Kristallklar (Teil 5 von 6)

Kapitel 11 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Der Nefilim unterzog seine Kristallklinge der seit frühester Jugend eingeübten Wasserhahn-und-Äthersinn-Behandlung. Außer, dass er sich an den von seiner Waffe ausgehenden Schmerz gewöhnte, erreichte er allerdings nichts. Doch in dem Maße, in dem die Stiche in seinem Kopf erträglicher wurden, erkannte Kethri die dahinter stehende Dunkelheit deutlicher. Sie schien ihn hungrig verschlingen zu wollen.
Nein. Nein, das stimmt nicht. Sie will ihren Hunger auf mich übertragen, damit ich ihr helfe, ihn zu stillen. Verdammnis! Das war nun wirklich nicht, was ich habe programmieren wollen.
Anstelle kühler Berechnung und Effizienz in Form standardisierter Äthertechniken schien Kethris ureigenstes Wesen in die kristalline Struktur gewandert zu sein, jedoch nicht ein Teil seiner Seele, sondern jener sich in ständiger Fluktuation befindliche Teil eines Sprechenden Tieres, den man als Persönlichkeit bezeichnete. Kethris gesamter Frust, der in ungezügelter Wut resultieren konnte, befand sich nun in seiner Waffe gespeichert – wo er nicht hingehörte. Sollte er womöglich in Zukunft jedes Mal gegen sich selbst ankämpfen, bevor er sein Messer schmerzfrei führen konnte? Dann wäre der Jagdmeister der „Schusar“ die Lachnummer der kaltzeitlichen Steppen und Wälder!
<So nicht, Freundchen… Du oder ich und du bist ich, also ist diese Sache genaugenommen längst entschieden!>
Wieder und wieder führte Kethri die Reinigungsprozedur von Anfang bis Ende durch. Mit jedem neuen Anlauf spürte er erneut, wie ihn die Dunkelheit zu übermannen trachtete. Es schienen nur zwei Optionen für ihn zu existieren: sein Jagdmesser abzuschreiben oder sich auf die von der verseuchten Waffe ausgehenden Gefühle einzulassen. Doch das hätte bedeutet, die Hilflosigkeit Mummus des Götterboten im Intrigengeflecht der jüngsten Zeit erneut zu spüren. Und diese stellten ohnehin nur eine Kulmination dessen dar, was er seit der Ankunft der Rettungsexpedition auf dem alten Ki erlebt und gefühlt hatte. Sein Exil nach dem Absturz der „Schusar“ hatte Kethri verändert, oder ihm zumindest bewusst gemacht, dass er schon immer anders gewesen war.
Besser.
Die Stiche in seinem Kopf peinigten den Jagdmeister weiter, aber sie versprachen ihm auch Macht, die Macht eines aus der Falle befreiten Raubtieres. Diese Kraft und Wut musste sich nicht gegen ihn selbst richten. Er würde sie in die von ihm gewünschte Richtung lenken können – auf jedes von ihm gewünschte Ziel! War es das nicht, was er von Anfang an geplant hatte?
Nein, nicht so. Nicht auf diese Weise.
Aber du könntest es allen heimzahlen, En-Scharur.
Natürlich. Damit ich nach Ekurgaranum auch noch im Isolationslager für Ätherkriminelle auf den Beuteltierinseln lande.
Dafür bist du bereits zu mächtig.
Das sind Amurris Machtphantasien. „Drittmächtigster Mann auf dem Planeten“ und so weiter. Die Wahrheit ist ein bisschen komplizierter.
Bevor das, was er als Selbstgespräch wahrnahm, sich auch noch über seine Stimmbänder äußern konnte, schrie Kethri unartikuliert auf. Er brüllte, um nicht mit sich selbst streiten zu müssen, in der verzweifelten Hoffnung, dass alles, was nicht sein Alltag war, wieder verschwinden und ihn in der Sicherheit des Gewohnten zurücklassen würde, selbst, wenn dieses Gewohnte nun Ekurgaranum hieß.

Als wieder Ruhe herrschte, hörte Kethri Schritte in seinem Rücken. Genaugenommen kamen sie gerade zum Stehen.
„Alles klar hier?“
Kethri schnellte herum.
„Qurn! Was machst du hier drin? Bist du von Sinnen?!“
Der Nefilim hielt seine Kristallklinge fest in der Hand.
„Ich kann das verdammte Ding nicht loslassen“, presste er hervor.
Qurn nickte. „Warte, ich helfe dir.“
So schnell, dass Qurn Mühe hatte, die einzelnen Worte auseinander zuhalten, verwehrte sich Kethri gegen dieses Ansinnen: „Nein! Bleib fort! Lass nicht zu, dass ich dich damit auch nur ritze!“
Unschlüssig tastete Qurn nach der Schockwaffe in seinem Gürtel. Eine gezielte Entladung mochte Kethris neuerliches Problem lösen – oder es weiter verschlimmern.
„Rad-jo!“ zischte Kethri.
Qurn verstand nicht, wieso, doch er nickte, wandte sich um und verließ den Raum. Kurz nachdem sich die Tür wieder hinter Kethri geschlossen hatte, setzte die Radioeinspielung über den Lautsprecher ein.
„Die Maid im Kornkreis!“ trällerte Ashnan Ea überglücklich auf dem Bauernkanal. „Oh ja, im Kornkreis! In diesem Kornkreis!“
Zufrieden nickte der Nefilim angesichts der Hintergrundmusik, die ihm nun doch noch geboten wurde.
„Scheiß auf Glaubhaftigkeit! Mit solchen Filmen bin ich aufgewachsen, so kenne ich das!“
Der kleine Junge, dessen liebstes Haustier ein verspieltes Äffchen gewesen war, übernahm das Kommando über Izimu Qats Körper. Dieselbe Seele wie heute hatte damals diesen Körper bewohnt, doch es war ein anderen biologischen Regeln folgender Körper gewesen und daher musste auch der spezifischen Körper-Seele-Verbindung ein anderer Geist entsprungen sein. Unschuldig, naiv, ohne die Bürde, um diese Charaktereigenschaften zu wissen. Allerdings auch leichter zu korrumpieren, da dieses Konzept dem kleinen Jungen noch fremd war.
Sie haben dich eingesperrt. Du weißt nicht, wie das ist. Aber ich…
<Halt die Schnauze! Von mir selbst muss ich mir nicht sagen lassen, wie unreif ich sei.>
Das bist du nicht. Ich würde keinen Schwächling…
<Ich habe gesagt, du sollst die Schnauze halten! Ich bin ein Fürst des Hauses Qat und du, du bist meine!>

Klein-Kethri, der noch nicht Izimu war, stellte sich vor, gegen einen Dämon zu kämpfen. Er kannte die Klassifikationen liturgisch anerkannter jenseitiger Wesen noch nicht (und hatte auch noch nicht die Geschichten gelesen, in denen die cooleren der ausgedachten auftraten), daher konnte der Begriff für ihn noch alles umfassen, was in irgendeiner Weise böse erschien. Tiamat beispielsweise, die Gottdrachin aus den Mythen.
Jungkethri hatte sich noch nicht mit Waffengeschichte auseinandergesetzt, weshalb jede vorgestellte Waffe stets so effektiv gegen den jeweiligen imaginierten Gegner sein konnte, wie es für den Verlauf des Abenteuers nötig war.
Er vermochte sich mit so vielen Gefährten zu umgeben, wie er wollte, mit urtümlichen Riesenaffen, die Umhänge aus Vogelfedern trugen, sprechenden Riesenechsen in Arbeitsoveralls, kriegerischen Wolfsmännern und tollkühnen Matrosinnen. Seine Phantasie bot Kethri eine große Auswahl an Charakteren, da der Junge zusätzlich aus dem Fundus dessen schöpfen konnte, was sein erwachsenes Ich gelernt und selbst erlebt hatte. Das Kind verstand nicht alles, was es in seiner „Zukunft“ sah, doch es fiel im leicht, allem einen Sinn und jedem eine Rolle zuzuweisen. Doch wollte Kethri das überhaupt? Sie standen bereit, die Helfer, bereit, sich um seinetwillen in Gefahr zu begeben.
Nein, bleibt, wo ihr seid! Das ist gefährlich… ich kann das…
Die eingebildeten Freunde vor „Tiamat“ zu beschützen, schien Kethri nun das Wichtigste auf der Welt, denn seine wirklichen Freunde kannte er nicht mehr/noch nicht. Dieser Kanal war vor dem Dämon verschlossen, es würde ihn nicht benutzen können, um seinem Gegner zu schaden.
Wer bist du…? Ich erkenne dich nicht…
Ich bin… ich bin ein Krieger aus uralter Zeit, der zurückgekehrt ist, um die Welt vor dir zu beschützen!
Das stimmte doch, nicht wahr? überlegte der Junge. Aus der Sicht eines Erwachsenen war die Kindheit stets eine nebulöse mythische Zeit, über die man sich Theorien zurechtlegte, um sie ansatzweise fassen zu können.
Einer von jenen also. Als die Wächter mich einsperrten, zu vernichten versuchten, da plantet ihr im Hintergrund bereits viel Schlimmeres für mich.
Du liebe Zeit, da nimmt aber jemand seinen Hausarrest persönlich.
Kethri stand schwer atmend vor dem Dämon. Fünfzehn Köpfe reckten sich ihm bedrohlich entgegen und zwischen den Lefzen des einen steckte noch ein blutiger Fetzen von der Schusar-Uniform seines zukünftigen Ichs. Der Junge versuchte, die Nase Tiamats zu erreichen, indem er hoch sprang. Er musste dem zuschnappenden Schädel ausweichen, erdachte sich fluggs einen Bootshaken, mit dem er ausholte, doch umsonst.
Ich komme nicht heran…
Verzweiflung wollte den Kämpfer übermannen, als er begriff, dass diese Welt nicht seinen Spielregeln folgte. Sein Gegner war nicht zu besiegen, nicht auf diese Weise. Aber andererseits musste er den Dämon ja auch nicht töten. Kethri manifestierte eine Ritterrüstung. Sie strahlte blau, die Scharniere nahmen das Grün seiner Augen an und die Waffe in seiner Hand wurde von den Stahlhandschuhen der Rüstung absorbiert, um als Schild wieder hervorzutreten. Das Wappen auf seinem Schild war grau, es zeigte die geflügelte Katze des Hauses Qat sowie eine Nummer und Kethris Vornamen: Kethris Sträflingsetikett.
Davon weißt du also…
Der Dämon lockte Kethri nun, denn seine Waffen beschränkten sich bei weitem nicht auf Klauen und Zähne:
Wenn du ein Freund des Mannes bist, der in Ekurgaranum gefangengehalten wird, lass mich vorbei und ihm helfen, so etwas nie wieder Wahrheit werden zu lassen!
Nein! Er hat es verdient, eingesperrt zu werden! Er hat ein Sonnensystem in die Luft zu sprengen versucht … oder so.
Nicht kindliche Unschuld, sondern das Bewusstsein des Jungen einer moralischen Verfehlung des älteren Kethri hielten den Dämon auf Abstand. Das Konzept der Schuld war dem Untier fremd und alles Fremde vermochte ihn zu verletzen, denn er wusste es nicht in sein Weltbild zu integrieren.
So stand Kethri Wache an einer gedachten Schwelle. Auf wer weiß wie langen Hälsen die Köpfe mit den hungrigen Mäulern auch sitzen mochten, sie würden ihre Beute nicht zu sich heranziehen können.
Geh weg! Du bist hier nicht erwünscht! Manche von den anderen Kindern sagen, es gäbe dich nicht mal wirklich! Und… und… und du bist ganz schlechte Gesellschaft!

Ashnan hatte längst aufgehört sein Volkslied zu schmettern und das Radio spielte bereits die Sportnachrichten ein, als es Kethri endlich gelang, die unerwünschten Gedankenfragmente aus seinem Messer zu vertreiben. Ausgelaugt von der Anstrengung und der Hochstimmung gleichermaßen, traten ihm Tränen in die Augen. Die graue Tapete erschien ihm dadurch als ein Ozean, auf den er hinaus blickte. Der Nefilim vermochte nicht zu vermeiden, sich auszumalen, welche fremden Kontinente es wohl dort draußen zu entdecken gäbe und welche Abenteuer den Seefahrer erwarten mochten.
Abgefahr´n diese Regression in einen früheren Lebensabschnitt… Als wäre man besessen von einem Ahnengeist, aber man ist es selbst. Und da behauptet Maka, das soll gut für uns sein?
Je klarer Kethri Izimu wieder im Kopf wurde, umso hartnäckiger drängte sich ihm ein neuer Gedanke auf. Der Nefilim konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, die letzte halbe Stunde über nicht allein gewesen zu sein. Aber sein kindliches Ich hatte sich den Kopf nicht mit dem älteren Izimu geteilt, sondern es verdrängt. Der junge Kethri hätte demnach allein gewesen sein müssen, doch er war es nicht gewesen. Es musste noch einen dritten Spieler neben Kethri und Izimu gegeben haben.
<Ki? Hast du mir geholfen, mit meiner inneren Dunkelheit fertig zu werden? Warst du auch in der Savanne bei mir?>
Schweigen. Das Fehlen einer Antwort stellte einen Indizienbeweis dar, dass es sich dabei um eine Antwort der nebulösen Ki-Präsenz handelte, von der er bisweilen glaubte, dass sie über den Planeten wandelte.
Ist ja auch egal, dachte der Jäger schmunzelnd.
Er strich mit den Fingerspitzen über seine gereinigte Kristallklinge.

Im Anschluss an sein Experiment sandte Qurn eine Nachricht an Ishum T’ien, den Waffen- und Kristalltechniker der Eridu Fünfzig. Das elektronische Schreiben erreichte ihren Empfänger nie, denn an diesem Abend stürzte der Hauptpostserver des Buranumtals wieder einmal ab. Niemand konnte verantwortlich gemacht werden.
Die Äcker der Logres – Gehöfte waren in jenem Sommer voller Kornkreise und die Bauern strichen ihren Sklaven und Zwangsarbeitern gleichermaßen die Rationen, solange sich die Schuldigen nicht ausfindig machen ließen.
Chiron verbrachte den Sommer ans Krankenlager gefesselt, wo er nur selten zu Bewusstsein kam; aber seine Stammesgenossen behaupteten, er fechte einen Kampf gegen die bösen Geister aus.
Kethri erwarb in seinem ersten Jahr in Ekurgaranum gleichermaßen eine Belobigung für vorbildliche Arbeit und eine Strafverschärfung für aufsässiges Verhalten.
Prinz Enlil verzeichnete ungeachtet der Phänomene erneut eine Rekordernte. Er sah seine kleine Kolonie stetig wachsen und wann immer der Alltag die Eröffnung über die Umstände seiner Geburt überdeckte, fühlte der Nefilim Stolz darüber.
Von Anus Erbsohn bis hinunter bis zum jüngsten, noch steuerfreien Sklaven genossen die Siedler ihr Leben, wenngleich jede soziale Schicht ihren Lebensgenuss gezwungenermaßen anders definieren musste. Man versuchte, in der Hierarchie aufzusteigen, um das eigene Los und vielleicht das der nächsten Verwandten angenehmer zu gestalten. Die Existenz einer Rangordnung an sich nahmen die sprechenden Tiere als unabänderlich hin, obwohl sie doch ansonsten meinten, sich über ihre angeborenen Triebe erhoben zu haben, weil sie nun in zentralbeheizten Bauwerken mit schmucken Fassaden lebten.
Sie wussten nichts von einer Geschichte, in der ihre jahrzehntausendelangen Leben lediglich dem Spruch auf einem Tageskalender zum Abreißen gleichkamen und die so verborgen im Hintergrund ablief, wie es jede Routine tut, nach der man nicht gezielt sucht. Keiner von ihnen ahnte auch nur, dass er sich in einem Wettbewerb befand, in dem jeder einzelne von ihnen als Hauptpreis ausgesetzt war.

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