Ein bißchen am Leben (Teil 2 von 5)

„Die Menschenmacher von Dilmun“,
Kapitel 10
Die Diskussion in Chevas Garten, obwohl sie doch zu keinem anderen Ergebnis als einem angenehmen Abend für die Beteiligten geführt hatte, sollte nicht ohne Folgen bleiben.
Es gehörte zu Chinun Osepas Pflichten im Allgemeinen das Ungeziefer aus Chevas Haus zu entfernen. Zu seinen Pflichten im Besonderen zählte es, eine Spezies, die als Wanze bekannt war, beim richtigen Empfänger abzuliefern. Der kleine Chip verfügte lediglich über Aufzeichnungskapazität. Das Gerät verriet sich nicht dadurch, das, was es gehört hatte, selbständig zu senden. Es verriet sich genaugenommen überhaupt nicht, was einer geschickten Kombination von verwendeten Kunststoffen und nur der allernötigsten installierten Funktionen zu verdanken war. Zum Ausgleich dafür benötigte das Tierchen allerdings auch die Hilfe eines Zweibeiners, um zu seinem Ziel zu gelangen.
„Gut gemacht!“ lobte Miat Gudea, der Ratsherr des Hauses Osepa, seinen Untertanen, als die Wanze aus der Hand des Sträflings auf seinen Schreibtisch wanderte. Er bedeutete dem Grauen, sich kurz zu entfernen und ließ ihn anschließend zwei Stunden lang warten. Als Chinun wieder in den Empfangsraum befohlen wurde, hatte sein Herr einen handgeschriebenen Text vorbereitet.
„Hauspolitisch war ja nicht viel aus der Aufzeichnung herauszuholen. Qat und Ea stellt ja nun keine Neuigkeit mehr dar. Aber willst du mal sehen, was wir daraus machen? Hier! Dieser Beitrag wird morgen in den Tagesnachrichten über alle öffentlichen Bildschirme flimmern:

Izimu Qat sagt: „Die Natur ist nur im Weg. So kommen wir nicht voran.“
Ein deutlicheres Plädoyer für urbanes Wachstum hätte uns niemand anderes geben können. Doch es wird wohl wieder einmal dutzender Sitzungen des Kolonialrates bedürfen, bevor wir uns endlich von einer Reihe der die zügige Fortentwicklung der Kolonie behindernden Naturschutzverordnungen trennen, die auf Anur zurecht in Kraft sind, aber in der Neuen Welt nichts zu suchen haben….

„Das wird unserem geliebten Umweltminister gehörigen Ärger mit seinem Naturfreundeverein, allen voran Enki Ea, bescheren!“ <Bis das Missverständnis sich geklärt hat, denn das wird es, werden emotionale Wunden geschlagen worden sein, die nur äußerst langwierig heilen.>
Chinun nickte geistesabwesend. „Oder ihn nach Hawila bringen“, stimmte er zu.
<Hawila? Was hat das jetzt mit… Ach so!> „Mach dir keine Sorgen wegen Hawila“, beruhigte der Adlige seinen Untertanen. „Du leistest gute Arbeit im Haus dieser Menschenfrau. Eine Strafverlegung ins Bergwerk steht nicht mehr zur Debatte, wenn du so weitermachst wie bisher.“
„Und mein Arbeitsvertrag mit Karashishi Qat? Darf ich die Stelle antreten, sobald ich wieder frei bin?“
Miat Gudea strahlte deutlichen Unmut aus. „Ich heiße es nicht gut, dass heutzutage jeder zu glauben scheint, unsere Hauswappen dienten nur noch der Festlegung, auf welchen Sportler man in den Ritterspielen hält“, schnauzte er Chinun an.
Dieser hob entschuldigend die Hände. „Osepa hat derzeit nun einmal keinen Bedarf an weiteren Journalisten“, verwehrte er sich gegen die Anschuldigung.
„Wurdest du als Journalist oder nicht eher als Angehöriger deines Hauses geboren?“ versetzte der Adlige. „Du kannst nicht erwarten, als entlassener Sträfling sofort die besten Berufe ausüben zu dürfen!“
„Geboren wurde ich als Bastard des Tausendfüßlerclans in Ki´r Tammuz auf Anur“, sprach Chinun leise. „Ein guter Freund meiner Mutter hat sich dafür eingesetzt, dass ich ein Hauswappen erhielt. Er hat mich zu diesem Zweck als seinen Sohn anerkannt, obwohl jeder auf den ersten Blick sehen konnte, dass ich ein Mischling war. Seit ich denken kann, bin ich ein Gemeiner des Hauses Osepa mit ein paar zusätzlichen Fähigkeiten im Äther. Meint Ihr nicht, Herr, dass ich diese Fähigkeiten in Karashishis Sendeanstalt zum Besten für Haus Osepa einsetzen könnte? Der Katzenclan streckt derzeit wieder seine Krallen aus. Wir vergessen gern, dass Qat ein uralter Clan ist, der die Resolution der Fünfzehn mit gesiegelt hat. Die Katzen allerdings haben das noch lange nicht und in Ea haben sie kürzlich einen mächtigen Partner gefunden…“

Der Nefilimfürst erhob sich in seinem Ledersessel, ohne allerdings vollständig aufzustehen. Er hob die Hände. In dieser Haltung erinnerte sein Herr Chinun Osepa an den Riesentausendfüßler, den der Clan im Wappen führte.
„Das ist lustig! Ausgerechnet du bietest dich mir als Spion in den Reihen des Katzenclans an? Der Verhörspezialist des Geheimdienstes, der darum bettelte, einen neuen Einsatzbereich zugewiesen zu bekommen? Dem der Patriarch in Anerkennung seiner geleisteten Arbeit einen Platz als Hofreporter verschaffte, nur, um gemeinsam mit dem restlichen Adel des Dreisternsystems über zahllose Zyklen von ihm verspottet zu werden? Seine Strafe dafür hat er noch nicht einmal abgesessen, da kommt ihm bereits neue Idee. Zu den Qat möchte er gehen, na, das ist ja wirklich mal amüsant!“
„Was blieb mir denn anderes übrig, als mich an Karashishi zu wenden? Die Zisi schicken alle Bewerbungen ungelesen zurück, die von Grauen oder ehemaligen Grauen abgeschickt werden.“
„Und das soll ich dir glauben? Dass es dir nur um berufliche Erfüllung ginge? Du dich nicht viel eher nach der anderen Seite deiner Herkunft orientieren willst? Mach dir da übrigens keine allzu großen Hoffnungen, Mann. Miakez´ Sippe ist seit vielen Generationen dafür berüchtigt, ihren Angehörigen bei der kleinsten Verfehlung partnerschaftlicher Natur das Adelswappen von der Brust zu reißen. Es ist also überhaupt noch nicht gesagt, dass dein Nefilimerzeuger von Adel gewesen sein muss.“
<Es geht mir wirklich nicht um ein Adelswappen, Herr>, verteidigte sich Chinun. Zu seinem Leidwesen konnte sein Mischlingsgeist nicht verhindern,weitere dazugehörige Gedanken in den Äther abzustrahlen: <Es könnte mir nicht egaler sein, zu welchem Haus ich gehöre…> „Ahuuuuuu!“ jaulte Chinun auf, als ihn eine scharfe Antwort seines Herrn traf, eine rein geistige Antwort, die sich keiner ausgefeilten Worte bedienen musste. Ihr Inhalt war unmissverständlich, ihre Eindringlichkeit stärker als es Peitsche und Schockwaffe zustande gebracht hätten.
„Du wirst die Minen schon bald aus erster Hand kennen lernen“, versprach Miat.
Chinun begriff, dass es sich um keine leere Drohung handelte. Die Geheimnisse, die er ausgegraben hatte, waren längst veraltet, oder von nur lokaler Bedeutung. Er verfügte über keinerlei Schutz mehr und Clan Osepa konnte sich seiner so diskret wie endgültig entledigen.
Vor Chinuns innerem Auge entstand ein Bild: Ein Schwarm kleiner Fische machte sich über Zwieback her, der in einer Kiste im Laderaum eines Schiffswracks lagerte. Beim Auflaufen auf ein Riff waren der Rumpf des Schiffes aufgerissen worden und die Kiste aufgeplatzt. Die Tierchen, die sich nun an der himmlischen Spende gütlich taten, verstanden weder, wo diese neue Höhle hergekommen war, noch, dass es sich um etwas anderes als eine natürliche Höhle handelte. Die Fische aber waren der Osepa’sche Adel, der das Klonkindprojekt und die Affären des Katzen- und des Schlangenclans aushorchte, in der Hoffnung, dabei ein paar Brosamen abzubekommen. Chinun machte sich bereit, seine Wahrnehmung seiner Herren in Miats Geist zu pflanzen, doch noch im Aufbau der Sendung begriffen, spürte er bereits den Gedankenschild des Nefilim, der seinen Angriff abwehren würde.
„Jetzt mach dich nach Hause, damit der Menschenfrau nichts auffällt“, ordnete Miat an, als sei nichts im Äther vorgefallen.
„Cheva. Ihr Name ist Cheva“, erwiderte Chinun schwach.
Dann wandte er sich zum Gehen, wobei er immer wieder innehallten und sich mit der flachen Hand an der Wand abstützten musste. Seine Fische und grelle Lichtblitze torkelten durch den Geist des Annunaki – die Nachwirkungen von Miats Angriff und seines vereitelten Vergeltungsversuches.

Nachdem er sich einigermaßen gefangen hatte, suchte Chinun Osepa wie befohlen das Haus seiner Dienstherrin auf. Er würde auch noch hier sein, wenn ihn in den nächsten Tagen Soldaten seines Hauses abholen und nach Hawila bringen würden. Wohin hätte er auch fliehen können? Das Mê-Netz umspannte den gesamten Planeten, die Kolonialstädte konnten nicht mit der Anonymität einer Enun´schen Turmstadt aufwarten und seine Überlebenschancen in der Wildnis tendierten gegen Null.

*

Eine Mitarbeiterkantine des Klonkind 3.0-Projekts in Shuruppak.
Am Tag darauf.

Aruru Ea, Namtar Fara und Prometos Alulim verbrachten ihre Mittagspause über einem Matt-der-Kaiserin-Spielbrett. Sie schenkten der Uhr keine Beachtung. Sämtliche Vorbereitungen für die Experimentreihe, die am morgigen Tag beginnen sollte, waren abgeschlossen und nach den Überstunden der vergangenen Woche würde dem Trio eine vergammelte Nachmittagsschicht gut tun. Vielleicht würde sie ja auch heute wieder länger bleiben, überlegte Aruru, doch dann nur aus dem Grund, Prometos zu einem besseren Verständnis des Brettspiels zu verhelfen. Dafür, dass derartige Spiele in Dilmun angeblich zu den höchsten kultischen Handlungen gezählt wurden, stellte sich der Titan nämlich noch äußerst unklug bei seinen Zügen an.
„Abel habt ihr das Flussspiel nie beigebracht, richtig?“ erkundigte sich Namtar.
„Doch, haben wir. Er wusste nur nicht, dass es auch in der Liturgie Verwendung findet.“
„Dann bin ich gespannt, wie sich der Junge dabei schlagen wird, wenn wir ihn an ein entsprechendes Brett setzen!“ erklärte der Nefilim.
„Keiner von uns hier in Shuruppak wird das miterleben, Herr“ widersprach Prometos. „Wir werden uns auf Izimu Qats jährliche Berichte über Abels Fortschritte verlassen müssen.“
„Später sicherlich“, stimmte Aruru zu. „Die ersten vierzehn Ki-Umläufe allerdings…“
Prometos stockte in seinem angedachten Zug.
„Was soll das bedeuten, die ersten vierzehn Ki-Umläufe?!“ fragte er und platzierte dabei einen seiner Wasserträger versehentlich in Namtars Streitwagen.
„Dass wir das Kind während dieser Zeit in Shuruppak studieren können, natürlich“, erklärte Aruru. „Gerade diese wichtige Lebensphase, die Wiederholung der bereits gelebten Jahre, dürfen wir uns nicht nur aus zweiter Hand berichten lassen. Wir werden nicht gerade Kameras in Chevas Haus installieren, aber ständig ein Auge auf Mutter und Sohn halten. Keine Bange, mein Freund, seine Besuche beim Kinderarzt werden Abel ganz normal vorkommen. So wie damals bereits seinem Vater.“
Prometos erhob sich. Er stützte seine Hände auf der Tischplatte ab, so dass er die Dame von oben herab betrachten konnte. „Cheva ist über die kritische Phase hinaus, die Einnistung war erfolgreich. Meine Schwägerin erwartet daher, spätestens zur Erntezeit wieder in den Armen ihres Mannes zu liegen! Wir halten sie ohnehin schon viel zu lange hier fest. Adapa hat über ein Jahr lang nichts mehr von seiner Frau gehört…“
„Wieviel von den Vorgängen in Shuruppak dem Adapa in Dilmun weitervermittelt werden, obliegt dem Jagdmeister zu entscheiden“, sagte Namtar. „Kethri Qat ist der einzige von uns, der uneingeschränkten Zugang zum Reservat genießt.“

„Ihr könnt Cheva doch nicht gegen ihren Willen festhalten!“ ächzte Prometos fassungslos.
Aruru sah sich genötigt, den jungen Kollegen zu korrigieren: „Wir müssten es selbst gegen unseren eigenen Willen tun, wollen wir den wissenschaftlichen Wert unserer Arbeit nicht aufs Spiel setzen. Vergleiche zwischen dem Klon und dem Original wirst du nur ziehen können, wenn du dein Material täglich studieren kannst, Prometos.“
„Wenn das so ist lasse ich Cheva noch heute ausfliegen und das Experiment mit einer anderen Sklavin wiederholen!“ drohte Prometos.
„Wir haben Cheva für das Experiment vorbereitet und mit Cheva wird es auch durchgeführt.“
Prometos hörte nicht das weniger höfliche <an Cheva> am Äther. Er hätte es gedanklich problemlos aus seinem Weltwissen heraus ergänzen können, doch das wären Haarspaltereien gewesen, die ihn jetzt seinem Ziel nicht näher brachten.
„Was zählen die paar Wochen? Ihr könntet das Projekt sogar solange aufschieben, bis ich tot bin und wärt noch zeitig dran!“

Aruru räumte die Spielfiguren vom Brett in ihre Schachtel zurück. Dabei sprach sie: „Hör mal zu, Prometos, es gibt Dinge, die ich an dir schätze und solche, die ich weniger schätze. Von einem Mann, der um ein Alulim-Hauswappen buhlt, lasse ich mir jedenfalls keine Vorschriften machen!“
„Gewissensbisse bereitet mir mein neues Hausrecht allerhöchstens Adapa gegenüber“, gestand Prometos. „Ich kann ihm nicht noch die Frau rauben, nachdem ich aus seiner Sicht bereits die Dilmuner im Stich gelassen habe.“
„Das muss dich nicht belasten“, mischte sich Namtar ein. „Als Gemeiner trägst du keine Verantwortung für die nichtfachlichen Belange des Projekts.“
Prometos presste den Deckel fest auf den Karton mit den Krieger- und Trossfiguren. Er führte seine Bewegung so abrupt aus, dass Aruru schleunigst ihre Hände zurückziehen musste, um ihre Finger davor zu bewahren, eingequetscht zu werden.
„Wie dem auch sei“, meinte die Dame irritiert, „ich werde Janka bitten müssen, Chevas Haus unter Bewachung zu stellen. Am besten, er führt diese Wachmannschaft persönlich an.“
„Und du, mein Alulim-Kollege“, wandte sie sich an Prometos. „wirst heute mein Gast sein. Ich muss dir nicht auseinandersetzen, dass diese Einladung auszuschlagen vor dem Hintergrund der Annäherung unserer beider Häuser äußerst unklug wäre.“
„Ja, Herrin“, antwortete Prometos tonlos.
Der Titan lies sich auf seinen Stuhl zurück sinken. Ob mit oder ohne Hauswappen, er war wieder ein Gefangener in den Labors der Hospitalstadt.

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