Die Maskenträger (Teil 1 von 5)

Kapitel 9 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Gihon und Pischon, die beiden großen Ströme des Verwaltungsbezirkes Hawila, wiesen eine Vielzahl von Zuflüssen, Nebenarmen und Tochterflüssen auf. Eines der größten dieser Gewässer, die Buntbarschbek, verbreiterte sich an einer Stelle ihres Laufes zu einem See. Vor langer Zeit war hier durch Mäandrierung eine einem Wasserring umspülte Insel entstanden. Nach einem Erdrutsch hatte sich diese in eine Mulde verwandelt, in die das Wasser abgelaufen war und schließlich hatte sich im jahreszeitlichen Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser der Vaterfluss wieder einen Durchbruch zu seinem vernachlässigten Kind gebahnt.
Diese Lokalgeschichte war den meisten Siedlern unbekannt. Für sie war der See schon immer dagewesen und würde es immer bleiben, bis die langlebigen Nefilim weitere landschaftsformende Prozesse miterleben würden, die sie etwa ein Jahr später als „das war schon immer so“ wahrzunehmen beäannen. Für Adamu, die zwar zuverlässiger zwischen gestern und vorhin, vorgestern und vergangene Woche diferenzieren konnten, setzte das „schon immer“-Gefühl bereits nach drei Monaten ein.

Gleich den Fingern einer riesigen Nefilimhand ragten sechs rechteckige Flügel eines Gebäudes in den See hinein. Jeder verfügte über eine eigene gefestigte Anlegestelle. Das Hauptgebäude, von dem die einzelnen Flügel abgingen, befand sich auf dem Trockenen. Dieser ebenfalls als klobiges Rechteck ausgeführte Querbalken wurde gemeinschaftlich von allen Burgbewohnern genutzt. Die „Finger“ beherbergten die Wohntrakte der Nefilim und ihres Gesindes, wobei jeder der sechs Adligen peinlichst darauf achtete, welcher Gast Zugang zu seinem Hafen erhielt und wer nicht.
Die sechs in den See ragenden Seitenflügel erreichten nur die Höhe einer einzigen Etage des Hauptgebäudes. Dass sie dennoch jeweils zwei eigene Geschosse aufwiesen lag einfach daran, dass die Decken viel niedriger, weniger saalartig, sondern normalhohe Wohnräume bildend, eingezogen worden waren. Das Leben der Bewohner spielte sich sowohl innerhalb ihrer Flügel, als auch in der jeweils eigenen Hafenanlage und auf den Dächern ab. Erst im dritten Obergeschoss des Haupthauses genoss man den besten, ungehinderten Blick über den See. Diese Etage blieb Geschäfts- und politischen Verhandlungen vorbehalten, die vom hiesigen Adelsclan als Ganzes geführt wurden.
Auf der gegenüberliegenden Uferseite befand sich ein Flugfeld, zudem ragten hier Geschützbatterien in den Himmel und leicht anmutende, jedoch mit modernsten Waffen bestückte Panzerkreuzer lagen in ihrem eigenen Kriegshafen vor Anker. Die überall präsenten Farben Rot und Weiß sowie das Bild der geflügelten Katze kennzeichneten die Festung als Bastion des Hauses Qat, eines der mächtigsten unter den niederadligen Häusern. Der Katzenclan umgab sich mit der irdischen Entsprechnung ihres Wappentiers: schlanke Falbkatzen fischten am Ufer des Sees oder räkelten sich öffentlichkeitswirksam auf Kommoden und Fensterbänken in den Adelsquartieren.

Zwei Dörfer befanden sich in unmittelbarer Nähe: Taneter 8 versorgte die Festung lediglich indirekt, indem der dortige Gutsherr seine Erträge an die Kolonialregierung ablieferte, die sie wiederum nach einem Schlüssel auf die fünfzig Häuser verteilte. Das schloss natürlich den gelegentlichen Schmuggel oder die als halblegal tolerierte Abgabe von Kleinstmengen an Privatpersonen nicht aus.
Taneter 9a hingegen beherbergte Uschebti, die sowohl in der Festung arbeiteten, als auch das zum Gut gehörige Land bestellen mussten. Man hatte dem Schusarveteranen Enjelis Qat den Posten des Vogts von Taneter 9a angeboten, doch wollte der Annunaki seinen Arbeitsplatz in der Hospitalstadt nicht aufgeben. In Shuruppak hatte Enjelis das Gefühl, zum Wohle der gesamten Kolonie zu arbeiten, selbst wenn er nur Regale einräumte. Taneter 9a und die Burg hingegen untermauerten den Herrschaftsanspruch des Katzenclans über ihre hiesige Domäne. Hausfremde wurden hier nicht gern gesehen, außer, es gelang Karashishi, Enlil den einen oder anderen Grauen als Ergänzung zu den Uschebti abzuschwatzen.

Der Hauptsitz des Katzenclans auf Ki wirkte eindrucksvoller als Enki Eas kompakte Residenz in Eridu. Doch wer in die Festung eingeladen wurde und sich dort genauer umschaute, entlarvte das Qat´sche Domizil trotz seiner Weitläufigkeit als nicht viel mehr als eine der üblichen Festungen, wie sie sich der niedere Adel auf Ki errichtete. Es fehlte am Luxus sowie der jedes kleinste Detail das täglichen Lebens abdeckenden Haushaltselektronik, die man sich daheim leistete.
An einigen Stellen prangte sogar noch immer der Schriftzug „Taneter 9“ und hier und da passierten Besucher eine Wand, die einstmals Teil eines der Varuna-Landemodule gewesen sein musste. Die Adligen, Gemeinen und Sklaven des Katzenclans verbargen diese Runen nicht, sondern strahlten Stolz aus, wann immer ein Gast sie entdeckte. Aus dem einstigen Bauernhof Taneter 9 in der Hawila´schen Savanne hatte sich ihr Stammsitz auf diesem Planeten entwickelt.
Wie hier an der Buntbarschbek war es vielerorts in der Neuen Welt geschehen: Seit Prinz Enlil den Clans im Zuge des Hawila-Aufstandes die grundsätzliche Erlaubnis zur Absteckung eigener Domänen erteilt hatte, waren mehr und mehr Schranken gefallen. In der Gegenwart befanden sich bereits siebenunddreißig Prozent der erschlossenen Landfläche Kis in Privathand. Aus diesem Grund demonstrierten die Qat so gern die Insignien eines verschwundenen Landgutes, das sich dereinst am Ufer des Sees befunden hatte. Denn die Siedlung war nicht wirklich vom Erdboden verschwunden, sondern sie hatte sich in etwas anderes, den Kolonisten wohlgefälligeres verwandelt.

Was seinen Verwandten als Symbol des Fortschritts galt, erschien dem gerade in der Festung angekommenen Kethri Izimu als unauslöschlich in die Mauern eingebrannter Beweis der eigenen Niederlage. Ein von den Eridu Fünfzig erträumtes grenzenloses, schrankenloses Erbet-Kibratim schien nur in Form spezieller Leseprogramme für Sehbehinderte realisierbar zu sein. Die Assoziation rief Erinnerungen wach: Hatte Dumuzi nicht dereinst den gesamten Bund der Fünfzig Namen als geistig behindert bezeichnet? Derselbe Dumuzi, der das „Taneter 9“ neben Kethris Apartmentttür jetzt als letzte Erinnerung an eine Torheit bezeichnete?
<Ich bin bei dir.> erklang eine wohlbekannte geistige Stimme in Izimus Kopf. „Als dein Bewährungsoffizier ist es ohnehin meine Pflicht“, ergänzte Enki Ea.
<Weiß ich ja.> „Aber wie Shushoran einmal sagte: dadurch, dass etwas plötzlich leich-ter ist, muss es noch lange nicht wirklich leicht geworden sein.“
Enki funkelte den „Taneter“-Schriftzug zornig an, als mache er die Zeichen dafür verantwortlich, dem jungen Artgenossen dass Herz schwer zu machen. Dass er, Enki Ea, im Rahmen seiner Aufträge an Izimu dasselbe tat, lies sich nicht vermeiden. Aus diesem Grund fuhr der Patriarch des Schlangenclans seine Fangzähne umso bereitwilliger gegen alle anderen aus, die sein Sprechendes Schwert physisch oder psychisch zu verletzen drohten. Er bezeichnete sein Verhalten als Freundschaft und sonnte sich in dem guten Gefühl, das es ihm bescherte, sich als treuen Freund zu definieren.
„Wie könnte ich weniger tun, wo du mir dasselbe doch bereits im Alter von einem sechzehntel Zyklus (Anm. 1) versprochen hast?“ knüpfte Enki an seine geistige Versicherung an.
„Ja, nicht wahr…“ <Warte mal! Daran erinnerst du dich noch?! An unsere erste Begegnung?!>
„Lass mich mal nachdenken… Außerordentliche Buchprüfung im Hause Qat durch einen Abgesandten des Hofgerichts – repräsentiert durch meine Person – Duell mit einem jähzornigen Madi, großäugige Zwillinge, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein fremdes Hauswappen sehen, dann eine Hand, ungewachsen, versteht sich, die an meiner zweitbesten Robe zerrt, begleitet von den überzeugten Worten ‚die Allimu sind ja alle böse, komm mit, ich mache, dass die dir nichts tun’? Ja, ich denke, so etwas prägt sich für´s Leben ein.“
„Ich…“ Izimu Qats ernste Besorgnis wich übergangslos dem jungen Kethri, der das Ganze überaus lustig fand.
„Gut“, nickte Enki. „Perfekt. In dieser Stimmung will ich dich während der Feier haben, mein Freund.“
Der Nefilimfürst hob seine Hand, um sein Stirnband mit den eingelassenen Amazonitsteinchen, die den Träger gegen Spannungskopschmerz resistent machen sollten, gerade zu rücken. Dann aktivierte Enki die holographische Hausmaske, die seine Gesichtszüge verdecken würde.
„In genau dieser Stimmung“, bekräftigte er. „Damit wir nicht vergessen, wer wir unter diesen Dingern sind!“
Kethri folgte Enkis Beispiel. Er hatte für das anstehende Gesellschaftsereignis wieder einmal die Galauniform eines Kapitänleutnants angelegt, zu der auch Beinkleider anstelle eines Rocks gehörten, doch um die zeremonielle Hausmaske vermochte er sich nicht herummogeln. Obwohl die Illusion substanzlos war, meinte der junge Mann stets, schwerer atmen zu können, solange sie aktiv war. Während seiner Häftlingszeit hatte sich Kethri mehr als einmal mit einer geschlossenen, meist zusätzlich noch gebrauchten, Mülltüte über dem Kopf unter der Dusche wiedergefunden. Doch selbst im Vergleich zu dieser Erfahrung meinte er, unter dem Hologramm ersticken zu müssen.

Anm. 1: Ein achtjähriger Nefilim (0,16 Enunzyklen) befindet sich auf dem Entwicklungsstand eines vierjährigen Menschenkindes.

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