Enscha-sims Versuchung (Teil 4 von 5)

Kapitel 8 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Umul hatte inzwischen in seinem Manuskript eine Szene übersprungen. Er warf dem bisher stumm gebliebenen Schen einen prüfenden Blick zu.
„Bleibt bitte gleich so stehen, Prometos. Herr Kalkal…“
„Ist es Zeit für Labbus Auftritt?“
„Ich würde gern hören, wie Schen in dieser Rolle klingt“, bat der Regisseur.
Bereits im Aufstehen begriffen richtete der Höfling nun lediglich den Sitz seiner Robe. Umul interpretierte das korrekt als Zustimmung zu seiner Neuzuweisung der Figur.
„Wir gehen direkt in Akt 6, Szene 3, Vers 14“, wies Umul seine Schauspieler an. „Der Dämon Labbu wirft Enscha-sim Feigheit vor, um ihn dazu zu provozieren die letzte Gabe einzusetzen. Prometos!“
Umuls Bruder machte sich mit seinen Textzeilen vertraut. Er prägte sich die Abschnitte so gut wie möglich ein, dann begann er, bereits in der Rolle des Enscha-sim, die Arme zu verschränkten, überlegte es sich jedoch im letzten Moment anders und legte nur den rechten Ellenbogen in die linke Hand. Enscha-sim senkte den Kopf. Er fuhr sich über die Stirn, dann über den gedachten Kinnbart, den Prometos selbst nicht besaß. Schließlich wedelte er mit der Hand in der Luft vor dem sitzenden Schen herum, wobei er die Augen rollte.
„Mir war bisher nicht klar, in ein Bündnis mit Sheol eingetreten zu sein, Schattenloser“, sprach Enscha-sim.
Prometos´ durch die gedehnte Aussprache des Wortes „Bündnis“ zum Ausdruck gebrachte Herablassung brachte Labbu dazu, die Zähne zu fletschen. Schen stellte fest, das nicht einmal spielen zu müssen. Seine Nackenhaare stellten sich ganz von selbst auf und ein tiefes Raubtiergrollen entschlüpfte seiner Kehle. Fremd, fremd, raus aus meinem Revier! echote es beim Anblick des Titanen in Schens Geist, was sich der Annunaki selbst nicht erklären konnte. Denn immerhin stellte ja er selbst, und nicht etwa der Mischling, den Fremdkörper im Lebensnetz des Planeten dar.
Betont forsch tat der Feldherr einen halben Schritt rückwärts und breitete die Arme aus.
„Ich stehe unter keiner Verpflichtung, deinen Wünschen zu entsprechen!“ erklärte er.
So flink, wie er es sich in einem Ökosystem angewöhnt hatte, das keine Gnade mit Säugetierchen jeglichen Gehirnvolumens kannte, schoss Schen aus seinem Sitz nach vorn auf Prometos zu. Kalkal, Shala, Zeus-urtana und Umul schnappten erschrocken nach Luft, nur die Kriegerin Inanna pfiff anerkennend durch die Zähne. Prometos bemühte sich, seine Standfestigkeit zu bewahren, konnte jedoch ein unwillkürliches Blinzeln nicht verhindern.
„Du bist einfach nur zu feige, es zu tun!“ geiferte Labbu.
„Noch mal!“ forderte Umul. „Greift ihn diesmal richtig an, Herr Schen. Prometos – da Ihr ja diesmal wisst, was auf Euch zukommt, sollte es Euch nicht schwer fallen, dem Aufprall standzuhalten.“
Erneut spielten und sprachen die beiden Männer ihre Rollen.
Labbu wischte Enscha-sims abwehrend erhobene Hand aus dem Sprung heraus mit dem Handgelenk zur Seite. Seine Klauen bohrten sich in das Gewand des Sterblichen. Wieder rang Enscha-sim um Fassung, wieder verlor er seine feste Haltung nicht.

<Phantastisch!> rief Kalkal stumm in die Runde. „Die Spannung zwischen den beiden ist famos!“ führte er näher aus. „Das müssen die nicht einmal spielen. Ach, besäße Prometos doch noch seinen Äthersinn! Das Publikum wäre begeistert!“
Ihre eigenen Äthersinns verrieten den dieser Wahrnehmung Mächtigen im Raum, dass nicht viel gefehlt hätte, um dem Edelmann Tränen der Rührung in die Augen zu treiben.
„So lege ich eben noch eins ´drauf!“ zischte Schen, den deutlich würdevolleren Text Labbus für den Moment ignorierend. „Ich schlage dir eine Wette vor, Sterblicher!“
„Oh, ich bin ein Feldherr“, winkte Enscha-sim ab. „Ein Mann, der es gewohnt ist, Risiken einzugehen, doch müssen sie kalkulierbar bleiben. Eine Chance zu riskieren, deren Zahlenwert man nicht kennt, gebührt nur den Narren.“
„Den Kühnen!“
„Den Waghalsigen.“
„Das liegt nah beieinander.“
„Gleichermaßen weit entfernt von meinem Geschmack.“
„Dennoch“, lies der Dämon nicht locker. „Ich spreche hier von einer Wette, die nicht dein Glück auf die Probe stellt, sondern deine Fähigkeiten!“
„Das klingt nicht uninteressant“, lenkte der Sterbliche ein. „So sprich!“
Schen las Labbus Angebot aus seinem Manuskript ab: „Schaffe mit deinem Stab etwas, das für immer bestehen bleibt. Ich wette, dass du es nicht wagst, aber sollte ich mich in dir getäuscht haben, so sorge ich dafür, dass sich dir mehr Ländereien unterwerfen, als du bis jetzt unter deine Kontrolle gebracht hast!“
Enscha-sim blinzelte. „Ist das alles, was du verlangst?“
Überrascht legte Labbu seinen Kopf zur Seite. „Du wirst es also doch tun?“
„Ja.“
„Mit deinem Stab?“
„Aber natürlich! Mit meinem Stab.“
Einladend wies der Feldherr auf einen Stapel Schreibfolien.
„Komm, Dämon, lass uns sogleich eine Tafel anfertigen! Und du, mein Schreiber…“ An dieser Stelle eilte dienstbeflissen Shala, des Eroberers treuer Diener, herbei. „Halte Wort für Wort und Silbe für Silbe fest, was gerade ausbedungen wurde!“ forderte sein Herr.
„Enscha-sim bleibt nichts anderes übrig, als sich selbst zu kopieren“, erklärte Kalkal leise Zeus-urtana, von dem er empfing, dass er den Anschluss verloren hatte. „Denn jede andere Wahl führt zu seinem Tod. Dann hätte er nichts mehr von seinem Wettgewinn. Und die Sache wird immer verlockender für den Mann, denn Labbu hat darauf verzichtet, eine Bedingung an eine Niederlage Enscha-sims zu knüpfen.“
„Während du auf die Tafel schreibst, drückst du diesen Chip in den Ton und aktivierst ihn, wenn du fertig bist“, wies Kalkal danach Shala an. „Dadurch werden Runen in den Raum projiziert und mit der Themenmusik unterlegt, bevor die Handlung in den finalen Akt geht.“

Inanna erhob ihre Stimme, kaum dass das Spiel der drei Gemeinen beendet war: „Schens Darstellungsweise ändert Labbus Charakter von Kalkals Interpretation als einem souveränen Fürsten Sheols zu dem eines profiliersüchtigen Sukkallu der Niederhöllen. Enscha und Labbu agieren jetzt auf demselben Niveau. Sie messen sich aneinander und jeder weiß, dass eine Entscheidung auf Messers Schneide stünde. Schens Labbu verzichtet nicht auf die Festlegung einer Verlustbedingung, der versäumt es viel eher! Nabu wollte Enscha aber einen extrem mächtigen Gegner schlagen lassen!“
Umul sah das ähnlich, doch im Gegensatz zu der Nefilimdame fand er die Abweichung ansprechend: „Labbu versucht während des gesamten Bühnenstücks immer wieder, eine echte Konfrontation mit Enscha zu verhindern. Er narrt, verspottet und provoziert ihn, aber nie bis zu dem Punkt, an dem eine Entscheidung zwischen seiner Zauberkraft und Enscha-sims Armee unausweichlich würde. Aus der Perspektive eines niederen Dämons, der ahnt, dass er verlieren könnte, wirkt das überzeugend. Aus Sicht eines Höllenfürsten hingegen entspränge seine Zurückhalten eher Rücksichtnahme, weil er einen Narren an dem kleinen sterblichen Wurm gefressen hat. Ich denke, das ist ein Klischee, das wir oft genug gesehen haben.“
„Es ist noch lange nicht gesagt, dass der Bauer ‚meinem’ Labbu in irgendeiner Weise das Wasser reichen könnte“, behauptete Schen. „Denn Enscha betrügt ja, um die Wette zu gewinnen.“
„Er nutzt alle ihm von der Natur mitgegebenen Mittel“, widersprach Prometos.
Darauf wusste Schen nichts mehr zu erwidern. Lediglich sein Äthersinn strahlte das aus, was ein in einen Käfig gesperrtes Tier empfinden musste. Schens Gitterstäbe waren die Regeln der Höflichkeit gegenüber einem ihm gleichrangigen und ein klein wenig prominenteren Gemeinen.
Auch Kalkal bediente sich des Äthersinns, als er sich an Inanna wandte: <Wunderbar! Die Raubtiernatur der Eridu Fünfzig anzuspielen! Damit wird Umul nicht verfehlen, auf der Bühne Eindruck zu schinden. Versöhnt dich das ein wenig?>
„Hm? Ja? Wie bitte?“ <Entschuldige, ich war in Gedanken bereits woanders.>
Während Kalkal noch vergeblich versuche, seiner Standesgenossin zu entlocken, worüber sie nachgrübelte, aktualisierte Umul seine Darstellerliste:

Enscha-sims Versuchung; Darsteller und [Requisiten]

Enscha-sim: Catêli Dagan Prometos Alulim
Enscha-sims Jugendfreund: Kaschi [x] Zeus-urtana Alulim
Der Zauberer: [Umul /Tichupak] Kalkal Alulim
Der Gutsherr: Schen Alulim [Umul /Tichupak] ?
Die Dörfler: Publikum (Gemeine)
Enscha-sims Schreiber: Schen Alulim Shala Alulim
Der Kleriker, Bruder des Schreibers: Asaluhi Ea Shala Alulim
D.h. es wird OHNE die Szene gespielt, in der sich die beiden aussprechen!
Enscha-sims Hauptmann: Kathrima Ubaid Kalkal Alulim
Der Viehhändler: Sydyk Zisi [Umul /Tichupak]
Der Gastwirt: Siduri Ra-poktli Ishtar Alulim
Die Söldner: Publikum (Gemeine und Gleichgestellte)
Die Soldaten der Häuser: Publikum (Gleichgestellte und Adlige)
Die Untoten: [Holoprojektion]
Die Hexenkönigin: Ishtar Alulim
Der Dämon Labbu: Kalkal Alulim Schen Alulim

Wie beiläufig passierte Umul Schens und Zeus-urtanas Tisch. Wie aufgewühlt der Neuling noch immer war! Beinahe meinte Umul, Shens Herz heftig klopfen zu hören und hielt der Annunaki seine Hände nicht ein wenig wie eine dieser kleinen Raubechsen, aus denen die Schreckensvögel hervorgegangen sein sollten, deren letzte Nachkommen den Siedlern noch immer das Leben schwer machten? Nun, das mochte Einbildung sein, die vor Wut zitternden Lippen des Mannes und seine zusammengekniffenen Augen hingegen waren nicht wegzurationalisieren.
„Ihr müsst lernen, euch besser von Eurer Rolle zu trennen“, riet Umul dem Darsteller. „Natürlich sollt Ihr Euch in Labbus Haut versetzen, zu Euren eigenen Schutz ist es allerdings unerlässlich, jederzeit die Distanz – und damit die Kontrolle – zu wahren.“ Umul seufzte. „Das soll kein Vorwurf sein, Herr. Das Ganze ist ein Spagat, der erst erlernt mühsam werden muss.“
Schen senkte den Kopf vor dem Regisseur, denn ungeachtet seines Standes war der Sklave ja eine Autorität innerhalb der Produktion.
„Ja…“
Autorität – und gleichzeitig Subjekt der Abscheu. Schen schluckte hart.
Wieso verabscheue ich die Adamu eigentlich, fragte er sich selbst? Die Antwort lag in jener am Ufer des Schlangensumpfes verbrachten Zeit nach der Notlandung der Eridu Fünfzig auf Ki.
Wie kann etwas, das sich nicht anders verhält als wir, die Frechheit besitzen, in einem Körper herumzulaufen, der zu diesem Planeten gehört? dachte der Annunaki. Nach allem, was wir glaubten, hier gelernt zu haben!
Das Blut der Erde hatte sprechen gelernt, nachdem man es in Shuruppak mit Fleisch der Sterne vermischt hatte. ‚Arrangiert euch mit den Mächtigen!’ sprach es durch Adapas und Prometos´ Entscheidungen im Verlauf der Schöpfungsgeschichte zu den Annunaki. ‚Kauft euch in die Freiheit ein, indem ihr ein anderes Volk versklavt!’ Unterordnung und festgefügte Rollen, nicht Gleichheit, lautete das wahre Lied der Natur und jene Narren, die während ihres Exils geglaubt hatten, einen anderen Text aus der Melodie herauszulesen, wagten es nicht mehr, einander in die Augen zu blicken. Manchen der Schusarveteranen fiel es leichter als anderen, den neuen Weg anzunehmen. Sie rannten nun einfach in die entgegengesetzte Richtung, als überzeugte Verfechter der „solange es den Adamu doch gut dabei geht“-Sklaverei, bis sie sich am Ende des Weges erneut die Köpfe einschlagen würden.
Wie weit lag selbst Schens erst so kurz zurückliegende Ankunft auf Ki mit dem unerwarteten Ausflug nach Dilmun hinter dem Mann, beinahe unwirklich. Die Gefühle, die ihn an diesem Tag beherrscht hatten, vermochte Schen kaum mehr abzurufen, denn spätere Erlebnisse hatten sie bestenfalls überdeckt und schlimmstenfalls zu Nostalgie verflacht.
Schen schmunzelte. Sich selbst von der Rolle Labbus zu trennen hatte ihm das Klonkind geraten? Ganz im Gegenteil schien es dem Mann am Vernünftigsten, sich auf seine Rolle einzulassen. Der Dämon Labbu hatte noch keine Adamu gekannt, konnte sie demnach auch nicht hassen.

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