Die Maskenträger (Teil 4 von 5)

Kapitel 9 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Auf der Buntbarschbek herrschte weitaus weniger Frachtverkehr als auf den Hauptströmen der Region. Was im Herzen des Qat’schen Reiches zusammenlief, waren nicht mehr die Waren selbst, sondern einerseits Datenströme und andererseits Vertragspartner. Bei Bedarf konnte der Krieghafen Eskorten oder Zerstörer aussenden, davon einmal abgesehen aber blieb der See den Freizeitsportlern vorbehalten. Puzur Amurri besaß eine gläserne Taucherglocke sowie ein kleines Aquarienhaus im Ergeschoss seines Traktes, ansonsten wirkte seine Anlegestelle zweckmäßig, da Fels jüngster Sohn das offene Meer vorzog.
Im Gegensatz dazu hatte Kethri seinen Hafen als Marina mit allen ihren Annehmlichkeiten gestaltet. Selbst dem Wassersport eher abgeneigt, liebte er doch die Geselligkeit, die mit der Anlage einherging.
Am Wasser wurden der Hausherr, Enki, Janka, Tung und Marduk von Diener empfangen, die ihrem Fürsten und den Gästen aus deren Gewändern halfen. Die fünf legten Wassersportwesten an, zogen dünne Kappen über ihre Köpfe und rückten schmale Schutzbrillen gegen das Spritzwasser zurecht. Bademütze und Brille verschwanden allerdings sofort unter den unverändert aktiv bleibenden Hausmasken.
Vier der fünf Männer traten an die Kante der Anlegestelle heran, wo die ihnen zugedachten Rennboote friedlich auf dem Wasser dümpelten. Ungeachtet ihrer Bezeichnung erinnerten die „Boote“ viel eher an gestauchte Mopeds und auf dem Trockenen lagen derzeit zwei Modelle, die stehend gefahren werden mussten. Ihnen allen war gemein, dass sie über derzeit noch unter der Wasseroberfläche verborgene Tragflächen verfügten. Nahm das Gefährt Fahrt auf, würden diese Tragflächen den Bootsrumpf aus dem Wasser heben und den Fahrern aufgrund der beinahe vollständig außer Kraft gesetzten Reibung immense Geschwindigkeiten ermöglichen. Ein hochgerüstetes Tragflächenboot, Sportfahrzeuge wie die an der Festung vor Anker liegenden eingeschlossen, war schwer zu kontrollieren.
Der im Hafen zurückbleibende Tung Ea wusste das, weshalb er eines für sich selbst zurückbehielt – um gegebenenfalls Marduk, Janka oder Kethri aus dem Wasser zu fischen.

„Siegbedingung?“ erkundigte sich Kethri knapp.
„Wer als erster wieder hier ankommt, natürlich“, erwiderte Enki.
Die Ätherpräsenz des Jüngeren drückte aus, dass dieser die Antwort nicht nur gehört und verstanden habe, sondern sich überdies mit ihrem Inhalt einverstanden erklärte. Kethri sprang dann auch als erster auf sein Gefährt. Um ihn herum war der Äther schwanger von Informationen, die ausgetauscht wurden. Jeder der Teilnehmer hatte bereits zahlreiche ähnliche Rennen gefahren, so dass sie lediglich das Äquivalent zu einer Liste mit Vorschlägen zu den verwendeten Spielregeln senden mussten, auf der die anderen ihr Kreuzchen an die gewünschte Position setzen mussten. Weder hörte Kethri die geistigen Stimmen der anderen, noch stiegen Bilder vor seinem inneren Auge auf, doch am Ende des Austausches wusste er, was erlaubt und was verboten war.
Auf das Startsignal hin nahmen die Boote Fahrt auf.
Wer geht als erster baden? Kethri natürlich, überlegte Tung. Verständlich, bedenkt man, dass er uns während der Notwasserung mit der „Schusar“ beinahe ertrunken wäre. Er hat sich nicht gerade eine Phobie eingefangen, doch so richtig sicher wird er nie auf den Wellen sein.

Tung sah seine Befürchtungen bestätigt, als bereits kurz nachdem sich sein Boot über die Wasseroberfläche erhoben hatte der Fahrer an der Spitze strauchelte und mit einem vernehmlichen Platzen im See landete. Das Rennboot strebte unterdessen führerlos weiter in Richtung einer Boje, die den vier Wettfahrern als Wendepunkt dienen sollte.
Tung griff nach der Lenkstange des letzten verbliebenen Rennbootes, erkannte jedoch im selben Moment, dass sein Rettungseinsatz nicht benötigt wurde. Enki hatte das Rennen bereits unterbrochen. Der Nefilim bremste ab und lenkte sein Boot auf den Punkt zu, an dem Kethri Izimu unter der Wasseroberfläche verschwunden war. Das Gefährt kam punktgenau kaum das Gefährt zum Stehen.
<Dort drüben!> lies sich jemand in Enkis Rücken vernehmen. Sekundenbuchteile später brausten Janka und Marduk an ihrem Patriarchen vorbei, bereit, das Rennen zwischen sich zu entscheiden.
Enkis Blick wanderte zu der Stelle, auf die ihn sein Sohn hingewiesen hatte. Wenige Meter von Kethris Unglücksstelle entfernt hob sich der Kopf des Jägers aus dem Wasser.
Kethri rührte sich nicht. Hatte er sich möglicherweise verletzt?
Und er trägt noch immer diese verdammte Maske! schoss es Enki durch den Kopf.
<Ich komme!>
Der Mann sprang ins Wasser.
<Ich bin gleich da!>
Er tauchte unter.
<Halte durch!>
Irgendwo hier muss der Junge doch treiben. Und wieso liegt er eigentlich so seltsam im Wasser?
Enki brachte einige Schwimmzüge hinter sich. Er befand sich nun direkt unter der Stelle, an der Kethris Kopf auf dem Wasser ragte. Was fehlte, war der Rest des Körpers. Lediglich Kethris Stirnband mit dem noch immer aktiven Holoprojektor trieb auf der Wasseroberfläche.
<Kethri?>
Enki tauchte auf.
„Kethri!“ rief er, obgleich es natürlich sinnlos war. Wenn er seinen Freund suchen wollte, so würde er das im See tauchend tun müssen.
Wie konnte nur so etwas passieren? Bei einem harmlosen Spiel! Das ist doch nicht wahr! Er kann doch nicht einfach so… ertrinken? Wir haben nur gespielt…

„Sag´ mal, ein bisschen gemein ist das schon vor dir, oder etwa nicht?“ stellte indessen im Hafen Tung Ea den Jagdmeister zur Rede. Kethri Izimu kletterte gerade eine der aus dem Wasser führenden Leitern hoch – triefnass, ein wenig keuchend, aber quicklebendig.
„Nö. Wenn er in Betracht zieht, ich könnte ertrunken sein, wird Enki so erleichtert sein, dass er keinen Widerspruch leistet, wenn ich ihm gleich sage…“ begann der Nefilim. Dann erhob er seine Stimme und rief weithin über das Wasser zu hören: „Ich habe gewonnen!“
Enki fuhr im Wasser herum.
Janka und Marduk hielten in ihrem Rennen inne. Sie stoppten ihre Tragflächenboote kurz vor der Wendemarkierung und sahen sich zuerst verdutzt, dann verstehend an.
„Hat er wirklich gewonnen?“ vergewisserte sich Janka.
„Na ja, laut der Siegbedingung schon“, musste Marduk zugeben. „Es war nie die Rede davon, dass das Boot wieder mit ankommen müsse. Und rein vom Wortlaut her fehlte auch jegliche Erwähnung der abzufahrenden Strecke.“ <Das hatten wir ja nur im Äther ausgemacht.>
„Kethri Izimu Qat!“ brüllte Enki Ea, gefolgt von einer Reihe Worten aus der alten Sprache. Es handelte sich um die vergleichsweise harmlose Beleidigung, der andere sei eine elende wasserscheue Katze, aber selbst diese brauchte die Qat´sche Untertanenschaft nicht unbedingt zu verstehen.
„Was hat er gesagt?“ erkundigte sich Tung.
„Die Wahrheit“, erklärte Kethri.
„Dass du eine elende wasserscheue Katze seiest oder etwas in der Art? Was mich angeht, so habe ich deinen kleinen Auftritt genossen. Es war wieder wie in alten Zeiten.“
Kethri lies sich ein Badetuch zum Abtrocknen reichen.
„Ja, das war es“, stimmte er dem Gemeinen zu. „Aber das ist nur eine Illusion, Tung. Denn am Abend schließt das Museum und wirft seine Besucher gnadenlos raus.“
Dann steckten die Eridu Fünfzig in noch älteren Zeiten fest und jedermann freute sich, wie schön normal nun wieder alles sei.

Mehr als dieser Name, so fürchteten Kethri und Tung, würde nicht bleiben. Die Schusarveteranen waren uneins in ihrer Haltung den Adamu gegenüber, was schon ironisch war, bedachte man, dass ihr in der Petrischale gezeugter Messias sie eigentlich hätte enger als jemals zuvor zusammenschweißen sollen. Ihre Fähigkeit, auf dem Planeten zu überleben, kam so nah an die der eingeborenen Tiere heran, dass der Unterschied nicht ins Gewicht fiel. Einige von ihnen vermochten sich sogar im Äther mit den Kreaturen Kis zu verbinden. Ihre Vertrautheit hätte mittlerweile einem Ätherkreis aus den Legenden gleichkommen müssen, stattdessen ermöglichte sie Tung lediglich, herauszufiltern, wer sich fundamental von den anderen unterschied: Schakan. Kethri. Imdugud. Kulla. Enki. Dumuzi. Etwas stimmte ganz und gar nicht, und bisweilen schien den Schusarveteranen diese Dissonanz weder in den politischen Ansichten noch in der Anzahl der Gene einer Person begründet zu sein. Aber vielleicht wollten sie sich das auch nur einreden, um eine Rechtfertigung für den Tag zu besitzen, an dem niemand mehr zu ihrer Liga erscheinen würde.

(Tung ist eine wiederkehrende Randfigur der Serie. Zur Schusarcrew stieß er in der Kurzgeschichte Tungs Platz )

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