Die Maskenträger (Teil 3 von 5)

„Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen“, versicherte Janka Ea gerade einem Marineoffizier des Hauses Qat. „Alalus Angebot beinhaltete ja doch nur eine Unterstützungsklausel in deren Konflikt mit dem Stierclan. Die Löwenadler heuern quasi Söldner an, sie bieten euch keine echte Partnerschaft. Mit unserer Hilfe hingegen überholt ihr Miztli noch innerhalb dieser Generation. Euer Krümel Amurri wird das noch bei besten Manneskräften erleben!“
„Unter den Kleinen ist derzeit Kethri der Lieblingssohn“, schmunzelte der Offizier.
„Stimmt“, gab Janka zu. „Ich vergesse immer wieder, wie jung der Jagdmeister eigentlich noch ist.“
Janka Ea respektierte Kethris Fähigkeiten auf vielerlei Gebiet, wie seine Ätherpräsenz deutlich zum Ausdruck gab. Andererseits war er ein wenig eifersüchtig auf den Jungen, der Enkis Zuneigung gewonnen und damit den ihm zustehenden Platz gestohlen hatte. Doch seit Adapas Verschwinden aus dem Lebenskreis des Patriarchen, seit zumindest das lästige Haustier nicht mehr da war, stimmte zumindest das Machtgefüge wieder.

Scheseg Schenseka fühlte sich nicht wohl dabei, sich vor Augen zu halten, wie eng die beiden Clans unter Katze und Schlange in Zukunft zusammenarbeiten würden. Das Lasso, mit dem die Katzenkinder den Löwen einzufangen gedachten, mochte sich schon bald als feste Fessel erweisen, die sie selbst umschlungen hielt. Zwar blieb Ea jegliche Einflussnahme in Fels Innenpolitik verwehrt, doch mit der feierlich gelobten engeren Zusammenarbeit im Kolonialrat, bisweilen sogar vor dem Hoftag, gab das kleine Haus Kompetenzen an das Große ab. Nötig hätten Fel und Miakez das nicht gehabt, jedenfalls nicht, wäre es ihnen lediglich darum gegangen, ihre erreichte Position zu halten.
„Liefere deine Hausaufgaben pünktlich ab, bevor du andere über Politik belehrst“, schnarrte Seka daher Janka an. Seit wenigen Wochen zählte der Offizier zum Kreis seiner Studenten. Da sich Madi Enqatl mehr und mehr in Richtung der die Adamu betreffenden Projekte orientierte, führte Seka in Nippur die psychologische und hirnphysiologische Forschung seines Vorgesetzten weiter. Nicht wenige Schriften, die unter Madis Namen veröffentlicht wurden, stammten zum größten Teil aus Schesegs Feder.

„Hausaufgaben, Janka?“ erkundigte sich Marduk Ea belustigt. „Habe ich das gerade richtig gehört?“
Der Annunaki nickte. Er ließ seine Gefühle ungefiltert in den Äther fließen: <Mit diesem Kerl bekommt man es zu tun, wenn man sich auf einen Studienplatz beim großen Madi Enqatl Qat bewirbt. Ich sehe Professor Madi häufiger im Klonkindprojekt in Shuruppak, als dass er mir in Nippur in der Akademie über den Weg liefe.>
„Dann hat Vater dir also deinen langgehegten Wunsch erfüllt“, sinnierte Marduk. Er hob die Hand, als ihn eine weitere Gedankenwelle überrollen wollte. „Nicht, Janka! Stopp! Dass ich das mit deinem Studium längst wüsste, ließe ich mich häufiger in Eridu blicken, wolltest du ‚sagen’. Aber du würdest noch weniger von mir halten, ließe ich mein Schwadron im Stich, um Familienbesuche außer der Reihe zu tätigen.“
Der junge Offizier blickte dem General fest in die Augen, als er ergänzte: „Euch ist es auf Ki über den Hawila-Aufstand vielleicht entgangen, aber ich bin kurz zuvor volljährig geworden. Und in Sippar bin ich leichter zu erreichen als, sagen wir, vom Ufer eines Drecklochs inmitten der prähistorischen Pampa aus, in die man sich manövriert hat, während der halbwüchsige Sohn allein zuhause…“
„Marduk!“ fuhr Janka seinem Fürsten über den Mund. „Den vernachlässigten Sohn gebt Ihr nur zum Besten, weil es Euch gerade passt!“
„Tja“, lächelte Enkis Sohn. „Dann fruchtet die Ea´sche Erziehung ja doch bei mir.“
Von einem Diener lies sich Marduk zwei Weingläser reichen.
„Komm, Janka, trink mit mir! Und dann erzähl´ mir von deinen Erlebnissen an der Akademie! Du hast Recht, den vernachlässigten Prinzen bringe ich nicht überzeugend `rüber, aber ein Scheidungskind zu sein bekommt mir tatsächlich schlecht. Ich fahre die Giftzähne gegen dasjenige Elternteil aus, bei dem ich gerade zu Gast bin. Dabei hatte ich mich auf deine ersten Studententage gefreut. Wenn sie auch nur halb so unterhaltsam wie die meinen waren…“
„Nun, ein Psychologe lernt sicher andere Dinge als ein Fähnrich…“
<Oha! Du bist unzufrieden mit deinem Fach? Wie kommt´s? Bist du mit falschen Vorstellungen herangegangen?>
Gern hätte Janka ebenso diskret über den Äther geantwortet, doch gestaltete sich seine Antwort als zu komplex, um von seinem Annunakigeist gezielt dem Empfänger ins Hirn gesandt zu werden. Daher antwortete er: „Ich kann mir noch kein Bild von dem Fach machen, weil ich noch nicht dazu vorgedrungen bin.“
„Oha zum zweiten“, kommentierte Marduk diese Antwort. „Das liegt jetzt aber nicht am ausschweifenden Studentenleben, wenn ich deine Gefühle richtig lese?“
Janka schüttelte den Kopf. „Enqatl lässt keinen Gemeinen oder Gleichgestellten zu seinen Kursen zu, der nicht vorher einen halben Enunzyklus lang berufsbegleitend Psychologie/Soziologie/An.throplologie studiert hat. Er beharrt auf dem Standpunkt, dieser Ausbildungsgang führe uns zuverlässig zu einem Abschluss, mit dem uns vielversprechende Karrieren offen stehen: Uschebtipfleger, Ausbilder im Militär, Fernflugberater, …“
„Ja, ja, und lauter andere Dinge, die gesucht werden“, wehrte Marduk ab, „aber doch keine akademische Karriere ermöglichen! Dieser Mischmasch aus allem, was irgendwie das Sozialverhalten berührt, befähigt dich in keiner Weise zur Promotion! Du musst dir irgendwelchen abgespeckten Mist beibringen lassen, den du nach den fünfundzwanzig Jahren mühsam wieder verlernen musst, weil sein wissenschaftlicher Informationsgehalt so dünn, aber leider nicht so reißfest, wie Seide ist – obwohl er auf den ersten Blick wahnsinnig gut aussieht.“
„Gut gesagt, junger Herr Marduk“, nickte Janka düster.
„Den kaufe ich mir!“ zischte Marduk. „Einen Freund meines Vaters… meinen Waffenbruder… einen General meines Hauses in dieser Weise zu behandeln, damit wird die arrogante Katze nicht durchkommen!“

Marduk orientierte sich im Raum. Er erspähte Madi vor einer Reihe von Gläsern stehend, in denen jeweils eine Perle in Essig schwamm. Eines dieser Gläser hatte er bis zum Eichstrich mit Wasser aufgefüllt und wartete nun darauf, dass die Protonen in der Lösung zu wandern begännen, damit sich die Perle zu der gewünschten Leckerei auflöse.
Marduk stürmte er auf den Gourmet zu.
<Madi Enqatl Qat!!!>
Madi formte seine Gedankenenergie zu einem Schild, der ihn vor Marduks aufgepeitschten Emotionen schützen sollte. Als wäre der junge Mann tatsächlich gegen eine solide Wand geprallt, hielt er inne, kaum, dass er in Madis Kontrollbereich gelangte.
„Was macht eine Person aus?“ empfing Madi Enkis Sohn unvermittelt mit einer Frage.
„Die Fähigkeit, sich diese Frage zu stellen“, erwiderte Marduk wie aus der Pistole geschossen.
„Ja, manche Kollegen ziehen das bereits als Beweis heran. Aber genügt es?“
Genüsslich angelte Madi die gelblich-graue Schlacke aus dem Glas und verspeiste sie.
„Wir verfügen auch über ein Konzept der Igigi, können ihre Fähigkeiten theoretisieren, sind aber selbst keine“, meinte er dabei. „Oder nimm einen Knaben, der noch lange kein Kranfahrer ist, nur weil er die Erläuterungen zu diesem Beruf in seinem Kinderbuch verstanden hat. Er tastet sich gerade erst an die Materie heran!“
„Und, Enqatl? Was macht nun das Wesen einer Person aus?“ ging Marduk auf das Spiel ein.
Er tastete mit dem eigenen Äthersinn den geistigen Schild des niederen Adligen ab, auf der Suche nach einer Angriffsmöglichkeit. Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass er bei einem Katzenfürsten dabei buchstäblich auf Granit biss.
Gefiederpest! Die Beschäftigung mit dem exotischen Äthersinn der Adamu hat Madi, Jesket und den Jagdmeister genug über seine allgemeine Funktionsweise gelehrt, um ihre Gedankenschilde auf ein unerwartetes Niveau zu heben. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie ihre Techniken nicht den anderen niederadligen Häusern weiterverkaufen!
Madi musste nicht lange über die ihm gestellte Frage nachdenken. „Die Einsicht in seine Natur, in unserem Falle also in die staatliche Ordnung, hebt eine Person vom Tier ab“, behauptete er. „Als sage der Pegasus, ja, ich weiß, ich verstehe ein Pegasus zu sein.“
„Phantastisch, Enqatl. Und nun zurück zum Thema…“
„Wir sind bereits bei deinem Anliegen, Mariutu Ea. Annunakistudenten demonstrieren noch ungenügende Einsicht in ihr Wesen. Ihr beschränkter Intellekt gehört nicht in einen Hörsaal. Es ist allerdings völlig in Ordnung für unsere Untertanen, ihren Wert als Arbeitskräfte zu erhöhen. Daher stecke ich sie in eine praxisorientierte Ausbildung. Den meisten genügt, was sie dort erhalten. Sie verlassen die Schulbank zufrieden und befreit von ihren Höhenflügen.“
„Du unterstützt den Bildungsdrang deiner Annunaki, damit sie euch nach ihrer Ausbildung höhere Steuern zahlen?“ übersetzte Marduk Enqatls Aussage. „Als seien sie nur zum Arbeiten geboren?“
„Korrekterweise müsste man sagen zum Dienen, aber in den meisten Fällen läuft es auf dasselbe hinaus. Individuen wie deinem Janka fehlt dieses Verständnis ihrer selbst. Es ist zweifelhaft, ob sie sich tatsächlich als vernunftbegabte Wesen qualifizieren, wenn sie in ihrer Einstellung verharren.“
Marduk stockte für eine Sekunde der Atem. Empfand dieser Madi seine Schikane auch noch als eine Art resozialiserender Maßnahme? Wie die Sinnlosarbeit in einigen Gefängnissen, zu denen das Streichen des immer selben Zauns, aber jeden Tag in einer anderen Farbe, gehörte?

<Mariutu?>
<Vater!>
Man konnte über Enki Ea sagen, was man wollte, aber er war stets da, wenn er spürte, dass einer seiner Freunde sich in Nöten befand. Oft genug fungierte Enki selbst als Ursache dieser Nöte und zuweilen versäumte er über seine ehrgeizigen Projekte, das Gefühlsleben seiner Familie zu überprüfen, doch wenn er es denn einmal tat, gab es keinen verteidigungsbereiteren Krieger im Clan der Schlange. Dann breitete er tröstend die schneeweißen Schwingen mit dem Goldschimmer über den Verwandten oder Freund und fegte mit seinem biegsamen, kraftvollen Reptilienleib alle Unbill hinweg. So sah sich Enki gern und wer ihn einmal so erlebt hatte, hielt hartnäckig an dieser Wahrnehmung des Mannes fest, selbst wenn er Enki übergangslos dessen Inkarnation als eiskalter, zielorientierter und keinen Deut weniger gewaltbereiter Patriarch der Ea gegenüberstand.
„Und, Enki?“ knurrte Enqatl, dem das Erscheinen des Vaters seines Diskussionspartners gegen den Strich ging. Kethri hatte in Marduks Alter jedenfalls nicht mehr nach Fel geweint, wenn er sich in Bedrängnis befunden hatte! „Schmecken dir die Fische noch?“
„Sie hätten tief unten in ihrem See bleiben sollen, anstatt dreist in die Luft zu springen, wo der Speer auf sie wartet“, gab Enki zurück. „Das ist ein grausamer Tod, weißt du?“
Die Spannung zwischen Enqatl, Marduk und dem hinzugetretenen Enki war auch Lafirashat nicht entgangen. Mit den Worten „Mein Schatz als führender Kopf des Klondkind 3.0 – Experiments und Madi Qat als der Leiter des Adamu – Programms sollten sich doch bestens verstehen!“ drängte sie sich zwischen die Männer.
„<Einen Toast auf die beiden, auf zukünftige Gewinne und fruchtbare Zusammenarbeit>!“ forderte Lafiraschat eindringlich. Die umstehenden Gäste ließen sich nicht lange bitten. Doch in diesem Fall erlaubte Enki seinem Geist nicht, sich in der wohligen Stimmung des Verehrtwerdens aufzulösen.
<Du setzt mich nachher unter vier Augen darüber in Kenntnis, wofür der teppichbodenbekotzende Fellträger sein Fett weg bekommt>, versprach er Marduk. <Denn dass er das nötig hat, erkenne ich deutlich im Äther.>

„Stört dich das eigentlich, dass unsere Beziehung nie fruchtbar sein wird?“ neckte Kethri Izimu Enki, nachdem die Trinksprüche abebbten.
Marduk prustete vor Lachen sein Getränk ins Glas zurück! Mit seinem Verhalten erntete er eine Reihe pikierter Blicke. Enki legte seinen Arm um seinen Sohn und lud Janka und Kethri ein, sich ihm und Marduk anzuschließen: „Tung hat unten ein paar Tragflächenrennboote bereit gemacht. Wasser zu schlucken ist ohnehin gesünder als Alkohol.“
„Tja, so ist er eben“, verteidigte Lafirashat ihren Galan achselzuckend, als dieser Enqatl völlig vergessen zu haben schien.
Nur Kethri drehte sich noch zweimal zu seinem älteren Bruder um, bevor er gemeinsam mit den Ea den Festsaal verließ.
„Jetzt ist alles verloren!“ stöhnte Seka Qat.
Enki, Marduk, Janka und Kethri verschwanden vorerst außer Sicht. Die Partygäste sammelten sich nach und nach an den großen Aussichtsscheiben dieser Etage oder folgten den Männern zu Kethris Hafen. Die letzte Hemmschwelle einer großangelegten Verbrüderung war mit der offenkundigen Freundschaftsbekundung des Qat´schens Lieblingssohnes zu den Ea abgebaut worden. Scheseg Schenseka und Karashishi standen nun endgültig allein mit ihren Bedenken.
Doch die anwesenden Adligen sahen nur, was sie verstehen konnten, wie sich nämlich ein Sohn des Hauses, ein Fürst noch dazu, in die Gruppe der Vertragspartner integrierte und damit das Signal gab, seinem Beispiel zu folgen. Wenn Fels Kethri den Vertragsabschluss gut hieß, so wollten sie das auch versuchen. Die Herren und Damen erkannten nicht, dass in Wirklichkeit gerade eine Gruppe befreundeter Individuen eine Feier des Adels verlassen hatte, denn sie selbst vermochten sich nicht von der Hauspolitik lösen. Sie benahmen sich wie Nefilim und begriffen wohl auch, welche zu sein, aber genügte das, um sich als Person zu qualifizieren?

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