Enscha-sims Versuchung (Teil 1 von 5)

Kapitel 8 von „Die Menschenmacher von Dilmun“
Auf Wunsch gibt’s die Kapitel wieder gestückelt 😉

„Gute, alte Technik“, murmelte Prometos zu sich selbst, während er die Stadtgrenze zwischen Duranki und Nippur überschritt. Kaum mehr als solche wahrnehmbar war diese Grenze und die Städter hatten sich angewöhnt, von beiden Ortschaften als nurmehr zwei Ortsteilen ihrer Hauptstadt zu sprechen. Etwas aber war unverändert geblieben: Der Nullmeridian der Siedler verlief genau entlang der Stadtgrenze und damit trat Prometos bei seinem Wechsel zwischen den Stadtvierteln eine Stunde in die Zukunft. Wie stets sträubte sich sein Telefon, den Zeitsprung mitzumachen, so dass der Mann es manuell auf die neue Zeitzone einstellen musste. Prometos erledigte es mit einem Lächeln. Mit der durch Kis starkes Magnetfeld störanfälligen Technik der Nefilim war er aufgewachsen, die Zustände im Dreisternsystem hatte er nie kennengelernt. Sicher gestaltete sich das Leben im Einklang mit der Zivilisation dort leichter, doch diese Leichtigkeit hätte dem Titanen niemals das Gefühl von Heimat vermitteln können. So kurz nach seiner Rückkehr aus Dilmun lösten sein zickiges Telefon, ein offenliegender Kabelschacht für das Mê-Netzwerk, den er über ein Holzbrett balancierend überqueren musste, und Nippurs Wetterlage von „vorhanden“ noch warme Gefühle in Prometos aus. Irgendwann würde sein Hirn all dies als Normalzustand in die Schublade des nicht bewusst wahrgenommenen verschieben, doch lag dieser Tag sicher noch mehrere Ki-Umläufe in der Zukunft.
Wenige Schritte hinter der Kabelbaustelle empfing Prometos ein alter Bekannter, sein Bruder Umul /Tichupak, bei dem er während seiner Aufenthalte in der Hauptstadt zu übernachten pflegte.
„Wie ist Euer Gespräch gelaufen?“ erkundigte sich der Jüngere.
„Wie immer, wenn Politik ins Spiel kommt. Wer sich mit der theoretischen Basis auskennt, ist nicht einmal in der Lage, Tischkärtchen aufzustellen, ohne dass sie umfallen, und diejenigen, die Politik betreiben, können Außenstehenden nicht erklären, was sie da eigentlich tun.“
Prometos massierte seine Stirn, in der Hoffnung, dadurch der sich ankündigenden Kopfschmerzen Herr zu werden. Er rieb sich seine von dem Nachtflug, auf dem er keinen Schlaf hatte finden können, müden Augen und fragte sich, ob er tatsächlich gerade aus Helfir auf dem Südkontinent nach Nippur gekommen war oder ob er vielleicht doch im Flieger geschlafen und den Anthropologenkongress nur geträumt hatte. Doch die Umhängetasche mit der Dokumentation der während der Veranstaltung besuchten Sezierung eines Menschenaffen fühlte sich ebenso real an wie das Tischkärtchen von der Konferenz im Umweltministerium aus der Woche davor, welches Prometos aus irgendeinem Grund in seine Rocktasche gestopft hatte. Die Minister hatten die herbeizitierten Landwirte, Kundschafter und Ökowissenschaftler, zu denen auch Prometos aufgrund seiner Erfahrungen mit den Großen Affen zählte, mehr oder weniger ins Kreuzverhör genommen. Kethri und Dumuzi hatten dabei gegeneinander argumentiert, obwohl sich ihre Reden sich irgendwie abgesprochen angefühlt hatten, aber am Ende hatten alle Beteiligten den Saal zufrieden verlassen. Allein Prometos runzelte die Stirn, weil er sich kaum mehr an seine Argumentation zu erinnern vermochte. Oder sich daran zu erinnern, auf welche Vorladung, Beratung oder sonstige Zusammenkunft genau sich Umuls Frage eigentlich bezog.
„Ich glaube, ich werde alt, Umul“, gestand der Titan. „Ich fühle mich so… wie sagt ihr in Nippur… geschlaucht?“
„Nein, nicht alt. Nur erwachsen.“
„Wie bitte?“
„Der kindliche Energieüberschuss verläst Euch, mein Freund. Will heißen, Ihr müsstet in Zukunft etwas kürzer treten.“
„Haha!“ lachte Prometos. „Das raten mir meine Freunde seit vielen Ki-Umläufen!“
„Aber jetzt“, lies Umul nicht locker, „kann ich es Euch wissenschaftlich begründen. Ihr müsst überhaupt aufpassen, Mehts. Als ‚nicht wirtschaftlich genutzte Adamu’ stellen wir das Objekt fachlichen Interesses der Entwicklungsbiologen dar. Frau Mami lässt es sich gut bezahlen, das Geld kommt über hundert Umwege bei mir an, aber letzten Endes bin ich es, der einen Nachmittag verliert, weil er für einen übermotivierten Doktoranden wie Schenseka Qat Pappkärtchen auf Stapel sortieren muss. Ich habe sie vor Frust alle auf dem ‚gefällt mir nicht’ – Haufen abgelegt. Die Igigi allein wissen, was der Gelehrte daraus abzulesen gedenkt!“
„Eine kindliche Trotzreaktion“, vermutete Prometos, um sich gleich darauf erfreulicheren Themen zuzuwenden. Er fragte den Bruder nach seinem aktuellen Theaterprojekt.

Umuls Augen glänzten, während er berichten durfte, dass Prinz Enlil nun bald wie geplant „Nabus ‚Enscha-sims Versuchung“ auf die Bühne bringen würde und er dabei Regie führte. Nicht immer war einem Theaterintendanten vergönnt, diese Aufgabe zu übernehmen. Viel zu oft verlor sich Umul bei seiner Arbeit in Details, die lediglich peripher mit dem Bühnenspiel zu tun hatten.
Auch Prometos verband positive Erinnerungen mit Enlils neuem Stück: „Das kenne ich!“ rief er aus. „Chiron hat diese Geschichte geliebt und… oh je! Ich fürchte, wir haben uns ein wenig zu wild aufgeführt, nachdem er sie uns das erste Mal erzählt hat.“
Waren die Kinder nicht mit Pipetten durch die Labore gerannt und hatten sie auf Objekte gerichtet, die sie damit vervielfältigen wollten? Sie hatten gespielt, die Stäbchen verfügten über dieselbe Zauberkraft wie der Stecken des Hexers Enscha-sim im Märchen. Der Zauberstab, mit dem sich jedes nichtlebende Objekt kopieren lies. Ewig würden diese Kopien nicht halten, doch Enscha-sims Macht hätte dafür ausgereicht, aus einer Silbermünze vier zu erschaffen und auf diese Weise ein sorgenfreies Leben führen zu können. Doch stattdessen war Enscha-sim dazu übergangen, totes Material im wahrsten Sinn des Wortes zu vervielfältigen: gefallene Soldaten, die sich nach der Berührung mit dem Stecken wieder erhoben um als Zombies in die Dienste ihres Erweckers zu treten.
„Nabu Thoth“, erkundigte sich Prometos, „hat eine zeitgenössische Version der Sage verfasst, nicht wahr? Dann schreibt er das Ende sicher mit Ki anstatt mit Anur?“
Umul schmunzelte wie ein Mann, der mehr wusste. „Er bürstet die ganze Geschichte gegen den Strich, beschweren sich die Kritiker. Nicht nur, weil er die Rolle der Hexenkönigin massiv ausbaut, sondern gerade auf das Ende bezogen. Herrn Enlil gefällt das und er möchte unbedingt, dass wir auf Ki die reichseite Uraufführung erhalten. Er spricht sogar von einer Direktübertragung aus Nippur an den Hof.“

„Aber?“
„Wie: aber?“
„Etwas bedrückt dich. Sicher nicht die Stabilität der Lichtfunkverbindung ins Dreisternsystem.“
Umul seufzte. „Der Vizekönig hat Zin Kibaru verpflichtet, die Musik zu komponieren.“
„Kip Varascha? Dein Lieblingsmusiker? Das freut mich für dich!“
Prometos´ persönlichen Geschmack traf der Schusarveteran mit seiner Musik wahrhaftig nicht. Andererseits fand der Titan, dass es nicht viele Annunaki fertig brachten, eine Gitarre wie eine Sonderschicht im Stahlwalzwerk klingen zu lassen. Diese Fähigkeit musste honoriert werden. Am besten mit Berufsverbot, schoss es Prometos durch den Kopf.
„Du hast ein Kip-Varascha-Hologramm mit seinem Fingerabdruck im Sockel in deinem Wohnzimmer stehen“, erinnerte Prometos den Bruder. „Es spielt die Rattschelopenballade – zum Glück müssen die armen Tiere sich das nicht anhören.“
Die „armen Tiere“ galten als äußerst scheue, unter häufigen Nervositätsanfällen leidende anurische Parallelentwicklungen der Antilope. Begegnete man einer, der gerade die Nerven durchgingen, legte man besser den höchsten Gang im Geländewagen ein, denn mit einer hysterischen Rattschelope war nicht zu spaßen. Wieso blickte Umul drein, als müsse er sich einer im unbewaffneten Kampf stellen, wo er doch mit seinem Idol würde arbeiten dürfen? Prometos fragte den Bruder direkt danach.
„Weil es meine Inszenierung ist und sich Herr Enlil klar und deutlich ausgedrückt hat: ich bin Kip gegenüber weisungsbefugt. Meinem Idol! Ich werde kaum den Mund aufbekommen, geschweige denn, mit ihm mein Projekt diskutieren können! Am besten, ich halte meinen alten Rollstuhl bereit, für den Fall, dass auch noch meine Beine versagen…“
Prometos legte seinen Arm um die Schultern des Bruders, während sie durch die Allee auf das Zirkustheater zusteuerten.
„Die Eridu Fünfzig unterscheiden sich nicht von den Herren Enlil oder Shimti“, meinte er dabei. „Sie wollen auch nur angebetet werden, wie jeder „Sternengott“. Kannst du meine Schwärmerei von meiner Arbeit ertragen, so wird es dir nicht weiter schwer fallen, dir Zin Kibarus Geschichten vom Schlangensumpf auf dem ‚alten’ Ki anzuhören und Interesse vorzutäuschen. Oder besser noch, ich schreibe dir ein paar Fragen auf, die du dem Mann stellen kannst, um das erste Eis zu brechen. Ich habe lange genug im Wald gelebt, um die Insiderwitze dieser Leute zu verstehen – wenn auch nicht lange genug, um mir einzureden, dass mir diese Lebensweise gefiele.“
„Danke.“
„Als jemand, der im Wald gelebt hat, kann ich mir vorstellen, was die Ersterkunder durchmachen mussten. Uns Ausgewilderte nahm damals ein etablierter Stamm Eingeborener auf, die Eridu Fünfzig aber waren auf sich allein gestellt und hatten zudem ihre gesamte Ausrüstung verloren. Unter diesen Umständen kann man sich kein Nörgeln leisten, da muss man sich mit seiner neuen Rolle identifizieren. Als Stadtkind habe ich natürlich trotzdem genörgelt… Aber als Prometos Alulim habe ich nur zu sagen, dass hier irgendwo angeblich ein Bett auf mich warten soll.“
„Haha! Schon gut, Bruder! Komm rein und leg die Füße hoch!“

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