Enscha-sims Versuchung (Teil 2 von 5)

Kapitel 8 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Nippur.
Einen Monat später.

Umul /Tichupak schlenderte durch das Gebäude des Zirkustheaters von Nippur. Die Manege mit ihrem Kuppeldach war seit der Gründung des Bühnenhauses um vier Nebengebäude erweitert worden, die sich ihrerseits in beinahe labyrinthartige Systeme von Gängen, Zimmern und Treppenhäusern aufteilten.
Während einer Aufführung, handelte es sich nun um ein textlastiges Bühnenstück oder ein Auftritt von Akrobaten, erschien dem Titanen das Zirkustheater stets wie ausgestorben. An solchen Nachmittagen und Abenden konzentrierte sich das Leben auf die Manege mit den Zuschauertribünen und den unmittelbar damit verbundenen Technikkammern. Vormittags jedoch schien das Gebäude vor Aktivität regelrecht zu summen. Umul genoss es, von Etage zu Etage zu wandern und den probenden, trainierenden, diskutierenden und handwerklich beschäftigten Personen zuzusehen. Bühnenautoren, Schauspieler, Akrobaten, Kantinenpersonal und Programmierer, feste Angestellte des Zirkustheaters, Sklaven oder Laiendarsteller, sie alle hatten wohl nur eines gemeinsam: die Tatsache, dass sich Umul mit jedem von ihnen gern unterhielt.
Mit der Erlaubnis seiner Eigentümerin Mami Tichupak war der Titan sogar in das Theater eingezogen. Umul bewohnte gemeinsam mit seiner Partnerin eine kleine Wohnung unter dem Dach des Ostflügels, wohingegen seine mittlerweile erwachsenen Kinder weiterhin als Teil der Dienerschaft im Stadthaus der Tichupakprinzessin lebten.
Annunaki zogen es bereits aus wirtschaftlichen Überlegungen vor, in vier oder mehr Generationen umfassenden Großfamilien zusammenzuleben, Adlige taten es aus Gründen der besseren Koordinierung ihrer Geschäfte. Die Uschebti in den Sklavenquartieren wurden in großen Gruppen gehalten, allein die wenigen halbfreien Titanen neigten zur paarweisen Lebensweise. Entschlossen sich diese unfruchtbar bleibenden Partner, menschliche Kinder großzuziehen, so stellte deren rasantes Entwicklungstempo zunehmend eine Belastung der Familienbeziehung dar, so dass der Nachwuchs im Alter von spätestens zwanzig Ki-Umläufen zum beiderseitgen Wohl das Nest verlies. Als die ewige Zwischengröße Erbet-Kibratims würde ein Titan in einem Alter sterben, in dem Nefilim als gerade einmal als heiratsfähig galten, dabei jedoch acht bis zwölf Menschengenerationen kommen und gehen gesehen haben.
Na, diese beiden haben es auch nicht gerade einfach, überlegte Umul, als er eine Galerie passierte, die eine Trainingshalle überspannte. Dort unten standen Izimu Qat und Ninurta Alulim Rücken an Rücken. Sie mussten sich einer zweistelligen Anzahl von Kleindarstellern erwehren, die an diesem Tag für „Lahmu & Lahamu“ probten, einer kleinen Produktion, die nur schleppend voranging, weil die meisten Darsteller aufgrund ihrer Ämter oder Verpflichtungen beim Militär anderweitig eingebunden waren.
Die beiden Nefilim stellten den Kriegsgott und die Schutzpatronin der Reisenden, die ihre schützende Hand über den Gatten breitete, wenn dieser seinen Pflichten in weiter Ferne nachkam, dar. Wenn Umul ihre Bewegungsabläufe richtig interpretierte, dann hatten die Liebenden ihre Rollen vertauscht: Der niederadlige Waldläufer Kethri schlüpfte in die Rolle des herrschaftlichen Kriegsgottes und die kriegerische Tochter des Vizekönigs stellte seine untergeordnete Gattin dar. Der Mann spielte den Gott, die Frau die Göttin und zu den Schattenlosen mit der Politik, mussten sie sich gesagt haben.
Umul blieb stehen, um sich die Probe anzusehen. Das physisch betonte Spiel des Götterspektakels schien den beiden Nefilim weitaus mehr zu liegen, als die langen Dialoge aus „Enscha-sims Versuchung“, zu dem man sie ebenfalls eingeladen hatte.
Lahmu lag nun am Boden, verwundet, jedoch nicht kampfunfähig. Ihm fehlte der Wille aufzustehen und weiterzumachen, soviel wusste Umul noch aus dem Mythos. Passiv lies der Gott alles um sich herum geschehen – bis Lahamus Kampfstab unter dem Ansturm der Gegner zerbrach. Die beiden Hälften von Lahamus Waffe flogen in weitem Bogen durch die Luft. Lahmu fing sie auf, bevor sie den Boden berührten. Seine Hände schlossen sich um die Hölzer, er sprang auf und stürzte sich unter Wutschreien auf seine in Affenkostümen steckenden Widersacher. Wild um sich schlagend zerstreute er die feindliche Horde.
Im Anschluss an den Kampf würde der Gott aus den Hölzern kurze Schwerter schmieden, die seinen soeben erfundenen Kampfstil besser unterstützten. Lahmus Wandel vom unterstützenden Schmied zum Kämpfer in vorderster Reihe wäre dann vollzogen. Und weshalb? Wegen einer Frau!
Wer mit wem – darum dreht sich doch in Wahrheit unser gesamtes Leben, sinnierte Umul. Adapa mit seinen hochfliegenden Ansprüchen für seine Menschheit hat das erst kürzlich erfahren müssen.

Gleich mehrere Koordinatoren sorgten dafür, dass es während der Kampfszenen zu keinen Unfällen kam. Angesichts des hohen Niveaus der Stabfechtkunst der beiden Hauptdarsteller konnte sich einer von ihnen nicht verkneifen „Jahreszeiten! Wieso trittst du nicht zu den Ritterspielen an, Jagdmeister?“ zu fragen.
„Das sind edle Spiele, da hat ein Sträfling auf Bewährung nichts zu suchen. Mein älterer Bruder vertritt unser Haus bereits würdig genug.“
Izimu lies es bei dieser Antwort bewenden. Was hätte er dem anderen Nefilim auch sagen sollen? Dass er bereits in einer Liga kämpfte, auch wenn diese nicht mehr so oft zusammentrat wie früher?
„Du solltest es wirklich in Betracht ziehen, dich anzumelden!“ lies der Standesgenosse nicht locker.
„Wenn ich und Enlil herausfinden wollen, wer von uns beiden der bessere Fechter ist, dann können wir das auf Edin tun, ohne dass der Rest Erbet-Kibratims sich derweil um die Plätze drei bis Fernerliefen drischt!“ fauchte Kethri.
Aus Rücksicht auf den anderen schirmte er dabei seine Gefühle hinter einem Ätherschild ab.
Der solcherart Gemaßregelte hob die Hände. <Ist ja schon gut!>

„Du und Vater!“ kichert Ninurta.
„Im Ernst, es wäre absolut möglich“, erwiderte Kethri. „Ich kann selbst Dumuzi schlagen.“ Er legte eine Pause ein, bevor er präzisierte: „Nicht zuverlässig jedes Mal, aber oft genug, dass es sich für ihn so anfühlt.“
„Dumuzi ist ein Annunaki…“
„Ein Hochadliger.“
„Schon, aber biologisch ein Annunaki. Das bedeutet, er ist uns bereits körperlich unterlegen, was seine Siege doppelt eindrucksvoll macht. Ich weiß, du sähest es gern, wenn die Liga für jeden geöffnet würde, aber, Politik beiseite, wie sollte das gehen? Bekommen von Geburt an stärkere Kämpfer Handicaps?“
Kethri spürte in den Äther. Er kannte Ninurtas Argumentation, hatte sie oft genug aus dem Mund seines Standesgenossen und viel zu oft von den Annunaki selbst hören müssen. Ninurtas Präsenz trug den üblichen Vorwurf für seine verrückten Gedanken, jedoch auch in einer zweiten Schiene ehrliches Interesse an einer Beantwortung ihrer Frage.
„So in etwa. Du brauchst dazu einen Mediziner, einen Mathematiker, viel Zeit und ein Paket Rauchstangen. Wäre eine tolle Sache, die ganzen mitreisenden Ehefrauen und frisch entlassenen Grauen zu beschäftigen, die sonst vor Langeweile auf die Idee verfielen, sich miteinander einzulassen.“
Ninurta lachte, doch ihr Partner hatte die Wahrheit gesprochen. Es existierte ein von Enki, Xolotl und Ah Ceh aufgestelltes Schema, das die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen von Mann, Frau, Nefilim, Annunaki, Titan und Adamu berücksichtigte, es also jedem Sprechenden Tier ermöglicht hätten, sich in einem beinahe gerechten Wettbewerb mit jedem anderen zu messen. Nachdem die drei allerdings aus reinem Übermut auch noch Arenabeschaffenheit, Wetter während des Kampfes, Alter und Qualität der Aufzucht eines Wettkämpfers mit einbezogen hatten, hatten die Eridu Fünfzig jegliche ausgleichenden Faktoren für ihre eigenen sportlichen Wettkämpfe über Bord geworfen. Es war ja nur ein Spiel, das sie da veranstalteten. Ein höchst illegales Spiel allerdings, das die Schusarveteranen da in Eridu veranstalteten, denn sie traten in den Disziplinen der dem Adel vorbehaltenen Ritterspiele gegeneinander an.
Im Lanzengang belegten in der Motorradwertung Sukun und Tung, im klassischen Zweikampf zu Pferd Demeter, Bakchos und natürlich An´ti die vordersten Plätze. Beim Stabkampf fochten Dumuzi und Kethri einen einsamen Kampf an der Spitze aus, der oftmals dadurch entschieden wurde, dass einem von beiden das Glück zu Hilfe kam. Zu diesen obligatorischen Disziplinen gesellten sich die vorgeschriebenen zwei lokalen Sparten, die in Eridu aus dem Wettschwimmen durch eine Hindernisstrecke – nicht gerade die Spezialstrecke des Jagdmeisters – sowie der Wettfahrt im Segelboot mit je zwei Mann Besatzung bestanden. Es zeugte von der hohen seefahrerischen Begabung Enki Eas, dass er hier trotz seiner Paarung mit dem latent wasserscheuen Kethri stets den ersten Platz einfuhr. Auch Oannes, Malah und Sirsir hatten sich jeweils mit weniger begabten Partnern zusammengetan, um ihren Freunden zumindest eine kleine Chance einzuräumen, sie einmal zu schlagen.
Ninurta mochte ahnen, dass diese Untergrundliga existierte, doch nicht einmal der Freundin gegenüber wagte es Kethri, seinen Schild zu senken, um diese Ahnung zu bestätigen.

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