Kristallklar (Teil 1)

Kapitel 11 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Für Chinun Osepa bestand der herausforderndste Teil des Abenteuers im Rückflug im Kopilotensitz der „Windwandler“. Der neben ihm sitzende Nefilim strahlte eine Selbstsicherheit aus, der sich zu entziehen äußerste Anstrengung erforderte. Kethri fühlte sich nicht gerade wie der „drittmächtigste Mann auf dem Planeten“, wie ihn Puzurri zuweilen nannte. Doch er war auch kein bloßer Dienstbote, der nach einem erfüllten Auftrag an den Hof seines Herrn zurückkehrte. Diesmal flog der Nefilim in eigener Sache nach Edin, mehr noch, diesmal tat er es im Bewusstsein der ihm in die Hände gefallenen Macht. Keiner seiner auf der Golfinsel lebenden Artgenossen musste die Richtigkeit von Kethris Tun einsehen, sie mussten einfach nur ihnen durch den Kopf gehende Vergeltungsideen gegen die von ihm geleisteten Dienste aufrechnen. Für Enlils Sprechendes Schwert bestand kein Zweifel daran, dass diese Rechnung zu seinen Gunsten ausfallen und er überdies ein genügend großes Gunstpolster für weitere Dinge, die ihm am Herzen lagen zurückbehalten würde. Die Aufhebung von Chinuns Strafversetzung beispielsweise.
Chinun fiel es zunehmend schwerer, sich nicht von dem Gefühlsschwall mitreißen zu lassen, sondern weiterhin seinen eigenen Verstand regieren zu lassen. Dummerweise vermochte dieser Verstand Kethris Gedankengängen kaum etwas entgegenzusetzen. Chinuns Erfahrung nach war es nicht unmöglich, noch nicht einmal sonderlich unwahrscheinlich, was sich der Nefilim, da ausmalte. Schließlich gab der Mann sein Unterfangen auf. Es verschaffte ihm keinen Vorteil, bereits im Vorfeld Düsternis zu verbreiten, sollte sich Kethris Optimismus als ungerechtfertigt herausstellen.

Zu Anfang schien alles Izimus Einschätzung der Lage zu bestätigen. Die „Windwandler“ erhielt Landeerlaubnis auf Enlils privatem Flugplatz. Doch anstatt von hier aus unbehelligt zur Residenz schlendern zu dürfen, sahen sich die Ankömmlinge einem gemischten Begrüßungskommando aus Soldaten der Häuser Alulim und Ea gegenüber. Die Waffen der Männer waren auf die Zurückgekehrten gerichtet und das gesamte Aufgebot gehorchte niemand anderem als Janka Gadreel Ea.
„Waffen weg, Hände hoch und keine blöden Bemerkungen!“ forderte der General.
Chinun schüttelte den Kopf. „Ihr habt es geschafft, Alulim und Ea zu vereinen, Kethri, das ist nicht schlecht, aber musste es ausgerechnet gegen uns sein?“
Ein Taserpfeil schlug in Kethris Brust ein, ein anderer in Chinuns.
„Ich habe gesagt: keine blöden Bemerkungen!“
Jankas Untergebene eilten auf die taumelnden Männer zu, um ihnen Handschellen anzulegen, bevor sie sich wieder fangen konnten. Kethri kannte jeden einzelnen der Wachsoldaten. Die Alulim unter ihnen hatten ihn hier auf der Insel hofiert, die Ea im Klonkindprojekt. Entsprachen ihre neuen Befehlen den eigentlichen Wünschen der Männer? Oder verfügten sie über keinerlei Meinung zu dem Geschehen um sich herum, sondern waren allein damit zufrieden, ihrer Existenz Struktur gebende Befehle ausführen zu dürfen, wie es Enqatl ihrem Volk unterstellte? Physischer Schmerz und Enttäuschung kulminierten in einem Gedanken, für den der Nefilim an einem anderen Tag jeden Standesgenossen zum Duell gefordert hätte: <Verdammtes Annunakigesindel!>
Zu mehr war Kethri Qat so kurz nach dem Angriff mit den Schockwaffen allerdings nicht in der Lage – Chinun registrierte das voller Erleichterung, denn er schätzte den Jüngeren dazu in der Lage ein, die auf ihn gerichteten Waffen zu ignorieren und allein aus Prinzip Widerstand zu leisten wie ein wildes Tier.

Janka musterte den gefesselten Kethri von oben bis unten. „So, Jagdmeister. Du hast mit vor deiner Flucht mit Cheva behauptet, du hegtest kein Interesse an einem ausgeglichenen Kampf gegen mich. Weißt du was? Ich auch nicht!“
Mit einer Hand packte Janka seinen Gefangenen an dessen Hemd, seine andere ballte er zur Faust…

*

Außerordentliche Sitzung des Kolonialrates im Zikkurat von Nippur.
Es hat das Wort: Jeder.

„Ruhe, bitte, meine Herren und Damen!“, bat sich Enlil Alulim aus. „Alle beide Damen sind gemeint, Damkina.“
Der Geräuschpegel im Konferenzsaal ebbte ab.
<Wenn ich „Ruhe“ sage, meine ich damit auch Ruhe im Äther!!!> brüllte der Vizekönig.
Mehrere Ratsherren des niederen Adels fassten sich daraufhin schmerzgepeinigt an die Köpfe oder den Bauch. Selbst Enki Ea schüttelte irritiert seinen schulterlangen Haarschopf, da ihm sein Gedankenschild zumindest eine vage Ahnung der gerade entfesselten Energien übermittelte.

Der Enki gegenüber sitzende Acanceh Alalu grinste überheblich angesichts dessen Reaktion. Allein vor sich selbst musste er zugegen, dass ein Sohn des Hauses Alalu zwar im allgemeinen über den stärkeren Äthersinn verfügte als ein Alulimadliger, die „Prinzenbrüder“ in dieser Hinsicht aber jeden anderen Nefilim in den Schatten stellten. In Wahrheit hatte Enlil in seinem Zorn Acancaeh weitaus schmerzhafter getroffen als Enki. Eas Patriarch hatte sich lediglich schlechter im Griff als der Alalu.
Die Überlegenheit jedes Bruders für sich genommen war ein beunruhigender, ans Beängstigende grenzender Gedanke, der Acanceh deutlich mehr zu schaffen machte als die heutige Konferenz. Das Klonkind-Projekt mochte das Potential in sich bergen, die Börsenränge auf höchster Ebene zu verschieben, doch was bedeuteten diese Zahlen schon für das derzeit dritte Haus in der Rangfolge? Wenn es für die Alalu soweit wäre, sich ihren angestammten Platz an der Spitze zurückzuholen, würden sie das ganz sicher nicht nach den Regeln tun, die ihre jüngeren Vettern aufgestellt hatten. Bis zu diesem Tag aber galt es, so zu tun, als habe es Konsequenzen, dass ein Versuchstier entwischt war oder dass der Lieblingsvasall der Prinzenbrüder über die Stränge geschlagen hatte.
Acancehs Grinsen wandelte sich zu einem belustigten Kopfschütteln. Wie sich wieder einmal der ganze Planet über Izimu Qat echauffierte! Nun galt es Augen, Ohren und Äthersinn aufzusperren und zu beobachten, was Enlil und Enki alles für ihren jungen Freund zu opfen bereit sein würde!
Nichts weiter als seine ungeteilte Aufmerksamkeit und Spannung drang über Acancehs Geist hinaus, als er seinen Blick unter seiner Hausmaske auf Enlil richtete…

Der Vizekönig sah in die Runde.
„Habe ich jetzt wieder euer aller Aufmerksamkeit? Ja? Dann ist es ja gut.“
Mershak Xala, der Vertreter des Hauses Zisi, erhob sich.
„Kethri Izimu Qat!“, hob er zu sprechen an. „Wieder und wieder beugt dieses Individuum unsere Gesetze. Wieder und wieder kommt er beinahe straffrei damit davon. Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich fordere, dass damit endlich einmal Schluss sein muss!“
Der Ratsherr blickte herausfordernd zu Enki Ea herüber.
„Ich weiß“, murmelte dieser. „Jankas Ehre wurde in den Dreck gezogen.“
„Nein, Enki, dein Gefolgsmann hat sich hereinlegen lassen“, korrigierte Karashishi Qat. „Wie ein kleiner Junge!“
„Sagst du das auch über dich, wenn ein Einbrecher dein Haus leer räumt oder würdest du den nicht eher verhaften lassen?“ versetzte Mershak Xala.
„Natürlich gehört Izimus Verhalten gestraft“, lenkte Karashishi ein. „Doch obliegt jede diesbezügliche Entscheidung noch immer dem Vizekönig!“
„Und was gedenkt ihr beiden diesmal zu unternehmen? Enki? Enlil?“ Ankimma Suhurmaschs Stimme triefte vor Hohn, als er ergänzte: „Ihm den Nachtisch streichen vielleicht? Mehr hat der Mann doch von euch nicht zu befürchten!“
Namtar Fara stimmte seinen Vorrednern zu: „Izimu hat Eas Klonkind 3.0 – Projekt Schaden zugefügt. Dieses Programm ist unser aller Stolz, daher werden auch wir alle gemeinsam über den Verbrecher richten. Hier im Kolonialrat, nicht vor einem lokalen Gericht oder im lauschigen Edinpark, wo Enlils Tochter dem Delinquenten gezuckerte Apfelscheiben in den Mund schiebt!“

Mit dem Äquivalent eines Räusperns verschaffte sich Loki Kylin Gehör. Als Vertreter eines der am militärischsten ausgerichteten Häuser hatte einen ungewöhnlichen Denkansatz anzubieten: „Genaugenommen können wir Kapitänleutnant Kethri als Deserteur aburteilen. Er hat den Bund der Fünfzig Namen verraten und seine Kampfkraft in die Dienste des Hauses Uruk gestellt. Es tut mir leid, aber damit ist der junge Mann hauslos, von dem Moment an, in welchem er Janka Ea angriff.“
„So ein Unsinn!“ empörte sich Ninki Damkina.
„Kethri hat ein Versuchstier freigelassen, nichts weiter“, stellte Enki klar. „Davon besitzen wir genug.“
„Du fühlst nicht ganz, was du sagst“, stellte Acanaceh kühl fest.
Enki barg sein Gesicht kurz in den hohlen Händen, dann starrte er ins Leere. Es war ihm unmöglich, in diesem Augenblick zu erklären, weshalb ihm gerade dieses eine „Tier“ und sein Junges so wichtig waren.
„In gewisser Weise ist sie meine Schwiegertochter…“
Hier und da kam Lachen auf, doch die Mehrheit der Anwesenden fragte sich viel eher, was Loki durch seinen Einwand bezweckt hatte. Hauslos… ein hausloser Söldner… Was meinte Kylin, Kethri Izimu bieten zu können und wie konnte das eigene Haus dieses Angebot toppen?

„Enbilulu!“ rief Enlil den Vertreter des Hauses Varascha auf, der wie siebzehn weitere seiner Ratskollegen gleichzeitig der Patriarch seines Clans war. <Du wolltest schon die ganze Zeit über etwas sagen. Und sei dir gewiss, dass eine beherrschte, durchdachte Rede in meinen Augen das Geschnatter dieser Narren hier aufwiegt!>
Enbilulu erhob sich. Als der einzige reinblütige Annunaki unter den Ratsleuten bot er nicht unbedingt die eindrucksvollste Erscheinung. Viele Nefilim assoziierten die kleinwüchsigen, zierlicher gebauten Annunaki instinktiv mit einer Frau ihrer eigenen Art. Ihr Anblick löste Beschützerinstinkte, aber ganz sicher keinen Respekt aus.
Enbililu sprach: „Um die Ergebnisse vergleichbar zu halten, muss das Klonkind im selben Umfeld studiert werden wie das Original. Spätestens wenn die Geburt näher rückt, hätte die Mutter ohnehin ausgewildert werden müssen. Aber setzte einmal eine Hochschwangere in ein Überschallflugzeug! Nein, das hätte sich von selbst verboten.“
„Du stellst diese Auswilderung als unvermeidlich dar, und ich gestehe deinem Argument zu, zumindest der Diskussion würdig zu sein, dennoch stellt Izimus Handlung eine unverzeihliche Eigenmächtigkeit dar!“ protestierte Namtar. <Darum geht es hier eigentlich: um Frachtpiloten, die mal einfach so in den Zikkurat stürmen um mit der Tochter des Vizekönigs im Arm wieder zu verschwinden und um Annunaki, die uns ungestraft die herrschenden Familien eines Hauses abschlachten und anschließend den letzten Überlebenden mit ihrer eigenen Tochter vermählen. Unsere Ordnung wird mehr und mehr unterminiert. Daran kann dir nicht gelegen sein. Du hast dir deinen Thron doch wohl geholt, um zu herrschen, und nicht um die Welt um dich herum in Anarchie versinken zu sehen!>
Enbilulu sah eine Reihe von Bildern, begleitet von Wortfetzen und den Gefühlsresten, die Namtar nicht gänzlich aus seiner Rede zu verbannen geschafft hatte. Um verständlich zu antworten, musste er sich auf das gesprochene Wort verlassen: „Es gibt verschiedene Arten von Ordnung, Namtar. Der Weg von einer zur anderen birgt jedesmal das Risiko des Chaos in sich, was mich nicht weniger beunruhigt als dich.“
„Aber Kethri hat dir damals auf eurer ersten Expedition das Leben gerettet oder etwas in der Art?“
„Ganz ehrlich, Fara? Kethri ist ein wundervoller junger Mann mit großem Potential, ein guter Freund überdies – aber keine außerordentliche Sitzung des Kolonialrates wert.“
„Wir drehen uns im Kreis. Ich sagte bereits, dass es nicht allein um Kethri geht.“
<Wir drehen uns immer nur im Kreis, anstatt unsere Vernunft regieren zu lassen, darin besteht das Problem.>

„Zurück zum eigentlichen Vorschlag! Wer sollte deiner Meinung nach das Subjekt in seinem natürlichen Umfeld studieren, Varascha?“ erkundigte sich Enki bei Enbilulu. Der Äther hätte diesem verraten, ob das Enlils Worte begleitende Schmunzeln für ihn gedacht war oder ob der Vizekönig über den Schusarveteranen schmunzelte. Unwillig, letzteres zu riskieren, zog Enbilulu seinen Geist in sich selbst zurück, bevor er antwortete:
„Der Schuldige natürlich. Izimu verfügt bereits über Erfahrung in der Betreuung von Klonkindern. Er hat sich um den heranwachsenden Adapa gekümmert, Prometos aus dem Wald zurückgeholt und die kleine Pyrrha, der wir später einen fundierten Ausbildungsgang für Uschebti-Aufseher verdankten, erziehen helfen. In Dilmun hat er sich auch bereits mehrere Male aufgehalten. Mein Vorschlag lautet daher: lasst uns die ‚Windwandler’ an die Kette legen und den Jagdmeister nach Dilmun verbannen, bis Chevas Junges erwachsen ist!“
„Abgelehnt!“ erhoben sich von mehreren Seiten Proteststimmen. „Abgelehnt!“
„Verbannung auf Zeit klingt allerdings gut in meinen Ohren“, meinte Bodo T´ien.
„Zurück nach Hawila mit dem Burschen!“ forderte stattdessen Anasa Vayu.
Enlil lies die darauf folgenden Forderungen nach Arbeitseinsatz in einem Salz- oder Uranbergwerk, Entzug des Titels, Zahlung einer Geldstrafe oder gar Folterhaft an seinem Kopf vorbeirauschen. Als sich seine Ratsleute wieder einigermaßen beruhigt hatten, erklärte er: „Damit wäre beinahe jedes uns bekannte Urteil mindestens einmal genannt, meine Herren. Wenn wir uns dann wieder dem Thema zuwenden könnten…?“
Ninki Damkina erhob sich. „Wenn eine Entscheidung gefällt werden muss, so bitte ich den Rat nur um eines: ein gerechtes Urteil, das dem Vergehen angemessen ist und nicht von Vorurteilen gegen den jungen Mann getragen wird.“
„Gerecht ist in diesem Fall nicht möglich!“ höhnte der Ratsmann Kheperas. „Das Fallbeil wurde abgeschafft.“
Mershak Xala hob die Hand. „Es obliegt uns nicht, hier ein Urteil zu fällen“, erinnerte er die Versammelten, „weil das Hofgericht dies bereits getan hat. Kethri Qats Urteil beläuft sich auf lebenslange Zwangsarbeit im Bergwerk. Es wurde lediglich ausgesetzt und nun müssen wir darüber befinden, ob dieser Zustand noch gerechtfertigt ist. Falls nicht, fällt es in Enlils Verantwortung, dem Sträfling einen neuen Arbeitsplatz zuzuweisen.“

<Ich hatte so gehofft, nein, ich hatte mich darauf verlassen, dass sie das vergessen!> sendete Enlil seinem Bruder. <Du weißt, dass ich mich in dieser Angelegenheit der Stimme enthalten muss. Kann ich mich wenigstens auf Eas Abstimmungspunkte verlassen?>
<Meinst du, ich brächte es fertig, Kez dieses Mal für immer nach Hawila zu verbannen? Aber Janka und mein Klonkind-Projekt…. Nein, Bruder, das Beste, was ich dir anbieten kann, ist, mich ebenfalls der Stimme zu enthalten.>
Auch Ninki fand beim besten Willen kein Argument, weshalb ein auf freiem Fuß befindlicher Kethri dem Diamantenclan dienlicher sein sollte, als ein rechtskräftig verurteilter. Wie lange würde sie noch Ratsfrau bleiben, wenn sie ihre Entscheidungen zu offensichtlich nach persönlicher Zuneigung träfe? Ninkis Untertanen auf Ki benötigten sie in dieser Position, schon im Interesse dieser Annunaki konnte sie es sich nicht leisten, ihren Ratssitz zu verlieren. „Schuldig“, erklärte die Nefilimdame daher, als die Reihe an sie kam, die durch den Rang ihres Hauses in der Börsentabelle bestimmten Abstimmungspunkte in die digitale Waagschale zu werfen.
„So steht es um die Meinung des Rates, mein Prinz“, fasste Acanceh Alalu am Ende der sehr eindeutig ausgegangenen Abstimmung zusammen. „Natürlich obliegt es dir, die endgültige Entscheidung zu treffen. Wie allerdings eine Entscheidung gegen den Willen dieses Rates vor dem Hof zu Anur aussehen wird, musst du selbst beurteilen.“

Enlil suchte die Präsenz seines Bruders. Im ersten Moment fühlte er sich durch den absoluten Gleichklang seiner Gefühle mit denen Enkis gestärkt, doch dann begann er übergangslos zu zittern.
Kein Unterschied…
„Es tut mir leid“, sprach der Vizekönig. „Aber die Kolonie verdankt dem Jagdmeister zu viel, dass ich ihm nicht eine letzte Chance einräumte. Bringt er uns die Menschenfrau zurück, will ich Kethri Qats Ausrutscher verzeihen. Tut er das nicht, wird Klonkind 3.0 eben mit einer anderen Frau weiterarbeiten und Izimu wird die vollen Konsequenzen für sein Verhalten tragen. Was General Janka Ea angeht, so hat er das Recht auf ein Ehrenduell mit Kethri sowie jegliche Wiedergutmachung in dem Augenblick verwirkt, in dem er ihn auf dem Flugfeld in Edin brutal zusammengeschlagen hat! Wer in einen höheren Rang aufsteigen möchte, hat sich gefälligst auch angemessen zu betragen.“
Eine Reihe Präsenzen, die schon Unmut angesichts Enlils Gnadenerklärung auszustrahlen begonnen hatte, wechselten ihre Färbung. Janka Eas Ansinnen, gleichzeitig Offizier und Hochgelehrter sein zu wollen, erschien vielen Adligen als Anmaßung. Sich öffentlich gegen den Mann auszusprechen, sicherte Enlil Sympathien, die ihm bereits zu entgleiten drohten. Nicht auf lange Sicht und schon gar nicht so drastisch, wie der Nefilim es sich wünschte, doch die gefühlte Übereinstimmung in diesem Punkt sorgte zumindest dafür, dass man, auch diejenigen, die sich nicht mit Enlils Urteil über Kethri anfreunden konnten, an diesem Tag zufrieden auseinanderging.
„Damit ist die Versammlung geschlossen.“

„Fragst du dich manchmal, was die Leute in der Zukunft von uns halten werden?“ wandte sich Enlil an seinen Bruder, während die beiden zusammen mit einigen anderen Hochadligen und deren Gefolge im sogenannten Abklingraum Häppchen zu sich nahmen, in dem die äthersensitiven Nefilim nach Beratungen dieser Art „wieder runter zu kommen“ versuchten. Bisweilen mündete dieses Ansinnen in einer wilden Orgie, meist aber blieb es bei einem Snack zu unverbindlichem Wortwechsel. Eventuelle Akte der Gewalt wurden von den Saalaufsehern unterbunden. In den Anfangstagen der Kolonie hatte es noch keine derartigen Räume im Zikkurat gegeben. Es handelte sich um eine jener zivilisatorischen Errungenschaften, auf die man herabzusehen pflegte, solange man sie nicht benötigte.
„In der Zukunft?“ wiederholte Enki. „Nein.“
„So edel?“
„Ach, was!“ Enki winkte ab. „Im Jenseits werde ich andere Probleme haben, Tiamat beispielsweise oder Vaters grantige Seele. Oder es stellt sich heraus, dass doch nichts an der Angelegenheit mit dem Nachleben dran ist. Daher möchte ich lieber die Verehrung des Volkes in der Gegenwart erfahren. Es ist mir gleich, was spätere Generationen über mein Leben meinen werden.“
<Macht Sinn.>
„Ja. Was ich mich allerdings tatsächlich frage…>
<Ja?>
„…ist, unter welchen Umständen diese Personen leben werden, die dann über uns sprechen oder auch nicht. Denn egal, wer wir waren oder von uns selbst halten oder was sie glauben, das wir waren… für diese, ihre Lebensumstände werden wir verantwortlich gewesen sein.“ <Verstehst du?>
„Mhm, ja, zum Wohle der Kolonie und so weiter.“
Enki verharte noch lange vor Ort, nachdem sein Bruder den Zikkurat verlassen hatte.
„Gefiederpest, mein Zwilling“, zischte er. „Wieviel deutlicher muss ich noch werden?!“
Meinst du vielleicht, es bedeute einen Unterschied für Kethri, ob seine erneute Verurteilung von einem Klon oder einem natürlich gezeugten Vizekönig ausgesprochen wird?!

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