Kristallklar (Teil 2)

Kapitel 11 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Edin, Residenzstadt auf der gleichnamigen Golfinsel.
Am nächsten Morgen.

Eine Haftstrafe absitzen zu müssen war ungewöhnlich in der Vierten Welt, wo bevorzugt Arbeitseinsatz über die Delinquenten verhängt wurde. Arrestzellen wurden eigentlich nur für Angeklagte benötigt, die für ein paar Tage auf ihre Urteilsverkündung warteten oder für Militärangehörige, die sich in der Erfüllung ihrer Dienstpflichten lax gezeigt hatten. Dementsprechend primitiv war auch die in einem Nebengebäude der Stadtverwaltung Edins untergebrachte Haftanstalt ausgestattet. Angesichts des derzeit hier einsitzenden prominenten Häftlings hatte Nuska Alulim allerdings die Wachen verstärken und ein neues mechanisches Schloss in Ergänzung zum herkömmlichen Magnetkartenverschluss in die Tür einbauen lassen.
Derzeit hinderte das Gewicht des eigenen Körpers den Häftling am wirkungsvollsten an einer Flucht. Kethri schlief unter einer Decke aus Mammutfell. Immer wieder drehte er sich im Schlaf, wenn er unabsichtlich eine schmerzende Körperstelle belastete.
Im Aufwachen begriffen, spürte Kethri nicht nur jene Stellen, sondern jeden einzelnen Knochen. Ein Auge bekam er aufgrund einer Schwellung im Gesicht kaum auf, das andere blinzelte noch im Halbschlaf. Was war am Abend zuvor geschehen, fragte sich der den geschundenen Körper allmählich wieder Besitz nehmende Nefilimgeist?
Kethri spürte eine Präsenz. Das war schon einmal ein guter Anfang. So wenig er auch behauptete, mit seinen Artgenossen gemein zu haben, so stellte die Einsamkeit ohne deren Auren doch das Schlimmste dar, was sich der Jagdmeister vorzustellen vermochte.
Diese hier fühlte sich neu-vertraut an. Kethri überlegte, wen er erst kürzlich näher kennegelernt hatte. Der Stärke nach handelte es sich um einen im Äther begabten Annunaki oder einen Mischling. Das Rudiment von Paschukus unvollständig gelöschte Titanenäthersinn hätte gut zu Kethris Eindruck gepasst, doch die Umgebungsgeräusche und -gerüche Dilmuns fehlten. Dilmun… da war doch jüngst etwas gewesen? Egal, was immer geschehen war, der Jäger befand sich nicht auf der Halbinsel. Ob die Präsenz dem neuen Schwager gehörte, Madats Freund? In diesem Fall befände er sich in der Festung an der Buntbarschbek…
<Hübsch>, kommentierte jemand das Bild der Fische in Kethris Kopf.
Die gezielte Äußerung ermöglichte Kethri, den Sprecher zu identifizieren – und damit auch sich selbst wieder in die Raumzeit einzuordnen.
„Chinun! Und wir sind… irgendwo in Nippur? Edin?“ <Ich würde es spüren, wären wir in Eridu.> „Wie spät ist es?“
„Edin, Stadtgefängnis“, gab Chinun Auskunft, wobei er sich dezent schüttelte. „Und die Sonne geht gerade auf, daher würde ich sagen wir haben Null Uhr Lokalzeit. Nicht ganz ein Tag nach unserer Verhaftung also.“
<Was ist los?> erkundigte sich sein Zellengenosse. <Dich ekelt irgendetwas an.>
„Eure Fische. Widerliches Viehzeug, genaugenommen, aber Eure Assoziationen lassen sie mir in ebenso warmen Licht erscheinen, wie Euch der Ort, an den Ihr denkt. Dementsprechend kann ich nicht aufhören, sie mir vorzustellen.“
„Wieso widerlich?“
„War das letzte, was ich sah, bevor mich vor ein paar Tagen ein Adliger voll mit dem Äthersinn erwischt hat.“
<Alles klar.> „Das sollte sich bald legen. Bis dahin versuche ich, an etwas anderes zu denken.“
<Danke.> „Selbst wenn es beim Versuch bleiben sollte, das verdammte Annunakigesindel weiß die Rücksichtnahme durchaus zu schätzen.“
Kethri stöhnte.
Chinun nickte kurz und ließ die Angelegenheit danach auf sich beruhen. Er wusste ja, dass Kethri seine Beleidigung am Vortag nicht so gemeint hatte wie Männer vom Schlage seines Bruders. Was nicht bedeutete, dass Chinun auch nur einen einzigen entsprechenden Ausrutscher unkommentiert hätte durchgehen lassen.

Kethri schälte sich unter der Decke hervor. Er und Chinun teilten sich zwei Pritschen, eine Toilette und die als einzige Unterhaltung ausliegende gedruckte Ausgabe der Kolonialgesetze, die Chinun sofort an sich genommen hatte.
„Ab und zu muss sich auch ein erwachsener Mann einmal mit etwas völlig Sinnfreiem beschäftigen“, kommentierte er sein Interesse an dem Buch.
Chinun bemühte sich, ganz besonders vertieft in das Gesetzeswerk zu erscheinen, als sein Zellengenosse im Verlauf des Vormittags weiblichen Besuch empfing.
Ninurta flog regelrecht in Kethris Arme und umklammerte ihn anschließend, als wolle sie den Geliebten zu ersticken, obwohl doch gar kein Todesurteil über diesen ergangen war, das es zu vollstrecken galt. Sie vergrub ihre Hände in Kethris Haar, küsste seine Wangen und die Lippen, bemüht, die blauen Flecke und Schwellungen in Kethris Gesicht nicht zu berühren, damit der Partner nicht auch noch aus ihrer Hand Schmerzen erleiden musste.
„Ich habe Angst, Ninurta“, gestand der Gefangene seiner Freundin. „Sie haben mich gestern allen möglichen Untersuchungen unterzogen. Tauglichkeit für verschiedenste Arbeiten, Allergietests, Stärke des Äthersinns… das gesamte Eingangsprotokoll für ein Foltergefängnis, glaube ich.“
Aus Sjurens Erzählungen und mehr noch seinem mittlerweile gewachsenen politischen Verständnis wusste Kethri, was sich hinter dem Begriff verbarg: Keine Einrichtung, in der Häftlinge einfach nur regelmäßig körperlisch und seelisch gequält wurden, sondern ganz konkret mit dem Ziel, sie in den Selbstmord zu treiben. „Hat mein Vater die Todestrafe abgeschafft, so muss ich mich eben um Alternativen bemühen“, lautete der Wahlspruch des Kaisers.
„Damit wollten sie dir nur Angst einjagen!“ lachte Ninurta. „In Wahrheit wirst du entlassen! Wir müssen vorher nur noch kurz nach Dilmun fliegen und unsere Freunde zurückholen!“
<Wie bitte?>
Ninurta setzte den Freund über die Entscheidung ihres Vaters vor dem Kolonialrat in Kenntnis.
„Aus diesem Grund musst du Cheva zurückholen. Es gefällt mir ganz und gar nicht, doch das ist nun einmal der Wille des Rates. Aber wer sagt denn, dass wir Adapa und Asura nicht ebenfalls mitnehmen können? Niemand schenkt Adamu groß Beachtung. Es würde überhaupt nicht auffallen, wenn die beiden für die Dauer des Experiments als Gäste bei uns lebten.“
„Schöne Gäste!“ zischte Kethri. „So wie Chinun und ich gerade hier zu Gast sind!“
„Aber wir wären wieder zusammen! Du, ich, wir vier… auch im Wald von Shuruppak gibt es versteckte Seen, von Edins Pracht einmal gar nicht zu reden! Wie könnten wir den Park aufmischen, wenn du nur wolltest!“
Kethri schüttelte den Kopf.
„Dein Onkel, Nurti, hat die Rebellion zur Kunstform erhoben. Aber am Ende wählt Enki stets den Weg, den zu beschreiten ihm ermöglicht, seinen Platz in unserer Gesellschaft zu bewahren.“ Kethris Züge verhärteten sich, als er Ninurta aufforderte: „Richte ihm aus, wenn du ihn wiedersiehst, dass mich mein einstiger Kommandant etwas anderes gelehrt hat!“
„Izimu…!“ hauchte Ninurta. „Die werden mich verheiraten, wenn du fort bist! Und was sie mit dir in Hawila anstellen, kann ich mir nicht vorstellen. Aber du kannst es. Du weißt es, weil du es bereits einmal durchleiden musstest. Ist das wirklich, was du willst?“
„Natürlich nicht“, widersprach der Gefangene. „Aber was glaubst du denn, wie lange die mich im Goldland halten können? Ich bin der Wind, Schatz, und warte in der Savanne auf dich!“
Ninurta stemmt die Hände in die Seiten. Zu wievielen Teilen ihre folgenden Worte neckend und zu wie vielen ernst gemeint waren, lies sich nicht ermitteln: „Du weißt, dass ich dich verhaften muss, wenn du es tatsächlich auf eine Flucht anlegst! Erschießen, wenn du es uns zu schwer machst, dich lebendig zu fangen!“
„Ich bin zuversichtlich, dich umstimmen zu können“, grinste Kethri. „Ich habe mich wirklich gefürchtet, Ninurta. Vor allen möglichen Horrorszenarien. Aber einfach nur zurück nach Hawila? Was soll mir Hawila denn noch entgegenzusetzen haben? Diesmal gebe ich mich nicht auf, denn diesmal habe ich einen Grund zu fliehen. Ich kenne Anubis, ich weiß, wie Amor tickt und wie man von Clytie bekommt, was man will. Ich muss dieses Wissen nur umsetzen!“
„Ja.“ Ninurta nickte düster. „Deswegen wirst du unter Garantie nicht im Goldland landen.“
Noch einmal beschwor die Nefilim Kethri, sich seine Entscheidung durch den Kopf gehen zu lassen, dann signalisierte ein Wärter dem Paar, dass die Besuchszeit abgelaufen sei.

„Glaubt Ihr an alles, was Ihr dem Mädchen eingeredet habt?“ erkundigte sich Chinun skeptisch. „Über eine Flucht, den Wind und all das? Auf Ki ist es nämlich schwer bis unmöglich in eine kriminelle Unterwelt abzutauchen.“
Kethri zuckte die Schultern. „Ich weiß nur, dass ich demnächst herausfinden werde, was ich wirklich glaube und was nicht.“
Der Nefilim setzte sich auf seine Pritsche. Direkt gegenüber haftete haftete nun ein von Ninurta zurückgelassener Wecker an der Zellenwand. Der Timer des Geräts war auf die dem Gefangenen für seine Entscheidung einberaumte Zeit eingestellt. Und er tickte…
„Scheiße… Verdammte Scheiße…“ flüsterte Kethri immer wieder.
TICK.
Auf dem Gang wechselten die Wachen.
TICK.
Den Gefangenen wurde Fischfilet an gedünstetem Gemüse von der Golfinsel serviert.
TICK.
Kethri studierte dieselbe Seite des Gesetzeswerkes fünfmal, ohne auch nur ein Wort davon aufzunehmen.
TICK.
TICK.
TICK.
Dunkle Ringe umgaben die Augen des Jagdmeisters, als er seinen Zellengenossen aufweckte.
„Steh auf, Chinun. Sie sind da.“
KLICK machte das Türschloss. Das Geräusch lies Chinun aufhorchen. Er begriff, dass Ninurtas Wecker ausgesetzt hatte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s