Das Märchen von Enscha-sim

Im nächsten Kapitel/Post meiner „Menschenmacher“-Story werde ich mich auf ein Märchen aus dem Vorgänger „Die Kinder Shuruppaks“ beziehen. Da ich nicht davon ausgehen kann, dass jeder Leser meines Blogs auch meine e-books gelesen hat (oder dass sich jeder Leser der e-books an das Märchen erinnert), poste ich es hier noch einmal.
Der Erzähler ist Agaku, Ausbilder in den Sklavenquartieren in Shuruppak, der Zuhörer Prometos‘ Klonbruder Chiron, damals noch im Kindesalter.

[…]
„Also gut. Es war einmal ein Bauernbursch, der hieß Enscha-sim. Enscha-sim lebte in einem beschaulichen Dorf am Hang eines Hügels. Ganz oben auf dem Hügel erhob sich der Turm eines Zauberers, den alle fürchteten. Doch Enscha-sim ging hin und dachte sich dabei: ‚Ich will doch mal sehen, ob der Magier wirklich so böse ist, oder ob er nur schlechte Laune hat, weil ihm die Gesellschaft fehlt.’
Dem Zauberer fehlte aber vor allem ein Knecht und er bot Enscha-sim an, in seine Dienste zu treten, es sollte sein Schade nicht sein. Unser Bauer willigte ein und diente dem Zauberer getreulich, bis die ausgemachte Zeit herum gegangen war. Als Lohn für seine Dienste erhielt er einen magischen Stecken, mit dem man Dinge vervielfältigen konnte. Doch natürlich gab es dabei auch Regeln!
Erstens: Eine Kopie von einer Kopie zu ziehen, war unmöglich und auch ein und denselben Gegenstand konnte man nur höchstens viermal als Vorlage benutzen.
Zweitens: Keine Kopie würde länger halten, als der Bauer lebte. Die erste Kopie…“
Agaku rechnete rasch die im Märchen genannten Zahlen in Zeitabschnitte um, die Chiron etwas bedeuten würden und fuhr dann fort: „Die erste Kopie einhundert Jahre, die zweite zehn, die dritte ein ganzes Jahr und die vierte eine Stunde nur.
Drittens: Enscha-sim durfte nichts Lebendiges vervielfältigen, sonst würde ihm großes Unheil widerfahren.“

Der Erwachsene sah, wie es in Chirons kindlichem Hirn arbeitete. Auch ohne Ätherverbindung wusste er genau, was in dem Sklavenjungen vorging.
„Nun, Chiron, was hättest du als erstes kopiert?“
„Das ist schwierig! Auf allen Sachen sitzen Bakterien drauf und die sind doch auch lebendig. Es darf also nichts sein, was nicht in den Autoklaven reinpasst und es muss den Druck während der Sterilisation aushalten…“
Agaku verschlug es für eine Weile die Sprache. An Mikroorganismen hatten die mittelalterlichen Geschichtenerzähler gewiss nicht gedacht, als sie dieses Märchen erfanden!
„Bakterien zählen nicht“, erklärte der Wissenschaftler, sich rasch eine Erklärung einfallen lassend: „Die haben ja keinen echten Zellkern!“
Chiron schluckte das anstandslos und der Annunaki konnte mit seiner Erzählung fortfahren:

„Da stand Enscha-sim nun mit seinem Stecken und überlegte, was er mit diesem Lohn anfangen sollte. ‚Wenn ich mir ein kleines Stück Brot kaufe und es vervierfache, habe ich wohl tagein tagaus genug zu essen’, dachte er bei sich. ‚Kleidung und Feuerholz, sogar Bier, ich werde an nichts Mangel leiden müssen, weil ich ja gewissermaßen für vier Männer verdiene. Aber muss ich denn überhaupt jemals wieder arbeiten?’“

„Drei Tage in der Woche genügen vollauf!“ rief Chiron aus.
[…]
„Nur drei Tage!“ wiederholte Chiron. Was man in der freien Zeit alles anstellen konnte! Niemand würde einen mehr beim Lesenlernen stören und es blieb genug Zeit übrig, um in Bücher zu blicken, die sich nicht auf der Lernliste befanden. Wenn man dann genug gelesen hatte, blieb immer noch Zeit, zum Beispiel für Computerspiele. Am besten fand Chiron, noch nicht einmal seine Geschwister über all diese Tätigkeiten vernachlässigen zu müssen. Auch für Gespräche mit den anderen Kindern würde Chiron über Zeit in schier endloser Kapazität verfügen. Wer sein Geld kopieren konnte, vervielfältigte damit die ihm zur Verfügung stehende Zeit.
„Enscha-sim hatte wirklich Glück“, stellte Chiron fest und seufzte. Aber dazu muss man frei geboren sein.
Uschebti erhielten keinen Lohn für ihre Tätigkeit, von dem sie sich ernähren mussten. Chiron mochte mit Enscha-sims Stecken in die Lage versetzt werden, fünf Glasstäbe in der für einen benötigten Zeit anzufertigen, aber was wäre das Ergebnis? Die Annunaki würden ihn loben und die gewonnene Zeit sofort mit weiteren Arbeiten ausfüllen. Wenn er erst einmal fünf Glasstäbe anstelle eines einzigen haben konnte, verlangte Dr. Shimti bald fünfundzwanzig anstatt von fünfen.
[…]

„Ja, das hatte er wohl. Aber weißt du, Chiron, so richtig zu schätzen wusste das Bäuerlein das nicht. Es verdingte sich erneut, diesmal bei einem reichen Herren von Stand. Dem Adligen imponierte Enscha-sims Erfahrung als Diener eines Zauberers ungemein und er lies sich einen fürstlichen Lohn abhandeln.
Einen Monat arbeitete der Bauer hart und dann einen zweiten und dritten. In dieser Zeit leistete er sich nichts und vervielfältigte nicht ein einziges Ding. Sein Herr wusste nichts von Enscha-sims Zauberstab. Er glaubte, der Bauer spare eisern, um seine Braut in ein hübsches Haus zu führen. Doch am Ende seiner Dienstzeit wartete kein Mädchen auf Enscha-sim. Stattdessen lag da ein großer Haufen Münzen, die im Sonnenlicht strahlten, vor ihm. Über diese Münzen sprach der Bauer seinen Zauber. Seine goldenen Sonnenmünzen tauschte er in unedlere Metalle um, die für einen Gemeinen genügten. Sie würden auch nicht mit der Zeit verschwinden, weil sie ja nicht direkt durch den Zauberstecken entstanden waren.
Dann aber geschah das Schreckliche: Enscha-sim lies aus allen Orten Bewaffnete zusammenströmen. Enscha-sim benutzte dieses Geld, um Söldner anzuwerben.“

Genau wie Shimti, dachte Chiron. Der bezahlt auch Wärter für uns. Habe ich es mir doch gedacht! Die sind einer wie der andere alle gleich.

„Enscha-sim ging zu den Garuda, zu den Kylin und den Varascha. Er machte auch vor den Fara nicht Halt und versuchte, die Ea auf seine Seite zu ziehen. In allen Häusern machte er Krieger ihren Herren abspenstig.“
Chiron verwehrte sich nicht gegen die Erwähnung des jüngsten Clans in einem uralten Märchen. Er ergänzte Agakus Aufzählung des Fünferkonsortiums um Hausnamen, die er in seinem Leben bereits aufgeschnappt hatte: Kumpira, Camunda und Qat.
„Ging er auch zu den Alulim?“
„Nein, zu denen nicht! Sich gegen das Haus Alulim zu stellen, wagte der Bauer nicht! Aber es gab einige Adlige der minderen Häuser, die dem Bauern bereitwillig folgten, versprachen sie sich doch von dessen Zauberkräften ebenfalls einen Anteil, wenn sie ihm nur treu dienten.
Enscha-sim kopierte wieder und wieder Münzen, die er innerhalb einer Stunde einwechselte oder gleich gegen Schlachtvieh und Waffen tauschte. Danach verdreifachte er die Waffen, bis er endlich eine starke Armee aufgestellt hatte. Als sich der Bauer mächtig genug fühlte, gab er seinen Offizieren den Befehl, mit ihren Mannen zu feiern.
Enscha-sim gab ihnen vier Münzen blanken Goldes und sprach dazu:
‚Diese Münze legt in ein Kästchen und versteckt sie an einem sicheren Ort. Sie soll einst das erste Geschenk für Euren Sohn erkaufen.
Die zweite Münze bewahrt gut auf. Mit dem, was sie erkauft, werbt nach unserem Sieg um eine Braut!
Ich gebe Euch eine dritte Münze. Rüstet Euch damit prächtig aus, bevor unser Kampf beginnt!
Mit der letzten Münze tut, was Euch beliebt. Ich habe sie viermal kopiert und keine Verwendung mehr für sie.’

Agaku hielt inne, wie es jeder Vater an dieser Stelle tat und Chiron reagierte, wie es jedes Kind tat: Er stellte die Frage, die das Märchen auch dem adligen Krieger in den Mund legte: „Enscha-sim hat aus einer Münze fünf gemacht, Herr. Was ist denn mit der letzten geschehen?“

„Geheimnisvoll brachte der Bauer eine fünfte Münze aus seinem Beutel hervor. Dann sprach er zu seinem Offizier:
‚Die letzte Münze aber gebt noch in dieser Stunde einem Schankwirt, um eine Stunde lang mit Euren Mannen zu feiern. Danach wird das Gold verschwunden sein. Wenn der Wirt dann aufbegehrt und Euch des Betrugs bezichtigt, so erschlagt ihn! Das wird mir das Signal sein, dass unser Feldzug beginnt.’
Es begab sich, dass ein Schankwirt tatsächlich nach Ablauf einer Stunde in seine Kasse schaute und feststellte, dass sich die goldene Münze in Luft aufgelöst hatte. Er drohte den Feiernden mit der Faust und setzte zu einem ‚Betrug!’-Schrei an, doch Enscha-sims Offizier trennte ihm Hand und Hals in einem einzigen Schwertstreich ab. So brach der Krieg aus.
Bereits in der ersten Schlacht offenbarte sich ein weiteres Geheimnis des mächtigen Steckens. Alles von ihm Geschaffene sollte dem Bauern auf bestimmte Zeit garantiert erhalten bleiben und sich danach auflösen. Doch bis zu diesem Zeitpunkt blieben alle Speisen frisch, jeder Schild fest und jede Waffe blank. Ob Knüppel oder Schwert, nicht ein einziges Mal brach oder verbog eine Klinge während des Ansturm von Enscha-sims Heer.
‚Flieht, flieht!’ riefen die Dorfbewohner. Enscha-sim will unser Land erobern. Er macht aus jedem Gefallenen fünf und die Hexenprinzessin wirbt um seine Hand!’“

„Er tut was?! Aus einem Gefallenen fünf machen?“ Chiron schleuderte seine Snacktüte zur Seite. „Aber er darf nichts Lebendiges kopieren! Es wurde ihm verboten! Und außerdem ging das damals noch gar nicht. Nur Dr. Shimti kann Uschebti klonen.“

„Und doch tat der Bauer solche Dinge. Er richtete während einer Schlacht seinen Zauberstecken auf jeden Getöteten, ob Gegner oder eigener Soldat. Nach dem Aussetzen des Herzschlages, aber vor dem Verlöschen des Äthersinns kopierte er die Männer viermal und sie erhoben sich, um weiterzukämpfen. Aber die auf diese Art geschaffene Armee stank kilometerweit nach Verwesung, weil die Körper nicht wirklich wieder lebendig wurden. Enscha-sim hoffte, dass sich seine Zombies ebenfalls als unverwundbar herausstellen würden, wie die von ihm vervielfältigten Gegenstände, doch diesmal irrte er. Oftmals zerfielen die Untoten ob des ersten Säbelhiebes. Aber selbst das war genug, um eine Übermacht zu schaffen, der die Verteidiger der Dörfer nichts entgegenzusetzen hatten. Nach und nach fielen die Landgüter an Enscha-sim und schließlich wandte er sich gegen die Adelshöfe selbst.
‚Flieht, flieht!’ riefen die Nefilim. ‚Enscha-sim will unsere Länder erobern. Er macht aus jedem Gefallenen fünf und die Hexenprinzessin wirbt um seine Hand!’
Nur wenige Männer fanden den Mut, an der Seite ihres Herren auszuhalten und im Kampf gegen Enscha-sims Heer anzutreten. Doch auch jene, die flohen, wurden erbarmungslos niedergestreckt, um als Zombies auf den Feldern und in den Waffenschmieden zu arbeiten.
Als sich Enscha-sim am Abend nach seinem Sieg über einen Patriarchen in dessen Burg zur Ruhe legen wollte, erschien ihm der Dämon Labbu. ‚Höre, Bauer, nicht als dein Feind bin ich gekommen. Dein Wirken im Diesseits beeindruckt mich. Ich will deinen Stecken verbessern, auf dass du damit einmal im Leben etwas schaffen kannst, das für immer bleibt. Doch wenn du dies getan hast, wirst du sterben.’
So sprach der Schattenlose und Enscha-sim nickte huldvoll dazu. Am nächsten Tag bereitete er seine Armee darauf vor, in die benachbarte Domäne des nächsten Hauses einzufallen.
‚Flieht, flieht!’ riefen die Männer und Frauen landauf, landab. Enscha-sim will die Welt erobern. Er macht aus jedem Gefallenen fünf und die Hexenprinzessin wirbt um seine Hand!’“

Agaku fragte sich zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben nicht, welche Gleichnisse wohl in den alten Märchen stecken mochten. Er sah nur Chirons leuchtende Augen, sah den Jungen mitfiebern, als sich der Bauer mit seiner Untotenarmee daran machte, die Welt zu erobern. Er hörte das Kind jubeln, als sich der Zauberer aus seiner Isolation begab und sich gemeinsam mit den Verteidigern seinem ehemaligen Diener entgegenstellte:

„Nachdem nun so viel Unheil über das Land gekommen war, verlies der Zauberer seinen Turm auf dem Hügel über dem Dorf, in dem Enscha-sim einst seine Kindertage verlebt hatte. Mit all seiner Zaubermacht stellte er sich dem Eroberer und dessen Heer entgegen! Strahlen gleißenden Lichts schossen aus seinen Fingerspitzen.
Die untoten Zombies erstarrten zu Salzsäulen. Enscha-sims Söldner warfen ihre Waffen fort und begannen zu beten. Wer aber von dem Zauber getroffen wurde und ein gutes Herz hatte, dessen Wunden schlossen sich und die Leute fielen sich glücklich in die Arme.
Schritt für Schritt bahnte sich der Zauberer eine Bresche durch das Heer, bis er seinem ehemaligen Diener gegenüberstand.
‚All dies ist meine Schuld’, gestand er. ‚Ich hätte niemals die Gabe der Magie, die ich mir in Jahrhunderten hingebungsvollen Studiums angeeignet habe, so leichtsinnig weiterverschenken dürfen.’

Das Ende des Märchens kam abrupt, denn obgleich Verfilmungen den Endkampf zwischen Enscha-sim und seinem Meister effektreich und langwierig inszenierten, war der Zauberer seinem Diener doch haushoch überlegen. Ebenso, wie viele Kinder den plötzlichen Schluss kaum fassen konnten, mussten auch die Bewohner der Märchenwelt erst verarbeiten, dass sie nun ohne Furcht und Frieden weiterleben durften.
„Enscha-sim aber begriff, dass es mit ihm zuende ging“ sprach Agaku weiter. „Der Krieg war zuende. Wenn ihn der Zauberer nicht niederstreckte, so würde es das aufgebrachte Volk tun. Er konnte er ebenso gut Gebrauch von der Labbusgabe machen, deren Einlösung ihn töten würde. Tränen rannen ihm über die Wangen.
Ein letztes Mal schwang der Besiegte seinen Stecken und er lies Ki entstehen. Eine neue Welt als Ersatz für die in seinem Krieg verwüstete alte. Alles, was Enscha-sim bis dahin mit dem Zauberstab geschaffen hatte, zerfiel mit seinem Tod zu Staub. Doch mithilfe der Labbusgabe lies er seine letzte Schöpfung für immer währen. Ein Paradies, in dem sich die Sonne nie wieder verdunkeln sollte.“
Zum ersten Mal widersprach der Sklavenjunge einer Anpassung der Geschichte: „Das Märchen sagt in Wirklichkeit Anur, nicht wahr?“
Agaku schüttelte den Kopf. „Ich habe das Märchen als Kind mit Anur gehört“, erklärte er wahrheitsgemäß. „Aber dann fand ich es in einem Buch wieder, in dem Geschichten aus der Alten Welt zusammengefasst wurden. Die Geschichte Enscha-sims erzählten wir uns bereits, bevor wir wussten, dass Anur ebenfalls ein Planet ist. Ich denke, diese namenlose neue Welt steht einfach für alles, was man sich wünscht und dafür, dass dieses Glück nie enden soll.“

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