Die Maskenträger (Teil 5 von 5)

Kapitel 9 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Enki, Tung und Kethri blieben noch eine Weile am Kai, nachdem sich die meisten anderen Partygäste auf die größeren der vor Anker liegenden Jachten und die Pavillons verteilt hatten.
Die drei entspannten in Liegestühlen, ließen sich von den Dienern Erfrischungen bringen und sprachen über vergangene Tage. Als das zu sehr schmerzte, kamen sie auf die Zukunft und die Rolle der Uschebti darin zu sprechen. Schließlich blieb ihnen nur das Schweigen, als auch das zu sehr weh tat. Endlich erhob sich Tung, in der festen Überzeugung, dass es seine Anwesenheit war, welche den beiden Adligen Unwohlsein verursachte. Sein letzter, sich um Adel und Familienkreis drehender Gedanke löste etwas in Enki aus…
„Was ist los mit meinem Bruder?“ fragte er Kethri. „Enlil bedrückt etwas, soviel steht fest. Er weicht mir aus, ohne dass ich wüsste, wieso.“ Flehentlich fuhr Enki fort: „Izimu! Ich will doch nicht, dass Enlil leidet! Du weißt, ich liebe meinen Bruder.“ <Er soll lediglich einsehen, dass ich der bessere Herrscher von uns beiden bin.>
<Ich denke, darunter würde er ebenfalls leiden…>
<Pah!>
„Es gibt nur eine Art, in der du Enlil in seiner Situation helfen kannst“, erklärte Kethri.
„Du bist befugt, sie mir zu verraten?“
„Ja. Was auch geschieht, sprich deinen Bruder unter keinen Umständen auf diese Angelegenheit an! Verstehst du? Niemals! Lass es bleiben! Und mach dir keine Vorwürfe. Du kannst nichts für Enlils Kummer.“
Kethri verschwieg dem Freund, dass er zwar nicht für die Sorgens eines Bruders verantwortlich, indirekt aber sehr wohl allein durch seine Existenz die Ursache dafür war.
Enki musste einen Ausläufer dieser Gefühle aufgefangen haben, denn er schmunzelte.
„Durch meine Existenz? Jetzt übertreibst du!“ <Die einzige Weise, auf die meine bloße Existenz Enlil irgendwie verstören könnte, wäre… nein, das ist lächerlich.>
Kethri spürte, wie der Ältere seinen Geist vor ihm verschloss. Bis vor Kurzem hätte er es als völlig natürliche Maßnahme zur Wahrung der Privatsphäre abgetan und entsprechend hingenommen. Doch diese spezielle Färbung des Äthers passte zu etwas, das Kethri in sich selbst wiederfand. Obwohl es sich die Personen nicht eingestanden, verrieten sich ihre Äthersinne gegenseitig, dass sie dasselbe Geheimnis teilten.
„Du weißt es?!“ entfuhr es Kethri daher.
<Du weißt es also>, sendete im selben Moment Enki.
Erneut schmunzelte der Nefilim, diesmal angesichts Kethris Überraschung. „Ich bin einer der führenden Mediziner Erbet-Kibratims, Kez“, erinnerte er Kethri. „Sicher hat mir unser Klonkind 3.0 Team so einiges voraus, da sie gerade aktiv in der Materie stehen, während mich die Haus- und Kolonialpolitik in Anspruch nimmt. Aber ich habe mein Handwerk bei Aruru gelernt. Vermutlich habe ich einen gewissen Teil meiner Ausbildung an Enlils und meinem Genmaterial absolviert.“

„Die Puzzleteile haben sich nicht sofort zusammengesetzt, aber als sie begannen, sich zu Clustern zusammenzufinden, zeichnete sich das Gesamtbild ab, lange bevor ich wusste, welcher Haken in welches Loch gehörte. Als dann unsere Zurückholung von Arurus Protokollen durch Janka im vergangenen Jahr keine Folgen nach sich zog, obwohl Edin davon Wind bekam, war ich mir endgültig sicher. Vater hat uns den „Diebstahl“ durchgehen lassen, denn er wollte keinen Staub aufwirbeln, unter dem sein Geheimnis hätte zutage treten können.“
„Hattest du dieses Wissen im Hinterkopf als du mit der Idee der Adamu vor den Rat tratest?“ forschte Kethri. „Nicht? Aber doch zumindest an dem Punkt, an dem wir entschieden, jeden einzelnen von Adapa zu klonen, anstatt den zusammen ihm gezeugten Kindern auch nur eine Chance auf Leben zu geben!“
„Das wirst du mir bis an die Tafel der Igigi vorhalten, nicht wahr?“ fragte Enkis Blick.
Doch da war noch etwas anderes in seinen Augen, das Kethri die Augen senken ließ. Was wusste er schon von den Heldentaten und Sünden, die Enki Ea in dreieinhalbtausend Ki-Umläufen angehäuft hatte? Kethri kannte seine eigenen Verfehlungen und Unterlassungen, die negierten nicht das Gute, das er ab und zu erreicht hatte. Er wusste um seine Wohltaten, und dass sie nicht die Untaten wettmachten. Keine der beiden Seiten addierte sich mit der anderen zu einem Mittelwert, alles existierte zu jeder Sekunde seines Lebens nebeneinander.
„Deswegen also hattest du nie Probleme damit, die Annunaki als gleichwertige Lebewesen zu begreifen.“
„Sowie die Adamu“, bekräftigte Enki. „Nicht gleichberechtigt, das kann sich Erbet-Kibratim derzeit noch nicht leisten, aber nichtsdestotrotz gleichberechtigt.“
Für Enki war es völlig indiskutabel, seinen Wert oder den eines anderen auf die biologische Herkunft zu gründen. Andersherum aber stellte Enlils Konstruktion schon einen wunden Punkt dar: Der jüngere Zwilling war ja offenbar gezielt hergestellt worden, um Enki beim kleinsten Fehler zu ersetzten. Wie es dann auch eingetroffen war.
<Und nun?> fragte Kethri. <Wie geht es jetzt weiter?>
„Wie schon!“ entgegnete Enki. „Es bleibt bei dem, was du gesagt hast: Ich darf Enlil unter keinen Umständen darauf ansprechen. Ein Gift tötet dich zuverlässig, auch wenn du weißt, was es chemisch gesehen mit dir anstellt.“
<Gibt es Hoffnung?>
<Für Enlil?>
„Für Enlil und für Erbet-Kibratim, während er sich in diesem Zustand befindet. Er könnte in jede Richtung ausschlagen.“
<Ich verstehe.> „Wir können es nur… hoffen.“ <Und uns bereit halten. Wie und wofür auch immer.>

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