Ein bißchen am Leben (Teil 3 von 5)

Die Menschenmacher von Dilmun,
Kapitel 10

Am nächsten Morgen:

Chinun Osepa hatte nicht damit gerechnet, dass sein Herr gleich sechs Wachsoldaten zu Chevas Haus entsenden würde, um ihn von dort abzuholen. Seufzend verstaute er die letzten seiner Besitztümer in einem kleinen Rucksack und beobachtete die Ankunft der Männer anschließend durch das Fenster des Zimmer, das er mit Ra-sincatl teilte.
Als die Männer näher kamen, erkannte der Annunaki, dass drei von ihnen die geflügelte Schlange des zweiten Hauses im Wappen trugen, zwei den sich um einen Stab windenden Wurm der ebenfalls hochadligen Fara und der letzte die Stubenfliege Meslams, dessen Prinz und seine Gattin als Gouverneure über Shuruppak herrschten. Nein, begriff Chinun, allein für Verlegung eines Sträflings würde niemand ein derartiges Aufgebot in Bewegung setzen! Viel eher sah es so aus, als seien die Verantwortlichen von Klonkind Drei Null um Chevas Sicherheit besorgt.
Chinun stieg die in den Erdgeschsswohnraum mündende Treppe hinab. Die Teppichbodenbespannung auf den Stufen dämpfte das Geräusch seiner Schritte, so dass er mitten in eine Auseinandersetzung zwischen der Hausherrin und Janka Ea hinein platzte.

<Ihr könnt nicht…!> protestierte Cheva.
Janka richtete seine Pistole auf die Menschenfrau. „Du hältst dich aus dem Äther heraus!“ befahl er. „Dass wir deine Präsenz zu ertragen gelernt haben, bedeutet nicht, dass sich der Kontakt zu einem Alien schmerzfrei für uns gestaltete. Während das Haus unter Bewachung steht, muss ich daher jeden Ankopplungsversuch als Provokation, im schlimmsten Fall als einen Angriff interpretieren.“
Cheva kicherte. „Und schreibt Ihr sorgfältig auf, was wir alle dabei fühlen, Janka Gadreel?“
„Ja, vielleicht wäre das lehrreich.“
Cheva sah sich um. Außer ihr und Janka befand sich nur noch der Sträfling Chinun im Raum. Der Annunaki hockte zerknirscht auf der vorletzten Treppenstufe und blickte zu Boden. Er hatte sofort begriffen, was hier vor sich ging, würde ihr aber nicht gegen den Ea-Offizier beistehen können. Eine Hintertür gab es nicht, eine Flucht in die erste Etage und durch das nächstbeste Fenster nach draußen war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die in akrobatischen Kunststückchen ungeübte Cheva hätte sich eher sämtliche Gliedmaßen gebrochen, als elegant ihren Häschern zu entkommen.
„So, nun zeigt ihr also alle euer wahres Gesicht“, begann Abels Mutter zu sprechen. „War es nicht nur eine Frage der Zeit, bis das geschehen würde? Ich war ja so blind! Ich brauchte ein Feuerwerk wie das heutige, um sehend zu werden.“
„Du bekommst, was du wolltest“, widersprach Janka. „Dass daran ein paar Bedingungen gekoppelt sind, müsste dir doch klar gewesen sein!“
Cheva nahm neben Chinun Platz. „Vierzehn Jahre Haft für meine Torheit, mich an die Sternengötter zu wenden, sie als meine Verbündeten zu betrachten“, klagte sie dem Halb-Annunaki ihr Leid. „Ich habe das sicher verdient, aber doch nicht das unschuldige Kind, das ich in mir trage!“
Chinun blickte weiterhin zu Boden. Er wusste, wie man Personen in Chevas Verfassung noch ihr intimstes Geheimnis entlockte, sie zu trösten hatte er nicht gelernt.

Das Schweigen im Zimmer wurde vom Klappen der Tür gebrochen. Einer von Jankas Soldaten stieß den völlig verängstigten Ra-sincatl mitsamt zweier voller Einkaufstüten in den Raum. Von einem halben Dutzend Soldaten empfangen zu werden, hatte der Mann nicht erwartet!
„Da draußen warten übrigens noch zwei Hampelmänner des Tausendfüßlerhauses“, meldete der Wachsoldat Janka. „Was soll mit denen geschehen?“
„Die haben sich natürlich zu verziehen“, ordnete der Offizier an. „Und zwar schleunigst! Sag ihnen, sie brauchen sich in nächster Zeit gar nicht erst wieder blicken zu lassen! – War an meinen Worten irgendetwas lustig, Sträfling?!“
„Nein, nein!“ lachte Chinun. „Nicht das Geringste!“
Janka kommandierte zwei seiner Untergebenen in die erste Etage ab. „Versucht, so normal wie möglich weiterzuleben“, wies er die drei Hausbewohner an. „Wir setzen hier einen Hausarrest durch, keine Verhaftung.“
„Abel hat nichts getan und soll vom ersten Tag seines zweiten Lebens an unter Stubenarrest stehen?“ empörte sich Cheva.
„Das lässt sich vermeiden, wenn wir davon überzeugt sind, dass du kooperierst und keine Fluchtversuche unternimmst. Die Bewachung wird dann gelockert.“
Ra-sincatl drängte sich mit seinen Einkaufstaschen an der Treppe vorbei in die Küche. Er stieß dabei Chinun in die Seite. „Los, komm! Das hier geht uns nun wirklich nichts an! Du hast doch gehört, was der Herr Offizier angeordnet hat.“
Chinun warf Cheva einen fragenden Blick zu. Die Frau ergriff seine Hand, dann nickte sie.
„Geht nur, ihr beiden. Kocht uns etwas schönes, sonst werden wir am Ende noch zur Zwangsernährung verdonnert.“

„Cheva!“ Janka lies seine Waffe zurück ins Halfter gleiten. „Verdammnis, Cheva! Dein Spott trifft auch ohne eine Verbindung zum Äther. Glaubst du denn, mir gefällt mein Auftrag sonderlich? Gut, es gibt gewisse weltanschauliche Meinungsverschiedenheiten, aber wir sind doch keine Feinde!“ Eine angenehme Erinnerung huschte über das Gesicht des Mannes. „Gerade du und ich nicht!“ fügte er hinzu. „Weißt du noch, wie du als kleines Mädchen in Enkis Haus kamst? Wir haben dich aufwachsen sehen. Verdammnis noch mal, bisweilen meinte ich sogar, in dich verschossen gewesen zu sein und habe Adapa seine Frau geneidet!“
Cheva schniefte leise. Auf Kethri Qat pflegte sie herabzusehen, auf den Jungen, der so edle Träume ausspuckte, aber pathologisch handlungsunfähig zu sein schien. Und hier stand nun Janka Ea, ein Mann, der ihr Leben bereits begleitete, seit Enki sie gesetzeswidrig in höheren Wissenschaften unterrichtet hatte, der dabei half, ihr den verlorenen Sohn zurückzugeben, aber dabei an nichts von alledem glaubte.
„Der Besen zieht keine Befriedigung aus einer sauberen Stube“, schluchzte die Frau.
„Wie bitte?“
Ein Paar tränennasser Augen traf die des Annunaki. „Ea hat mich benutzt und zum Werkzeug gemacht!“
„Gemacht? Du warst doch nie etwas anderes! Schon damals nicht, als Enki sich das Ajaer Scharutur – Versäumnis zunutze machen wollte (Anm. 1)! Gut, es lief nicht alles wie geplant, aber du kannst das wieder ausbügeln, indem du jetzt deinen Teil tust, um dem Klondkind-Programm zum Erfolg zu verhelfen!“
Cheva aber gab keinen Zentimeter nach – sie sprang von der Treppenstufe auf und auf Janka zu als wäre sie der Dämon Labbu aus dem Bühnestück.
„Wenn du mir das ins Gesicht sagst, kannst du dann leichter vergessen?“
Nun war es an Janka, zurückzuweichen. „Was hätte ich denn zu vergessen?“
„Dass, General, dasselbe für dich gilt! Ein besser bezahltes vielleicht, ein für seine Nützlichkeit gepriesenes, dennoch bleibst du ein Werkzeug des Patriarchen.“
Mit Computern kannte sich Cheva weniger aus, doch eines verstand sie: das Janka von seinem Herrn gestiftete Psychologiestudium lies sich am ehesten mit der Installation eines Upgrades vergleichen, mittels dessen die Maschine an Effektivität gewann.
„Kannst du, kann deine gesamte Rasse, damit leben?“
„Ja, solange es keine Ausnahmen gibt!“
Janka war das so klar, wie nie zuvor. Er ertrug Schensekas Seminare, die sich zuweilen darin erschöpften, sich umfangreiche Listen potentieller Arbeitgeber für einen Kursabsolventen anzuhören, und tat, was innerhalb seiner Möglichkeiten lag, sein Los zu verbessern. Eines Tages würde es sich auszahlen, bis dahin galt es stillzuhalten. Aber Adapas Sippe musste sich immer eine Abkürzung suchen! In Jankas Augen wurde es Zeit, dass die Uruker damit einmal gehörig auf die Schnauze fielen.

Von Kindesbeinen an hatte Janka gehört, minderwertig zu sein, allein schon durch seine Geburt auf der falschen Seite des Genpools, selbst, wenn die Familie einmal mit ihm zufrieden gewesen war. Der kleine Janka hatte es aufgenommen, wie man sich merkte, dass die Herdplatte heiß war und Eiszapfen Bauchweh verursachten. Aber Cheva, die mit denselben Warnungen aufgewachsen war, die hatte jede einzelne davon überprüft, bevor sie von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt gewesen war und nun, als erwachsene Frau, kannte sie die volle Wahrheit: Es gab Jankas auf der Welt und Chevas. Die Chevas standen in der Pflicht, sich gut um die Jankas zu kümmern, so dass jeder sein konnte, wer er eben war und nicht etwa einer den anderen auszunutze.
„Sei doch kein Hofbasilisk, der in den Spiegel blickt und vor seinem eigenen Bild erschrickt, weil er nur die verschwommene Reflexion kennt, die ihm sein Wassernapf zeigt!“ bat Cheva, zunehmend sicherer sprechend, obwohl die ihr gerade gwweinten Tränen noch immer in Augen und Nase verklebten. „Ausnahmen nennst du Adapa und mich? Was, wenn ich dir nun sagte, dass es das angeborene Recht eines jeden Sprechendes Tieres sei, vor allen anderen gleich behandelt zu werden?“
„Dann bricht alles zusammen.“
„Nur die Throne der Herrschaften.“
„Die in ihrem Fall den gesamten Unterbau zerschlagen und unter sich begraben. So oder so, es führt ins Chaos.“
Die Menschenfrau streckte ihr Hand nach ihrem Gegenüber aus.
„Janka Gadreel“, flüsterte sie. „Hast dich so sehr in der Falle verstrickt, dass du sie für deine Sicherheit hältst und den Wald da draußen für gefährlich!“
Das wurde dem General dann doch zuviel! „Ich bin Eas Schwert!“ protestierte er.
„Aber er liebt Izimu mehr als dich und du weißt nicht, warum das so ist.“
„Izimu hat Enki verraten!“
Cheva schüttelte bestimmt den Kopf. „Der Junge ist seine Weisheit.“
Janka zitterte vor unterdrückter Wut. Doch richtete sich diese Wut nicht viel eher gegen Adapa, der ihrer aller Leben dermaßen auf den Kopf gestellt hatte? Die Nähe der kleinen Cheva hingegen empfand der Annunaki als angenehm. Zu angenehm, um sich in ihrer Präsenz mit Kopfdingen zu beschäftigen oder gar der Tatsache Bedeutung beizumessen, dass er und die Frau unterschiedlichen politischen Überzeugungen anhingen.
„Cheva… weißt du eigentlich, wie froh ich darüber bin, dass du nun doch noch nicht so schnell aus unserem Leben verschwindest?“
Der Annunaki hauchte seine Worte beinahe. Cheva starrte ihn nur an und wünschte sich umso heftiger fort von hier.

(1)… So geschehen in „Die Menschenmacher von Shuruppak“
Kurz gefasst spinnt Enki eine Intrige gegen den Großen An, die ihm und den Eridu Fünfzig weitreichende Sonderrechte in die Hände spielen soll. Gleichzeitig beginnt Adapa angesichts seiner Beziehung zu der Sklavin Cheva die Befreiung der Adamu zu planen. Da Enki jedoch das Pärchen gleichsam als seine Versuchskaninchen vorschicken will, lassen Kethri und Adapa die Intrige platzen. Die Ereignisse führen letzten Endes zum Vertrag von Dilmun.

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