Edelmann her! Fehlt bloß noch, dass ich mich an seinem Umhang festklammere! schalt sich Prometos. Er zwang sich, sein Kinn zu heben und der Umgebung größere Aufmerksamkeit zu schenken. Die beiden befanden sich mittlerweile weit entfernt vom Verwaltungstrakt mit seinen informativen Postern an der Wand. Auch Warnhinweise, wie man sich als Besucher in einer Strafanstalt zu verhalten hatte, fehlten. Wer hier unten lebte, wusste das alles selbst.
„Sturzhelm und Grubenmantel sind ab hier verpflichtend für Besucher“, klärte Mimir Saka-Ti seinen Begleiter auf. Er drückte eine altmodische Klinke am Ende eines Ganges herunter. „Keine Angst, du betrittst keinen Bergwerksstollen. Hinter dieser Tür beginnen die Werkstätten und natürlich die Wohnquartiere, wo du hinwillst.“
Prometos entnahm die vorgeschriebene Gewandung aus einem mit „Gäste“ markierten Spind.
Während er sie anlegte, rief Mimir zwei Wachsoldaten, Mann und Frau, sowie einen Arbeitsaufseher zu sich. Die drei Annunaki sollten den Besucher begleiten und ihm zur Seite stehen, falls Probleme bei der Überführung der Titanen auftreten sollten.
„Habt ihr Amor Ea irgendwo gesehen?“ erkundigte sich Mimir bei den Wärtern. Alle drei schüttelten die Köpfe.
<Gehört nicht zu unserer Abteilung>, erklärten sie einvernehmlich.
„Ich habe einen Amor Ea oben in der Stadt getroffen“, konnte Prometos beisteuern.
Der ihm als Führer zugeteilte Sklavenaufseher setzte ein breites Grinsen auf: „Hat er sich wieder einen Uschebti ausgeborgt? Unsere Adamu dürfen eigentlich nicht in die Stadt. Aber Amor nimmt gern einen oder zwei mit hoch, damit jeder glaubt, er könne sich die Sklavensteuer leisten. Den wenigsten Städtern fällt auf, dass es jedes Mal andere Adamu sind.“
„Du hast Vorurteile gegen den Mann, Kamikal“, wies Mimir den Annunaki zurecht. „Sonst wüsstest du, dass die Adamu Amor sehr am Herzen liegen. Er führt sie zu seinem und ihrem Vergnügen an der frischen Luft aus, das ist alles.“
„Er führt sie auch in die städtischen Vergnügungseinrichtungen aus, Herr, und ich gehöre zu denen, die auf Tage hinaus damit klarkommen müssen, wie unruhig die Sklaven hinterher sind!“ schoss Kamikal zurück. Prometos wusste, dass er diesen Mann nie mögen würde, da mochte der andere tausendfach das Wappen desselben Hauses wie er selbst spazieren tragen.

*

Nach der Verabschiedung von Mimir ließ Prometos sich zügig in Richtung der Titanenquartiere führen. Er bemühte sich, den an den Werkbänken arbeitenden Adamu und den vereinzelten Grauen, die hier eingesetzt wurden, keine Beachtung zu schenken. Halle um Halle durchquerte die Gruppe, bis sich die vier schließlich durch ein Gewirr enger, niedriger Gänge fädeln mussten, die zu den ältesten noch erhaltenen Strukturen des Goldlandes gehörten.
Endlich öffnete sich eine schwere Eisentür vor dem Besucher.
„Ursprünglich war das mal ein einziger, riesiger Schlafsaal“, plauderte Kamikal aus seinen Erinnerungen. „Hier wurden die allerersten aus dem Dreisternsystem mitgebrachten Strafarbeiter untergebracht. Erst später haben wir die Zwischenwände einziehen lassen. Alles, was du hier siehst, haben die Uschebti übrigens selbst gebaut.“
Prometos nahm das Bild auf, das sich ihm bot.
Von einem zentralen Gang gingen unzählige türlose Kammern ab, in denen jeweils drei oder mehr seiner Artgenossen in Kleinfamilien zusammenlebten. Ob sie dabei auf tatsächliche Verwandtschaftsverhältnisse Rücksicht nahmen, vermochte der Titan nicht zu sagen.
Altmöbelspenden der Bürger Hawilas ermöglichten den Sklaven, sich überraschend komfortabel einzurichten. Prometos sah mit bunt gemusterten Decken bezogene Betten neben Tischen, unter denen Schemel platzsparend aufbewahrt wurden. Es gab Wandregale und sogar einige Schränke, deren Türen man abgenommen hatte – offenbar durften die Uschebti keine Geheimnisse wahren. Häufiger zu sehen waren allerdings aus den Werkstätten erbettelte, bereits stark beschädigte Kisten und Körbe, welche unter den Schlafstätten der neuen Besitzer standen. Die darin aufbewahrten Gegenstände waren vielfältig. Mal handelte es sich um ein angebrochenes Paket Waffeln oder eine Frucht, die für einen besonderen Anlass aufbewahrt wurde, dann wieder ein zum Trocknen aufgehängtes frisch gewaschenes Halstuch oder etwas so Nutzloses wie ein metallenes Lineal. Bei den vermutlich den jüngsten Sklaven zugeordneten Schlafstätten fand sich zuweilen ein Spielzeug und ein einziges Mal erspähten die Besucher sogar eine zerfledderte, auf Hochglanzpapier gedruckte Zeitschrift.
Der männliche Sicherheitsgardisten betrat heute zum ersten Mal in ihrem Leben ein Sklavenquartier. „Jahreszeiten!“ lachte er. „Hier entwickeln ja einige einen regelrechten Sammeltrieb! Wie die Scheunenmäuse zuhause!“
Je tiefer die vier in den Schlafsaal vordrangen, umso häufiger passierten sie Nischen, die keine über ein Bett und einen auf einem Schemel platzierten Korb mit Naschwerk hinausgehende Einrichtung aufwiesen. Persönliche Gegenstände der Bewohner fehlten hier völlig.
„Die interessieren dich nicht“, winkte Kamikal ab, als Prometos ihn fragend anschaute. „Hier schlafen Adamu, keine Titanen.“

„Wohin führst du uns überhaupt, Kaa?“ forschte die Wachsoldatin.
„Nur noch ein Stückchen“, vertröstete der Alulimangehörige seine Begleiter.
Endlich blieb er an einer Stelle stehen, die in etwa der Mitte des Saals entsprach. Er fuhr mit der Hand über eine der dünnen Trennwände, dann sprach er: „Ungefähr hier habe ich geschlafen, seit dem zweiten Jahr nach der Landung der ‚Varuna’. Ich habe gesehen, wie Leute frühmorgens vor Erschöpfung nicht mehr aufstehen konnten und wenn der Aufseher sie aus den Betten prügeln wollte, schlug er nur noch auf einen Toten ein. Ich habe gestandene Männer heulen hören, wenn sie bereits ahnten, dass sie die nächsten sein würden. Aber selbst, wenn das Leben mal einen Tag lang erträglich war, waren da immer noch die erniedrigenden Scherzchen, die sich die Wachsoldaten über die Wirkung der Chemikalie erlaubten, die uns gespritzt wurde. Woher wir die Kraft zu unserem Aufstand nahmen, weiß ich nicht mehr. Ich schätze, es waren Männer wie Sjuren, die sie von schlimmeren Orten als Hawila hierher gebracht hatten, die uns damals durch unser Vorhaben durchpeitschten. Wir waren am Ende und gebracht hat es nicht das Geringste. Ich war irgendwie noch nicht einmal enttäuscht, als Anubis die Rebellion in den Griff bekam und einen braven Streik daraus machte. Versprochen hatte ich mir ohnehin nichts davon. Doch dann änderte sich alles. Mit den Uschebti.“
Kamikal versuchte, seine Unterarme um Prometos´ zu schlingen, sie in der höfischen Geste des Friedens mit den eigenen zu verbinden und der völlig überrumpelte Titan dachte nicht daran, sich dagegen zu sträuben.
„Ich danke dir, Projektleiter! Als die lulu Adamu kamen, hatten wir plötzlich nicht mehr nur die kleinen Zugeständnisse aus Anubis´ Feder, sondern garantierten Ausgang über Tage. Wir begannen, wieder zu leben. Und es wird besser: eines Tages haben wir genug Uschebti, um sie ins Dreisternsystem zu exportieren. Wenn die angekündigten neuen Eliteklone kommen, werden die alten sicher so billig, dass sich jeder einen leisten kann. Wir werden es alle gut haben und das verdanken wir vor allem dir und Prinz Enlil. Also – noch mal danke, Hausbruder.“
„Deswegen passt du jetzt auf, dass die Sklaven bleiben, wo sie sind?“
Kamikal nickte.
„Bedankst du dich noch immer bei mir…“ Endlich gelang es Prometos, seine Arme wieder aus dem Griff des ehemaligen Grubensträflings zu lösen. „…wenn ich dir gleich zweiundvierzig Titanen entführe?“
„Das stört mich herzlich wenig“, bekannte Kamikal. „Die Titanen sind Auslaufmodelle und ohnehin irgendwie anders als der durchschnittliche Adamu.“

Wie anders, das sollte Prometos erfahren, als Kamikal die ältesten der Sklaven um die Gäste herum versammelte. Der schrille Ton seiner Pfeife drang bis in den hintersten Winkel des alten Schlafsaals. Zuerst richtete sich jedermanns Aufmerksamkeit auf den Aufseher, doch hätte Prometos den selben Effekt auch bei dressierten Hunden erreichen können. Es fehlte die Neugier oder auch nur der Schreck in den Mienen der Männer und Frauen. Als Kamikal erklärte, er interessiere sich heute nur für die Titanen, zogen sich die restlichen Sklaven rasch zurück, ohne den Vorgängen weitere Aufmerksamkeit zu zollen.
Die Adamu gingen den Tätigkeiten nach, die auch sonst ihren Alltag prägten. Die Männer brüsteten sich, wer am wenigsten erschöpft war. Sie bewiesen ihre Behauptung durch Präsentation der Muskeln und des Geschlechtsteils. Sie brachten erst das eine und dann das andere zum Einsatz: die Muskeln gegen ihre Brüder, um an die von ihnen bevorzugte Frau zu gelangen, und die Geschlechtsteile, um der Frau klar zu machen, welcher der Sieger in den Raufereien ihr den Feierabend am besten zu versüßen in der Lage war. Wer keine Partnerin abbekam, streifte von Nische zu Nische und sah zu, den miteinander Beschäftigten wenigstens ihre Naschereien zu entwenden – wenn ihn nicht die noch nicht geschlechtsreifen Mitglieder der jeweiligen Kleinfamilie vertrieben.
Das ist schlimmer als Dilmun, dachte Prometos. In Dilmun haben sich die Menschen wenigstens verhalten, wie richtige Leute, obwohl sie dabei wie Affen dachten. Aber hier unten leben sie wie die Horde vor unserer Ankunft.
Seit der Auswilderung hatte Prometos Erfahrungen gesammelt, den Wald, die Städte der außerirdischen Siedler und die Halbinsel Dilmun gesehen. Die restlichen Klone aber waren aus dem Labor und der Aufzuchtanstalt direkt in die Erzrube gebracht worden. Welche geistige Fortentwicklung durfte ihr Befreier von seinen Geschwistern erwarten? Würden sie sich überhaupt an ihn erinnern?
Worin bestand überhaupt das Leben eines Grubensklaven in Hawila? Aus dem Morgenkaffe, einer warmen Mahlzeit und einer zweiten, der sogenannten „Einschlafhilfe“ nach der Arbeit? Für einen Annunaki oder ein Mitglied von Lahamus Horde stellte Arbeit nur das Mittel zum Zweck, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, dar. Oft wurde sie sogar zu mehr als nur dem: am Arbeitsplatz, sei es das Fließband in einer Flugzeugfabrik oder das Hocken an einem Steintisch, auf dem man Feuersteingeräte herstellte, wurden soziale Kontakte gepflegt, Neuigkeiten ausgetauscht und Anregungen für die Zeit nach der Arbeit empfangen. Wem die ausgeübte Tätigkeit über ihre Funktion, Einkommen zu generieren, hinaus am Herzen lag, für den wurde sie zum Teil der eigenen Identität und sein Äthersinn bildete ein sogenanntes Berufstalent aus, das auf Außenstehende einer Branche oftmals wie Zauberei wirkte.
Wofür arbeitete der lulu Adamu? Für ihn gab es keine Hoffnung auf Veränderung, sein Alltag blieb gleichförmig. Schmerz, Hunger und Angst verkamen zu rein physikalischen Reflexen, bis der Überlebenstrieb nur noch eine leere Hülle ohne Persönlichkeit steuerte. Das Bewusstsein trübte sich, erlosch lange vor dem Tod vollständig und machte dafür sichtbar, was die Natur für die Spezies vorgesehen hatte. Sicher gewährleistete dieses Programm die Funktionalität eines Körpers, doch hatten die beiden Menschenmacher Adapa und Prometos mehr für ihre Artgenossen und Kinder gewollt.
Die Menschen um Prometos herum waren austauschbar. Wer acht Jahren im Shuruppaker Umland dressiert und am Einsatzort wie ein Tier gehalten wurde, der wurde auch zu einem Tier. Das galt für Annunaki wie für Adamu. Prometos konnte weder Sesku [x] noch jeden einzelnen Uschebti mit nach Dilmun nehmen, um ihr Potential als Personen umzusetzen. Als Tierschützer konnte er nur noch dafür sorgen, dass sie sich einigermaßen wohlfühlten.

Die Titanen waren anders, erkannte der Menschenmacher. Sie ähnelten Scharaniel und dann auch wieder nicht. Diese Männer und Frauen traten eher wie Kriegsgefangene denn Sklaven vor ihrem Aufseher an. Sie waren weniger zahlreich als die Menschen. Auch setzten sie sich bereits physisch durch ihre schiere Größe, die der eines durchschnittlichen Annunaki entsprach, von diesen ab. Diese beiden Faktoren hatten den Zusammenhalt innerhalb der Titanenpopulation enorm gestärkt. Mehr noch: Während ihrer Kindheit hatten sich viele Strukturen des Adamu – Programms noch im „Probieren wir´s mal aus und gucken, was passiert“ – Stadium befunden. Für die Titanen war das nicht ohne Folgen geblieben.
Das Leuchten in ihren Augen konnte leicht für den Verstand einer Person gehalten werden, doch läge hier eine gefährliche Verwechslung vor. Die imperfekte Maschinerie des alten Shuruppak hatte keine Persönlichkeiten produziert, sondern Raubtiere, die ihr Revier im Griff hatten und größeren Raubtieren Achtung zollten. Ein Titan stellte für einen Menschen das dar, was ein Nefilim für einen Annunaki war.
Noch, grinste Prometos in sich hinein. Wohin genau sein Bruder mit seinen Schützlingen wollte, wusste er selbst nicht, doch er freute sich darauf, Adapa die Chance zu verschaffen, es ihm vorzuführen. Mindestens acht Generationen der Menschen würde er in seinem Leben noch kommen und gehen sehen. Denn schon bald würden sich die Menschen Dilmuns wieder vermehren!

„Die Kurzfassung der Geschichte, weshalb ich hier bin, lautet: ich will die Titanen zum Zwecke der Paarung nach Dilmun holen“, teilte Prometos seinen Geschwistern mit.
„Prometos, du Schuft!“ rief eine Titanin, doch die Tränen, die dabei in ihren Augen standen, schienen solche der Freude zu sein. „Noch nicht einmal ein Wort der Begrüßung für deine Schwester zu haben!“
Prometos breitete seine Arme weit aus. „Warum begrüßt du mich dann nicht, wie es Geschwister zu tun pflegen, Uku?“
Uku schaute fragend zu Kamikal.
„Er kann dir nicht mehr verbieten, zu tun, was immer dir in den Sinn kommt!“ ermunterte Prometos die Schwester.
„Ach?“ lies sich Paschuku vernehmen. „Und wenn ich dich verprügeln und dir dein Götterwappen in den Rachen stopfen wollte?“
„Dann wirst du bestraft, weil du ein Gesetz gebrochen hast, nicht wegen Zuwiderhandlung gegen deine Sklavenprogrammierung“, stellte Prometos klar.
„Also härter“, meinte Scharaniel grinsend. „Da drüben bei den Grauen möchtest du wirklich nicht sein, Paschuku.“
Der Titan zweiter Generation löste sich aus der Menge und trat an Prometos Seite. „Ich bin sofort hierher zurückgekehrt, nachdem du in den ‚Fünfzehn Schlünden’ von deinen Plänen berichtet hattest. Auf diese Weise haben die anderen ihre ersten Gefühle auch schon ein wenig an mir abreagiert. Die Wogen haben sich vorerst geglättet, nicht gesetzt.“
„Ist es wahr, dass wir echte Wellen sehen werden? Weil man Dilmun nur per Schiff erreichen kann?“ mischte sich Kischar ein.
Kindliche Vorfreude hatte den erfahrenen Bergmann in ihm in den Hintergrund gedrängt, was eigentlich niemanden hätte weiter verwundern dürfen. Sie waren geschlechtsreif, doch was das Erwachsensein ausmachte, hatten die Titanen ja nie erproben können.
„Wie viele seid ihr, Scharaniel?“ fragte Prometos im Flüsterton. „Ich kann vorerst nur zweiundvierzig mitnehmen, bevorzugt an keinen Partner gebundene Männer und Frauen, die… die nicht… also die noch zeugungs- und gebärfähig sind, verstehst du?“
„Wir sind fünfundsiebzig. Sechsundsiebzig, wenn du mich mitrechnest, aber ich werde dir nicht folgen, Prometos. Das hier ist nicht mehr Shuruppak. Hier muss ich nicht springen, wenn der Herr Projektleiter etwas von mir will, verstehst du?“
Prometos respektierte Scharaniels Entscheidung vorerst. Es würde schon schwer genug werden, aus den Reisewilligen diejenigen auszuwählen, die tatsächlich würden gehen dürfen.

Paschuku, offensichtlich der Wortführer der Titanen, gesellte sich Sharaniel und Prometos zu. Er reichte dem Bruder einen Müsliriegel aus dem kleinen Vorrat seiner Familie.
„Hier! Aber du hättest selbst daran denken können, etwas mitzubringen, wo du schon nicht alle von uns mitnehmen kannst.“
„Da…“
Paschuku schnitt dem Bruder das Wort ab. Er war noch nicht fertig mit seiner Rede: „Ich habe hier unten nach und nach begriffen, wie viel ich als Kind nicht oder falsch verstanden habe und das eine sage ich dir, Prometos Alulim: dir zu folgen, würde mir nie in den Sinn kommen. Ich will es aber mit Adapas Land Dilmun versuchen, also sind du und ich wohl vorerst, was die Grauen Kumpane nennen. So, jetzt setz dich, iss und rede mit uns über alles, was sich zugetragen hat.“
Paschuku lies sich auf kein weiteres privates Wort mit Prometos ein. Dem Alulimangehörigen blieb nichts weiter übrig, als der Aufforderung seines Bruders Folge zu leisten.
Den Geschwistern berichtete Prometos weniger über sein Gespräch mit Anubis, dafür jedoch ausführlich von der Sonderrechtszone Dilmun. Auf Dilmun würden sie sich unter freiem Himmel aufhalten, aber wem das noch Angst einflößte, der brauchte seine Hütte nicht verlassen, wenn er nicht wollte. Prometos sprach von den vielen unbekannten Tieren, deren Produkte den Bauern niemand wegnehmen durfte. Er berichtete von den Festen, auf denen gesungen und getanzt wurde – wenn man sich nicht vorher von den großen Buffettischen zu voll gegessen hatte. Er erwähnte auch die armseligen Schmieden, denen echte Experten fehlten und die Rohstoffe, die auf ihre Erschließung warteten. Nicht als Bittsteller würden die Titanen auf Dilmun erscheinen, sondern als Meister ihres Handwerks, die im Dorf benötigt wurden. Und sie würden Mütter und Väter werden dürfen, die ihre Kinder auch aufwachsen sahen, ja, jeden Schritt der Nachkommen auf dem Weg ins Leben selbst bestimmten.
„Dilmun ist wirklich das Paradies“, behauptete der Titan.
Anschar verschränkte skeptisch im Sitzen die Arme. „Warum bist du von dort weggegangen? Wirklich nur, weil du ein Sternengott sein und mit herrschen wolltest?“
„Weil Adapa uns noch etwas anderes zu bieten hat als einen vollen Bauch und einen Waldsee zum Baden. Ein freier Mensch entscheidet selbst, wo und wie er lebt. Er muss die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen, wenn sie unglücklich waren, das ist in Dilmun nicht anders als in Hawila. Aber dort gibt es keine Herren, nur Brüder und Schwestern, Männer und Frauen.“
„Ich zieh´ gleich ein“, wisperte die Sicherheitsgardistin Kamikal spöttisch zu.
Der Sklavenaufseher lachte verhalten. Prometos meinte, Furcht im hintersten Winkel seiner Augen erkennen zu können. Diese irrationale Furcht vor dem Fremden, das man nicht verstand, weil die Natur einem für den Umgang damit keine Handlungsanweisung mitgegeben hatte!
„Keine Herren!“ raunte Kamikal zurück. „Für solche Reden ist Larsin verurteilt worden! Er, Martu und Sill handeln sich mit ihrer Einstellung so großen Ärger ein, dass er über die Sträflingsquartiere hinaus dringt und in der Lokalzeitung erscheint.“
„Naja“, erwiderte die Frau. „Wenn sie doch wie die Viecher leben wollen…“
Paschuku funkelte die Annunaki an. Er ließ sich zu keine Antwort außer einem Ausspucken hinreißen. Bevor Kamikal den weiterverkauften Sklaven dafür zur Rechenschaft ziehen konnte, hatte Prometos als dessen neuer Eigentümer bereits eine Kên-Münze aus seiner Robe gezogen, die er dem Aufseher zuschnippte.
„Hier! Prämier´ davon das Putzkommando, wenn hier das nächste Mal eins durchkommt!“
Die Titanen johlten! Zuerst die „Zwillinge“ unter den Klonen, Anschar und Kischar, dann auch ihre gemeinsame Partnerin Ningischa und schließlich jeder, den Prometos einst gekannt hatte oder der wenigstens über Adapas Blut mit ihm verbunden war. Mit einem Mal zerstoben die düsteren Wolken um Prometos´ Geist. Das Wiedersehen mit den Geschwistern wurde zu dem, was es von Anfang an hätte sein sollen: ein Anlass zur Freude. Zwar wurde diese Freude überschattet von dem Wissen, die Hälfte der Sklaven vorerst noch zurücklassen zu müssen und von all den Vorwürfen, die immer wieder selbst in einem unschuldigen Gespräch aufkamen, doch sie war echt und stark.

Während seine Geschwister ihre Wahl trafen, wer ihn begleiten sollte, zog sich Prometos diskret zurück. Die Szenen, die sich nun abspielten, gingen ihn als Außenstehenden nichts an.
Prometos zückte sein Telefon. Er wählte die Nummer einer Ausflugsfirma, deren Werbeschilder er bereits wenige Schritte vom Flugplatz auf auf Hawilas oberster Etage entfernt gesehen hatte.
„Wunderbar, dass um diese Uhrzeit noch jemand anzutreffen ist!“ freute er sich, nachdem der Kontakt hergestellt war. „Es heißt, Hawila sei das größte Freizeitzentrum der Vierten Welt, das selbst den Halbmondkai in den Schatten stelle. Nun, ich pflege dort jeden Sommer meinen Urlaub zu verbringen, daher kann ich sehr gut einschätzen, ob sich dein Herr bei dieser Aussage nicht vertan hat. Ich möchte die dreitägige Stadtrundfahrt mit dem Unterhaltungspaket Eins zusammen buchen. Und zwar für eine Reisegruppe von dreiundvierzig Personen, Männer und Frauen gemischt, alle volljährig nach Alulimrecht.“ Prometos lauschte auf die Antwort seines Gesprächspartners, dann gab er auf dessen Rückfragen Auskunft: „Nein, unter uns befinden sich keine Adligen. Haus Alulim, ja, alle, jedenfalls mehr oder weniger. Wie ich das meine? Ob Hauslose dabei sind? Nein, das nicht. Aber ich bringe Sklaven mit… Ja, die sollen ebenfalls an den Ausflügen an den einzelnen Stationen teilnehmen. Wirklich? In diesem Fall muss ich nur jeweils das Unterhaltungspaket bezahlen, der Grundpreis wird für Uschebti nicht berechnet? Phantastisch! Ob wir Hotelzimmer benötigen? Ja, das hätte ich beinahe vergessen. Ab dieser Nacht, richtig. Die Betten für die Adamu erhalte ich auch gratis? Wunderbar! Ja, Gemeinschaftszimmer sind völlig in Ordnung.“
Bis zu diesem Zeitpunkt war das Gespräch zur beiderseitigen Zufriedenheit verlaufen. Dann stellte der Reisebüroangestellte die unschuldige Frage, um wie viele zahlungspflichtige Teilnehmer es sich handle und ob der Kunde wohl zwei oder gleich drei Uschebti in seiner Begleitung hätte. Prometos nannte ihm die Zahlen. Der Annunaki erkundigte sich, ob eventuell eine Störung des Telefonverkehrs vorläge. Der Titan wiederholte seine Angaben langsam und deutlich. Dann musste er sein Gerät auf Armeslänge von der Ohrmuschel entfernt halten, um das Aufheulen am anderen Ende ertragen zu können.
„Was ist da um Tilmunswillen geschehen?!“ entfuhr es dem männlichen Wachsoldaten.
„Ach, der arme Kerl hat nur begriffen, dass er gerade zweiundvierzig Stadtrundfahrten samt Hotelübernachtung verkauft hat, ohne eine einzige Kên dafür zu sehen“, grinste Prometos.
Er führte das Gespräch zuende, nachdem sich der Annunaki einigermaßen beruhigt hatte.

„Zweiundvierzig Uschebti, eine Städtereise der Komfortklasse und anschließend eine Schiffsreise nach Urukwacht, bei der ich mit zweiundvierzig Adamu definitiv das Handgepäcklimit überschreite, dazu die Steuern für meine Sklaven für den angebrochenen Ki-Umlauf und noch die Kleinigkeit, dass wir alle auch etwas essen müssen“, fasste er dann seine kürzlich getätigten Ausgaben zusammen. „Das bedeutet, ich werde den nächsten Enunzyklus lang chronisch pleite sein.“
Es fühlte sich verdammt gut an, fand der Titan.
„Den nächsten Zyklus lang? Willst du damit behaupten, du hast als Gemeiner einen Kredit erhalten?“ wunderte sich der Wachsoldat.
Prometos tippte auf seinen Bauch, dort, wo sich das Dantienorgan befand, das die über den gesamten Körper aufgenommenen Eindrücke des sechsten Sinn bündelte und zur Auswertung ans Gehirn weitergab. „Kein Äthersinn mehr“, erinnerte er den Annunaki. „Auf meinem Konto geht aufgrund meiner Schwerstbehindertenansprüche als Ätherblinder jeden Ki-Umlauf mehr Geld ein, als Bakchos Suhurmasch in Eridu in derselben Zeit mit seinem Edelrestaurant verdient, möchte ich wetten. Und da ist mein Gehalt noch nicht eingerechnet“, gab Prometos Auskunft. „Unter diesen Umständen konnte die Hausbank nicht widerstehen, mir einen unfeierlichen Zinnssatz abzuverlangen. Ich musste annehmen, um möglichst rasch möglichst viele meiner Geschwister befreien zu können.“
Nachdenklich nickte der Annunaki. Dann erklärte er leise: „Meinen Äthersinn möchte ich dennoch nicht verlieren, auch, wenn ich danach im Geld schwömme.“
„Und deine Freiheit?“
„Der Äther hat mir vorhin einen Eindruck von Kamikals Vergangenheit als Strafarbeiter übermittelt. Nicht so deutlich, wie es ein Adliger gespürt hätte, aber eindringlich genug, um zu wissen, dass ich das definitiv nie wieder spüren, geschweige denn erleben möchte. Aber, Prometos, mein Äthersinn ist mir noch wichtiger.“
Das nicht zum lauten Aussprechen geeignete <Der ist mir fast so wichtig wie meine Eier!> entging dem Titanen.
Vor Prometos lagen eine Nacht, in der ihm sein Unterbewusstsein sicher keine Ruhe lassen und mit Alpträumen plagen würde und drei wundervolle Tage. Seinem Wesen, von seiner Erziehung in Shuruppak ganz zu schweigen, nach war der Mann ein pathologisches Arbeitstier, dem nie in den Sinn gekommen wäre, einen freien Tag zu verbringen, ohne wenigstens ein Fachbuch aufzuschlagen. Er benötigte die Anwesenheit seiner Familie, um in ihrer Runde wirklich von der Arbeit abschalten zu können. Erst die Freude Pyrrhas, der Kinder Adapas und nun seiner Klongeschwister zu beobachten versetzte ihn selbst in Hochstimmung.
Aber dazu brauche ich nun wirklich keinen Äthersinn! sagte sich der Titan.

Prometos hatte nicht vor, Adapas bei der Auswilderung seiner Adamupopulation nach Dilmun begangenen Fehler zu wiederholen. Zu rasch war alles für die meisten am Exodus beteiligten Sklaven gekommen. In ihrer Wahrnehmung hatte man sie von einem Besitzer, dem sie zu gehorchen hatten, einem anderen zugewiesen. Ein milder Herr war dieser Adapa, er hatte die Tribute an die Sternengötter abgeschafft und ließ sie unter ihresgleichen leben. Aber letzten Endes war der der Mann, der die Befehle gab. Adapa glaubte, dass jeder Mensch in erster Linie frei sein wollte und befreit vom Joch der Außerirdischen zu erforschen begänne, wohin es ihn im Innersten seiner Seele wohl treiben würde. Doch die Rechnung war nicht aufgegangen; etwas, entweder Shuruppak oder das Wesen des Menschen selbst, hatte ihm Steine in den Weg gelegt.
Auf Dilmun hatte Prometos gelernt, dass man Steine entweder sorgfältig vom Feld lesen oder mit Macht vor Ort zerschlagen musste. Ersteres das tat er gerade im übertragenen Sinne. Während seines Ausflugs mit den freigekauften Titanen mussten diese begreifen, was es mit ihrer Befreiung auf sich hatte und sich schon einmal in der ihnen vertrauten unterirdischen Umgebung an ihre, selbstbestimmte neue Lebensweise gewöhnen. Erst nachdem diese Umgewöhnung zumindest in Gang gesetzt worden war, sollte der Übergang in die erschreckend weite und grelle Welt unter dem Kuppeldach namens Atmosphäre stattfinden.
Die ihnen zugedachte Lerneinheit fiel den Titanen mal leichter und dann wieder unendlich schwer. Nie würde Prometos vergessen, wie Anschar und Kischar ihn in einem Spielkasino überredet hatten, ihre Schwester als Einsatz zu riskieren um dann in perfekter Zusammenarbeit einen Hochadligen am Kartentisch zu besiegen. Natürlich hatte der Edelmann seinen Einsatz nicht wirklich aufgeben müssen, denn Prometos war ja nicht selbst gegen ihn angetreten.
So kannten die Titanen die Welt noch aus ihrer Kindheit: Man musste clever sein, um den Sternengöttern etwas abzuluchsen, seien es nun kleine Schätze oder noch kleinere Zugeständnisse. Ein Sieg bestand darin, die Wahl zwischen Fisch oder Fleisch zu erhalten. In Dilmun sollte das eine Selbstverständlichkeit darstellen. Aber eine zu große Auswahl verunsicherte die Titanen noch, was sich in Paschukus erstauntem Gesichtsausdruck auf die Nachfrage einer freundlichen Hotelkellnerin, welche Art Fisch der Gast zu speisen wünsche, ausdrückte.
„Na, so mit Flossen und Schwanz dran“, erklärte er.
Der Titan imitierte das Flossenwedeln der Bewohner des Aquariums, das im Gemeinschaftsraum der Sklavenaufseher gestanden hatte. Er hob seinen Kopf, öffnete und schloss den Mund, als wolle er nach Futter schnappen, das die Annunaki von oben ins Becken schütteten.
„Fisch eben!“
Auch Bewohner Hawilas würden noch lange an das dreitägige Spektakel zurückdenken. Insbesondere galt das für den Reisebüroangestellten, der Prometos den Ausflug verkauft hatte und dessen weiteres Schicksal sein Dienstherr demnächst in einer Abstimmung in die Hände der Bürger der Stadt legen wollte.
Diese Anekdote rief Prometos wieder einmal deutlich ins Bewusstsein, dass jeder seiner Siege mit der Niederlage eines anderen erkauft wurde. Dem Wald konnte man nicht entkommen, er verkleidete sich nur als Zivilisation, um sein Unwesen in der Stadt fortzusetzen.
Doch irgendwann wurden derartige Betrachtungen in den Hintergrund gerückt und Normalität stellte sich ein. Dann galt es, Abschied zu nehmen von Ningischas abendlichem Flötenspiel und den Tabletten gegen Reisekrankheit, die Shananjel nicht nur im Bus, sondern bereits im Fahrstuhl einwerfen musste. Erinnerungen wurden in Gefäße gesperrt, die nur unvollkommen in der Lage waren, das Erlebnis in seiner Gänze wiederzugeben: Photoalben, Videodateien, Gehirnzellen.
Prometos trat seine Arbeit in Shuruppak an und die Titanen verschwanden aus seinem Umfeld.
Ehe er es sich versah, hatte der Wissenschaftler außerdem einer Vorladung vor den Kolonialrat Folge zu leisten und sich am selben Abend für ein Lichtfunkgespräch mit Experten des Hofes bereit zu halten. Denn der Vertrag von Uruk, das „gelehrte Scherzchen“, war nicht mehr so witzig wie zum Zeitpunkt seiner Verfassung…

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