Enscha-sims Versuchung (Teil 5 von 5)

Kapitel 8 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Als sich die Runde auflöste und Prometos nach einigen Worten an Umul zum Ausgang des Bühnenhauses strebte, hielt ihn Ishtar auf.
„Die Szene, die wir heute als erstes gespielt haben, findet eigentlich im Bett statt“, eröffnete sie ihm geradeheraus.
Prometos nickte. „Ich weiß, Enat. Ich habe den gesamten Text gelesen, nicht nur die Rollen, die ich als für meinen Stand in Frage kommend in Betracht gezogen hatte.“
„Stets der Vollblutwissenschaftler“, kommentierte Inanna lächelnd.
Prometos´ Verwendung der weiblichen Form der Anrede „Herr“ schmeichelte ihr. Im Lexikon des Enuninschen suchte man ihn vergebens, sondern musste ein regionales Dialektwörterbuch bemühen, um das dazugehörige Schriftbild zu finden.
„Aber Herr Dumuzi spielt den Enscha-sim nicht“, sprach Prometos weiter. „Und Euer Zwillingsbruder lebt im fernen Dreisternsystem. Folglich darf die Szene zwischen Enscha und der Hexenkönigin auf der Bühne nicht im Bett stattfinden.“
„Oha! Nicht nur Vollblut-, sondern noch dazu weltfremder Wissenschaftler? Du hast wirklich Sekundärliteratur zur Theaterpraxis herangezogen, bevor du zur Probe gekommen bist?“
Prometos schüttelte den Kopf.
„Nicht zur Praxis. Lediglich zu den rechtlichen Rahmenbedingungen. Über die tatsächliche Umsetzung informiert mich die Lokalzeitung.“
„Dann wirst du wissen, dass weder Ashtar noch Dumuzi benötigt werden“, säuselte Inanna. „Wenn du richtig spielen willst, wirst du in mir eine willige Partnerin finden.“
Aus seiner Lehrzeit war Prometos bekannt, dass eins und eins bisweilen drei ergeben konnte, wenn es sich um ein sehr großes Eins handelte. Er hatte diesen Zusammenhang nie richtig verstanden und musste es als Genetiker auch gar nicht. An diesem Abend lieferte ihm Prinzessin Ishtar ein leichter verständliches Gleichnis aus dem Alltag: Die „zwei“ in der Zweideutigkeit ihrer Aussage war so klein, dass bereits wieder ein EINdeutiges Angebot daraus wurde. Die Alulimprinzessin wünschte sich nicht nur eine Bett-, sondern eine echte Sexszene. Mit einem Titanen! Im ausverkauften Bühnenhaus in Nippur!

„Ich bin nicht Adapa, Enat…“ begann Prometos zaghaft.
Er betete stumm zum von Madi Enqatl so gepriesenen Verstand der Sternengötter, dass sich das „En“ in Enat als stärker als die feminine Nachsilbe herausstellen möge, die Nefilimdame ihre Weiblichkeit also den Geboten ihres Standes unterordnen würde.
„Wenn Ihr ihn vermisst, ja, das kann ich nachvollziehen. Aber ich bin nicht er“, bekräftigte der Titan. „Wir teilen uns lediglich denselben Gensatz.“
„Das will ich hoffen! Sonst wäre es ja langweilig!“
„Herrin… Inanna… Prinzessin Alulim…“ begann Prometos zu stottern.
„Man nennt mich die Himmelsherrin“, erklärte Inanna.
Der Titan fing sich wieder.
„Inanna also“, nickte er. „Inanna, Ihr seid so attraktiv, dass Worte es nur unvollkommen zu beschreiben vermögen. Die Kunst der Verführung beherrscht Ihr so gekonnt, dass Worte es nicht beschreiben dürfen, wenn sie dem Sprecher nicht den Mund verbrennen wollen. Ihr seid überdies die Zwillingsschwester unseres übernächsten Großen An. Prinz Ashtar ist politisch… ähm, unerfahren. Er benötigt Euch und Herrn Dumuzi an seiner Seite, wenn er erst einmal den Kaiserthron bestiegen hat. Euer Vater weiß das, weswegen Ihr mit mehr skandalwürdigen Taten ungeschoren davonkommt, als er anderen durchgehen lassen würde. Aber ich, ich kann mir das nicht leisten. Ich bin ein Alulim auf Probe und mir liegt viel an dem Wappen.“
„Mehr als an m…“
Inannas „mir“ ging in ein ausgedehntes Mhmmmmm! über, was sich einfach nicht vermeiden ließ, wenn ein gutaussehender Mann überraschend seine Lippen auf die ihren presste.
„Bekomme ich mehr?“ flüsterte sie, nachdem sich die Küssenden voneinander gelöst hatten, aber noch immer Stirn an Stirn gelehnt standen.
„Die nächste Stufe besteht in einem Eimer mit kaltem Wasser, Prinzessin“, raunte Prometos liebevoll zurück.
„Was?!“

„Malt es Euch doch bitte einmal aus! Wie wirkt es wohl auf die Zuschauer, wenn Ihr im Rahmen eines Bühnenstücks einen Adamu liebt? Ich kann es Euch sagen: Als würdet Ihr einen Gegenstand benutzen! Verführt Umul dazu und niemand würde etwas anderes als eine Requisite in ihm sehen – wobei es natürlich Handlungen gibt, die man auch mit einem Gegenstand nicht vor aller Augen tun sollte.“
Inanna kicherte vergnügt über diese Aussage. Erleichtert, nicht sofort den vollen Zorn einer verschmähten Adligen ausbaden zu müssen, sprach der Mann weiter: „Das Bühnenstatut erlaubt Bettszenen nur mit Ehepartnern, Zwillingsgeschwistern und Puppen, einschließlich Hologrammen. Steige ich als weder das erste noch das zweite zu Euch aufs Lager, so werde ich automatisch zum einzigen noch verbleibenden dritten Objekt in der Aufzählung. Könnt Ihr mir soweit folgen? Gut! Dann frage ich Euch, was würde Euer Vater dazu sagen, träte ich seine Gaben vor den Augen seiner Untertanen dermaßen mit Füßen? Meinen Personenstatus und mein Hausrecht?“
Inanna ergriff Prometos´ Arme zur höfischen Friedensgeste. Es sollte sich bei dieser Berührung um eine Respektbezeugung höchsten Maßes handeln, die das gegenseitige Vertrauen der Ausführenden untermauerte, doch fühlte sich Prometos in letzter Zeit nur peinlich berührt, wenn sie ihm angeboten wurde. Kamikal und Inanna mochten die Geste ehrlich meinen, doch Prometos wollte ob der sie begleitenden Umstände einfach nur fliehen.
„Gut gesprochen, Prometos Alulim!“ lobte die Prinzessin. „Ich will nicht behaupten, nicht enttäuscht zu sein. Aber ich bin keine Sklavin meiner Triebe und deine Einstellung imponiert mir. Du bist so frei wie mutig – nicht zu vergessen gutaussehend. Ich respektiere deine Entscheidung.“
„Ja, also, dann gehe ich mal…“ erklärte Prometos. Er fühlte sich, als sei er wieder zwölf Jahre alt und nicht etwa ein würdevoller Bürger des ersten Hauses in der Rangfolge.

*

Der Titan verließ das Bühnenhaus etwa zur Mitte der Nacht. Ein freier Tag lag vor ihm, da Aruru Ea ihm die mit Theaterproben verbrachte Zeit nicht als Freizeit, sondern Dienst am Kolonisierungsprojekt anrechnete und jeweils einen Tag für An- und Abreise zugab. Prometos beschloss, mit dem Nachtflug nach Shuruppak zurückzukehren, sich bei Agakus Familie zum Frühstück einzuladen und den folgenden Tag mit Vorbereitungen für seine Arbeit zu verbringen.
Im die Hospitalstadt ansteuernden Flieger nahm Prometos noch einmal das Manuskript zur Hand, um sich die Zeit zu vertreiben.
Bin ich Enscha-sim, der eine Dynastie zu zeugen hat? fragte er sich. Oder habe ich durch meine Befreiung der Titanen lediglich meinen Bruder mit Studienmaterial für seine soziologischen Ambitionen versorgt?
Nabus Enscha-sim hatte dem Dämon Labbu letzten Endes ein Schnippchen geschlagen, indem er die Wettbedingungen wörtlich auffasste. Er schuf etwas, das für immer bestehen blieb, nämlich seine eigene Dynastie, durch die Zeugung eines Sohns. Der dazu benötigte Stab war allerdings ein anderer als der mit der Labbusgabe verbesserte magische Stecken. Genaugenommen besaß jeder Mann einen solchen Stab.
„Er verheert die alte Welt. Alles, was an ihr schlecht war, geht unter, also auch Enscha-sim, der als Produkt dieser Welt sichtbar gemachter (wenngleich überzeichneter) Ausdruck all ihrer Übel ist“, sagte der Bühnenautor im Nachwort selbst über seinen Text aus. „Die neue Welt, die der Bauer seinem Sohn hinterlässt, enthält vordergründig keine Übel mehr. Aber die nie genutzte Labbusgabe und der Stecken schlummern noch immer irgendwo in Vergessenheit, für den Augenblick ruhig gestellt, bis sie zuerst vergessen und dann eines Tages unweigerlich von einem neuen Enscha-sim wiederentdeckt werden.“
„Willkommen in Dilmun“, seufzte Prometos zu diesen Worten.
Als sich der Text in einer Diskussion der Etymologie des Namens Enscha-sim und der Frage, wo die Silben tatsächlich zu trennen seien, zu ergehen begann, schlummerte er in seinem Flugzeugsitz in seligen Schlaf. Die Träume des Titanen waren friedlich und angenehm. Seine selbstgewählte Aufgabe auf Dilmun, dem kleinen Dorf auf die Füße zu helfen, war ja abgeschlossen, er war wieder zuhause und seine Tochter, so gefühlskalt das für einen Außernstehenden klingen musste, würde in Prometos’ Wahrnehmung ewig leben, da er sie zwar als alte Frau, aber eben lebendig zurückgelassen hatte. Adapas und Chevas Probleme waren nicht die seinen. So er auch Anteil an ihnen nahm, wusste er doch eine Grenze zu ziehen.

Auf der Insel Edin im eridischen Golf schreckte ein anderer Alulim in derselben Nacht aus dem Schlaf, wie eigentlich in fast jeder, wenn ihn wieder einmal die Albträume überkamen. Auch Prinz Enlil teilte ja seine Gene mit einem älteren Klonbruder, doch er war nicht so selbstverständlich mit dieser Tatsache aufgewachsen wie ein Titan.
Und was Enlil Alulim betraf, würde über direkte oder indirekte Kanäle auch das Schicksal Erbet-Kibratims als Ganzes bestimmen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s