Kristallklar (Teil 4 von 6)

Kapitel 11 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Kethri Izimu Qat stand im Waschraum, einer von vielen an einer Reihe von Becken stehenden Sträflingen. Er tauchte die Hände ins kalte Wasser und malte sich für einen Moment aus, es sich sogleich ins Gesicht zu spritzen. Doch zwischen dem Wasser und seiner Haut befand sich die Maske, die vom Tastsinn abgesehen sämtliche Wahrnehmung ausschalten sollte. Selbst die Atemluft erhielt der Nefilim durch einen Filter zugeführt, damit sie so neutral wie möglich blieb. Denn was in diesem Raum gereinigt wurde, waren nicht die Insassen Ekurgaranums, sondern Kristalle.
Kristallgitter nahmen bereitwillig den von einem aktiven Äthersinn ausgehenden „Dunst“ auf, welcher starke Emotionen begleitete. Es existierten einige einfache Techniken, um Kristalle noch aufnahmefähiger zu machen oder, das war die häufigere Vorgehensweise, sie von den im Laufe der Zeit empfangenen Einflüssen zu reinigen. Genügte bei einem gewöhnlichen Quartz aus dem Setzkasten an der Wand der Guten Stube noch sanftes Abschrubben unter fließendem Wasser zur Läuterung, so stellte die korrekte Pflege eines in Medizin oder Waffentechnik eingesetzten Diamanten ein einträgliches Tätigkeitsfeld für Nefilim und Nefilimmischlinge dar.
Nicht alles, was eine Kristallstruktur besaß, bildete diese auch makroskopisch aus, so dass im Laufe des Tages bereits die verschiedensten Formen durch Kethris Hände gewandert waren. Doch wohlwollende Neugier auf jedes nächste Stück, so hatte man ihm erklärt, schadete den Pfleglingen nicht. Nur durfte die Wissbegier nicht zu stark in den Äther strahlen, sonst hätte man am Ende statt einer Löschung jeglicher emotionalen Prägung lediglich die alte durch eine neue ersetzt. Wohin ein Arbeiter, der sich solches zu Schulden kommen ließ, als nächstes versetzt wurde, und wie die Ausrüstung dort aussehen würde, wollte Kethri lieber gar nicht erst wissen. So stellte er alles zurück, was sein Fühlen ausmachte, während er sich den Steinen widmete. Es handelte sich um eine andere Art des Abstandhaltens als die geistige Betäubung, die der Nefilim in Hawila gefühlt hatte. Er schien trotz allem (und zu seiner eigenen Überraschung) noch als geistig gesundes Individuum zu gelten, wenn man ihm diese Arbeit zuteilte. Nicht nur das, Kethri war gut in der ihm aufgezwungenen Aufgabe, zu gut, als dass sogar jene Aufseher, die ihn hassten, es hätten ignorieren können.

Eigentlich bestand kein Hassverhältnis zwischen Personal und Insassen, denn Ekurgaranum war im Gegensatz zu Hawila nicht primär darauf ausgelegt die Häftlinge zu brechen und gehorsame und produktive Untertanen zu erzeugen, auch nicht die Unliebsamen für immer verschwinden zu lassen. Nein, am ehesten ließ sich der Ort mit einem riesigen, unteridischen Legehennenstall vergleichen. Die Hennen sollten Eier legen, daher erhielten sie beste Versorgung. Kethri konnte wie ein kleiner Junge alles stehenlassen oder sich an Steaks überfressen. Was für die Balance des Äthersinns oder ein anstehendes Experiment vonnöten war, wurde ohnehin zugefüttert oder gleich intravenös verabreicht.
Kethri Qat jedoch wusste weder die guten Mahlzeiten noch die den „Hennen“ offenstehenden Bespaßungseinrichtungen zu würdigen. Er verhielt sich gleichermaßen abweisend gegenüber seinen Mitsträflingen, den wenigen Uschebti Ekurgaranums, den Wachmannschaften, dem zivilen Personal und den Wissenschaftlern, umging oder ignorierte Regeln, stahl, spottete und reagierte überheblich bis aggressiv auf Zurechtweisungen. Es verging eigentlich keine Woche, in der die Aufseher den Verurteilten nicht zu Disziplinierungsmaßnahme aufschreiben mussten. Mal waren das Körperstrafen, mal Sonderschichten. Die seinem Fürstenrang angemessene komfortabel ausgestattete Zelle bekam der Sträfling nur selten zu sehen.
Wie auch immer die Konsequenzen seiner Aufsässigkeit ausfielen, Kethri schien nichts zu bereuen. Er wünschte nur, bereits solcherart ausgebrochen zu sein, als es noch etwas bewirkt hätte: Adapa mit einer anderen Braut zusammengebracht, Prometos nie ausgewildert, den Eridu Fünfzig die Idee des Erlösers aus der Petrischale ausgeredet und das E-Schara gründlicher zerstört zu haben. Oder, wenn er schon nichts bewirkt hätte, wenigstens, anstatt sich so oft heimlich im Besucherwaschraum zu übergeben, seine Kotze Dr. Shimti über den Kittel gespuckt zu haben.

Der Sträfling trat vom Becken zurück.
„Was ist los, Izimu?“ verlangte der diensthabende Aufseher zu wissen. „Orientierungsstörung?“
Kethri schüttelte den Kopf.
„Zu viel Spaß an ner Phantasie, um zu riskieren, dass sie in einen der Kristalle eingeht“, gab er wahrheitsgemäß Auskunft.
„Wenn Ihr meint, dass Euer Gedankenspiel jemand in irgendeiner Weise in Schwierigkeiten bringen könnte, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen, macht weiter“, forderte er den Gefangenen auf. „Markiert das Steinchen entsprechend und wir reden später über eine Gegenleistung.“
„Oha! Arbeitsplatzintrigen?“
Der Saalaufseher zuckte die Schultern.
„Wo gibt’s die nicht? Macht das fertig und dann will Euch Herr Qurn in seinem Arbeitszimmer sehen.“
Kethri gehorchte. Nach getaner Arbeit legte er den präparierten Quartz in eine Seifenschale abseits der gereinigten Exemplare und schrieb „Kotzfrucht“ auf den Boden des Behältnisses. Bevor er den Saal verließ, stieß Kethri den Aufseher in die Seite und erklärte, für derartige Feierabendpläne habe sich der Weg vom Urwaldaffen zum zivilisierten Nefilim ja richtig gelohnt. Der Mann fluchte, weniger über die Beleidigung, als vielmehr über die Tatsache, wie zielsicher der Gefangene unter dessen Maske den Schubser platziert hatte.

Dem Waschraum entkommen riss Kethri Maske und Zellophanhandschuhe herunter. Er lehnte sich gegen die Wand und atmete tief durch. Sicher hätte er jetzt, hätte Qurn nicht nach ihm verlangt, das Schwimmbad aufsuchen oder ein erotisches Video anschauen können. Doch die Existenz derartiger Ablenkungen machte die Hölle nicht zu etwas anderem, sie hielt das lebendige Arbeitsmaterial nur etwas länger am Funktionieren. Früher oder später endete die Henne in der Elektrolytlösung, weil sie nicht mehr schnell genug legte, um bei Kethris Stallmetapher zu bleiben. Ekurgaranum hinterließ jeden als nervliches Wrack, gerade weil man nie wusste, ob man nicht bereits in der nächsten Stunde zu einem der Experimente herangezogen wurde.

Qurn ließ Kethri in einen leeren Raum bringen. Graue Raufasertapete bedeckte die Wände, Decke und Fußboden waren von einem etwas dunkleren Grau. An einer Wand waren ein Waschbecken und ein Hängeschrank angebracht und in der Mitte des Raumes stand ein einzelner Tisch mit einer gläsernen Platte, an dem der Wissenschaftler Kethri gegenüber saß. Unter diesem Tisch stand ein Karton mit einem Sammelsurium an Büromaterial, auf der Tischplatte aber lag die Kristallklinge, Kethris Jagdmesser, das Kulla während der ersten Expedition aus dem defekten Energiespender eines Lasergewehrs zurecht geschliffen hatte. Hatte nicht irgendeine urzeitliche Echse das empfindliche Gerät zertrampelt? Kethri erinnerte sich vage, dass er in irgendeiner Weise ebenfalls nicht unschuldig an dem Unfall gewesen sein musste. Viel deutlicher stand ihm im Gedächtnis, wie er den Kristall zuerst als Speerspitze verwendet und ihm erst später einen Messergriff hinzugefügt hatte. Dieser Griff wechselte gelegentlich, in diesem Jahrzehnt bestand er aus Holz, doch wies er jedesmal dieselben, stets nur leicht variierten Verzierungen auf, welche die Tierwelt des alten Ki während der Ersterkundung abbildete.

Kethris Finger zuckten nach dem Messer, doch er zwang den Drang, zuzugreifen nieder, wie er seine Gefühle während der Schicht im Läuterungsraum beherrscht hatte.
Qurn grinste.
Also doch mehr als bloß ein Andenken!
Qurn schob das Messer über den Tisch auf seinen ursprünglichen Eigentümer zu.
„Deine Kristallklinge, Jagdmeister!“
„Toll. Jetzt habe ich hier mein eigenes Messer zum Obstschälen.“
„Nach all dem, was ich durchgemacht habe, um deinen „offensichtlichen“ Erben aufzuspüren und die Klinge zurückzuholen“, knurrte Qurn, „wäre ein wenig Dankbarkeit angebracht!“
Im selben Atemzug drehte der Annunaki die Kristallklinge um, so dass nun der Griff einladend vor Kethri lag.
„Greif zu! Ohne die Hand, die sie führt, ist die Waffe wertlos.“
„Wofür? Wenn Erbet-Kibratim Bedarf an Meuchlern hat, ruft Enlil Shushoran und Apollon.“
„Gefiederpest, Kethri Qat! Ist die Kristallklinge etwa kein Teil deiner Selbst? „
„Was stellst du dir darunter vor?“ konterte Kethri. „Einen Fokus, der jeden Messerstich mit der Macht meines Geistes verstärkt? Oder eine Batterie, die ein vorher empfundenes Gefühl speichert, so dass ich im passenden Moment meinen Zorn gefühlskalt über einen Messerstich in mein Opfer entladen kann?“
Qurn lachte auf!
„Daran hast du also auch schon gedacht!“
„Ich…“
Der Kristallomant winkte ab.
„Das wäre etwas, das ich ausprobieren würde, säßen hier tatsächlich Shushoran und… wer? Egal. Für dich hatte ich an etwas anderes gedacht. Du warst doch Mummu der Götterbote, Verbindungsmann und Herold der Prinzenbrüder!“
Ja, dachte Kethri. Weil ich mich davor fürchtete, ansonsten nach Hawila zurück zu müssen, und was es mit mir machen würde. Und weil mich alles irgendwie überrollt hat, einschließlich der Wiederaufnahme durch die Eridu Fünfzig.
Qurn vernahm Kethris Gedanken als ein <ja, aber=““ es=““ hat=““ mir=““ nicht=““ unbedingt=““ gepasst=““>, ein „Ja mit Zweifeln“, doch schien ihm das angesichts einer solchen Bürde völlig natürlich, so dass er nicht weiter nachhakte.
„Du sprachst vom Auslagern deiner Gefühle“, nahm der Wissenschaftler den Faden wieder auf. „Das klingt im ersten Moment erstrebenswert, doch entstehen Gefühle immer wieder neu. Daraus ergäbe sich ein ständiger Strom von deinem Geist ins Kristallgitter, ohne dass etwas gewonnen würde, was nicht durch Selbstdisziplin ebenso vollständig erreicht werden könnte. Nein, denk mal um die Ecke!“
„Ich verstehe nicht…“
„Was, wenn nun das Kristallgitter der Klinge deine Äthertechniken nährte, ohne anhaltende Konzentration deinerseits zu erfordern? Deinen nicht als solchen erkennbaren Ätherschild, den Qat’schen Ätherknebel und die Sinnestrübung?“
„Qat’scher…?“ Kethri kicherte. „Du musst nicht in Patentnamen sprechen, Qurn!“
„Und du musst nicht scherzen, um davon abzulenken, dass dir die Idee gefällt.“
„Also gut. Versuchen wir es! Was sollte ich beachten?“
„Nur das eine: Dass du dich nicht verlieren kannst. Du fertigst lediglich eine Kopie eines Aspektes deiner Selbst an, die du verschickst wie elektronische Post. Bewahrst du das im Hinterkopf, bist du auf der richtigen Spur.“

Qurn verließ den Raum, blieb jedoch über die Sicherheitskameras mit Kethri verbunden.

Dieser saß zuerst etwas verloren zwischen den grauen Wänden. Das Messer enger an sich binden… den Kristall, der ein Abfallstück gewesen war, erneut veredeln… wie sollte er das anstellen? Es erforderte, alles, was im Alltag unbewusst ablief, seinem eigenen Willen zu unterwerfen und zudem Jahrzehnte in wenige Minuten zu komprimieren.
„Das kann ja was werden…“ murmelte Kethri, während er seine Finger zur Kante des Glastisches bewegte, um dort einen von mehreren Schaltern umzulegen. Sogleich begannen sich Schwaden durch die Platte zu ziehen, die sich zu Meditationshilfen formten. Was die Wissenschaft an Unterstützung zu bieten hatte, stellte Ekurgaranum Qurn und Kethri zur Verfügung. Doch letzten Endes befanden sich die Nefilim im selben Experimentierstadium in dem auch ihre Weltraumfahrt steckte.

Die Kristallklinge lag auf dem Tisch vor Kethri Izimu, der nicht viel mehr damit zu tun schien, als sie intensiv anzustarren. Von außen betrachtet mussten die Versuche des Nefilim, seinen Äthersinn mit dem Kristallgitter der Waffe zu verbinden, langweilig erscheinen. In einem Fernsehspiel hätte auf die Szene abgestimmte Musik den Zuschauer bei der Stange gehalten, doch Musik hätte Kethri bloß abgelenkt.
Angestrengt konzentrierte Kethri sich auf die Form des Objekts vor seinen Augen und auf die Färbung seiner eigenen Gefühle. Ob sich Form und Textur kombinieren ließen?
Jesket hatte ihrem Vetter beigebracht, dass der Äthersinn im ganzen Körper entstand, so, wie sich die Nervenbahnen eben durch den gesamten Leib zogen. Das Gehirn wertete nur aus und das Dantien war im Prinzip nichts weiter als ein Signalverstärker. Die Kristallklinge trug Kethri lange genug mit sichherum, dass sie sich als Teil seines Körpers qualifizierte. Sie musste das nur begreifen. Überhaupt ersteinmal in die Lage versetzt werden, zu begreifen! Nicht sein Denken, nicht einmal Kethris Fühlen, sondern sein SEIN wurden bei dieser Aufgabe verlangt.
Der Nefilim weitete seinen Geist aus wie nie zuvor…
Komm zu mir!
Plötzlich befand sich die Kristallklinge in Kethris Hand.
Ich muss wohl blitzschnell zugegriffen haben, ohne es zu merken, überlegte er.
Doch seine Finger waren nicht vollständig um den Griff der Waffe geschlossen, wie sie es hätten sein müssen, hätte Kethri das Messer vom Tisch aufgehoben. Die Kristallklinge lag einfach so in seiner Handfläche, als sei sie in diese hinein gehüpft. Sie kippte bereits bedenklich in ihrer Lage.
Das ist sinnlos. Wenn ich noch nicht einmal wahrnehme, nach dem Messer gegriffen und damit gespielt zu haben, dann war ich nicht in Meditation versunken, sondern habe mich mit irgendwelchen Gedankenketten treiben lassen.
Kethri wollte seine Hand gänzlich um die Kristallklinge schließen um sie anschließend wieder zurück zu legen, doch kaum hatte er die Finger nur ein wenig gekrümmt, spürte er einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Der Nefilim lies die Kristallklinge fallen, sprang auf und presste die Hand auf die pochende Schläfe.
Autsch! Das habe ich jetzt von Qurns verrückten Experiment!
Kethri bückte sich. Erneut griff er nach seiner Waffe. Die Klinge kannte ihn, schien nur darauf zu warten, dass ihr Besitzer sie an sich nahm, aber gleichzeitig löste die bloße Berührung erneut Schmerzen aus. Reale, körperliche Pein, diesmal in seiner Hand. Dabei hatte Kethri nicht einmal die Klinge selbst, sondern lediglich das Heft mit den Nyamalaschnitzereien berührt.
„Schattenlosenpein!“ jaulte der Nefilim. „Was bei allen Kreaturen Tilmuns und Sheols habe ich da in das Gitter übertragen? Und vor allem, wie kriege ich es wieder raus?!“

„Was ist passiert?“ meldete sich Qurn über einen Lautsprecher.
„Das, wonach es aussieht“, brummte Kethri zurück.
„Hm. Das ist ärgerlich, war aber nicht auszuschließen. Dann musst du das Gitter eben reinigen.“
„Guter Witz“, knurrte Kethri. „Meinst du, die Kristallklinge läuft neben mir her, wenn ich es ihr befehle?“
Der Nefilim sah sich in dem Raum um. Im Karton unter dem Tisch fand er einen Zirkel, den er wie eine Grillzange benutzte, um seine störrische Waffe aufzuheben. Zumindest das schien zu funktionieren, wenngleich es mit einem Kribbeln in Kethris Hand verbunden war und der Zirkel unwillig vibrierte. Gleichzeitig gesellten sich nun Bauchschmerzen zu denen im Kopf.
Mit seiner Last trat der Nefilim an das Waschbecken an der Wand.
„Also gut, ab mit dir ins Wasserbad!“ kündigte er der Kristallklinge an. „Fließendes Wasser, Löschen aller Prägungen, Energien müssen wieder frei fließen. Wie aus dem Lehrbuch. Nichts, was ich seit meiner Ankunft hier nicht bis zum Umfallen geübt hätte… im Falle der Sonderschichten gern auch wörtlich zu nehmen.“

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