Ein bißchen am Leben (Teil 4 von 5)

„Die Menschenmacher von Dilmun“,
Kapitel 10

Kethri Izimu Qat staunte nicht schlecht, als er das Haus bei seinem nächsten Besuch von Wachen umstellt vorfand. Das kam davon, wenn man sich nicht um alles selbst kümmerte… seinen Teil dazu beizutragen hatte, einen Planeten zu regieren… eben nicht der allessehende Izimu aus den Mythen, sondern letzten Endes doch nur der sterbliche Kethri war.
„Janka! Janka, was ist hier vorgefallen? Ein Anschlag etwa?“
Der Annunaki wandte sich zu dem Ankömmling um. Sein Blick war fest. Obwohl Janka bisweilen nicht wusste, ob Enkis bevorzugter Grauer nun ein „Du“ oder ein „Ihr“ aus seinem Mund verdiente, Freund oder Konkurrent war, ließ er sich davon nicht in der Ausübung seiner Pflichten verunsichern.
„Ich achte darauf, dass sich das Versuchsmaterial nicht aus dem Staub macht“, erwiderte Janka. „So kurz vor der nächsten Phase von Klondkind Drei-Null darf nichts mehr schief gehen! <Schlimm genug, dass sich der Titan wieder querstellt…>
„Der Titan…?“
„Prometos hat einiges völlig falsch verstanden. Die Dame Aruru hat ihn daraufhin unter unbefristeten Hausarrest stellen müssen.“
Janka spürte, dass der Jüngere keinen Ätherschild aktiv hielt – obwohl sich das bei Izimu nie mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit sagen lies. Nicht wahrnehmbare Ätherschilde waren eine der Spezialstrecken des jungen Mannes, was nichts daran änderte, dass er eben das blieb: ein Jüngling. Janka wusste aus Erfahrung, dass Kethri in seiner derzeitigen Verfassung völlig spontan und ehrlich auf jede beliebige Frage antworten würde. Wie jene, die er ihm nun entgegenwarf: „Hat Prometos sich womöglich von seinem Büro aus mit Euch in Verbindung gesetzt? Euch gebeten, die Adamufrau aus Shuruppak hinauszuschmuggeln?“
„Nein, hat er nicht…“ <Oder vielleicht hat er doch angerufen, aber ich habe einige Anrufe ignoriert…> „Was war eigentlich genau bei euch los?“
Kethri versuchte, den Geist seines Gegenübers zu sondieren. Janka öffnete sich im Äther bereitwillig, lies den Adligen jedes Detail seines Gesprächs mit Aruru und deren Bericht über das Streitgespräch in der Kantine nacherleben.
„Prometos ist ja so ein Rindvieh!“ erklärte Kethri am Ende der geistigen Verbindung im Brustton vollster Überzeugung. Janka spürte die überwältigende Ehrlichkeit in der Aussage. Kethri meinte, was er sagte und missbilligte Prometos´ Verhalten. Dieses eine Mal stellte er sich also nicht aus Prinzip quer, sondern stand auf der Seite seiner eigenen Leute. Janka fand das verständlich, immerhin hatte der Jagdmeister Abel nahe gestanden. Er würde ihn auch in seiner neuen Inkarnation in Sicherheit wissen wollen.
„Ganz meine Meinung“, stimmte Janka dem Nefilim zu. „Willst du reinkommen?“
Kethri nickte. Er tat ein paar Schritte, dann drehte er sich um und sagte: „Ach, und, Janka? Lass das verdammte Haus gefälligst nach Wanzen absuchen, wenn du schon mal genügend Männer hier hast! Bevor ich nicht anders kann, als dem Ratsherren eines jeden Hauses auf diesem Planeten, dem unsere Naturschutzgesetze in ihrer derzeitigen Form im Weg sind, einen persönlichen Besuch abzustatten!“

Kaum hatte Kethri die Veranda betreten, da verzog er das Gesicht. Sekunden später stöhnte er gequält.
„Alles in Ordnung, Herr?“ erkundigte sich Raz Khepera besorgt. „Möchtet Ihr einen Tee? Eine Kopfschmerztablette?“
„Nein, danke, ist schon gut.“
Von Ra-sincatls Annunakigeist unbemerkt hatte sich Kethri vom Eintreten an auf seinen Äthersinn konzentriert. In den Tiefen des Dantienorgans erwachte etwas zum Leben. Unerkannt und so lautlos wie ein Nachtvogel nahm ein Konstrukt Gestalt an, das zu erschaffen dem niederen Adligen einiges abverlangte: ein Gedankenschild, der für seine Artgenossen unentdeckbar blieb. Routiniert, doch wie weitem nicht so mühelos, wie Janka glaubte, wob der Nefilim sein ätherisches Gespinst.
Als der geistige Schild stand, widmete sich Kethri dem zweiten Teil der Übung. Er würde sich einem besonders intensiven Kontakt zu einem Fremdlebewesen aussetzen müssen, einer Kreatur, die kein Tier war, seinem Nefilimgeist ähnlich und doch nicht wesensgleich. Einer Präsenz, zu fremdartig und verwirrend, um von seiner schmerzfrei ertragen werden zu können.
Kethris erster Kontakt zu einem Eingeborenen Kis war beinahe von selbst zustande gekommen und von einer Leichtigkeit geprägt gewesen, die der Jäger danach nie wieder bei einem Nicht-Tier erlebt hatte. Die Mischwesen aus Nefilim und Eingeborenengenen jedoch, die Adamu, waren ungleich schwieriger im Äther zu greifen. Und Cheva gehörte nicht nur der Adamuart an, sondern zählte unter diesen nicht gerade zu den besten Freunden Kethris. Dennoch musste er sie nicht nur im Äther ansprechen, sondern noch dazu eine gegen absichtliche und unabsichtliche Lauscher gesicherte Verbindung herstellen.

Das erste, was der Nefilim von Cheva empfing, war Verwunderung. Erst dann formten sich erste Assoziationen, die ihn der Ursache dieses Gefühls näherbrachten: <Wieso nimmst du das auf dich/tust du dir das an?>
<Sicher nicht dir zuliebe. Aber ich lasse doch Abel nicht inmitten der Sternengötter im Stich!>
<Wie meinst du das? Bist du etwa hier, um mich zu befreien?>
Kethri erlaubte sich ein knappes Nicken, ohne den Äther bemühen zu müssen.
<Dummkopf!>
<Na, hör mal! Schaffst du es etwa allein?>
<So meinte ich das nicht. Aber wir können uns die Planung gehörig vereinfachen…>
Cheva zog den Nefilim in die Küche, wo sie einem offenen Holzkästchen zwei Stück Kreide entnahm. Normalerweise benutzen die drei Hausbewohner sie, um Notizen auf einer großen Schiefertafel festzuhalten. Eines der Kreidestücke hielt Cheva Kethri hin.
<Stumm.>
<Risikoreich.>
<Verständlicher. Weniger Kopfschmerzen.>
<Bei dir auch?>
Chevas geplantes „Ich schäme mich ja selbst, etwas mit dir gemeinsam zu haben, wurde lediglich als <Scherz!> übermittelt.
<Siehst du, Kethri? Deswegen ist die Kreide der bessere Einfall!>

Nur wenig später trat Kethri aus dem Haus in Chevas Garten. Er beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Chinun einem der hier postierten Wachsoldaten Tee servierte. Ein Scherz des Osepaangehörigen lockte auch die anderen Bewaffneten herbei.
Chinun runzelte die Stirn. „Solltet ihr nicht warten, bis ich mit der Kanne vorbeikomme? Nicht so einfach die Posten verlassen und alle auf einem Haufen herumstehen?“
„Hört, hört, hier spricht ein Profi!“ lachte einer der Soldaten, ein Angehöriger des Hauses Fara.
„Komm“, forderte sein Meslamkollege von Chinun, „lass den Witz von vorhin noch mal vom Stapel!“
Kethri ignorierte das weitere Geplauder der Annunaki. Er suchte Janka Ea und fand ihn nahe der Straße postiert. Kethris rechte Hand lag auf seinem Pistolenhalfter, die Dolchscheide mit der Kristallklinge hing offen über seinem Lederhemd.
„Weißt du, Janka“, begann Kethri, „ich habe dich nie im direkten Kampf besiegt. Im Bürgerkrieg habe ich Inanna auf dich angesetzt und bei dem Manöver vor den Beuteltierinseln waren es die von mir beeinflussten Schiffsratten, die dir das Handwerk gelegt haben. Ja, und ich habe mir gedacht, wir sollten das ändern. Ein für allemal klären, wer von uns beiden der Überlegene ist…“
Jankas Personenkenntnis verriet ihm, was der andere nur vorhaben konnte. Es so deutlich durchblicken zu lassen, war wieder einmal typisch für die Katze, die mit ihrem Opfer spielte, aber eben auch typisch für den jungen Fürsten, dem seine Überheblichkeit eines Tages endgültig das Genick brechen würde. Janka Ea respektierte Izimus Fähigkeiten, konnte deren Grenzen allerdings viel besser einschätzen als der Nefilim, der sein erstes Lebensjahrtausend noch nicht vollendet hatte.
Jankas linke Hand schoss nach vorn, stieß die Kethris von seiner Schusswaffe fort nach hinten weg und drehte dabei den Körper des Nefilim mit Schwung so, dass er sofort auch die andere Hand greifen konnte. Beide Arme auf dem Rücken musste sich Kethri in die Knie drücken lassen.
„Alle Achtung, Janka“, spottete der überwundene Jagdmeister. „Ein Mann, der immer ein Paar Handschellen griffbereit hat? Als wir dich auf CE/101 gefangen nahmen, hast du noch behauptet, dir nichts aus derartigen Spielchen zu machen!“
„Dir wird das Spotten noch vergehen, wenn ich dich Enki so vorführe! Uns wieder einmal zu hintergehen!“
Janka stieß den Nefilim endgültig zu Boden. Er erhob sich, wollte nach einem seiner Wachsoldaten rufen, starrte stattdessen jedoch einem grinsenden Chinun Osepa ins Gesicht. Chinun stand als einziger der Männer im Garten noch auf seinen beiden Beinen. Zu seinen Füßen lagen die Bewaffneten so schlaff wie Lumpenpuppen. Aber damit endeten die Überraschungen für Janka nicht: Mit einem Mal spürte er einen festen Schlag auf seinem Kopf. Der Annunaki ging nicht sofort zu Boden, dafür war der Aufprall nicht hart genug. Doch der am Boden liegende Kethri versetzte ihm mit den Füßen einen Tritt, woraufhin Janka strauchelte. Der Nefilim holte ihn mit einem weiteren Fußfeger vollends von den Beinen, was Cheva eine weitere Gelegenheit verschaffte, erneut mit ihrem Knüppel zuzuschlagen.
„Tja, Janka, aber dieser Tag, von dem ich vorhin sprach, der ist nicht heute“, hörte Enkis Schwert nur noch, bevor es dunkel um ihn wurde.

Chinun bückte sich. Er suchte in Jankas Uniform nach den Schlüsseln für die Handschellen, befreite Kethri und legte stattdessen dem Betäubten die Fesseln an.
„Ihn bis ins Haus zu schleifen, würde zu lange dauern“, meinte er. „Verbergen wir Janka gleich hier unter der Hecke!“
„Wie geht es den Soldaten?“ erkundigte sich Cheva besorgt.
„Die liegen außer Sichtweite“, antwortete Kethri.
„Nein, das meinte ich nicht. Aber so rasch, wie die nach dem mit Schlafmittel versetzten Tee weggesackt sind, ist das nicht unnormal?“
„Das Medikament ist für Nefilim dosiert“, erläuterte Kethri. „Nur unsereins dämmert davon sanft weg und kann vorher noch drei, vier Schuss zielsicher abgeben. Auf einen Annunaki wirkt das Zeug wie ein Treffer zwischen die Augen. Sie kippen sofort weg und, nun ja, die Nachwirkungen sind auch nicht ohne.“
Chinun hatte indessen Janka unter die Hecke gerollt und erhob sich nun wieder.
„Aber es bleiben keine dauerhaften Schäden zurück!“ beeilte sich Kethri, ihm und Cheva zu versichern.
Adapas Frau streckte ihren Körper in der kühlen Nachtluft. Sie fühlte sich bereits befreit, obwohl das Schwerste noch vor dem Trio lag: die eigentliche Flucht aus dem Herrschaftsgebiet der Fünfzig Häuser.

Während die drei sich so unschuldig wie möglich wie zu einem Spaziergang zu später Stunde dem Shuruppak umgebenden Wäldchen näherten, aktivierte Kethri die in seinen Mikroelektronikring integrierte Fernsteuerung der „Windwandler“.
„Prometos ist ein Rindvieh“, wiederholte er die Worte, mit denen er Janka vor gerade einmal einer Stunde in Sicherheit gewogen hatte. „Er hätte nie so aufbrausen dürfen! Hätte dein Schwager stillgehalten, Cheva, hätte er nicht durchblicken lassen, mit den Plänen seiner Kollegen nicht einverstanden zu sein, dann wäre er frei geblieben, das Haus nie umstellt worden und unsere Flucht ein wenig eleganter vonstatten gegangen! Ich hätte keine Schürfwunden an den Handgelenken und würde mich nicht moralisch verpflichtet fühlen, den Wachsoldaten eine Entschädigungssumme für ihre Kopfschmerzen zu überweisen.“
„Wir wären um ein Abenteuer ärmer!“ erwiderte Chinun versonnen und bot Cheva seinen Arm an. Leiser ergänzte er: „Um eine Erinnerung daran, das Richtige getan zu haben. Wenn ich erst in Hawila bin, habe ich nicht so viele…“
In Chinuns dunkelgrünen Katzenaugen blitzte es verräterisch. Erst in dieser Nacht realisierte Kethri, in welche Abgründe der Mann, den er Adapas Kindheit über nur als vorlauten Sträfling in Eridus Straßenbau gekannt hatte, geblickt haben mochte – oder es noch immer tat, wenn er in einen Spiegel schaute. Doch war dies nicht der Zeitpunkt, die Vergangenheit des Chinun Osepa zu ergründen.

Es dauerte nicht lange, da erreichten die Flüchtlinge eine Waldlichtung, über der die perfekt vor dem Nachthimmel verborgene „Windwandler“ einschwebte. Doch gerade die Shuruppaker, deren Stadt die größte Ansammlung von Hospitälern und Forschungszentren der Neuen Welt aufwies, waren an Nachtflüge gewöhnt, die diesen oder jenen Notfall an Bord hatten. Sie schenkten dem Fluggeräusch einer weiteren Mu keine Beachtung.
Die Maschine legte sich nun in die Waagerechte, gleichzeitig öffnete Kethri per Fernsteuerung die Kanzel.
<Steigt ein!>
<Nanu? Sind das keine Senkrechtstarter mehr?> „Wenn die das können, wieso werden dann nicht alle so gebaut?“ fragte Chinun belustigt.
„Weil die Schwebehaltung nicht lange aufrechterhalten werden kann“, erklärte Kethri. „Weswegen wir uns mit dem Einsteigen beeilen sollten. Landet mir der Vogel auf dem Bauch, lässt er sich nicht mehr starten!“
Cheva setzte einen Fuß auf den Flügel der Mu. Sie erinnerte sie sich daran, sich doch eigentlich geschworen zu haben, nie wieder in so ein Gefährt einzusteigen. Vorsichtig zog sie den zweiten Fuß nach. Dabei konnte sich Cheva eines Eindrucks nicht erwehren: „Die Mu schwebt gar nicht! Sie fliegt nur sehr, sehr langsam vorwärts!“
„Richtig erkannt. Aber wie gesagt belastet dieser Zustand die Maschine über Gebühr, so dass ich ihn ihr nur in äußersten Notfällen zumute. Wenn es wirklich eilt und ein paar Quadratmeter durch einen regulären Start verschmorter Boden das letzte sind, was ich Leuten anbieten möchte, die meine Bewegungen nachvollziehen wollen.“
Was das Mê anging, so war die „Windwandler“ von Shuruppaks zentralem Flugfeld gestartet und befand sich bereits jetzt unterwegs nach Edin.

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