Kristallschwaden (Teil 2 von 5)

Kapitel 12 von „Die Menschenmacher von Dilmun“

Eridu, Freistadt am Golf.
Enki Eas Residenz

Gerade noch in seiner Bibliothek über eine Schriftrollenwalze gebeugt, sprang der Hausherr auf, nahm im Nebenraum seinen Ausgehmantel auf und schritt eiligen Schrittes auf das Tor zu.
„Dann nennt mich doch kaltherzig, aber ich wähle das Leben!“ schnauzte er den völlig verblüfften Hauptmann Schara-kuku an, der Janka in dessen Position als Enkis Leibwächter ersetzte. Kuku verstand, dass es nicht der Leib, sondern der Geist seines Herrn war, der des Schutzes bedurft hätte, doch wusste er weder, wie er das hätte bewerkstelligen sollen, noch schien Enki irgendwie geartete Hilfe zu akzeptieren bereit. Dennoch hatte Schara sein Bestes zu geben.
Die Dienerschaft wich Enki aus, als dieser über den Hof stürmte. Er passierte nun das kleine Viertel des dauerhaft in der Residenz beschäftigten Personals, das sich am Hang des Burgberges etabliert hatte. Fenster flogen ohne Warnung auf und völlig intakte Autos blieben abrupt stehen, weil ihre elektronischen Bauteile versagten. Wann immer es Schara-kuku gelang, den Abstand zu seinem Herrn schrumpfen zu lassen, musste er ihn doch wieder entkommen lassen, da er sich beim Kontakt zu dessen Geist unter Krämpfen zu winden begann.
Enki erreichte den Fuß des Hügels.
Hier brüllte Nirah Ea seine im Straßenbau beschäftigten Grauen an, sie sollten sich verziehen. Wieso der Offizier ihnen diesen Befehl erteilte, verstanden diese nicht. Wer versuchte, in den Äther zu spüren, prallte an Nirahs Gedankenschild ab, den dieser zu seinem eigenen Schutz erhoben hatte. Die ihm anvertrauten Annunaki und Nefilim vermochte der junge Mann auf diese Weise nicht zu schützen. Nirahs Schilde funktionierten nur für ihn selbst, wie man sie auf andere ausdehnte, hatte er noch nicht gelernt. Wer selbst dazu in der Lage war, nahm die Existenz des Schildes zum Anlass, einen eigenen zu errichten. Einige der Grauen nahmen tatsächlich wie befohlen die Beine in die Hand, die meisten aber verharrten verständnislos vor Ort.
<Wieso…?>
Kurz darauf rauschte auch schon der Stadtherr über die Baustelle auf Nirahs Wagen zu. Im Gegensatz zu Enkis eigenem Fuhrpark handelte es sich um ein bodengebundenes Modell, dessen Innenleben besser in der Lage war, dem Äthersinn des Stadtherren standzuhalten.
Enki Ea, der Mann, der seinen besten Freund ins Bergwerk gebracht hatte. Der Mann, der nicht wenige der anwesenden Grauen von anderen Standorten hierher geholt hatte, damit sie ihre Haftzeit überlebten. Der Mann, den man weder verstand, noch es auch nur versuchen musste, solange man nur wusste, wann man sich zu ducken hatte. Und natürlich der Mann, der Nirah demnächst ein fabrikneues Auto schenken würde…
Wer in Eridu es sich leisten konnte, vermied es an diesem Tag, die eigenen vier Wände zu verlassen. Denn in den Straßen war Enki Ea unterwegs und setzte das Bewusstsein seiner Hilflosigkeit in ungebremste Aggressivität um, die in den Äther hinein strahlte.
„Deswegen“, keuchte Nirah, nachdem die Begegnung überstanden war. Er fühlte sich, als stecke sein Kopf unter den matschigen Resten eines Obstsalats, auf den ein Riese seine Faust hatte niedersausen lassen. Nun steckte der Fruchtbrei in seinen Ohren und der Nase und verklebte ihm zudem die Augen. Wirksamer als ein solches Früchtearrangement auf dem Kopf war sein Ätherschild im Angesicht von Enkis aufgewühlter Präsenz nicht gewesen und obwohl das Gespinst ihn zumindest vor einer mehrtägigen Äthermigräne bewahrt hatte, würde der Nefilim in den kommenden Stunden unter einer Taubheit aller seiner Sinne leiden.
Schlimmer getroffen hatte es Enkis Leibwächter: Schara-kuku stand neben Nirah gegen eine Zementmischmaschine gelehnt. Er wirkte wie ein Kneipengast nach einer hemmungslosen Prügelei und blutete aus der Nase.
„Mach dir keine Vorwürfe, Hauptmann“, wandte sich Nirah an den Annunaki. „In diesem Zustand kann niemand Enki schützen.“
„In meinem erbärmlichen… oder in seinem?“
Nirah lächelte. „Irgendwie beides, denke ich. Die einzigen, die es doch vermöchten, sind jedenfalls nicht hier.“
Damit war Enlil gemeint, der Bruder/Rivale auf der Golfinsel, verstand Schara-kuku. Adapa und Marduk, Enkis Söhne, einer verbannt, der andere auf einer Weltraummission unterwegs. Kethri, ebenfalls auf seine Art ein Sohn Enkis, verurteilt und mit unbekanntem Ziel abtransportiert. Und noch eine weitere Person, die sich allerdings freiwillig vom Schlangenpatriarchen entfernt hatte…

Wie mittlerweile jeder Clan besaßen auch die Damkina mehrere Niederlassungen in Eridu, zumeist eine der Repräsentation dienende in der Innenstadt und eine weitere im Umland.
Das Kontor des Diamantenhauses nahe des Forums erinnerte an einen in die Erde eingesenkten Diamanten. Bei diesem Gebäude hatte Muschdama ausgiebigen Gebrauch von Stützstreben und Glasspiegeln gemacht. Auch die etwas weiter außerhalb gelegene Residenz bediente sich nach außen hin gerader Linien und militärisch streng ausgerichteter Gebäudeteile. Sechs mehretagige Trakte, von denen jeder einem anderen wichtigen Clansmitglied zugeordnet war, formten sich zu einem Ring, welcher einen Park umschloss, in dessen Mitte sich wiederum ein aus der Erde ragender Diamant fand. Die einzelnen Etagen folgten der klassischen Zikkuratfarbgebung, doch hatte sich Damkina die Austauschbarkeit von schwarz und weiß in der Heraldik zunutze gemacht, um auf eine schwarze Ebene zu verzichten und sowohl das Erdgeschoss als auch die erste Etage in dem von Nefilim als männlich empfundenen Weiß verputzt.
Dass ein derartig streng und monumental wirkendes Anwesen die Heimstatt einer der beliebtesten und warmherzigsten Damen der Neuen Welt sein sollte, wollte vielen Passanten nicht so recht einleuchten.
<Bevor ihr auch nur daran denkt, nein, ich habe nicht vor, einen Gedankenschild zu errichten, um euch vor meinen Gefühlen abzuschirmen>, begrüßte der Patriarch des Schlangenclans die Wachsoldaten Damkinas. <So ein Ding würde heute nur zerfetzen und euch seine Splitter in die Äthersinne jagen.>
„Schon gut“, erwiderte einer der Männer. „Meine Leute sind Soldaten, keine Modelle für schöngeistige Bildhauer. Die wussten, worauf sie sich einlassen, als sie sich verpflichteten. Außerdem stellt das eine gute Übung für ihre eigenen Schildtechniken dar. – Los, Jungs, hier steht hoher Besuch! Präsentiert eure Säbel!“
Die Damkinasoldaten formierten sich zu einer Ehrenwache für den Besucher. Enki sah nicht einen einzigen Annunaki unter ihnen. Aufgrund seines Bevölkerungsreichtums konnte es sich Haus Damkina leisten, sein gesamtes Militär und sämtliche Verwaltungsebenen ausschließlich mit Nefilim zu besetzen. Unter diesen mussten sich meisten mit einem Junkertitel begnügen, der sie als Adlige auswies, wie eine Hausstaubmilbe zu den Spinnentieren gehörte, jedoch nicht im selben Atemzug mit dem Weberknecht oder dem Skorpion genannt wurde. An der Spitze der Hierarchiepyramide existierte nun einmal nicht für alle Platz, weswegen sich im Diamantenclan das vielstufige, weit ausgefächerte Feudalsystem in seiner ursprünglichsten Aussprägung erhalten hatte.

Zwei ausgewählte Damkinasoldaten begleiteten Enki auf dem Weg zu den Gemächern seiner Ex-Gattin. Die Frage, ob diese den Besucher überhaupt zu sehen wünschte, hatte ihr Kommandant längst im Äther mit seiner Herrin abgeklärt. Jeder hochadlige Clan verfügte über einen Vorteil seinen niederadligen Artgenossen gegenüber, was die Schulung des Äthersinns seiner Angehörigen anging, so wiesen beispielsweise die Damkina eine besonders hohe Sende- und Empfangsreichweite auf. Schon allein aus diesem Grund bevorzugten die fünfzehn hochadligen Häuser, untereinander zu heiraten: man hoffte auf eine Addition der Talente in der nächsten Generation. Im Falle der Verbindung von Enki und Ninki war die Rechnung aufgegangen: Sowohl Marduk als auch Adapa wiesen ein außergewöhnlich hohes Ätherpotential auf, wobei sich Enkis Beteiligung an Adapas Zeugung genaugenommen darauf beschränkte, ihm über mehrere Generationen hinweg die passenden Vorfahren auszuwählen, bevor er letzten Endes Sjurens Samen den Eizellen einer dieser Laboräffinnen zugeführt hatte.
Doch Ninki hatte die Verbindung gelöst und war in das Haus ihrer Geburt zurückkgekehrt.
Wer war Ninki Damkina? Enki kannte Ninki Ea, die sich in den Anfangstagen der Kolonie als Über-Hausfrau präsentiert hatte. Aus dem Spiel war Realität geworden, als sich Ninki als Leihmutter für Adapa angeboten und die Mutterschaftshormone die Kontrolle übernommen hatten. Ninki Damkina hingegen… dieselbe Frau, die ein Kind des Stadions verwiesen hatte, weil es sich im Äther zu laut über die Niederlage seines Favouriten geärgert hatte… die Frau, die in einem Zeitalter, in dem Krieg auf Knopfdruck geführt wurde und man sich in schwerer Schutzkleidung mit stumpfen Hölzern um die Ehre schlug, den Umgang mit dem Säbel gemeister hatte… die Ratsfrau, der Enki und Enbilulu verbale Bälle zuspielten, unsicher, ob die alte Freundin diese sauber versenken oder ihnen zurück an die Köpfe schmettern würde, da sie im selben Zwiespalt zwischen der Durchsetzung ihrer Ideale und der Notwendigkeit, sich in ihrer Position zu halten, stand… Was wusste Enki noch von dieser vorehelichen Person oder gar der, die nach der Scheidung aus ihr geworden war?

Ninki nahm bereits lange bevor sie ihm gegenüberstand über ihren Äthersinn Kontakt mit dem Gast auf:
<Was willst du?>
<Das weiß du: mit dir zusammen sein.>
<Und sonst?>
<Das weiß ich nicht.>
<Warum bist du gekommen?>
<Um dich zu sehen.>
<Warum gerade heute?>
<Du kennst die Antwort.>
<Ja, ich kenne sie. Aber wirst du die Unterstützung, nach der du bei mir zu suchen glaubst, auch annehmen, meine Schlange, oder dich selbst an deinem Stolz zu Tode würgen?>
Enki verharrte in seinen Schritten.
<Bei den Himmelsgöttern!> dachte einer seiner Begleiter. <Bis jetzt war doch Ruhe im Äther! Die beiden müssen ganz friedlich miteinander geredet haben. Wirft sie ihn jetzt doch raus?>
„Nein, mein Junge, das tut sie nicht“, erklärte Enki.
Dann sendete er wieder und erst danach nahm er seinen Weg wieder auf, um endlich durch die Tür von Ninkis Privatgemächern zu treten.

„Ninki Damkina…“
Ninki drehte einen Ring, in den das Original ihres Wappenbildes, ein lupenreiner blauer Diamant, eingelassen war, zwischen den Fingern. Es handelte sich um einen Teil des Kronschatzes ihres Clans, wie Enki wusste.
„Was ist ein Diamant?“ fragte die Nefilim leise.
„Ein die Heilung von Herz- und Libidoschwäche unterstützender Katalysator, der auch in ausdauerfördernden Mixturen Verwendung findet. Aber du hast mich das nicht gefragt, damit ich dir die medizinischen Datenblätter aufsage, Ninki.“
„So rein und klar und aus sich selbst heraus strahlend, benötigt ein Diamant noch nicht einmal die Sonne. Unsere Ahnen hat das beeindruckt. Sie wollten an dieser Stärke teilhaben, die selbst dem Götterfürsten trotzte, deshalb wählten sie das entsprechende Bild als ihr heraldisches Zeichen aus. Strahlend. Einzigartig. Unzerstörbar.“
„Das war dann wohl, bevor wir lernten, bestimmte Temperaturen selbst erzeugen zu können“, meinte Enki respektlos.
Ninki nickte. „All das, was ich sagte – und dabei so leicht zu vernichten!“
Enki wagte es, sich neben seiner ehemalige Partnerin auf einem Sofa niederzulassen.
„Es gibt so vieles, was unwiederbringlich verloren geht“, sprach er leise. „Prozesse, die sich unserer Steuerung entziehen. Ninki! Sag, warum sollten wir uns weiterhin jeder allein quälen, wenn wir die Dinge auch ändern könnten? Wenn wir in der Lage wären, zumindest einen Teil unserer Leiden zu beenden?“
<Kethri>, dachte Ninki laut.
Auf den Tag genau zwölf Ki-Umläufe war es nun her, dass der Kolonialrat den Jagdmeister erneut verurteilt hatte.
„Und was“, warf Enki ein, „hätte Kethri wohl davon, wenn wir beide heute NICHT miteinander schliefen? Wer weiß, vielleicht bringt es uns die zündende Idee, wie wir ihn retten, ohne Erbet-Kibratim in einen erneuten Bürgerkrieg zu stürzen. Oder wir entscheiden uns, dass es dieser Krieg wert ist, auszubrechen. Im schlimmsten Fall ändert sich überhaupt nichts für ihn.“
Ninki hatte in ihrem Leben weitaus romantischere direkte Einladungen zum Liebesspiel erhalten. Aber war es nicht viel zu lange her, dass sich die beiden so nah gekommen waren? Zwar, man hatte einander versichert, dass das Ende der Ehe sie weder davon abhalten würde, miteinander zu spielen, noch das Ende ihrer Freundschaft darstellte, doch war zuerst das eine eingeschlafen und nun drohte das andere auch noch zu verlöschen.
<Komm hier rüber>, lud Ninki den Freund ein. <Lass uns einfach dahin treiben und sehen, was als nächste geschieht.>
Um der Wahrheit die Ehre zu geben war das nicht viel. Zu aufgewühlt war Enki an diesem Tag, als dass Ninki ihn als gleichwertigen Partner wahrgenommen hätte. Ihr Altersvorsprung machte der Nefilim einen Strich durch die Rechnung, indem er sie sich selbst als einen Jüngling ausnutzend wahrnehmen ließ. Dennoch, die Anziehung war nicht zu leugnen…
„Etwas verquer ist das aber schon, es tun zu wollen, während wir an den Jungen denken“, bemerkte Ninki, während die ehemaligen Partner beinahe scheu miteinander kuschelten. „Er war nie der Dritte in unserem Bett.“
„Weil er wie ein Sohn für mich ist – und wie ich mit meinen Söhnen verfahre, weißt du ja.“
Ninki nickte.
„Stimmt. Doch nun habe ich es ebenfalls getan. Ich habe Kethri vor dem Rat fallen lassen, wie du damals Adapa. Ich bin kein Stück besser als du.“
„Schuld ist ein Schild“, murmelte Enki.
<Wie bitte?>
„Ich… weiß nicht. Mir schoss nur gerade durch den Kopf, dass uns das Bewusstsein der eigenen Schuld in gewisser Weise besser macht. Wir blicken auf eine Erfahrung zurück, die uns die Augen für Momente, in denen es wieder geschehen kann, öffnet.“
Enki gab eine Mischung aus abfälligen Schnauben und Lachen von sich. Nun rechtfertigte er auch noch seine Untaten als notwendige Vorstufen zu einer besseren Person! Dennoch fühlte es sich nicht komplett falsch an.
Der Nefilim ergiff die Hände seiner Freundin.
„Lass uns ausgehen! Ich bin neugierig darauf, zu erfahren wo und in welcher unpassenden Situation es uns überkommt!“
Ninkis Augen blitzten wie ihr Diamant.
„Einverstanden!“

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