Enscha-sims Versuchung (Teil 3 von 5)

Kapitel 8 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Umul lenkte seine Schritte zum Probenraum, in dem er bereits von seinem Schauspielerteam der Enscha-sim Produktion erwartet wurde. Die üble Geruchsmischung aus Kaffee, Alkohol und dem süßlichen Rauch der Tabakstangen, die sich allmählich in die Tapeten jeden Raumes dieses Gebäudes fraß, schlug Umul entgegen. Berge von Würfelzucker, die während einer Besprechung wie die lebensnotwendige Atemluft konsumiert wurden, türmten sich auf Tischen, um die jeweils ein bis drei Stühle gruppiert standen. Elektronische Notizbücher sowie zusammengrollte Ausdrucke auf Schreibfolie oder Papier stapelten sich auf oder unter diesen Tischen. Modelle für das Bühnenbild, Requisiten und Teile von Kostümen und lagen im ganzen Raum verteilt. Irgendwo dazwischen fanden auch die Schauspieler noch Platz, was wohl zu den erstaunlichsten Eigenschaften dieser Klasse von Lebewesen gehörte.
Im Gegensatz zu der Legion aus Bühnenarbeitern, Requisiteuren, Manuskripthaltern, Stiftezureichern und Kaffaokochern rekrutierten sich Umuls Schauspieler diesmal ausschließlich aus Angehörigen des Herrscherhauses.
Kalkal, ein Höfling, in dessen Adern auch Annunakiblut floss, frönte den meisten Hobbies, die von Männern seines Standes erwartet wurden. Er gab einen durchschnittlich begabten Stabfechter, Schauspieler und Wissenschaftler ab, also einen verlässlichen Mitarbeiter, von dem Umul keine besonderen Höhen, aber auch keine Tiefen zu erwarten hatte.
Prinzessin Ishtar Inanna war da ganz anders. Sie hatte die Begeisterung ihrer Eltern für die Bühne scheinbar mit der Muttermilch aufgesogen und verfügte für eine Nefilimdame über eine beachtliche Phantasie, die es ihr ermöglichte, besonders in jenen Szenen Eindruck zu schinden, die Improvisation verlangten. Inanna konnte man problemlos das Management der immer wieder für kurze Zeit auf die Bühne tretenden Zuschauer überlassen.
Am Tisch der beiden Adligen saß so respektvoll wie stolz eine Annunaki namens Shala, die sich zu den von Inanna protegierten Geschlechtsgenossinnen auf dem Planeten zählen durfte. Shala hielt seit ihrer Ankunft auf Ki dem Goldland Hawila die berufliche Treue. Die Metallurgin arbeitete sich zielstrebig auf der Karrieleiter nach oben. Durch ihr Engagement in Hawila und ihre angeborene Fähigkeit, sich in jeder Lebenslage in den Vordergrund zu spielen, hatten sich die Frau einen Ruf erarbeitet, der es ihr ermöglichte, eine Rolle in den größeren Produktionen des Nippurer Zirkustheaters zu übernehmen. Noch war sich Umul nicht sicher, wie viel echtes Wissen sich hinter Shalas notorischer Besserwisserei verbarg. Sollte es sich um eine substanzielle Lagerstätte handeln, würde er nicht scheuen, diese ebenso gierig auszubeuten, wie Hades Suhurmasch es mit den Bergbaustandorten tat.
Ein wenig abseits von diesen dreien teilten sich die Gemeinen Schen und Zeus-urtana einen Tisch. Den Schusarveteranen Schen vermochte Umul noch nicht einzuschätzen, da dieser sich erstmalig an einer Inszenierung beteiligte. Er war noch nicht dazu gekommen, den Annunaki nach eventuellen früheren Bühnenerfahrungen zu befragen.
Zeus-urtana schließlich gehörte aus einem einzigen Grund zur Prominenz des Planeten: er hatte ihn aus einem Landemodul der „Varuna“ heraus betreten, genaugenommen aus dem allerletzten, nachdem er die Landung der anderen überwacht hatte. Der Weltraummatrose hatte nie damit gerechnet, sich in der Rolle eines Stars wiederzufinden. Doch wer gut genug gewesen war, von Enlil persönlich als Mannschaftsmitglied der „Varuna“ ausgewählt worden zu sein, fand sich auch noch vier Enunzyklen später unter den bevorzugten Bürgern wieder, denen auch ungewöhnliche Werdegänge offenstanden. Um das Beste aus seinen Chancen zu machen, plante Urtana, seinen Namen durch die Teilnahme an Umuls Inszenierung bekannt und damit Förderer in Adelskreisen auf sich aufmerksam zu machen. Er ging davon aus, dass Schens Bewerbung auf dasselbe Motiv zurückging. Bisher hatte ihm der andere dafür weder eine Bestätigung geliefert noch die Annahme widerlegt.

Soweit zu den üblichen Verdächtigen, die dem Regisseur vorgesetzt wurden. An einem Tisch für sich allein saß, die Beine übereinandergeschlagen und sichtlich zufrieden mit der Tatsache, dass außer den Zwangsarbeitern auch die Künstler der Kolonie den Bohnenkaffee für sich entdeckt hatten, der neuste Untertan der Alulim, Prometos aus Shuruppak. In der Hand hielt er ein Lesegerät, das er nun beiseite legte, jedoch angeschaltet ließ.
Umul musste blinzeln, um sich davon zu überzeugen, keinem Trugbild aufzusitzen. Kein Zweifel, da saß sein Klonbruder, der niemals auch nur angedeutet hatte, sich für das Theater zu interessieren, als handle es sich um die natürlichste Sache auf der Welt.
„Vater möchte keine Zeit verschwenden“, erläuterte Inanna dem Regisseur. „Prometos muss innerhalb kürzester Zeit als vollwertiger Alulimbürger etabliert werden. Zudem ist er in unserer Altersgruppe ziemlich populär.“
Kannst du dir wirklich vorstellen, so etwas zu machen? fragte Umuls Blick den Bruder weniger diskret, aber ebenso zuverlässig wie der Äthersinn.
„Es kam unerwartet, aber der Befehl ist mir nicht abhor“, entgegnete der Wissenschaftler.

Nicht nur Prometos war neu zur Truppe hinzugestoßen, auch Zeus-urtana und Shala nahmen an diesem Tag erst zum zweiten Mal an einer Probe teil. Enlil hatte angeordnet, sämtliche Nichtalulim durch Angehörige des eigenen Hauses zu ersetzen, nachdem Umul bereits mehrere Wochen lang mit einer gemischten Besetzung gearbeitet hatte.
„Apropos unerwartet“, mischte sich folgerichtig Kalkal ein. „Wir haben mit Catêli Dagan unseren Hauptdarsteller verloren. Wie soll es nun weitergehen?“
„Prinzessin Ishtar?“ wandte sich Umul höflich an die Ranghöchste in der Runde. „Möchtet Ihr die Rolle Enscha-sims übernehmen?“
„Nein, danke, ich bleibe lieber die Hexenkönigin“, lachte die Nefilim. „Ich war schon beim letzten Mal männlich.“
Umul zögerte kurz, dann trat er an ein Regal, entnahm ihm eine Kopie des Manuskripts und wollte sie seinem Bruder überreichen. Prometos drehte sein Lesegerät so, dass Umul den angezeigten Text sehen konnte.
„Ich habe schon eins.“
Der Jüngere entwand Prometos das Gerät, auf dem das Manuskript flimmerte. Er veränderte einige Einstellungen und reichte es anschließend zurück.
„Das ist Euer Text, Mêak-adamu!“
Prometos starrte auf die geänderte Bildschirmanzeige, in der seine Rolle nun farbig unterlegt hervorgehoben wurde.
„Bist du dir dessen ganz sicher?“ vergewisserte er sich.
Umul nickte. „Ihr seid der Menschenmacher. Herr Enlil wird es lieben!“
„Welche Rolle hast du ihm zugeteilt?“ forschte Kalkal.
Umul lies sich nicht zu einer Aussage verleiten.
„Das werdet Ihr hören, wenn mein Bruder seine Stimme erhebt, Herr“, erklärte er. „Unsere Laiendarsteller neigen mir ohnehin noch viel zu sehr dazu, denjenigen erwartungsvoll anzuschauen, der als nächster das Wort an sich nehmen wird. Ich wiederhole: die von Euch verkörperte Person kann das vorher nicht wissen! Auch im Äther nicht, Frau Shala. Ich habe das nachgeschlagen und wurde in meiner Einschätzung bestätigt, dass es einem normalen Anwender im Alltag nicht möglich ist.“
„Gut, dann sehe ich meinem Mann eben nicht mit dem Feuer der Leidenschaft in die Augen, wenn ich ihm sage, dass ich ihn liebe“, meinte Inanna. „Ganz das brave Frauchen aus dem Mittelalter…“
„…das auch oft nicht gewusst hat, welcher der Anwesenden ihr denn nun zum Gatten zugedacht war“, ergänzte Schen respektlos. „Passt doch.“
Über das sich erhebende Lachen bat Kalkal die Prinzessin stumm, einfach eine der bereits besprochenen Szenen anzuspielen, dann werde man ja sehen, wer ihr antworte. Insgeheim hatte er Shala im Verdacht, deren Ambitionen sie durchaus als geeignet für das Bäuerlein erscheinen ließen, welches sich durch geliehene Zaubermacht zum Eroberer aufgeschwungen hatte. Zeus und Schen, von Umul gar nicht zu reden, fehlte es überdies am passenden gesellschaftlichen Status für eine Hauptrolle.

Die Nefilimprinzessin entrollte ihre Schreibfolien, auf denen sie neben dem Text auch Hinweise zum Spiel notiert hatte. Den Text beherrschte sie auswendig, doch das Experimentieren damit hatte gerade erst begonnen. Nach einem kurzen Studium der Folie lies Inanna sie wieder sinken und begann frei zu sprechen:
„Eine Gabe, die nicht benutzt wird, kommt einer Kränkung des Schenkenden gleich, mein Geliebter. Du hast die Labbusgabe nicht eingesetzt, bevor wir uns kennenlernten. In deiner Jugend hattest du keine Veranlassung dazu, das sehe ich ein. Doch heute? Was wäre es wohl mehr wert, für immer zu bestehen, als unsere Liebe?“
Leise, aber bestimmt, mit sanfter Überlegenheit, die keinen Platz für Überheblichkeit besaß, seine Worte eher gehaucht denn gesprochen, dennoch von der Andeutung unterlegt, dass der Sprecher durchaus in der Lage gewesen wäre, die Hexenkönigin mit der zerstörerischen Gewalt der heiligen Winde selbst hinwegzufegen, antwortete Enscha-sim: „Wenn ich die letzte Gabe benutze, muss ich sterben.“
Die Augen aller Anwesenden richteten sich ungläubig auf den Sprecher.
„Ja, was denn?“ grinste Prometos. „Das steht hier so. Ihr kennt doch den Text bereits viel länger als ich!“
„Das ist dein neuer Enscha-sim?!“ rief Schen empört in die Runde.
„Enscha-sim ist ein Bauer niederster Herkunft, Herr“, gab Umul zurück. „Was missfällt Euch da an meiner Zuordnung?“
<Ich habe kein Problem mit der Zuordnung, sondern eher mit seiner zoologischen Ordnung>, strahlte Schens Geist aus.

Inanna erhob sich aus ihrem Stuhl. Sie überwand die kurze Entfernung zu Prometos´ Platz, drehte eine halbe Runde um den Tisch und erklärte dann: „Also mir gefällt er sehr gut. In seiner Rolle, meine ich natürlich.“
Prometos stand ebenfalls auf. Seine Zunge fuhr unwillkürlich über die Innenseite seiner Zahnreihen, die restlichen Körperteile wussten sich glücklicherweise besser zu benehmen.
So gefalle ich dir also, Prinzessin? Ach, was soll´s, ich habe viel zu lange nicht mehr geflirtet!
Prometos verstieg sich nicht in den fruchtlosen Versuch, überhaupt eine einzige Flirterfahrung in seinen Erinnerungen finden zu wollen. Er lies sich einfach auf das Spiel ein. Unter vielen Berührungen führten Enscha-sim und die Hexenkönigin ihren Dialog fort.
„Ich misstraue Labbu“, erklärte Prometos, seine Stirn an die der für ihr Volk klein gewachsenen Inanna gelehnt. Die Darsteller vermochten einander daher auf selber Höhe in die Augen zu schauen.
„Das sieht gut aus, aber dadurch wird der Schall fast komplett geschluckt“, kommentierte Shala die Aufstellung der Gesprächspartner gnadenlos. „Kannst du ein paar Kehlkopfmikrofone für diese Szene auftreiben, damit auch die zahlenden Zuschauer etwas davon haben?“ bat sie Umul.
Zeus-urtana vergrub das Gesicht in seinen Notizblättern, um sein spontanes Lachen wenigstens ansatzweise zu dämpfen.
„Frau Shala!“ ächzte Umul. „Gefiederpest, Shala! Aber, ja, derartige Mikrofone lassen sich einrichten.“
Inanna kicherte. Prometos hob seine Hände. Er legte sie stützend um die Oberarme seiner Bühnenbraut. Inanna führte seinerseits ihre Finger auf das Gesicht des Titanen zu. Sie stupste ihn frech gegen die Nase.
„Denk doch mal nach, mein Geliebter!“ forderte die Hexe Enscha-sim auf.
Eine Mischung aus Empörung und Amüsement zur Schau stellend löste sich der Eroberer von seiner Gefährtin. Davon ungerührt sprach diese weiter: „Labbu ist ein Dämon, also ein Geschäftsmann! Was gewinnt er durch deine Entscheidung, seine Gabe zu benutzen?“
„Meinen Tod.“
„Davon hat er nichts.“
„Also was dann?“
„Ich weiß es nicht!“
„Was immer ich wähle, es wird auf alle Ewigkeit bestehen, aber durch Labbu befleckt sein. Willst du unsere Liebe dazu verdammen?“
Auf Inannas während früherer Proben an dieser Stelle erschollenes Lachen warteten die anderen diesmal vergeblich. Die Hexenkönigin trat stattdessen auf Enscha-sim zu, streichelte ihm zärtlich über die Wange und flüsterte: „Mit so etwas Reinem wie der Liebe können die Sterblichen gar nicht umgehen!“
„Kehlkopfmikrofone nicht vergessen!“ raunte Umul Urtana zu. Es hätte nicht viel gefehlt und der Annunaki hätte daraufhin vor Lachen in seine Schreibfolien gebissen.
Inanna legte ihre Hände auf die Schultern des Mannes. Sie sah ihm schmachtend in die Augen und trat dann ein Stück zurück, um Prometos´ Körper noch einmal komplett in Augenschein zu nehmen. Mit dem zufrieden, was sie erblickte, erklärte die Hexenkönigin: „Dich selbst sollst du kopieren!“
„Dann sterbe ich.“
„Aber im selben Moment wirst du unsterblich!“ rief die Hexenkönigin begeistert aus. Inanna probierte sich an einigen tänzelnden Schritten auf der Stelle. „Labbu verliert und unsere Liebe wird dadurch unsterblich, dass du es sein wirst!“
Dass es sich bei Enscha-sims Partnerin um ein unsterbliches Wesen handelte, war dem Zuschauer an diesem Punkt der Handlung längst klar. Es brauchte nicht noch einmal wiederholt zu werden.
„Aber tu es bald!“ forderte Inanna. „Bevor du zu alt und klapprig bist!“
Sie drehte sich auf dem Absatz um und hinterlies einen in „das ist wieder einmal mein Weibchen aber auch dafür liebe ich sie“ – Manier kopfschüttelnden Enscha-sim.
„Ich bin mir nicht sicher, was die Beinarbeit angeht“, meinte Umul.
Kalkal stimmte dem Titanen zu: „Sollte die Hexenkönigin wirklich vor Vorfreude herumhüpfen wie ein Mädchen in der Bräuteschule?“
„Das kratzt nicht an ihrem Lack. Die Hexe ist mächtig genug, sich einen solchen Auftritt leisten zu können“, argumentierte Inanna.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s