Kristallklar (Teil 6 von 6)

Kapitel 11 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Wieder verging Zeit. Sie wurde ständig verbraucht, aber es mangelte nie an neuer. Das hatte die Zeit mit den Adamu gemein…
An manchen Tagen erschien die neue Welt Ki den Siedlern als nur ein weiterer Bezirk ihres Grünen Juwels, Anur im Dreisternsystem. Zwar, die sonnennahe Umlaufbahn und das stärkere, chaotischere Magnetfeld wirkten sich auf die Zuverlässigkeit der Haushaltselektronik aus, doch hatte man das auch daheim erleben können, wenn bei den nefilimblütigen Nachbarn auf der anderen Straßenseite die Fetzen im Äther flogen – zusammen mit den Sicherungen im Kasten im eigenen Hausflur. Dann wiederum spielten sich Szenen ab, die einem deutlich vor Augen hielten, dass man sich in einer Überseekolonie befand und mit der „See“ die der Sterne gemeint war.
So auch in dieser Nacht in der Hospitalstadt Shuruppak. Denn normal war es wohl nur hier in der Provinz zu nennen, dass ein Mitarbeiter des prestigeträchtigsten in der Stadt angesiedelten Forschungsprogrammes das örtliche Elektronikfachgeschäft aufsuchen musste, in der Hoffnung, dort ein Bauteil zu finden, das seiner Abteilung gerade fehlte und das selbst mit einer Eilbestellung frühestens in dreißig Jahren auf Ki ankommen konnte. Oder dass es sich bei dem solcherart motivierten Mitarbeiter um den Patriarchen eines hochadligen Hauses handelte.
Enki Ea stapfte missmutig durch die Innenstadt, wobei sein Laborkittel hinter ihm im Nachtwind flatterte, als benutzte der Nefilim ihn wie ein Laufvogel seine Schwungfedern zur Geschwindigkeitserhöhung. In Gedanken arbeitete Enki eine Kette ab, die von einem Ersatz für das eventuell nirgendwo erhältliche Bauteil zum nächsten wanderte. Seine diesbezüglichen Kenntnisse hatte der Nefilim auf früheren Weltraumreisen erworben, wenngleich die dazu gehörigen episodischen Erinnerungen sich nicht erhalten hatten.

<Hawila.>

Enki zuckte zusammen. Der Gedanke stand unvermittelt in seinem Geist, doch er war definitiv nicht in diesem entstanden. Es handelte sich um ein Wort, ein Bild, ein Konzept, nichts von alledem oder einer Mischung aus allem und hatte nicht das Geringste mit Enkis derzeitiger Mission zu tun.
Erneut vernahm Enki das leise <Hawila> im Äther. Jemand dachte intensiv an Hawila, jemand, der sich ganz in der Nähe befinden musste. Innerhalb von Sekundenbruchteilen ging das Gehirn des Nefilim dazu über, seine eigenen Assoziationen mit diesem Ort zu aktivieren, Erinnerungen zu sichten und ins Bewusstsein des Mannes zu drängen. Die spärliche nächtliche Straßenbeleuchtung und die engen, von den Balkonen in den höheren Etagen beinahe geschlossenen Seitenstraßen ließen seinen ersten Besuch in den Tunneln wieder ins Gedächtnis steigen. Schon glaubte Enki, erneut die hohntriefende Stimme eines Aufsehers zu hören, der einen der Grubensträflinge demütigte, um seinen eigenen Frust über die Situation der Kolonie abzureagieren. Die erbärmliche Versorgungslage, die sich inzwischen gebessert haben sollte… Klar, wie „gut“ sie das getan hatte, sah man ja gerade an Enkis Queste, im Namen der Wissenschaft fünf Meter Basteldraht, ein halbes Dutzend galvanischer Zellen zu je 1,5 Volt sowie ein Paket Wäscheklammern aufzutreiben.
Doch plötzlich lachte der Nefilim. Denn damals vor dem Aufstand hätte eine Straßenbeleuchtung aus einer Pechfackel in der Hand eines Streife gehenden Sicherheitsgardisten bestanden und die Frage nach genormten Plastikwäscheklammern mit gespannten Metallfedern in ihrem Kern wäre mit der Gegenfrage, wie er es auf die Mannschaftsliste der „Varuna“ geschafft hatte, wenn er ja offensichtlich keine Knoten zu knüpfen verstand, gekontert worden. Die Kriterien, nach denen ein Objekt als Standardware oder Luxusgut gelten durfte, hatten sich im Zuge des Aufbaus der Kolonie sehr wohl geändert. Letzere waren so schwer erhältlich wie es ihnen eben zukam, doch fanden sich längst nicht mehr sämtliche über ein Taschenmesser und einen Holzspieß hinausgehenden Objekte in dieser Gruppe. Und derjenige, der mitten in den beschaulichen Wohnvierteln in der Hospitalstadt im Jahre 2754 an Hawila gedacht hatte, war nie im Goldland gewesen. In solch einem Fall hätte Enki andere Gefühle aufgefangen, viel konkretere und düstere. Der Städter dachte „Hawila“ und meinte es als Gemeinplatz, über den man viel gehört hatte und seine ganz persönlichen Vorurteile pflegte.
Enki konzentrierte sich auf seinen Äthersinn. Er suchte nach der Quelle des Hawila-Gedankens. Noch bevor er sie ausmachen konnte, fand der Suchende eine zweite, unmittelbar mit dem Gemeinplatz verknüpfte Gefühlsspur: Angst. Handelte es sich um die Furcht eines zur zeitweiligen Strafarbeit in Hawila verurteilten Bürgers der Stadt, fragte sich Enki? Er vermochte es nicht zweifelsfrei zu bestimmen.
Sieht wohl so aus, als müsste ich den Kerl schon persönlich fragen, wenn ich wirklich wissen will, was es mit diesen Gefühlen auf sich hat.

Der Nefilim bog um die nächste Straßenecke, hinter der er die Quelle der in den Äther fließenden Gefühle vermutete. In der Einfahrt zum Lager von Krit Dagans Lebensmittelmarkt zusammengesunken saß dort ein in die Straßenrobe eines durchschnittlichen Gemeinen gekleideter Annunaki. Der Mann hob eine Schnapsflasche zum Mund und erst dieses für ihn so untypische Verhalten rief Enki ins Gedächtnis, dass er diesen Geist doch schon seit mehreren Enunzyklen kannte! Bei dem Trinker, der sich gegen die Zufahrtsrampe lehnte, handelte es sich um einen seiner Bordkameraden von der „Schusar“.
<Enjelis!>
Enki wiederholte den Namen des Annunaki laut, für den Fall, dass sein Verständnis des Wesens des Bordkameraden nicht mehr so vollständig sein sollte, wie er glaubte. Als die beiden das letzte Mal in Eridu freundschaftlich die Kampfstäbe gekreuzt hatte, hatte jedenfalls nichts darauf hingewiesen, dass sich Enki Ea mit einem gewohnheitsmäßigem Trinker maß. Enjelis´ Verstand war ungetrübt erschienen, seine Bewegungsabläufe koordiniert und auf hohem Niveau.
Erneut griff der Nefilim nach dem Äther, um sich dem alten Freund zu nähern. Unwillkürlich suchte er dabei nach Übereinstimmungen mit Izimu…

In vielen Belangen repräsentierte Enjelis den typischen Qatangehörigen: arbeitsam, gefügig, gelinde bildungsphobisch und, weil der Clan die Ränge seiner seine Armee niemals allein aus Nefilimrekruten hätte füllen können, gezwungenermaßen auch militärisch versiert. Von der Fürstenfamilie zwar praktiziert, jedoch nicht offiziell gefördert, hielt sich der Glaube an die Igigi in jedem zweiten Bürger. Die andere Hälfte glaubte stattdessen an den naturgegebenen Herrschaftsanspruch ihrer Adligen als Angehöriger der überlegenen Art des Zwillingsvolkes. Obwohl ein Annunaki des Hauses Qat nur in Ausnahmefällen seinem Herrscher in Bildung oder Einfluss gleichkam, lebte er doch in erklecklichem Wohlstand und in der Sicherheit verbrechensarmer Domänen. Unmündig aber zufrieden folgte eine Generation auf die andere. Wer als Annunaki wirklich nur einen vollen Bauch, sichere Straßen nach Sonnenuntergang und ein eigenes Fahrzeug vom Leben erwartete, schaute neidisch auf die Domänen des Katzenclans.
Auch Enjelis verlangte nicht nach mehr (vielleicht mit Ausnahme einer festen Freundin), doch er hatte auf seiner ersten Reise nach Ki gelernt, dass sein Äthersinn nicht nur dafür gut war, den jeweiligen Rivalen in Liebesangelegenheiten besser einschätzen zu können. Über dreißig Jahre hinweg hatte Jel miterlebt, wie seine Bordkameraden Talente und Interessen an sich entdeckten, die sie in ihrem früheren Lebensumfeld nie entwickelt hätten. Viele davon, wie beispielsweise Ardatlilis Fertigkeiten als Jägerin, waren dem Absturz der „Schusar“ in einer ungezähmten Wildnis geschuldet und wurden von dem Betroffenen eher als Notwendigkeit denn Erfüllung betrachtet. Andere Schusarveteranen waren unerwartet über Charakterzüge gestolpert, die ihr innerstes Wesen ausmachten, ihnen daheim aber aufgrund von Geschlecht und gesellschaftlichem Stand daheim verwehrt wurden. Je mehr seiner Bordkameraden sich ihre Wünsche, manchmal leichter, manchmal erst nach Überwindung vieler Hürden, erfüllten, umso deutlicher spürte Enjelis die Trauer all jener, denen es nicht gelungen war. Er empfand auch Trauer für die viel größere Masse von Annunaki, die nie herausfanden, was sie sich wirklich wünschten oder auf welchem Gebiet sie, ein anderes Elternhaus oder eben andere Lebensumstände vorausgesetzt, brilliert hätten. Enjelis selbst genügten die sicheren Straßen, das Auto und die zu seinem Leidwesen noch nicht in Aussicht stehende Partnerin. Aber er träumte davon, die darüber hinausgehenden Phantasien all seiner Artgenossen wahr werden zu lassen, auch, wenn sie nicht teilte. Dieser Traum, ungeachtet ihrer charakterlichen Unterschiede, band Enjelis stärker an Kethri Izimu Qat als das zwischen beiden durch Geburt aufgerichtete Herrscher/Untertan-Verhältnis.

Im Bund der Eridu Fünfzig zählte Kethri zu Enjelis Qats weniger engen Freunden. Während ihres Trainings für den Flug durch das Wurmloch waren sich Offizier und Mannschaftsmitglied der „Schusar“ so fremd wie erwartet geblieben. Nach dem Absturz dann hatte sich der junge Nefilim mehrfach durch kühne, oft tollkühne, Taten hervorgetan und zu einem der Anführer des kleinen Stammes aufgeschwungen. Enjelis aber hatte sich, nachdem er seine erste Verzweiflung überwunden hatte, zu einem kompetenten Jäger entwickelt, einem verlässlichen Freund, der nur selten das Rampenlicht für sich beanspruchte. Da die Eridu Fünfzig im Gegensatz zu einem Raubtierrudel ihrer schwächeren Mitglieder weder schikanierten noch zurücksetzten, also kein echter Nachteil damit verbunden war, Schwäche zu zeigen, hatte sich Enjelis nie bemüht, etwas anderes als ein ganz normales Stammesmitglied zu werden.
Rückblickend betrachtet hatte es natürlich eindeutige Siegertypen, die Elite unter den Jägern und Mokelereitern, in Eabzu gegeben, die sich aus der Masse abhoben, jedoch keine Unterschicht. Psychologen führten das darauf zurück, dass sich die Schiffbrüchigen nur kurz auf Ki behaupten hatten müssen. Der Ausfall auch nur einer einzigen Ätherpräsenz hätte das psychische Gleichgewicht der Gestrandeten in einem Maße schädigen können, dass das Überleben der gesamten Gruppe fraglich geworden wäre. Selbst der ungeschickteste Jäger oder Handwerker hatte dem kleinen Stamm also sehr wohl etwas zu bieten: einen stabilisierenden Einfluss im Äther. Mit der Zeit hätte sich das geändert, der Stamm hätte an materieller sowie Selbstsicherheit gewonnen und die zu erwartenden Alpha bis Omega Strukturen hätten sich ausgebildet. Unter diesem Blickwinkel betrachtet musste die als Einbruch in ihre heile Welt empfundene Ankunft der Rettungsexpedition als ausschlaggebender Faktor dafür gelten, dass die „Wilden vom Schlangensumpf“ ihre solchen nachgesagte Unschuld bewahren durften.

Zurück in Erbet-Kibratim aber, einer Welt, in der Schwächere mitzuziehen als den Erfolgreichen schwächend galt, war eine Statue der beiden Erkunder entstanden, die Kethri und Enjelis mitnichten als Jugendliche abbildete, die um ihr Überleben kämpfen mussten, sich dabei selbst kennen lernten und auch schon einmal miteinander schliefen, weil es alle so hielten um sich von Hunger und Furcht abzulenken. Ganz im Gegenteil: Auf dem Marmorsockel stand Kethri vorn, seinen rechten Fuß auf ein Mokeleskelett gestützt, ein gestandener Mann, der den Planeten meisterte, wo es dessen eingeborenen Tiere offensichtlich nicht geschafft hatten. Kethri trug seinen Speer mit der Kristallklinge auf dem Rücken, ein Fernglas in der gesenkten linken Hand und wies mit der rechten in Richtung Horizont. Deutlich kleiner und versetzt hinter dem Nefilimoffizier stand Enjelis, einen Rucksack geschultert und eine auf Rinde gezeichnete Landkarte ausgerollt in den Händen haltend. Die Holzmaserung hatte der Bildhauer lebensecht getroffen, dabei aber den Annunakidiener des großen Erkunders waffenlos in die Steppe geschickt. Allein dieses Detail der Darstellung ging soweit an der Realität vorbei, dass Enjelis sie als profunde Beleidigung des Jagdmeisters empfand. Ohne zumindest ein griffbereites Messer hätte der echte Izimu keinen Gefährten mit auf seine Streifzüge genommen!
Enjelis erinnerte sich daran, wie er einmal – von diesen unerkannt – Schulkindern geholfen hatte, dem aus dem Stein gehauenen Erkunderpaar Brillen und lange Nasen aufzukleben, obwohl er sonst nicht zu derartigen Streichen neigte.

Enki ging neben dem Annunaki in die Hocke. Er hatte nicht das Gefühl, dass dieser ihn erkannte.
„Enjelis, Verdammnis! Ich bin´s, Kir!“
„He“, antwortete Enjelis.
Er drehte dabei den Kopf und Enki erkannte, dass es weniger schlimm als erwartet um den Bordkameraden stand. Enjelis war höchstens angetrunken. Tränen standen in seinen Augen und vermutlich handelte es sich bereits um die dritte oder vierte Welle davon an diesem Abend, aber Enjelis befand sich bei wachem Verstand. Er erweckte nicht den Eindruck eines Mannes, der seine tägliche Dosis eines Suchtmittels benötigte. Etwas musste vorgefallen sein und das erst vor vergleichsweise kurzer Zeit.
„Jel, was ist passiert? Dagan zerreißt dich in der Luft, wenn du morgen früh so zur Arbeit antrittst! Und das würde ein verdammt schlechtes Licht auf unseren Ruf, aufgrund unserer während des Exils erworbenen Überlebensinstinkte unfähig zum Selbstmord zu sein, werfen.“
Der Annunaki lächelte schwach. „Das müsste dir ja dann schon sagen, dass ich von Krit nichts zu befürchten habe.“
Er nahm einen Schluck aus der Flasche, der sich allerdings als zu groß für einen ungeübten Trinker erwies. Enjelis hustete, beugte sich vor und keuchte.
„Krit Dagan und sein igigiverfluchter Lebensmittelmarkt!“ klagte er dann. „Er hat mich rausgeworfen. Dünnt seine gesamte Belegschaft aus, in Shuruppak und überall. Wie sollte er auch nicht? Warum sollte einer von euch weiter Lohn für einen Annunaki bezahlen, wenn er jetzt einen Adamu billiger haben kann?“
Enki begann zu begreifen. Es war nicht der Verlust seines Arbeitsplatzes, der Enjelis zu schaffen machte, sondern seine betrogenen Hoffnungen. Ein Annnunaki, der durch die Sklaverei von seiner Arbeitslast befreit wurde, hatte Zeit zu lesen oder sich einen anderweitigen Zeitvertreib zu suchen. Er würde seine Lebenszeit sinnvoller nutzen können als sie ausschließlich der Erwirtschaftung der lebenserhaltenden Ressourcen und einigen einfachen Freizeitvergnügen, zu denen auch ein von der Arbeit erschöpfter Mann noch in der Lage war, nachzugehen. Irgendwann würde diese gewonnene Freiheit zur endgültigen Emanzipation vom Adel führen, hatten sich die Eridu Fünfzig gesagt. Deswegen sahen die Adligen unter ihnen es als nächsten notwendigen Schritt an, die Uschbeti erschwinglicher zu machen und das von der Hofakademie aufrechterhaltene Exportverbot ins Dreisternsystem aufzuheben. Auch Enjelis verstand sich als Tierschützer, der die brutale Ausbeutung der Sklaven, nicht aber ihre Haltung an sich, ablehnte. Nun aber schlug das Pendel in exakt die entgegengesetzte Richtung aus, die er sich vorgestellt hatte. Annunakiarbeiter minderer Qualifikation, ganz normale Kerle wie er, waren ersetzbar, ja, überflüssig, geworden!
„So wie Herr Krit denken jetzt viele“, erklärte Enjelis. „Die Nefilim haben neue Sklaven, bessere. Sie brauchen uns nicht mehr.“
Enjelis sah eine mögliche, seinen Erfahrungen mit den Nefilim nach gar nicht einmal unwahrscheinliche, Zukunft heraufsteigen: Wenn der Adel Sklaven anstelle von Bürgern haben konnte, würden die bisherigen Bürger sich mit niedrigsten Entlohnungen begnügen müssen, um überhaupt noch eine Anstellung zu finden. Wer mehr als ein Uschbeti forderte, mochte damit bald vor sehr fest verschlossenen Türen stehen bleiben.
<Ich glaube, du steigerst dich da in etwas hinein, Enjelis>, meinte Enki.
Der andere schüttelte den Kopf.
„So fängt es an. Wann werden wir deinem Volk lästig sein?“ <So lästig, dass wir ein für allemal verschwinden müssen?>

„Das können wir auch ein andermal diskutieren“ schnarrte der Nefilim. „Steh jetzt bitte auf und komm mit! Krit hat dich entlassen, weggeworfen wie ein unpraktisches Werkzeug. Dafür steht er mir auf der Duellwiese gerade. Aber das ist nur die eine Sache, meine persönliche Genugtuung. Viel wichtiger ist, dass wir jetzt genau einen Monat zur Verfügung haben, dir einen neuen Arbeitsplatz zu beschaffen, weil es sonst Enlils Apparat für dich tut. Ein Monat…“
„Das war vor einem Monat“, unterbrach Enjelis den Adligen. Er fuhr mit der Hand unter seine Robe und holte ein Plastikkärtchen daraus hervor. „Mein Ticket nach Hawila. Ich fliege morgen Abend.“
„Der Hawilabezirk“, sprach Enki tonlos. „Wo genau?“
„Das Goldland.“
„Jahreszeiten! Wieso bist du nicht zu mir gekommen? Ich bin dein Fürst, wenn schon offensichtlich nicht mehr dein Freund!“
„Mein Fürst?“ Enjelis schnaubte. „Meinen Fürsten hast du nach Lagasch in die Salzminen geschickt!“
„Nein!“
Enjelis wedelte mit der Flasche.
„Ist doch völlig egal, wohin genau! Falls du es überhaupt weißt. Fakt ist, du hast Kethri fallen lassen, als es zu teuer wurde, um ihn zu kämpfen. – Kommt dir bekannt vor, hm?“
„Es geht jetzt um dich und niemand anderen!“ versetzte Enki. „Und darum, wie ich dir helfen kann.“
„Ich bettle nicht bei den Häusern!“ zischte Enjelis. „Ich schaffe es allein, wieder auf die Beine zu kommen. Allein oder gar nicht!“
Erneut trank Enjelis aus der Flasche. Enki lies ihn gewähren. Er hatte nicht vor, von der Seite des anderen zu weichen, daher war dessen körperlicher und geistiger Zustand vorerst unwesentlich geworden. Manchmal musste man einen Zusammenbruch erst vollständig ausleben, bevor es wieder aufwärts gehen konnte.
<Ich war so stolz darauf, Klassenbester gewesen zu sein, in meiner Annunakischule. Ha! Als ob das etwas zählte!>
<Ich kann dir nicht folgen.>
Enjelis kniff die Augen zusammen. Er funkelte den Nefilim zornig an.
„Ich habe das Zeug von Kethris Bruder gelesen!“ erklärte er. „Und er hat in allen Belangen recht! Wir sind willensschwach, beschränkt und müssen geführt werden.“
Enki schüttelte den Kopf. „Deine Spezies ist dazu gemacht worden“, korrigiert er.
„Es ist mir scheißegal, wie das alles zustande kam!“ schrie Enjelis. „Denn es ist <jetzt> so!“
„Wenn dir das klar ist, dann arbeite daran, es zu ändern.“
„Klar, Enki, völlig klar“, höhnte der Gemeine. „Du siehst ja, wie toll ich so was kann.“
Enjelis erhob sich. Er blickte auf den hockenden Adligen herab. Beinahe kam es Enki so vor, als wäge der andere ab, ob er ausspucken solle oder nicht und wenn ja, ob er dabei auf die Straße oder den einstigen Freund zielen sollte.
„Kethri und du“, warf Enjelis dem Nefilim vor, „ihr beiden habt alles nur schlimmer für uns gemacht mit eurem Adapa. Aber ein Traum, wenn er einmal zerbrochen ist, kann nicht so leicht repariert werden wie Fleisch und Knochen. Ich glaube nicht mehr an den Adapa und diese Idee, uns alle durch die Uschebti zu befreien hat sich ja nun auch als halbgar herausgestellt. Weißt du was? Nenn es Schusarveteranen, Ea, oder nenn es Eridu Fünfzig, das alles geht mich nichts mehr an. Verschont mich mit eurem Mist und eurer Philosophie und am besten auch mit Bakchos nostalgischem ‚Mokele’-Hühnergrill. Ich habe einfach nur mit euch zusammen im selben Raumschiff gesessen. Die Eridu Fünfzig existieren nicht mehr!“
Enki richtete sich nun ebenfalls auf.
„Wenn du morgen nach Hawila fliegst, dann stimmt das, ja.“
„Hindere mich nur daran, du! Versuch´s doch!“
„Gut, dann fliegst du eben. Du wirst Bergmann, nicht Grubensträfling, und kannst wieder gehen, sobald du in den Minen zur Vernunft gekommen bist. Dann können wir über einen Ausweg nachdenken.“
Enjelis schob den Nefilim zur Seite.
„Es gibt keinen Ausweg“, behauptete er. „Wir haben uns in Eabzu nur ausgesponnen, dass es einen gäbe.“
„Enjelis…“
Enjelis richtete seinen Zeigefinger auf Enki.
„Ich weiß selbst, wie ich heiße. Und was immer du sagen wolltest, vergiss es! Ich wünschte, diese Spinnerei am Schlangensumpf hätte nie stattgefunden. Aber das setzt ja voraus, dass ihr gewusst hättet, wie man ein Raumschiff richtig fliegt, Kethri, der sein Studium nur deswegen bestanden hat, weil er Enlils Lieblingsschüler war, du, der von seinem Vater enterbt werden musste, weil er nicht zurechnungsfähig ist, und das hauslose Straßenkind, das Seifenbrocken nicht von Butterkugeln unterscheiden kann! Aber stattdessen hattet ihr wohl eine feine Zeit mit Amkur, während wir anderen im Kälteschlaf lagen und eurer Inkompetenz hilflos ausgeliefert waren.“
<Geh nicht, Enjelis, wir brauchen dich>, wollte Enki rufen, aber stattdessen ballte er einfach die Fäuste und schlug zu, um dem Annunaki die Beleidigung zu vergelten. Der andere konterte mit der Schnapsflasche. Als sie ihm aus der Hand fiel, lächelte Enjelis. Noch besser! Der einfachste, befriedigendste und direkteste Ausweg aus ihrer Lage schien derzeit in seinen eigenen blanken Fäusten schlummern.
Irgendwann dämmerte dem Annunaki die Erkenntnis, dass er sich gerade mit einem Patriarchen des Hochadels schlug und er machte, dass er das Weite suchte.
Enki Ea verfolgte ihn nicht, weder, um den Annunaki für seine Taten den Behörden zu übergeben, noch, um ihn weiter zu verprügeln. Er blieb aber auch nicht ruhig stehen. Die aufgewühlte Ätherpräsenz des jungen Mannes noch immer in seinem Kopf streckte der Nefilim die Faust nach vorn und rief: „Verschwinde! Hau ab und komm bloß nicht wieder!“

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