Kristallschwaden (Teil 1 von 5)

Kapitel 12 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Kolonie Ki, Verwaltungsbezirk Harappa, im Jahre 2766 Anu

Selbstbewusstsein und Würde einer Person werden bekanntlich durch Zugehörigkeit zur prestigereichsten Gruppe aufgebaut. In der Konfrontation mit Angehörigen einer höher bewerteten Gruppe baut sich im Individuum Frustration auf, die dazu führt, dass es mit der eigenen Gruppe versucht, die Konkurrenten zu übertreffen und hinter sich zu lassen. Dieser ständige Wettkampf bildet den Motor jeglicher Zivilisation und ist einer der Gründe, warum unser Haussystem so gut funktioniert.
In den vergangenen Zyklen erhoben sich diesbezüglich zweifelnde Stimmen, zumeist aus den Reihen der als „Eridu Fünfzig“ bezeichneten Offiziere und Besatzungsmitgliedern der Schusar I.
Erklärlich wird dies durch die von den Betreffenden durchlebte Ausnahmesituation. Um das Überleben zu sichern gezwungen, sich zu einer einzigen Gruppe zusammenzutun eliminierten die Schiffbrüchigen jegliche Konkurrenz, was sie selbst als prestigesträchtigste, weil einzige, Verbindung zurückließ.
Dieses elitäre Denken nahmen sie mit nach Hause, wo die Aufteilung auf verschiedene Häuser stattfand. Wenn nun beispielsweise die Tichupakangehörigen der Schusarcrew mit dem Hochadel zusammentrafen, aktivierte sich weder Wut noch Frust, sondern das von Ki mitgebrachte Bewusstsein der Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt. Weiterer Wettkampf „war nicht mehr nötig“, gehörte man ja bereits zur höchsten Elite und wenn das der unserer Rangfolge nach Höherstehende nicht einsah, so gehörten in den Augen der Eridu Fünfzig eben sämtliche Häuser abgeschafft.
Ein weiteres faszinierendes Detail ist die Fähigkeit einiger Schusarveteranen, sich im Äther mit Tieren zu verständigen. Eine Erklärungsmodell geht davon aus, dass in Ermangelung anderer Gruppen, zu denen man während des Exils auf Ki in Konkurrenz treten konnte, die einheimische Tierwelt als jene Gruppen fehlenden gesetzt und radikal personifiziert wurde. Dadurch wird die (kurzlebige) Tendenz der Betroffenen, auch lulu Adamu als Personen zu betrachten verständlicher.
Verschiedenste Vorschläge, mit diesen Irregularitäten umzugehen wurden unterbreitet, wovon sich der Ansatz „die Zeit wird´s schon heilen“ als letzten Endes korrekt erwies. Ständige Einbeziehung in ein normales Leben lies die von einigen Wissenschaftlern bereits als staatsgefährdend titulierten Verhaltensweisen und Ansichten in den Hintergrund treten und schließlich ganz verschwinden.

– Janka Gadreel Ea, in: „Warum die Sezession als ein zivilisationstiftender anstatt chaotischer Akt betrachtet werden muss“ (studentische Arbeit)
„Ich wünschte, ich besäße dieses Pamphlet als Ausdruck!“ erklärte Sukun Mon Penmue, seinem Haussklaven. „Dann könnte ich eine tote Makrele darin einwickeln und es wäre noch zu etwas gut!“
Doch auch der Kalender des Dichters aus dem Rattenclan enthielt schon lange keine Vermerke mehr, die eine ständeübergreifende Sonnenwendefeier in Eridu betrafen, ebenso wenig wie er sich mit den anderen zur Ritterspielen in Eridu traf. Beginnend mit Enjelis Qat war einer nach dem anderen war einfach nicht mehr erschienen. Zuerst hatte man sich gesagt, es sei ja nur für das eine, kurze Jahr, das man aussetzte, dann waren aus einem Jahr zwei, sechs und schließlich zehn geworden, bis die Ausnahme zur Regel geworden war. Eines Tages würde niemand mehr kommen, auch wenn sich einige Schusarveteranen, insgesamt sicher nicht mehr als eine Handvoll Männer und Frauen, noch immer erbitterte Duelle in Eridu lieferten. Ganz so unrecht schien Janka demnach nicht zu haben…

Sukun trat auf den Balkon. Zu seinen Füßen erstreckte sich Ersteburg, die Residenzstadt seines Herrn Ganesha Mon im Harappa-Bezirk. Sukun mochte die Mischung aus den architektonischen Stilen der Häuser Mon, Varascha und Tigâra, welche diese Stadt ausmachten. Er musste jedesmal schmunzeln, wenn seine neuerworbenen Kenntnisse der alten Sprache ihm den im Enunischen weitaus klangvolleren Namen als „Erste Burg“ hören ließen und konnte stundenlang den Anekdoten aus der Gründungsphase der Siedlung lauschen.
Doch lieber als in die Niederungen der Turmstadt blickte Sukun in den Nachthimmel und beobachtete Sternschnuppen. Als die Annunaki noch nicht wussten, was es mit den Gestirnen auf sich hatte, glaubten sie, dass es die Igigi seien, die auf diese Weise vor den Sterblichen ausspuckten. Grund dazu hatten sie ja, wie die Altvorderen meinten, gab es doch in jedem Zeitalter feige Nefilimkrieger und faule oder gar ungehorsame Annunakiarbeiter. Die Himmelsgötter frönten ihrem Treiben allerdings nur des Nachts, damit Vater Sonne es nicht mitbekam.
Alles was von den Himmelsgöttern kommt ist schön, selbst ihre Spucke, dachte der Dichter. Nicht gut oder wohlmeinend, wie man an den Nefilim sieht, die ja auch ihr Werk sind, aber makellos schön.
Die meisten von Sukuns kleinen himmlischen Freunden würden sich bei näherer Betrachtung als zwischen Ki und Namrasit pendelnde Passagier- und Versorgungsschiffe entpuppen. In einem davon würde Schen sitzen, in einem anderen Agi, in einem wieder anderen vielleicht Tung, Malah oder Aja.
Ich sollte besser weiterarbeiten. Der Sternschnuppen/Igigi – Satz lässt sich verwenden – zumindest der erste Teil.

Penmue /Mon war nicht sonderlich begabt in der Anwendung seines Äthersinns. Dem soeben von seinem Herren unbewusst abgestrahlten Impuls allerdings vermochte er zweifelsfrei zu identifizieren. Wie so oft in einem solchen Fall fand sich Sukuns Diener dann an dessen Seite ein. Die Entstehung einer Kurzgeschichte, des Drehbuchs für ein Fernsehspiel oder gar eines neuen Romans zu verfolgen bereitete Penmue ein beinahe vojeurhaftes Vergnügen. Sukuns handschriftliche Notizen, die in einem Gartenbau- und Innenarchitekturprogramm entworfenen Handlungsorte und der sich unter einer an der Wand befestigten Schiefertafel ansammelnde Kreidestaub dokumentierten einen mal beschwingten und dann wieder regelrecht schmerzhaften Entstehungsprozess, den die fertigen Werke nicht mehr erahnen liesen.
„Um die Schere zu holen, bin ich in die Küche gegangen und was habe ich vergessen? Die Schere!“ tippte Sukun vor den Augen seines vielleicht größten Bewunderers. Besagte Küche flimmerte als Wasserzeichen im Hintergrund des Textes über den Bildschirm. Ein Klick mit dem Taststift und eine Drehung des Bildwerfers genügten, um sie in den Raum zu projizieren und auf Originalgröße anschwellen zu lassen. Sukuns Diener kannte diese Küche gut. Er holte tief Luft, wartete aber, bis Sukun beim Schreiben eine Pause einlegte.
„Das ist nicht ‚Ein einziger Sommer’, was Ihr hier schreibt!“ konfrontierte Penmue seinen Herrn dann mit seiner Erkenntnis. „Das ist dieses belanglose Stück, in dem eine Frau immer wieder heiratet, manchmal denselben Mann.“
„Eine Familientragödie über 792 Seiten“, korrigierte Sukun die wenig schmeichelhafte Beschreibung seines Werkes. „Und du kannst dich besser ausdrücken als ein achtjähriger Grubenlockführer!“
„Entschuldigt, Sukun, aber dieses Machwerk da auf Eurem Schirm verdient einfach keine gehobenere Ausdrucksweise!“
„Jedes einzelne Schicksal verdiente mehr als 792 Seiten, nicht, in einer Randspalte kurz abgehandelt zu werden. In einer Spalte, deren Hauptanliegen es ist, zu erklären, wieso die Hufeisentafel des Hoftages im Gegensatz zu der unseres Kolonialrates eben keine Glasplatte aufweist!“
„Das sagt die Heldin im Einzigen Sommer.“
„Und deswegen bleibt dieser Roman vorerst unvollendet im Kühlschrank!“
Sukuns für die Sicherheitskopien derzeit von ihm nicht bearbeiteter Konzepte benutzter externer Speicher war in Form einer Anabioseeinheit wie jener, in der er selbst die Reise in die Neue Welt verbracht hatte, gestaltet. „Kühlschränke“ hießen diese Apparaturen im Slang der Weltraummatrosen. Sukuns Zeit als Astronaut, für die er einst so hart gearbeitet hatte, lag hinter ihm. Sie kam ihm wie ein allmählich verblasender Traum vor und für Penmue hatte sie schlichtweg nie stattgefunden.
Der Dichter betrachtete sein Speicherstiftmodell als eine passende Metapher für Texte, die auf ihre Ausformung warteten. Nur manchmal, das hatte das Modell mit dem großen Vorbild gemein, erwachte der darin eingeschläferte Patient nicht wieder aus seinem Zustand, so, wie es derzeit dem „Einzigen Sommer“ erging. Ein rührendes, spannendes und vor allem unkontroverses Frauenschicksal zu verfassen erschien dem Dichter momentan seiner Freiheit und Gesundheit zuträglicher als jene andere Liebesgeschichte, die ein Annunakipärchen und einen Adamu beinhaltete. Die Hauptheldin musste sich dort zwischen zwei Partnern entscheiden: ihrem Jugendfreund, mit dem sie nach Ki geflogen war und dessen bestem Freund, einem Menschenmann, den dieser auf der Halbinseln Dilmun kennen gelernt hatte.
Penmue dachte nicht über die Menschen nach, die in der Gegenwart in Fleisch und Blut in Dilmun ihren Leben nachgingen. Die fiktive Dreierbeziehung hingegen hatte es ihm angetan. Er wollte nicht nur wissen, wie sie ausging, sondern jedes einzelne Kapitel auf dem Weg dorthin lesen, nicht nur von seinem Herrn immer mal wieder bruchstückhaft erzählt bekommen.

„Es ist doch nur aufgeschoben“, wollte Sukun sagen, doch dann erinnerte er sich daran, dass sein Sklave nicht über die Lebenserwartung verfügte, das Ende dieses Aufschubes noch mitzuerleben. Wütend über sich selbst knurrte er den Haudiener an: „Geh´ mit deiner Frau aus, anstatt mich hier zu nerven! Das Alant verfügt seit Neustem über ein paar Sklaventische.“
Penmue hob entschuldigend die Arme.
„Geht nicht. Meine Frau ist mit Eurer unterwegs einkaufen. Verkauf ab Werk mit Modenschau und anschließender Alte – Kleider – zerschneid – Party.“
„Und wenn das so bleiben soll, wenn wir weiterhin einzig und allein zu unserem Vergnügen einkaufen fahren oder im Alant speisen wollen, dann muss ich die Sommergeschichte für mich behalten, Penmue!“
Sukun fühlte die Missbilligung des Adamu. Penmue und seine Frau trugen nicht unbedingt maßgeschneiderte Röcke oder die aktuellsten Modelle, aber immerhin auf ihre Spezies abgestimmte Konfektionsgrößen aus dem Sklavenbedarf. Sukun plante ein Budget in Höhe zweier Hausmädchengehälter plus ein wenig Taschengeld auf einem Konto, über das er die Vormundschaft besaß, für die beiden ein. Das entsprach dem üblichen Umgang mit als Haudienern gehaltenen Adamu. Die unzähligen auf Feldern, in Fabriken und in der Forschung eingesetzten Sklaven bekamen nie in ihrem Leben Kleider jener Art zu sehen, wie sie auf der Modeparty vernichtet wurden. Dass dasselbe auch auf nicht wenige im Dreisternsystem beheimatete Annunaki zutraf, machte die Tatsache nicht bekömmlicher für Sukun.
<Ich weiß… Ich weiß ja. Verdammnis! Kannst du nicht irgendwas lesen, was du noch nicht kennst?!>

In der Dunkelheit der Zentrale waren die Ätherpräsenzen der beiden anderen Nefilim die einzigen verlässlichen, Halt bietenden Elemente. Die Anzeigen der Schiffsysteme entsprachen schon seit Jahren nicht mehr der Wirklichkeit und wenn sie es zufällig doch einmal taten, so verhießen sie nichts Gutes.
Die „Schusar“ wurde durchgeschüttelt als sie in die Atmosphäre des Planeten eintrat und Tung Alulim hatte Mühe, Auge und Hand zu koordinieren, während er versuchte, das Schiff in einer stabilen Lage zu halten. Kethri Qats grob geschätzte Positions- und Höhenmeldungen stellten sich dabei noch als beruhigender heraus als die Äußerung des ersten Offiziers, Atmosphärenflug sei nicht möglich, weil die Schwingen ihres Raumschiffs nur wenige Handbreit weit ausgefahren waren. Amkur Tigâra musste das bestätigen, eine Meldung, auf die der Kommandant gut und gerne hätte verzichten können. Nach dem Zustand der Hitzeschilde zu fragen, traute er sich schon gar nicht mehr. Er würde schon früh genug spüren, wenn sie versagten.
Enki begriff, auf verlorenem Posten zu stehen, was schon etwas heißen wollte, galt sein Clan der „Lenker des Sonnewagens“ doch als Heimstatt der besten Piloten des gesamten Dreisternsystems. Als Kommandant und Bordarzt der „Schusar“ gab es für ihn in dieser Situation nur einen einzigen möglichen Befehl: Um das Überleben der Besatzung zu sichern, musste das Schiff aufgegeben werden.
„Weck die Mannschaft, Kulla.“
„Wie bitte? Jetzt?!“
„Weck die Mannschaft!“
Kethri und Kulla starrten den Kommandanten entgeistert an. Sie wurden ebenso wie dieser in ihren Sitzen durchgeschüttelt und es war nur eine Frage von Minuten, bis das Raumschiff die Oberfläche irgendeines Ozeans durchbrechen und in seinen Fluten versinken würde. Unter diesen Umständen auch nur daran zu denken, das empfindliche Aufwachprogramm zu initialisieren…
„Kommandant!“ versuchte Kethri zu dem Hochadligen vorzudringen, wurde aber abgeschmettert:
„Wir bekommen die „Schusar“ nicht heil runter, Kez, also tu gefälligst, was wir während des Anfluges versäumt haben! Oder willst du unsere Leute in den Kühlschränken verrecken lassen?“
<Natürlich nicht!>
„Dann weck die Männer auf!“
„Die Frauen auch?“
Sekundenlang starrte der Kommandant den jungen Apisadligen der diese Worte von sich gegeben hatte an. Konnten sie nicht nur aus Dummheit geboren sein? Aber handelte es sich bei dem Sprecher nicht um Kulla Apis, den ersten Offizier der „Schusar“? Dieser Kulla aber grinste breit, als der Blick des Kommandanten ihn traf. Also nicht Dummheit, wohl aber Frechheit. Das eine mochte den Untergang der Raumfahrer besiegeln, das andere ihnen vielleicht genau die Dosis Übermut verschaffen, ihre Lage zu meistern.
Enki Alulim umarmte die beiden Jugendlichen während er unter Tränen lachte. Beides hatte er seit langem nicht mehr getan.
„Wir stehen das durch, Jungs!“ versprach der Hochadlige.
<Und was denkst du unter deinem Ätherschild?>
<Dass ich euch jetzt zum vierten Mal in Folge befehlen muss, endlich die Annunaki aus ihrem Kälteschlaf zu befreien, Kethri Qat!>

Penmue schlug das Buch auf, dessen Klappentext er gerade studiert hatte.
„Der einundfünfzigste Krieger. Prolog: Aus den Wassern und der Dunkelheit“, las er laut.
Der Sklave blinzelte Sukun schelmisch zu. „Kethri? Kulla? Enki Alulim?!“
Natürlich handelte es sich bei vielen der Namen um Allerweltsnamen und jedes zweite Sklavenmädchen sowie jeder frei geborene Knabe unter allen vier Sonnen schienen Enki zu heißen. Doch die Charakterisierung der drei Hauptfiguren als Bordarzt, Ingenieur und Navigator legte nahe, dass hier drei wohlbekannte Personen des öffentlichen Interesses interagierten: der Leiter des Adamuprogramms, der Leiter eines von seinem Haus unabhängigen Weltraumprogramms sowie ein ehemaliger Höfling, der das E-Schara sabotiert hatte. Enki Ea, Kulla Apis und Kethri Izimu Qat. Dachte er genauer darüber nach, schien die Zuordnung der Adligen zu Sukuns Romanfiguren gar nicht einmal so weit hergeholt: Um ein Klonprojekt zu leiten, musste man medizinisch gebildet sein wie besagter Bordarzt, dem Gründer einer Stiftung für Weltraumfahrt standen entsprechende Kenntnisse als Raumfahrtingenieur gut zu Gesicht und um ein Wurmloch zu manipulieren, musste man es erst einmal ausfindig machen können, wie es ein Navigator vermochte.
Wie würde Penmues Herr diese drei dazu überredet haben, in seinem Weltraumabenteuer aufzutreten, sich von ihm Dialoge in den Mund legen lassen? Einer stand an zweiter Stelle der Kolonialregierung, ein anderer lebte im fernen Dreisternsystem und der dritte war ein Schwerstverbrecher, der unter Verschluss gehalten wurde! Das waren keine Kreise, in denen Sukun Mon üblicherweise verkehrte.
„Penmue!“ schimpfte Sukun. „Hör auf, den Äther zu verpesten! Es ist doch kein Geheimnis, das ich hier hüte!“
<So?>
„Das alles hat wirklich stattgefunden. Oder meinst du etwa, wir seien alle zusammen aus dem Himmel auf die Erde gefallen, du, ich und der Herr Enki?“
„Ihr und ich sicher nicht, aber der Herr Enki scheinbar doch, nach dem, was Ihr hier beschreibt“, erwiderte Penmue grinsend. „Dann hat es sich genau so zugetragen?“
„Das meiste. Die beiden eigentlichen Hauptfiguren sind ausgedacht, aber was sie tun und sagen, das hat jemand getan und gesagt, der wirklich an dieser Expedition teilgenommen hat.“
„Und Enki hat Euch beauftragt – oder erlaubt – seine Erlebnisse aufzuschreiben?“
„Ja… nein…“ stotterte Sukun.
Penmue sprach indessen wie ein Wasserfall weiter auf ihn ein: „Wieso wendet er sich damit an Herrn Ganeshas Dichter? Alulim wird doch vor der Spaltung genügend eigene Hofkünstler besessen haben!“
Bevor Penmue nun auch noch durch Kriegsvorbereitung bedingte Intrigen ins Spiel bringen konnte, winkte Sukun ab.
„Ach, Gefiederpest noch mal, ich verwirre dich bloß noch mehr mit meinem Ausgeweiche. Hör zu, Penmue, es spielt keine Rolle mehr in unserem Leben, aber ich bin einer der Ersterkunder dieses Planeten. Ich war als Offizier der Brückenwache vorgesehen, aber Enki hat mir das erspart, weil ich bereits von meinem ersten Fernraumflug traumatisiert war. Damals mit der „Schwarzspürer“… Ist eine lange Geschichte…“
„Schreibt sie auf!“
<Wozu?> „Das ist Schnee von gestern, dafür interessiert sich niemand mehr.“

Penmue schlug das Buch zu. Seine Stimme wurde ruhiger, der Äther vermittelte, dass der Mann in diesem Moment unbedingt ernst genommen werden wollte. Nicht als Fan, sondern in einer Angelegenheit, über die er heute nicht zum ersten Mal nachgedacht hatte.
„Niemand von Euch, das mag sein“, antwortete der Sklave. „Möglicherweise haben die Annunaki damals Zeitungssausschnitte gesammelt, die sie später weggeworfen haben und ihre Kinder müssen das alles in der Schule bis zum Erbrechen durchkauen. Aber für uns ist es neu. Ein Adamu erhält keine Bildung, die über „die Igigi haben die Welt geschaffen, dann uns Nefilim, damit wir uns darin tummeln und schließlich euch, um uns zu dienen“ hinausgeht. Die Welt aber, das ist für unsereinen ersteinmal Ki. Dass es eine Kolonie ist und wie sie funktioniert, reimt man sich bruchstückhaft zusammen, wenn man Glück hat.“
Sukun presste die Lippen aufeinander. Das verhinderte allerdings nicht, dass sein Äthersinn ausstrahlte, was der Mann nicht aussprechen wollte: Dass es nämlich genaugenommen verboten war, Sklaven in über ihre Tätigkeitsbereiche hinausgehenden Sparten zu unterrichten.
„Unterricht? Wissenschaften?“ Penmue lachte! „Aber nein, wer würde denn so etwas tun! Noch dazu, wo es doch untersagt ist…“
„Du schlägst also vor, ich solle mich in Zukunft auf Abenteuergeschichten für Adamuleser verlegen? Die ihnen die Welt erklären? Was hätte ich davon?“
„Einige tausend Adamu, die wissen, wie die Welt funktioniert und sich daran erinnern, wem sie ihre diesbezüglichen Einsichten verdanken. Entsprechend mehr, sobald sie anfangen, die Geschichten ihren nicht lesefähigen Artgenossen weiterzuerzählen.“
Penmue presste das Buch in die Hände seines Herrn. In dessen Kopf hatte sich indessen alles zu drehen begonnen. Die Himmelsgötter… seine Bordkameraden… die Adamu…
Wieso eigentlich nicht? Vielerorten lebten die Uschebti in von Landbütteln überwachten Dörfern, in denen eine Generation die folgende unterrichtete, ohne dass Shuruppak sich bemühen musste. Diese Eigendynamik der sprechenden Werkzeuge galt als besonders wirtschaftlich. Solange er vorsichtig blieb, mochte es Sukun gelingen, alles mögliche in die Kultur der Adamu einzubringen. Zumal seine Art ja als mindere Gottheit galt, deren Wort heilig war und nicht angezweifelt oder missbraucht, wozu auch Veränderung gehörte, werden durfte. Einfachste Anweisungen, wie man in der Wildnis überlebte, würden den Anfang machen. Das erwartete jedermann von einem Schusarveteranen und es mochte den Dörfern helfen, sparsam mit ihren Ressourcen umzugehen. Einige Namen mit Zuständigkeiten und harmlosen Vorlieben würden folgen, denn immerhin hatten die Sklaven ihre Herren zu kennen. Hier und da der eine wissenschaftliche oder politische Fakt, für sich allein stehend lediglich unterhaltsames Beiwerk, doch zusammengesetzt ein Sprengsatz, den man nur noch zünden musste. Und dann würde es mehr Wasser, als der Planet aufbieten konnte, bedürfen, um ihn wieder zu löschen. Waren die Adamu also doch der Hebel, mit dem sich Erbet-Kibratim vom Kopf auf die Füße stellen ließ? Nur eben in völlig anderer Weise als in ihrer derzeitigen Funktion als Arbeitserleichterung? Sukun wusste nicht, ob und und zu welchen Blüten die von Penmue vorgeschlagene Saat aufgehen würde. Doch das wusste die Natur nie, was sie nicht davon abhielt, mannigfaltigste Ansätze einfach auszuprobieren. Im schlechtesten Fall endeten diese als Genmüll, bis sich ändernde Umweltbedingungen genau dieses Stück Abfall ansprachen. Nichts ging verloren, doch in der Zvilisation war das nicht mehr so einfach. In Sukuns Welt musste man aktiv zum Erhalt beitragen.
„Ereignisse folgen aufeinander, aber Geschichte wird sorgfältig konstruiert“, zitierte Sukun.
Wer hatte das gesagt? Enki? Anzu? Es spielte keine Rolle.
Der Dichter fasste seinen Diener ins Auge.
„Lass uns Geschichte machen!“

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